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Computerbenutzer leiden unter unzähligen Sicherheitsproblemen, darunter
- Viren und Würmer,
- "nigerianische" Fallen (E-Mails, die einen um Hilfe
bitten beim Herausschmuggeln angeblich grosser Summen von Schwarzgeld),
- Phishing (gefälschte E-Mails, die angeblich vom Kundendienst eines
bekannten Verkäufers kommen und einen bitten, auf einer dem Original
täuschend ähnlich sehenden Website seine Zugangsdaten einzugeben), und
- Spyware und Adware, die ohne bewusste Zustimmung des Anwenders
Software auf seinem Rechner installieren (manche Vorgänge mögen wohl
behaupten, sie hätten die Zustimmung des Getäuschten eingeholt, doch die
meisten Leute wissen nicht, wozu sie Ja sagen, wenn sie im Web "OK?"-Knöpfe
drücken; will man tatsächlich die Zustimmung des Benutzers, so muss dieser
wissen, dass Software installiert werden soll, und er muss auch damit
einverstanden sein, dass Adware-Funktionen aktiviert werden).
Jedesmal, wenn die Presse einen neuen Skandal aufdeckt, liest man mit
Sicherheit Zitate von Sicherheitsexperten, die sich über die Dummheit der
Benutzer beklagen und die Firmen auffordern, Ihre Anwender besser über
angemessene Vorsichtsmassnahmen aufzuklären.
Im Umgang mit Sicherheitsproblemen sollte der Hauptansatz nicht darin
bestehen, die Anwender aufzuklären - aus drei Gründen:
Erstens und am wichtigsten: Aufklärung funktioniert nicht.
Computersicherheit ist zu kompliziert, und die Übeltäter sind zu verschlagen
und zu einfallsreich dafür. Die Annahme, dass ein Durchschnittsanwender mit
ihnen mithalten könnte, ist schlicht unrealistisch. Man kann den Leuten zwar
sagen, sie sollen keine Dateianhänge in E-Mails von Fremden öffnen, aber dann
verschicken die Angreifer halt E-Mails, die anscheinend von deinem Chef, deiner
Frau oder deinen besten Freunden kommen. In einem modernen Büro kann man nicht
arbeiten, ohne E-Mailanhänge zu öffnen.
Zweitens: Die Aufklärung der Anwender bürdet die Verantwortung den Falschen
auf. Es ist wie im Wilden Westen, wo die Antwort auf Verbrechen darin
bestand, dass jeder Mann eine Waffe mit sich herumtrug. In der zivilisierten
Gesellschaft haben wir diesen Ansatz zugunsten einer professionellen Polizei
verworfen, die sich mit den Kriminellen beschäftigen soll. Wenn Technik und
Mensch nicht zusammenpassen, sollte die Antwort nicht sein, den Menschen zu
ändern. Die Antwort sollte sein, die Computer zu ändern. Computer und Internet
wurden unter der Voraussetzung entwickelt, dass jeder vertrauenswürdig ist und
es keine Verbrechen gibt. Das ist offensichtlich nicht mehr so, und wir müssen
die Technik entsprechend überarbeiten. Selbst im alten Westen ging man
letztlich zu Gesetzen, Gerichten, Polizei und Gefängnissen über.
Drittens: Solange wir die Last den Anwendern aufbürden, anstatt die Technik
anzupassen, werden wir niemals den gesamten Nutzen des Internets realisieren.
Stattdessen verängstigen wir die Benutzer und machen sie noch zurückhaltender
bei der Nutzung aller Potenziale der Technik. In Usability-Studien haben wir
bereits festgestellt, dass die Anwender sehr zurückhaltend geworden sind bei
der Herausgabe ihrer E-Mailadressen. Davon sind auch legitime E-Commerce-Sites
betroffen, die keine Spams verschicken. Für sie wird es dadurch schwerer, ihren
Kunden nützliche Newsletter und Bestätigungs-E-Mails zu verschicken.
Das Web ähnelt heute dem heruntergekommenen Viertel einer Stadt. Die Leute
werden belagert durch einen konstanten Strom von Angriffen und unangenehmen
Belästigungen. Wir sollten die Anwender nicht länger ihrer Verunsicherung und
ihren Ängsten überlassen. Wir können sie nicht länger ungeschützt lassen.
Analogie zum Autoabschliessen
Ein häufiges Gegenargument zu meiner Position lautet, es sei vernünftig,
von den Benutzern zu verlangen, dass sie Verantwortung für ihre eigene
Sicherheit übernehmen. Das sei genauso wie die Erwartung, dass die Leute ihr
Auto abschliessen, wenn sie parken.
Doch die Analogie hinkt wegen der Unterschiedlichkeit zwischen der
physischen und der virtuellen Welt. Einbrecher haben nur eine begrenzte
Reichweite, und ein Durchschnittshaushalt muss sich nur vor
Durchschnittseinbrechern schützen. Wir müssen unsere Häuser und Autos nicht
gegen Angriffe der Einbruchsexperten des KGB absichern. Nur Organisationen wie
die CIA müssen ihre Objekte gegen hartnäckige Bemühungen der besten Schurken
der Welt absichern. Und zu diesem Zweck engagieren sie ganze Armeen von
Sicherheitsexperten.
Das Internet potenziert die Reichweite übler Burschen. So kann ein einzelner
Hacker, der ein Sicherheitsloch entdeckt, Milliarden von Benutzern angreifen.
Jeder einzelne Netzbürger benötigt deshalb Schutz vor den Computerkriminellen
der ganzen Welt - und nicht bloss vor dem Hacker in der Nachbarschaft.
Sicher wird der Wissensstand der Anwender über den florierenden
Internetbetrug sich laufend erhöhen, genau wie die meisten von uns sich im allgemeinen
vor Autodieben und Wohnungseinbrüchen in Acht nehmen. In unserer Studie
darüber, wie Kinder das Web benutzen, stellten wir fest, dass Kinder sich
sehr davor hüten, persönliche Daten herauszugeben und Software herunterzuladen.
Und es schadet sicher nie, die Leute daran zu erinnern, dass sie ihre
Passwörter nicht herausgeben dürfen. Besonders auf Websites von
Finanzdienstleistern kann es hilfreich sein, eindeutige Erklärungen zu
präsentieren, dass sie niemals ihre Kunden per E-Mail auffordern werden,
Passwörter anzugeben. Solche Schritte sind zwar notwendig, aber sie reichen
einfach nicht aus.
Genau so wenig können wir von den Systemadministratoren erwarten, dass sie
ihre Server ständig mit den neuesten Sicherheitspflastern versehen. Zum einen
beschäftigen viele Unternehmen gar keine professionellen Systemadministratoren.
In kleinen Unternehmen ist der Besitzer oder der Büromanager oft auch für die
Rechner zuständig. Selbst mittelständische Unternehmen haben häufig nicht
genug Sicherheitskompetenz im Einsatz, weil jeder ihrer Fachmänner vor Ort mit
Projekten belastet ist, die normalerweise ein ganzes Team einer grossen
IT-Abteilung beschäftigen.
Die Lösung: Sicherheit neu konstruieren
Die einzige wirkliche Lösung besteht darin, Sicherheit zum eingebauten
Bestandteil sämtlicher Rechnerelemente zu machen. Ja, es ist an der Zeit, sich
von der Illusion zu verabschieden, dass Rechner nur von ehrenwerten Akademikern
benutzt würden, dass die einzigen wertvollen Informationen im Speicher des
Systems Entwürfe von Forschungsbeiträgen und dass die anderen Leute im Netz
alles Universitätskollegen seien.
Vielmehr sind verschiedene spezifische Schritte notwendig, nämlich:
- alle Informationen jederzeit zu verschlüsseln, ausser wenn
sie auf dem Bildschirm erscheinen. Vor allem: niemals E-Mails oder andere
Informationen im Klartext über das Internet zu versenden: Alles, was deinen
Rechner verlässt, muss verschlüsselt sein.
- alle Informationen digital zu signieren, um Fälschungen zu
verhindern und die Anwender auf einfache Weise darüber zu informieren, ob
etwas aus einer vertrauenswürdigen Quelle stammt. Das würde hoffentlich
die derzeit üblichen dummen Sicherheitswarnungen ablösen, die die Leute
nicht verstehen, weil sie irgendwelche Eingeweide der Technik ans Tageslicht
zerren. ("Das Sicherheitszertifikat ist abgelaufen oder nicht mehr
gültig." - Aha! Und was bedeutet das nun für den Normalverbraucher?)
- alle Sicherheitsoptionen standardmässig einzuschalten, da sich die
meisten Leute nicht um die Grundeinstellungen kümmern. Und es dann einfach
zu machen, die Einstellungen zu verändern, damit die Leute
vertrauenswürdige Dinge empfangen können, ohne jedermann Tür und Tor zu
öffnen.
- alle Aktualisierungen zu automatisieren. Die meisten
Virenschutzprogramme laden neue Virendefinitionen im Hintergrund herunter;
das ist ein guter erster Schritt. Das automatische Flicken, das mit Windows
XP SP2, eingeführt wurde, ist ebenfalls eine Verbesserung.
- die Usability der Sicherheitsfunktionen aufzupolieren auf ein
Niveau, das alles, was wir bislang gesehen haben, in den Schatten stellt.
Sicherheit ist an sich kompliziert, und sie ist etwas, um das sich die
Benutzer nicht kümmern (bevor es zu spät ist). Die Benutzeroberfläche
erfordert ein Maximum an Einfachheit. Gross angelegte Benutzertests und
detaillierte Feldstudien sind ein Muss.
Es sind noch eine Menge weiterer Schritte nötig, die mit Usability nicht
direkt zu tun haben. Einschliesslich Dingen wie der Reduzierung von
Softwarefehlern.
Schliesslich muss sich in der Gesellschaft ein stärkerer Aktivismus gegen
Spammer, Phisher, Virenprogrammierer, Ebay-Betrüger und andere, die die Rechte
der Benutzer verletzen, entfalten. Sie müssen kriminalisiert und bekämpft
werden. Wir brauchen dazu permanente Arbeitskreise des FBI, die sich diesen
Problemen annehmen, denn ihr Einfluss auf die Wirtschaft und auf das Wohlergehen
der Bürger ist längst grösser als der einiger altmodischer Verbrechen, die
Ressourcen beim Gesetzesvollzug absorbieren.
Die Sicherheit systematisch anzugehen ist ein grosses Projekt, aber es ist
der einzige gangbare Weg, einen sicheren Umgang mit Computern zu gewährleisten
und dafür zu sorgen, dass sich die Leute im Web wohl fühlen.
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