Zusammenfassung:
Unsere auf Kinder bezogene Usability-Studie ergab, dass unübersichtliche
Webseiten Kinder genauso verwirren wie Erwachsene. Kinder
jedoch betrachten Werbung eher als Inhalt und klicken
dementsprechend auch auf Werbelinks. Sie mögen gerne bunte
Designs, fordern aber einfache Texte und eine leichte
Navigation.
Millionen Kinder nutzen bereits heute das Internet, und
jedes Jahr kommen mehrere Millionen hinzu. Viele Webseiten
zielen ihren Inhalt aus dem Bereich Erziehung und
Entertainment speziell auf Kinder ab, und sogar etablierte
Webseiten richten "Kids’ corners", also Bereiche für
Kinder, als allgemeinen Service oder für einen frühzeitigen
Aufbau einer Markenloyalität ein.
Trotz dieser Zunahme an Nutzern ist noch sehr wenig darüber
bekannt, wie Kinder Webseiten nutzen und wie kinderfreundliche
Seiten aufgebaut sein müssen. Das Design der meisten
Kinder-Webseiten basiert auf den allgemein verbreiteten
Ideen über das Verhalten von Kindern oder bestenfalls auf
den Einsichten, die Webseiten-Designer durch die Beobachtung
ihrer eigenen Kinder erhalten. Dies kann jedoch kaum als repräsentativ
für die typischen Internet-Fähigkeiten oder allgemeinen
Web-Kenntnisse von Durchschnittskindern gelten.
Test: Wie Kinder das Web nutzen
Um herauszufinden, wie Kinder das Web wirklich nutzen, führten
wir Usability-Studien mit 55 Kindern im Alter zwischen 6 und
12 Jahren (erste bis einschliesslich fünfte Grundschulklasse)
durch. Wir testeten 39 Kinder in den Vereinigten Staaten und
16 in Israel, um die internationale Anwendbarkeit unserer
Empfehlungen zu erweitern.
Wir haben beobachtet, wie die Kinder mit 24 Webseiten für
Kinder und drei etablierten Webseiten für Erwachsene (Amazon,
Yahoo! und Weather.com) umgegangen sind. Für die Zielseiten
haben wir einige speziell für Kinder eingerichtete Webseiten
wie Alfy, MaMaMedia und Sesame Strasse sowie mehrere von
grossen Unternehmen produzierte, auf Kinder ausgerichtete
"Subsites" wie "ABC News for Kids" und "Belmont
Bank's Kids' Corner" getestet.
Obwohl die Teilnehmer an unserer Studie sehr jung waren,
hatten sie im Umgang mit den für Erwachsene gestalteten
Webseiten oft den grössten Erfolg. Seiten wie Amazon
und Yahoo! bemühen sich um äusserste Einfachheit und um die
Einhaltung von Webdesign-Regeln. Sie sind so einfach geworden,
dass sie kleinen Kindern sehr gut gerecht werden. Viele der
Seiten für Kinder hingegen beinhalten komplexe und
komplizierte Interaktionen, die unsere Test-Benutzer überfordert
haben. Hierzu ein Erstklässler: "Das Internet ist sehr
oft LANGWEILIG, da man nichts finden kann, wenn man drin ist."
Usability-Probleme frustrieren Kinder
Der Gedanke, dass Kinder mit Technologie spielend
umgehen und Computerprobleme jeder Art bewältigen, ist
ein Mythos. Unsere Studie belegte, dass Kinder zur Lösung
vieler Usability-Probleme nicht in der Lage sind. Treffen
schlechte Usability und die mangelnde Geduld von Kindern
angesichts komplexer Problemstellungen aufeinander, verlassen
viele Kinder die Webseite einfach. Ein Viertklässler meinte:
"Wenn ich nicht weiss, was ich auf einer Webseite machen
soll, dann such’ ich einfach nach etwas anderem".
Zudem mögen Kinder langsame Downloads noch weniger als
Erwachsene. Eine Erstklässlerin hierzu: "Es soll
schneller gehen! Vielleicht geht es ja schneller, wenn ich
drauf klicke...".
Kleine Kinder haben oft Computer aus zweiter Hand,
sowohl zu Hause (wo sie die älteren Geräte "erben", wenn
ihre Eltern sich ein Neues kaufen) als auch in der Schule (wo
die Geräte aus Budgetgründen oft viele Jahre in Betrieb
bleiben). Kinder haben üblicherweise auch langsame
Verbindungen und veraltete Software.
Angesichts dieser Einschränkungen dürfen auf den
Webseiten beim Zugriff über Low-End-Geräte keine
technischen Probleme oder Abstürze auftreten. Als sich
die Kinder unserer Studie mit einer Fehlermeldung konfrontiert
sahen, sagten sie uns, dass sie solche Meldungen oft sähen
und dass es das Beste sei, diese einfach zu übergehen oder
das Fenster zu schliessen, um sich mit etwas anderem zu beschäftigen.
Hier einige der bezeichnendsten Web-Usability-Probleme,
die den Kindern unserer Studie Schwierigkeiten bereiteten:
- Eine ungenaue Bestätigung der Benutzerposition
beim Navigieren verwirrte die Benutzer sowohl auf den
Seiten selbst als auch beim Verlassen derselben.
- Nicht durchgängige Navigationsoptionen, die in
unterschiedlicher Weise auf denselben Zielpunkt verwiesen,
führten dazu, dass die Benutzer dasselbe Feature immer
wieder besuchten, da sie nicht wussten, dass sie bereits
dort gewesen waren.
- Vom Standard abweichende Interaktionstechniken führten
zu vorhersehbaren Problemen; so gelang es den Benutzern
z.B. nicht, ihr Lieblingsspiel nicht mit Hilfe einer "Spiele-Maschine"
auszuwählen.
- Schlecht erkennbare Anklickmöglichkeiten,
beispielsweise übereinander liegende flache Grafiken, führten
dazu, dass Benutzer Features verpassten, weil sie die
Links übersahen.
- Fantasiebezeichnungen in Schnittstellen
verwirrten Benutzer und machten es ihnen unmöglich, die
zur Verfügung stehende Auswahl zu erkennen.
Altersgerechter Inhalt
Zu viel Text war für kleine Kinder, die gerade das Lesen
lernen, problematisch. Wir beobachteten beträchtliche
Usability-Probleme, wenn sich Kinder versehentlich in
Bereichen wiederfanden, deren Sprachniveau über ihrem
jeweiligen Leseniveau lag.
Zudem ist Kindern ihr Alter sehr bewusst und sie
differenzieren genau zwischen dem für sie geeigneten Material
und dem Material für ältere oder jüngere Kinder, auch wenn
sich deren Alter nicht sehr von ihrem eigenen unterscheidet.
Bei einer Webseite sagte ein sechsjähriges Kind: "Diese
Webseite ist für Babys von vielleicht vier oder fünf Jahren.
Das sieht man an den Cartoons und Zügen."
Unterschiede zwischen Kindern und erwachsenen Benutzern
Unsere Ergebnisse zur Usability für Kinder wichen häufig
von unseren für Erwachsenentests typischen Ergebnissen ab.
Folgende Unterschiede fielen besonders ins Auge:
- Animationen und Geräuscheffekte waren positive
Gestaltungselemente für Kinder. Sie sorgten oft für
einen guten ersten Eindruck, der die Benutzer dazu
ermutigte, auf der Webseite zu bleiben.
- Kinder tendierten eher zum "Mine-Sweeping", das
heisst, sie fuhren mit ihrer Maus über den Bildschirm,
um anklickbare Bereiche zu finden oder um die Geräuscheffekte,
die sich bei verschiedenen Bildschirmelementen
einstellten, einfach zu geniessen.
- Geografische Navigationsmetaphern funktionierten.
Kindern gefielen Bilder von Räumen, Dörfern,
3D-Landkarten oder simulierten Landschaften, die als Überblick
und Ausgangspunkt für verschiedene Webseiten- oder "
Subsite-Features" dienten.
- Die Kinder haben selten Seiten gescrollt, sondern
hauptsächlich mit den Informationen gearbeitet, die auf
dem ersten Bildschirmabschnitt zu sehen waren. (1994 haben
wir dieses Verhalten auch bei erwachsenen Web-Benutzern
beobachtet. Unsere neueren Studien zeigen jedoch, dass
Erwachsene jetzt eher zum Scrollen tendieren.)
- Die Hälfte unserer jungen Benutzer war zum Lesen der
Anweisungen bereit. Oftmals lasen sie sogar lieber
erst einmal eine kurze Anweisung durch, bevor sie mit
einem neuen Spiel begannen. Im Gegensatz dazu haben die
meisten erwachsenen Benutzer gar nicht viel für
Anweisungen übrig und versuchen Webseiten zu benutzen,
bei denen man ohne
das Durchlesen von Anweisungen auskommt.
Ein Grossteil dieser Schwierigkeiten hängt mit den
Online-Aktivitäten von Kindern und Erwachsenen zusammen. Es
gibt verschiedene Designelemente und Multimediaeffekte, auf
die Kinder eher ansprechen. Im Gegensatz zu Erwachsenen, die
das Web normalerweise zu Arbeitszwecken und für
zielorientierte Aufgaben verwenden, steht für Kinder eher der
Unterhaltungsfaktor bei der Nutzung des Webs im Vordergrund,
wenngleich ältere Kinder das Web auch für ihre Hausaufgaben
und für Kontakte nutzen.
Werbung funktioniert
Die erstaunlichste Erkenntnis unserer Studie war, dass Kinder
auf Werbungen klicken. Leider geschieht dies oft
aus Versehen und im Glauben, die Werbung wäre ein weiteres
Element der Webseite. In den neun Jahren unserer Tests mit
Erwachsenen konnten wir die Gesamtzahl der Male, die sie auf
Webseiten-Werbungen geklickt haben, an den Fingern zweier Hände
abzählen.
Kinder klicken die Banner jedoch an. Sie können noch nicht
zwischen Inhalt und Werbung unterscheiden. Für Kinder
sind Werbungen vielmehr eine weitere Inhaltsquelle. Enthält
das Banner ein bekanntes Zeichen oder etwas, das aussieht wie
ein "cooles" Spiel, dann klicken sie drauf. Pokémon,
wir kommen. (Kinder klickten sogar öfter auf Pokémon-Figuren,
die für Werbebanner anderer Produkte verwendet wurden als auf
Links zu einer Pokémon-Site.)
Wie können Eltern, Erziehern und anderen Aufsichtspersonen
also nur empfehlen, sich die Zeit zu nehmen, um die Kinder
mit den Gegebenheiten der Internetwerbung vertraut zu machen und
ihnen beizubringen, woran sie Werbung erkennen. Es gibt
bereits viele Menschen, die ihren Kindern dabei helfen,
Fernsehwerbung zu verstehen und mit ihr umzugehen.
Bei ihren erzieherischen Bemühungen scheinen sie jedoch
die Werbung im Web zu übersehen – vermutlich weil die
meisten Erwachsenen selbst nie auf die Idee kämen, diese
anzuklicken. Für Erwachsene hat Werbung im Web keine
besondere Bedeutung, da sie sich selbst darauf geeicht haben,
die Werbung unbewusst durch "Bannerblindheit" zu übersehen,
und das setzt sich auch dann fort, wenn Erwachsene Webseiten für
Kinder besuchen.
Viele Webseiten in unserer Studie versuchten, Werbungen vom
redaktionellen Teil der Webseite abzuheben, indem sie die
Banner mit Hinweisen wie "WERBUNG" oder "BEZAHLT"
versahen. Diese Taktik funktionierte nicht. Die Kinder unserer
Studie haben diesen subtilen Hinweisen keine Beachtung
geschenkt, sondern fühlten sich von den farbigen Zeichen und
Spielen in der Werbung angezogen.
Geschlechtsunterschiede
Diese Studie ergab grössere Unterschiede zwischen
Jungen und Mädchen, als wir aus den Tests erwachsener Männer
und Frauen gewohnt sind. Jungen empfanden wortreiche Seiten
als wesentlich störender als Mädchen (40% der Jungen
beschwerten sich, dagegen nur 8% der Mädchen). Dies kann
daran liegen, dass in dem von uns getesteten Alter die
Lesefertigkeiten der Jungen unter derjenigen der Mädchen
liegt.
Mädchen hingegen beschwerten sich weit häufiger über
fehlende Erklärungen auf Seiten als Jungen (76% der Mädchen
im Vergleich zu 33% der Jungen). Zudem verbringen Jungen mehr
Zeit allein vor dem Computer als Mädchen, während Mädchen häufiger
mit einem Elternteil vor dem Computer sitzen.
Trotz der Unterschiede lassen sich die meisten unserer
Schlussfolgerungen für kindgerechtes Webdesign gleichermassen
auf Jungen und Mädchen anwenden. Ein Technologieeinsatz,
bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, sowie altersgerechtes
Design stehen in punkto Usability im Vordergrund, und nicht
die Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
Nichtsdestoweniger können wir nur jedem, der daran denkt,
Usability-Studien mit Kindern durchzuführen, mit Nachdruck
empfehlen, möglichst dieselbe Anzahl Jungen wie Mädchen
einzubeziehen. Bei Studien mit erwachsenen Benutzern sind wir
stets um eine ausgewogene Vertretung beider Geschlechter bemüht,
obgleich die Anzahl nicht immer gleich sein muss.
Auch wenn sich Männer und Frauen hinsichtlich des von
ihnen bevorzugten Inhalts manchmal unterscheiden, geht es beim
Web-Design in erster Linie darum, eine Brücke zwischen Mensch
und Computer zu schlagen und nicht darum, wie man den
vergleichsweise geringen Unterschieden zwischen den
Geschlechtern begegnen kann. Bei Kindern hingegen sind die
Unterschiede grösser, weshalb eine ausgewogene
Zusammenstellung der Testteilnehmer wichtiger ist.
"Cooler" Inhalt, einfache Interaktion
Kinder erwarten einen unterhaltsamen, lustigen und bunten
Inhalt, der Multimediaeffekte einbezieht. Was das
Homepage-Design sowie das Navigationssystem angeht, so sollte
die Benutzeroberfläche jedoch nicht zu anspruchsvoll sein und
die Kinder so unkompliziert wie möglich zum Inhalt führen.
Kinder lieben zwar Entdeckungen und Spiele, aber die Bedienung
der Webseite selbst sollte keine Herausforderung darstellen.
Der Inhalt sollte "cool" sein, das Design sollte jedoch
eine hohe Benutzerfreundlichkeit aufweisen, da die Kinder
sonst nach etwas anderem suchen.
Mehr darüber
Unser 128 Seiten langer Bericht mit 70
Usability-Richtlinien für das Design von Webseiten für
Kinder steht zum Download bereit.
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