Zusammenfassung
In den vergangenen 1½ Jahren stieg die
durchschnittliche
Übereinstimmung mit etablierten
Usability-Richtlinien um
4% an. Wenn diese positive Entwicklung anhält, erreichen
wir das Ideal einer 90% Übereinstimmung
im Jahr 2017.
Die Web-Usability wird endlich besser. Langsam aber
sicher. Welche Daten
stehen hinter dieser Behauptung? Ende 2000, vor
Veröffentlichung unserer Richtlinien
für E-Commerce-Usability 2001, haben wir
zwanzig wichtige E-Commerce- Webseiten analysiert.
Durchschnittlich haben diese Webseiten 45% der E-Commerce-Usability-
Richtlinien befolgt.
Mitte 2002 haben wir die Studie mit 15 anderen
E-Commerce-Webseiten wiederholt
(wir haben nicht dieselben
Webseiten wie im Jahre 2000 untersucht, da sich, um es
gelinde auszudrücken, auf diesem Gebiet viel verändert hat).
Mittlerweile hält sich die durchschnittliche
E-Commerce-Webseite an 49% der festgelegten
Usability-Richtlinien.
Die Übereinstimmung mit den Usability-Richtlinien ist
in 1½ Jahren also um 4% gestiegen. Zwar entspricht diese
Verbesserungsrate nicht gerade Moore's Law, doch
wenn sie weiter anhält, erreichen wir in 15 Jahren die volle
Übereinstimmung mit den Usability-Richtlinien.
Um ehrlich zu sein, können wir froh sein, wenn wir das
Internet in 15 Jahren in Ordnung bringen. Natürlich wäre ich
froh, wenn diese Entwicklung beschleunigt werden könnte. Es
ist unerfreulich, so viel Zeit aufzuwenden, um 207 bekannte
Grundsätze zur Erleichterung des Online-Shoppings zu
dokumentieren, nur um dann einige Monate später feststellen
zu müssen, dass ein Grossteil dieser optimalen Verfahren auf
den meisten Webseiten nicht umgesetzt worden ist. Bleiben wir
dennoch realistisch: Neue Technologien brauchen Zeit um zu
reifen, und die Tatsache, dass die Webseiten immer mehr dieser
Empfehlungen implementieren, ist ein Grund zum Feiern.
Betrachten wir die Situation einmal aus der Nähe: Bei
einem linearen Wachstum von 4% alle 1½ Jahre erhalten wir im
Laufe von 15 Jahren einen Zuwachs von 40%. Im Jahre 2017
werden die Webseiten also 90% der Usability-Richtlinien
befolgen. Eine Übereinstimmung von 90% ist der idealste
Zustand, den wir erreichen können, da es für bestimmte
Webseiten immer besondere Umstände geben wird, unter denen
ein Abweichen von einigen der anerkannten
Usability-Richtlinien begründet ist.
Bei unserer 2002 durchgeführten Untersuchung erzielte die
E-Commerce-Site von L.L. Bean die höchste Punktzahl, bei
einer Einhaltung von 66% der Richtlinien. Aber auch die besten
Webseiten sind immer noch verbesserungsfähig. Die Tatsache,
dass ein herkömmliches Versandhandelsunternehmen die höchste
Punktzahl in unserer Untersuchung erhielt, bestätigt die
Informationen aus einer früheren Studie, die besagten, dass
es sich bei den Online-Geschäften
der Katalogunternehmen um die profitabelsten
E-Commerce-Webseiten handelt.
Die wichtigsten Verbesserungen: Suchfunktionen und darüber
hinaus
Besonders erfreut bin ich über die umfassenden Verbesserungen
der Suchfunktion
Usability, die sich seit Ende 2000 bis zum heutigen
Zeitpunkt von 35% auf 48% gesteigert hat. Die Suchfunktion ist
ein Schlüsselelement der Web-Usability, und noch immer gibt
es Web-Webseiten, deren Suchfunktion so mangelhaft ist, dass
Benutzer eher fehlgeleitet werden, als Hilfe erhalten. Laut
den Ergebnissen unserer 2002 durchgeführten Studie sind gegenüber
dem Jahr 2000 in den folgenden drei Bereichen die wichtigsten
Usability-Verbesserung erfolgt:
- Präsentation
der Produktoptionen auf Produktseiten. Mittlerweile
bringen
mehr Webseiten alle Optionen auf eine Seite,
verwenden leicht verständliche
Farbbezeichnungen,
zeigen für jede Farbe eine Abbildung, bieten dem
Kunden
Optionen zur Auswahl an, bevor er das Produkt in den
Einkaufswagen legt,
zeigen die gewählten Optionen im Einkaufswagen an und so
weiter. Die Übereinstimmung mit den Richtlinien ist in
diesem Bereich von 40% auf
63% gestiegen.
- Einfache
Suche. Es bieten jetzt mehr Webseiten ein Eingabefeld
mit einer Schaltfläche an, stellen einen Link zu den
erweiterten Sucheinstellungen zur Verfügung, anstatt
diese gleich anzuzeigen, erläutern die Suchbereiche,
setzen
den Default-Wert für den Suchbereich auf „Alles“ und
so weiter. In diesem Bereich stieg die Übereinstimmung
mit den Richtlinien von 30% auf 53% an.
- Bestellformulare
und Registrierung. Mittlerweile fragen mehr Webseiten
nur noch nach den erforderlichen Daten und erklären deren
Verwendungszweck. Sie benutzen eindeutige Bezeichnungen
und vernünftige Grössen für die Eingabefelder, wobei
sie zwischen Liefer- und Rechnungsadresse unterscheiden,
im Vorfeld bereitgestellte Informationen speichern und
automatisch eintragen, die Eingabe- und Tab-Taste
aktivieren, klar verständliche Erklärungen nach
Fehleingaben bringen und so weiter. Die Übereinstimmung
mit den Richtlinien stieg in diesem Bereich von 49% auf
66% an.
Zu den weniger erfreulichen Nachrichten gehört die
Tatsache, dass US-Webseiten ausländische Kunden noch immer
nicht gut behandeln: Die Punktzahl bei den Richtlinien zum
Service
für internationale Benutzer betrug 28% (gerade einmal
6%
mehr als im Jahr 2000). Hinzu kommt, dass Webseiten zwar
einfache Suchfunktionen besser präsentieren (53% Übereinstimmung),
die Usability anderer Suchfunktionen jedoch nach wie vor
vernachlässigen. Dies erklärt auch die etwas niedrige
Gesamt- punktzahl (48%) für den gesamten Bereich ‚Usability-Richtlinien
für Suchfunktionen’.
Bei den Suchmaschinen selber liegt die Toleranz
beispielsweise für unterschiedliche Benutzereingaben immer
noch bei nur 24%. Doch selbst vor dem Hintergrund solch
schlechter Usability gab es auch tolle relative Verbesserung:
Die Suchmaschinensoftware schnitt im Jahr 2000 lediglich mit
8% ab.
Internationale Webseiten hinken hinterher
Neben amerikanischen Webseiten haben wir eine kleinere Auswahl
von sechs E-Commerce-Webseiten aus dem Ausland analysiert.
Diese schnitten bei einer Einhaltung von nur 40% der
Richtlinien (verglichen mit 49% bei den US-Webseiten)
wesentlich schlechter ab.
Wenn wir diesem Ergebnis die von uns geschätzte
Entwicklungsgeschwindigkeit zu Grunde legen, liegen ausländische
Webseiten drei Jahre hinter den US-Webseiten zurück. Natürlich
trifft dies nur für den Durchschnitt zu: In den USA gibt es fürchterliche
Webseiten, während andere Länder grossartige Webseiten
bieten können, die sich mit den besten US-Webseiten
vergleichen lassen. Warum weisen ausländische Webseiten eine
geringere Usability auf als US-Webseiten? Ein Grund könnte
darin bestehen, dass die Entwicklung in den USA weiter
fortgeschritten ist, und das Management mehr Augenmerk auf
die Usability legt. Die USA haben nicht nur eine längere und
ausgeprägtere Usability-Tradition, die meisten
Usability-Richtlinien werden auch in englischer Sprache veröffentlicht.
Nichtsdestoweniger habe ich in den vergangenen drei Jahren
viele Seminare und Vorträge in Europa, Asien und Australien
gehalten und ein stark anwachsendes Interesse an Usability in
diesen Regionen festgestellt. Beispielsweise hatte unsere
Konferenz in Sydney letzte Woche einen um 40% grösseren
Zulauf als noch letztes Jahr. Der Vorsprung, den die USA
dank talentierter Usability-Fachleute und eingekaufter Führungskräfte
noch besitzt, wird also nicht mehr lange andauern.
Eine zweite Erklärung für das bessere Abschneiden der
US-Usability könnte in den fehlenden Mitteln für ausländische
Webseiten zu sehen sein. Einige Usability-Bereiche, wie eine
gute Suchfunktion, erfordern beträchtliche Investitionen, die
in grösseren Ländern, wo Webseiten auf einen grösseren
Kundenstamm treffen, leichter getragen werden können.
Andererseits können die meisten Usability-Aspekte preiswert
implementiert werden: Im Grossen und Ganzen brauchen Webseiten
nur darauf verzichten, Geld für ausgefallenes Design zu
verschwenden und sich stattdessen auf die Einfachheit und die
Bedürfnisse der Benutzer zu konzentrieren.
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