Zusammenfassung:
Das Internet stellt für viele Senioren eine Bereicherung
ihres Alltags dar. Leider halten sich die meisten Webseiten
nicht an Usability-Richtlinien und erschweren den Senioren
somit deren Handhabung. Die Nutzung aktueller Webseiten ist für
Senioren doppelt so schwer wie für Nicht-Senioren.
Senioren gehören zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen
im Web. Nach einer Schätzung sind allein in den Vereinigten
Staaten 4,2 Millionen Internetnutzer älter als 65 Jahre. Tatsächlich
stellen die Senioren in sämtlichen Industrieländern einen
hohen Bevölkerungsanteil dar, und viele von ihnen verfügen
über ein beträchtliches Vermögen.
Im Regelfall befinden sich Senioren zwar im Ruhestand, führen jedoch ein sehr
aktives Leben und sind oft sehr an moderner Technologie wie dem Internet interessiert, da sie auf diese Weise kommunizieren können und auf dem Laufenden bleiben. E-Mail war die
Internet-Anwendung, die in unserer Studie von den Senioren am häufigsten
verwendet wurde. Unsere Teilnehmer nutzten das Web hauptsächlich
für:
- Recherche
- Nachrichten
- Verfolgung von Investitionsentwicklungen
- Recherche für Arzneimittel und Krankheitsbilder
- und, in geringerem Ausmasse, für Online-Banking und -Shopping
Unsere Studienteilnehmer nutzten das Web, um Lektüre und
Recherchematerial für ihre vielseitigen Hobbys und
Spezialinteressen zu finden, die von Ahnenforschung über
Kochen und Kriegsstrategien bis hin zu Musikinstrumenten
reichen. Insgesamt nimmt das Lesen über solche Hobbys einen
grossen Anteil der Webnutzung für sich in Anspruch: Die
Verschiedenartigkeit der auf ein Thema spezialisierten
Webseiten ist dabei für Senioren genau so schwierig zu
handhaben wie für andere Nutzer auch.
Untersuchung der Website-Nutzung durch Senioren
Um in Erfahrung zu bringen wie Senioren das Web nutzen, haben wir
drei Usability-Testreihen durchgeführt:
- Eine Mess-Studie mit drei Webseiten und einer webumfassenden Aufgabe
für 20 Senioren und einer Kontrollgruppe von 20 Nutzern im
Alter zwischen 21 und 55.
- Eine qualitative Studie mit 20 Senioren aus den Vereinigten
Staaten, die 10 US-amerikanische Webseiten nutzten.
- Eine qualitative Studie mit vier Senioren in Japan, die vier
japanische Sites nutzten (um die internationale Anwendbarkeit
unserer Ergebnisse einzustufen).
Als "Senioren" bezeichnen wir Personen über 65. Die
meisten unserer Test-Nutzer waren über 70, einige sogar 80
Jahre oder darüber, und mehrere Teilnehmer waren zwischen 65
und 69 Jahren.
Usability-Werte für Nicht-Senioren doppelt so hoch
In der quantitativen Studie baten wir Nutzer beider Gruppen um
die Erfüllung derselben vier Aufgaben:
- Tatsachenfeststellung
- Kauf eines Artikels
- Abfrage von Informationen
- Vergleich und Gegenüberstellung
Folgende Tabelle zeigt die Messwerte von vier
Usability-Attributen, die
durchschnittlich aus diesen vier Aufgaben erzielt wurden:
|
Senioren
(65+ Jahre) |
Kontrollgruppe
(21-55) |
| Erfolgsrate (Aufgabe korrekt abgeschlossen) |
52.9% |
78.2% |
| Für die Lösung aufgewandte Zeit (Min:Sek) |
12:33 |
7:14 |
| Fehler (Fehlerbehandlung pro Aufgabe) |
4.6 |
0.6 |
| Subjektive Einschätzung (Skala: 1=niedrig, 7=hoch) |
3,7 |
4,6 |
| Gesamt-Usability (genormtes geometr. Mittel) |
100% |
222% |
Die Unterschiede zwischen den Senioren und der Kontrollgruppe sind
äusserst aussagekräftig. Werden die Usability-Werte so
genormt, dass die von den Senioren erreichte Punktzahl als
Grundwert von 100% festgelegt wird, entfällt auf die
Nicht-Senioren in allen Fällen eine Gesamt-Usability von
222%. (Durchschnittswert als geometrisches Mittel gerechnet).
Das heisst, dass die Gesamt-Usability bei den Nicht-Senioren
etwas mehr als doppelt so gut war als bei den Senioren.
Warum ist die Usability bei Senioren schlechter?
Webseiten werden eher von jüngeren Designern erstellt, die häufig
davon ausgehen, dass alle Nutzer über gute Augen und eine
gute Motorik verfügen und alles über das Web wissen. Diese
Annahmen treffen in der Wirklichkeit kaum zu, nicht einmal
dann, wenn es sich bei den Nutzern nicht um Senioren handelt.
Wie unsere Usability-Werte zeigen, sind Senioren jedoch stärker
von Usability-Problemen betroffen als jüngere Nutzer. Die vom
menschlichen Alterungsprozess beeinträchtigten körperlichen
Fähigkeiten sind zum Beispiel das Sehvermögen, die Präzision
der Motorik und die Gedächtnisleistung.
Ausserdem sind viele Senioren in den Ruhestand getreten, ohne sich in
ihrem Arbeitsleben je näher mit dem Computer oder dem
Internet befasst zu haben. Infolgedessen kann nicht davon
ausgegangen werden, dass sie ein gutes konzeptionelles Modell
für die Funktionsweise dieser Technologien verinnerlicht
haben, was ihnen das Verständnis der Eigenheiten noch
erschwert. Wir haben beispielsweise bei mehreren Nutzern
beobachtet, dass diese nicht klar zwischen dem Suchfenster
einer Website und dem URL-Fenster des Browsers unterscheiden
konnten.
Schliesslich handelt es sich ja bei beiden um
Eingabefelder, in die man Eingaben eintippt, um woandershin zu
gelangen. Der Mangel an Erfahrung mit guten konzeptionellen
Modellen ist jedoch kein Grundbestandteil der menschlichen
Biologie und wird möglicherweise nicht mehr vorhanden sein,
wenn die derzeitige erwerbstätige Bevölkerung ihren
Ruhestand antritt.
Unsere Untersuchung brachte in vielen Fällen mangelhaftes Design
zu Tage, was dazu beitrug, dass das Web für Senioren mehr
als doppelt so schwer zu nutzen ist. Eine Berücksichtigung
der Design-Richtlinien für Senioren würde viele dieser
Usability-Probleme lösen. Und selbst wenn die Web-Usability für
jüngere Nutzer immer noch etwas höher wäre, würden die Unterschiede
doch drastisch vermindert.
Lesbarkeit und Anklickbarkeit
Die bekannteste Regel zur Unterstützung der Web-Nutzung durch
Senioren besteht in der Verwendung grösserer Schriftsätze als den von jungen Nutzern bevorzugten. Diese Regel mag
zwar allgemein bekannt sein und wurde auch in unserer Studie
bestätigt, wird jedoch noch von vielen Websites missachtet,
die ihre Texte nach wie vor in einer festgelegten, winzigen
Schriftgrösse präsentieren.
Webseiten, die Senioren ansprechen, sollten mindestens Schriftgrad 12
als Standard verwenden. Und alle Seiten, auch diejenigen, die
sich nicht an Senioren richten, sollten dem Nutzer die Möglichkeit
bieten, die Schriftgrösse nach Belieben zu vergrössern, ganz
besonders dann, wenn auf der Site ein kleiner Schriftgrad als
Standard festgelegt worden ist.
Für Hypertext-Links ist eine grosse Schrift aus zwei
wesentlichen Gründen besonders wichtig:
- Um die Lesbarkeit dieser wesentlichen Designkomponenten zu gewährleisten und
- um diese besser als "anklickbar" hervorzuheben.
Aufeinander folgende Links, die nicht durch weissen Leerraum voneinander
getrennt sind, sollten vermieden werden. Auf diese Art werden
Fehlklicks vermindert und der Nutzer findet den richtigen Link
deutlich schneller. Diese Regel gilt auch für Befehlsschaltflächen
und andere interaktive Objekte, die alle gross genug sein müssen,
um leicht anklickbar zu sein.
Pull-Down-Menüs, hierarchische "Walking-Menüs" und andere bewegliche
Schnittstellenelemente stellen für Senioren, die
mit der Maus nicht immer treffsicher sind, ein Problem
dar. Es empfiehlt sich daher, statische Benutzerschnittstellenelemente
und Designs zu verwenden, die kein pixelgenaues Zielen mit dem
Mauszeiger erfordern.
Unterstützendes und "fehlertolerantes" Design
Wenn Webseiten die Richtlinie nicht einhalten, durch die Verwendung
verschiedener Farben zwischen besuchten und noch nicht
besuchten Links klar zu unterscheiden, verlieren
Senioren schnell die Orientierung und wissen nicht mehr, wo
sie schon gewesen sind. Dieses Problem war zweifellos bei
allen Altersgruppen zu beobachten: Es ist verwirrend, wenn
Webseiten die standardmässigen Link-Farben ändern und
besonders verwirrend, wenn für alle Links dieselbe Farbe
verwendet wird, unabhängig davon, ob die Zielseite bereits
besucht wurde oder nicht. Senioren fällt es jedoch schwerer,
sich daran zu erinnern, welche Bereiche einer Website sie
bereits besucht haben, so dass sie öfter Zeit damit
verlieren, immer wieder zur selben Stelle zurückzukehren.
Senioren fällt es auch schwerer, Suchmaschinen und Formulare zu
nutzen, die nicht fehlertolerant sind. So kam es vor, dass
unsere Test-Nutzer nicht mehr weiterkamen, da sie Bindestriche
in ihre Suchabfragen eingaben oder "bestraft" wurden, weil
sie Bindestriche oder Klammern in Telefon- oder
Kreditkartennummern verwendeten.
Fehlermeldungen waren oft schwer lesbar, entweder, weil die Formulierungen völlig
unklar oder ungenau waren oder weil die Platzierung der
Meldung auf der Seite zwischen einer Vielzahl anderer
Designelemente leicht übersehen wurde. Schlichtes Design ist
sogar noch wichtiger als dies ohnehin der Fall ist, wenn
Senioren mit Fehlermeldungen umgehen müssen: die Meldung muss
sich auf den Fehler beziehen, diesen unmissverständlich erklären
und dessen Behebung so einfach wie möglich machen.
Website-Aufgaben sollten sich ebenfalls möglichst an Senioren
und deren bevorzugte Art, Dinge zu erledigen, anpassen. Hat
man Telefonnummern jahrzehntelang in ein und derselben Art
geschrieben, empfindet man es als sehr unangenehm, wenn ein
Formular eine andere Schreibweise erzwingt.
Usability erhöht Zufriedenheit
Senioren bevorzugen ganz besonders die Webseiten, die für
sie am einfachsten zu nutzen sind. Zwischen dem
Punkteergebnis für unsere Testaufgaben und der darauf
folgenden subjektiven Bewertung durch die Nutzer der Sites
bestand eine sehr starke Wechselbeziehung: r = 0,78.
Dieses Ergebnis ist höher als das anderer Untersuchungen,
jedoch nicht ganz so hoch wie in unserer entsprechenden Untersuchung
von Nutzern mit Behinderungen.
Usability für Senioren ist wichtig, und zwar nicht nur, damit sie als
Aufgabe einen einmaligen Kauf erledigen können. Durch eine
verbesserte Usability für Senioren können Sie deren
Zufriedenheit steigern und somit eine Grundlage für eine
dauerhafte Beziehung schaffen.
Intranets sollten auch auf Senioren ausgerichtet sein. Die meisten
Unternehmen beschäftigen Angestellte von über 60 Jahren, und
viele Grossunternehmen verfügen über spezielle Extranets für
Pensionäre, die Online-Informationen zu Rentenangelegenheiten
bereitstellen und den Kontakt der Firma zu früheren
Angestellten fördern.
Neben den geschäftlichen Vorteilen haben wir alle auch ein sehr
persönliches Interesse an einer verbesserten Usability für
Senioren: Es ist die Nutzerkategorie, zu der wir alle eines
Tages gehören werden. Sofern das Internet für Senioren
funktioniert, ist es bereits heute eine Bereicherung für
viele Senioren. Webseiten können jedoch viel leichter zugänglich
werden, wenn die einfachen, in unserem neuen Bericht aufgeführten
Designrichtlinien
angewandt werden. Wenn man diese Richtlinien von Anfang an
berücksichtigt, wird deren Implementierung kaum Zusatzkosten
im Rahmen eines Web-Design- oder Intranet-Projekts
verursachen. Zudem kommen viele der Richtlinien zur
Verbesserung der Usability für Senioren auch anderen Nutzern
zugute.
Wollen Sie mehr darüber erfahren?
Unser 125 Seiten
langer Bericht zur Studie enthält 46 Design-Richtlinien für
die Verbesserung der Web-Usability für Senioren steht zum
Download bereit.
Kara Pernice Coyne hat die qualitativen Tests ermöglicht; sie wird
Videoclips von der Studie im Rahmen ihres Vortrags zur "Web
Usability Today" am 3. Juni in San Francisco und am
19. Juni in Sydney zeigen.
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