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George W. Bush und John Kerry sparen beide an einer ihrer besten
Möglichkeiten, Stimmen zu ergattern und die Wahl zu gewinnen. Ihre Kampagnen
haben jeweils Millionen von Abonnenten auf ihren E-Mail-Newslettern und
behandeln sie dennoch nicht als wirksame strategische Ressource.
Wie viele Leute ändern ihre Wahlentscheidung aufgrund eines Werbespots im
Fernsehen? - Vermutlich hören bei ihrer Entscheidung weit mehr auf
überzeugende Argumente eines vertrauten Freundes (beziehungsweise,
entschliessen sich deswegen, zur Wahl zu gehen). E-Mail-Newsletter bieten einen
direkten Draht zu solchen politischen Bezugspersonen im Alltag.
Die Website einer politischen Kampagne hat drei Hauptziele:
- die treuen Parteianhänger zu bestärken; sie für den Kandidaten zu
begeistern und ihnen Gesprächsstoff an die Hand zu geben, mit dem sie ihre
Freunde und Familie beeinflussen können;
- Spenden zu sammeln;
- Fragen unentschiedener Wähler zu beantworten und sie hoffentlich davon zu
überzeugen, den Kandidaten zu unterstützen.
Das dritte Ziel ist vor allem bei Vorwahlen und weniger bedeutenden Wahlen
wichtig. Bei Präsidentschaftswahlen dagegen gibt es weniger Leute, die
unentschieden und zugleich ausreichend an Politik interessiert sind, um aktiv
nach Websites mit Informationen über die Positionen der Kandidaten zu suchen.
Anhänger warm zu halten und mit Argumenten zu versorgen, ist die ideale
Aufgabe für E-Mail-Newsletter. Aus zwei Gründen: Sie können ein emotionales
Band zu den Abonnenten herstellen, und sie können sofort auf Neuigkeiten
reagieren. Es überrascht daher nicht, dass sowohl George W. Bush als auch John
Kerry über ihre Websites E-Mail-Newsletter anbieten. Überraschend ist
hingegen, wie viele Fehler sich beide Kandidaten in ihrem Newsletter-Design
leisten.
Beide Kampagnen gründen auf dem Medienverständnis des vorigen Jahrhunderts
- und das zeigt sich bei der Gewichtung ihrer Kampagnenbudgets: den
E-Mail-Newslettern mangelt es eindeutig an genügend Ressourcen für Design,
Implementierung, Redaktion und Benutzertests.
Die Einhaltung von Usability-Richtlinien im Vergleich
Um die Usability der beiden Newsletter zu bewerten, habe ich sie anhand jeder
meiner 127 Richtlinien für E-Mail-Newsletter-Design sowie anhand ihrer Abonnier- und
Abbestell-Oberfläche überprüft. Letztere habe ich am 13. September 2004
evaluiert, die Newsletter selbst während einer siebenwöchigen Periode vom 2.
August bis zum 19. September 2004.
Die Werte der beiden Kampagnen liegen erstaunlich eng beieinander, allerdings
ist Bush eine Nasenlänge voraus; gemessen über den ganzen Satz an
Usability-Richtlinien liegt er um 1 Prozentpunkt höher als Kerry. Die
nachfolgende Tabelle zeigt, in welchem Mass sich die Newsletter an die vier
Kategorien der Richtlinien halten:
| |
Bush |
Kerry |
| Abonnierdialog |
47% |
44% |
| Newsletter-Inhalte und Präsentation |
71% |
67% |
| Abonnementpflege und Abbestellen |
43% |
54% |
| Abgrenzung der Newsletter von Spam |
33% |
33% |
| Alle Richtlinien |
58% |
57% |
Das sind ziemlich niedrige Werte, bedenkt man die generelle Wichtigkeit von
Newslettern für politische Kampagnen und die riesigen Geldsummen, die für
Präsidentschaftswahlkampagnen zur Verfügung stehen. Beide Kampagnen haben
jeweils über $300 Mio. zur Verfügung, die sie in wenigen Monaten ausgeben
können. Es gibt wirklich keine vernünftige Entschuldigung dafür, nicht mehr
fürs Newsletter-Design zu tun.
Die Gesamtwerte liegen zwar nahe beieinander, aber im Detail gibt es
interessante Unterschiede: Jede Kampagne schneidet in einigen Bereichen gut ab,
in denen die andere Probleme hat.
Der Abonnierdialog
Bei der Schnittstelle für neue Abonnenten des Newsletter erzielt Bush sehr
niedrige Werte. Bei Bush ist der Registrierungsvorgang kompliziert und verlangt
vom Benutzer, sich durch vielfältige Bildschirmseiten zu arbeiten. Zudem
erfordert der Prozess, dass die Benutzer im substanziellen Umfang persönliche
Informationen preisgeben, ohne dass an prominenter Stelle auf die
Datenschutzgrundsätze der Site hingewiesen wird.
Zudem fragt Bush die Benutzer nach ihren persönlichen Interessen - was
positiv sein könnte, wenn dabei individuell zugeschnittene Newsletter-Inhalte
herauskämen. Allerdings verletzt die Site die Richtlinie, klar zu erläutern,
wozu diese Informationen genutzt werden sollen. Und in der Tat scheint es so,
dass die von den Benutzern ausgewählten Angaben so gut wie gar nicht genutzt
werden. Ich habe mich als Eigner eines kleinen Unternehmens mit Interesse an
High Tech eingetragen, aber bis Woche sieben habe ich keinerlei Informationen
bekommen, die speziell mit diesen beiden Punkten zu tun hatten. (Etliche
Nachrichten waren allerdings anhand meiner Abonnentenadresse lokal
zugeschnitten.)
Dennoch gewinnt Bush den Gesamtvergleich der Abonnierdialoge, weil Kerry
mehrere elementare Fehler macht. Der grösste Hammer dabei ist: Kerry versendet
keine Begrüssungsbotschaft, nachdem sich der Benutzer eingetragen hat.
Ausserdem hat Kerry eine nervige Vorschaltseite, die die Benutzer bittet, ihre
E-Mail-Adresse zu hinterlassen, ehe ihnen auch nur ein winziger Blick auf die
Inhalte geboten wird, die sie da erwarten können. Wenn wir irgendetwas aus
unserer Benutzerforschung über E-Mail-Usability gelernt haben, dann dies: die
Leute sind sehr zurückhaltend bei der Angabe ihrer E-Mail-Adresse; und die
Sites müssen klar deklarieren, was sie als Gegenleistung zu bieten haben.
Vorabfragen nach persönlichen Daten wirken extrem aufdringlich.
Die Newsletter-Frequenz
In unseren Studien bezogen sich die lautesten Klagen der Leute darauf, dass
Newsletter zu häufig verschickt würden. Beide Kampagnen riskieren
diesbezüglich Benutzerfrust, indem sie die Abonnenten mit Newslettern
bombardieren. Die folgende Grafik zeigt die Anzahl der empfangenen Mails in
jeder Woche meiner Studie:

Der Parteitag der Republikaner fand in Woche 5 des Tests statt. In dieser
Zeit war es angemessen für die Bush-Kampagne, zusätzliche Newsletters zu
verschicken, um die Abonnenten über die Ereignisse auf dem Laufenden zu halten.
Es war zu der Zeit ebenso angebracht für die Kampagne Kerrys, durch
zusätzliche Newsletter auf Angriffe während des Parteitags zu reagieren,
Vorwürfe zurückzuweisen und eigene Themen in die Debatte einzubringen.
Aber auch wenn man Woche 5 beiseite lässt, versenden beide Kampagnen für
den Durchschnittsabonnenten zu viele Mails. Politisch stark interessierte Leute
haben sicher nichts gegen die fast täglich einlaufenden E-Mails, aber vielen
dürfte das zu viel werden. Keiner der Newsletter hält sich an die Richtlinie,
seinen Abonnenten zwei verschiedene Aussendehäufigkeiten anzubieten - mit einem
weniger entmutigenden Turnus für jene, die zwar Fans sind, aber keine
Fanatiker.
Um diesen Punkt noch abzuschliessen: Ich habe Kerrys Newsletter am 2. August
abonniert, aber bis zum 16. August kein einziges Mail bekommen. Es gab auch
keinerlei Erklärung dafür. Vielleicht hatte die Organisation ja eine
technische Panne. Oder sie hat einfach zwei volle Wochen lang keinen Newsletter
veröffentlicht. In beiden Fällen war das schlecht.
Die Inhaltsanalyse
Die beiden Newsletter unterscheiden sich dramatisch in den Inhalten, die sie
betonen. Hier eine Analyse der Texte, die während der Testperiode an die
Abonnenten verschickt wurden, untergliedert in vier inhaltliche Hauptkategorien:
| |
Bush |
Kerry |
| positive Agitation |
50% |
18% |
| negative Agitation |
14% |
49% |
| Bekanntmachungen und Instruktionen |
15% |
1% |
| Freiwilligen-Einsätze und Spenden |
21% |
33% |
In meiner Analyse steht positive Agitation für Werbung für den
eigenen Kandidaten der Partei und seine Vorschläge, während negative
Agitation den Gegenkandidaten angreift oder im Gegenangriff die
Anschuldigungen des anderen Kandidaten zurückweist. Grundlegendes Kriterium ist
also, ob man entweder erklärt, was man im Fall der Wahl tun wird, oder aber, ob
man sich in politische Machtkämpfe verzettelt.
Ich war dabei sehr grosszügig bei der Zuordnung von Inhalten als positive
Agitation. Zum Beispiel habe ich allgemeine Wohlfühl-Kundgebungen wie die, als
Arnold Schwarzenegger seinen Stolz zeigte, US-Bürger geworden zu sein, oder als
John Kerry seine Begeisterung über die grossen Scharen von Anhängern zu
Protokoll gab, die er während seiner Bustour getroffen hatte, zu dieser
Kategorie gezählt.
Es gab auch einige Grenzfälle wie beispielsweise Bushs Aussage: "Ich
habe zu viele gute Ärzte getroffen, besonders Gynäkologen, die wegen der hohen
Prozesskosten ihre Praxen verloren haben. Um das Gesundheitswesen
erschwinglicher und zugänglicher zu machen, müssen wir jetzt eine Reform der
medizinischen Haftpflicht durchsetzen." Ich zählte das als positive
Agitation, da es einen politischen Vorschlag von Bush betont - obwohl man
einwenden könnte, dass die Worte "besonders Gynäkologen" einen
versteckten Seitenhieb auf John Edwards' früheren Beruf enthielten. Alles in
allem empfand ich diese Worte als zu verhüllt, als dass man damit wirklich
negative Agitation treiben könnte. Auch hatte ich bei der Inhaltsanalyse eine
höhere Ebene im Blick und konzentrierte mich mehr auf den Hauptstoss des
jeweiligen Absatzes oder der Satzgruppe als auf einzelne Wörter.
Obwohl die Betonung von positiver und negativer Agitation in den beiden
Newslettern entgegengesetzt ist, haben beide Parteien wohl für ihre jeweiligen
Abonnenten den richtigen Schwerpunkt gewählt. Republikaner sind wahrscheinlich
mehr von der Aussicht auf vier weitere Jahre Bush-Politik begeistert als davon,
Kerry zu vertreiben. Und Demokraten sind wahrscheinlich mehr von dem Versuch
elektrisiert, Bush aus dem Amt zu jagen, als von Kerrys politischen
Vorschlägen.
Bekanntmachungen und Instruktionen enthalten Informationen darüber,
wie man die Website der Kampagne benutzt und besonders auch Hinweise auf neue
Funktionen und aufkommende Chats. Die Bush-Kampagne ist besonders aktiv beim
Arrangieren von Chats mit den verschiedenen Kampagnenleitern, was ein guter Weg
sein kann, einen Gemeinschaftssinn im Umfeld der Website zu erzeugen. (Ich habe
weder den tatsächlichen Inhalt der Chats noch die Chat-Oberfläche evaluiert,
zwei Dinge, die in anderen Websites oft schlecht gemacht sind.)
Schliesslich verwenden beide Newsletter einen signifikanten Textanteil
darauf, die Leser zu freiwilligen Diensten und zu Geldspenden zu
ermuntern. Das ist verständlich, denn das ist die Pointe der Kampagnen. Aber
wiederholte Aufforderungen können lästig werden. Besonders Kerry riskiert
sowohl das Ermüden der Spender als auch Abbestellungen, indem er gleich zwei
Spendensammel-E-Mails am gleichen Tag verschickt (dem 31. August).
Aufmerksamkeit im Posteingang erregen
Beide Newsletter schneiden im Kampf um die Aufmerksamkeit im Posteingang sehr
schlecht ab. Ihre stark schwankende Erscheinungsfrequenz bildet an sich schon
ein Problem, da sich bei den Benutzern so keine Erwartung herausbilden kann,
wann ein Newsletter erscheint.
Die Absender- und Betreffzeilen der Newsletter haben oft in übelster Weise
gegen die Usability-Richtlinien verstossen. Sicher, wenn man eine E-Mail von
berühmten Leuten wie John Kerry oder Arnold Schwarzenegger bekommt, neigt man
dazu, sie zu öffnen. Aber wie verhält es sich mit Absendern wie Blaise
Hazelwood, Ed Gillespie, Ken Mehlman, Todd Cranney oder Terry Nelson?
Das sind bloss wenige der "Von"-Namen des Bush-Newsletters. Es tut mir
ja leid, das sagen zu müssen - aber obwohl Ed Gillespie dem Republikanischen
Parteitag vorsitzt, wusste ich nicht, wer das ist. Und in jedem Fall reduziert
die Tatsache, dass der Bush-Newsletter so viele verschiedene Absendernamen
benutzt, die Fähigkeit der Leser, sie sich zu merken. Bei Kerry läuft es
besser: da wurden die meisten Newsletter von Mary Beth Cahill
abgeschickt, obwohl das auch nicht gerade ein Name ist, der aus einem
überfüllten Posteingang heraussticht. Die Richtlinie dazu bleibt: Verwenden
Sie eine institutionelle "Von"-Zeile, es sei denn, der Newsletter
wurde von einer berühmten Persönlichkeit geschrieben.
Die Betreffzeilen waren durch die Bank wirkungslos. Wobei Kerry die
benutzer-abschreckendsten Betreffs verwendete wie: "Heute Abend",
"Jetzt nicht nachlassen" oder "Die Frist läuft
ab". Warum sollte irgendwer denken, dass solche E-Mails etwas anderes
sind als Spam? Bush hatte etwas bessere Betreffzeilen wie "Kerrys
Sandalen-Olympiade" oder "Machen Sie mit in W ROCKS in Alameda
County", aber auch er hatte inhaltsleere Betreffs wie "Reisst
euch zusammen".
Beide können es besser machen
Wie gesagt, die Bush-Kampagne hat über eine Million
Abonnenten, die von Kerry über zwei Millionen. Offensichtlich machen die
Kampagnen etwas richtig. Trotz meiner Kritik bekommen beide Kampagnen gute Werte
für den Inhalt, was für die Benutzer das Wichtigste ist: Wenn eine Sache
interessant ist, kann man ihr viele Usability-Sünden verzeihen.
Dennoch könnten beide Sites die Wirkung ihrer Newsletters substanziell
erhöhen, wenn sie ihre Abonnierdialoge überarbeiten und ihrer Wahrnehmung im
Posteingang mehr Aufmerksamkeit widmen würden. Millionen von weniger
enthusiastischen Anhängern werden von dem jetzigen Design nicht bedient. Wo
immer Ihre Übereinstimmung mit Usability-Richtlinien unter 50% liegt, haben Sie
ein Problem.
1996 hatte ich für die New York Times einen Vergleich
der Kampagnen-Websites von Bill Clinton und Bob Dole geschrieben. Ich kam zu
dem Schluss, dass beide Sites bei der Usability etwa gleich auf lagen, und habe
für jede davon verschiedene Verbesserungsvorschläge gemacht. Zwei Wochen nach
Erscheinen des Artikels wurde Clintons Site überarbeitet, und alle meine
Empfehlungen wurden eingebaut. Doles Site dagegen blieb über die ganze Kampagne
unverändert. Wir wissen alle, wer 1996 die Wahl gewonnen hat, und so möge
dieses Beispiel die Kampagnen motivieren, diesmal der Usability mehr
Aufmerksamkeit zu widmen.
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