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Der Bereich Usability kommt in die Jahre, und wir können inzwischen auf das
angehäufte Wissen aus mehr als zwanzig Jahren Forschung zurückgreifen. Manche
Usability Kritiker pflegen die etablierten Erkenntnisse zu diskreditieren, indem
sie behaupten: "Das mag einmal richtig gewesen sein, aber jetzt ist es das
nicht mehr." Weil die Computerwelt zum raschen Wandel neigt, ist es
sinnvoll danach zu fragen, ob alte Usability-Einsichten tatsächlich
gegenstandslos geworden sind.
Von 1984 bis 1986 hat die US Air Force das existierende Usability-Wissen zu
einem einheitlichen, gut gegliederten Satz von Richtlinien für ihre Benutzeroberflächen-Designer
zusammengefasst. Ich bin einer von etlichen Leuten, die das Projekt damals (in
kleinem Umfang) beratend begleitet hatten, weshalb ich im August 1986 eine Kopie
der Schlussfassung des 478-Seiten-Buches bekam.
Das Projekt fixierte 944 Richtlinien. Das sieht vielleicht nach einer Menge aus,
verblasst aber gegenüber den 1277 Richtlinien für Web- und Intranet-Usability,
die wir inzwischen fixiert haben - und wir sind noch lange nicht fertig.
Haben 20 Jahre alte Richtlinien ihr Haltbarkeitsdatum überschritten?
Die 944 Richtlinien bezogen sich auf militärische Kommando- und
Steuerungssysteme, die in den 1970er und frühen 1980er Jahren entwickelt worden
waren; die meisten noch auf der Basis der Zentralrechner-Technologie. Man
könnte denken, dass diese alten Ergebnisse für heutige Oberflächendesigner
völlig irrelevant geworden sind. Doch das ist ein Irrtum.
Ich habe mich entschlossen, den Bericht von 1986 zu benutzen, um die Langlebigkeit von Usability-Arbeit abzuschätzen. Weil es zu aufwändig wäre,
alle 944 Richtlinien neu zu bewerten, habe ich eine Abkürzung genommen und aus
jedem der sechs Kapitel des Berichts zehn Richtlinien herausgegriffen, hatte
also insgesamt eine Stichprobe von 60 Richtlinien. (Anm. der Übersetzung: Falls
Sie einen genaueren Blick in diese Richtlinien hineinwerfen wollen: diese
Richtlinien sind leider nur auf Englisch zugänglich: Sixty
Guidelines from 1986 revisited)
Von diesen 60 Richtlinien sind 54 heute immer noch gültig. Mit anderen
Worten, 90% der alten Richtlinien stimmen nach wie vor.
Was sich geändert hat
Zehn Prozent der Richtlinien müssten zurückgezogen oder für die
heutigen Umstände neu überdacht werden. Doch selbst diese fragwürdigen Richtlinien
sind in den meisten Fällen noch teilweise korrekt. In der Tat, nur bei zwei
Richtlinien (3%) würde ich sagen, dass sie komplett falsch sind und bei
Anwendung der Usability sogar schaden würden.
Laut Richtlinie 4.2.6 sollte man für jede Seite an einem gleich bleibenden Ort oben auf
jedem angezeigten Fenster eine einzigartige Identifizierung anbringen. Diese Richtlinie hat im angepeilten Umfeld der
Zentralrechner gut funktioniert: Die Benutzer haben normalerweise nur wenige
Bildschirmseiten angesteuert, und wenn sie eine einzigartige
Identifizierungsnummer hatten, konnten sie besser verstehen, wo sie sich gerade
befanden. Auch haben die ID-Nummern es einfacher gemacht, von Handbüchern oder
Hilfefunktionen aus auf spezifische Bildschirmseiten zu verweisen.
Heute würden solche Seiten-Codes den Bildschirm mit irrelevanten
Informationen überschütten. Heutigen Benutzern würden sie nicht helfen, da
sie sich frei zwischen zahlreichen Orten hin- und herbewegen.
Doch auch diese ungültig gewordene Richtlinie enthält nach wie vor einen
wahren Kern: Es ist gut, wenn die Benutzer wissen, wo sie gerade sind und was
sie auf jeder Bildschirmseite tun können. Die zeitgemäße Empfehlung lautet
deshalb, eine Überschrift oder einen Titel anzubieten, der den Zweck jeder
Bildschirmseite präzise benennt.
Richtlinie 3.1.4.13 besagt, dass man jeder ständig bereit stehenden Funktion
eine bestimmte Funktionstaste zuordnen soll. Das hat bei den
Benutzeroberflächen der Zentralrechner Sinn gemacht, weil sie oft auf
Funktionstasten zurückgegriffen haben, um die Interaktion zu beschleunigen.
Außerdem waren Zentralrechnersysteme so stark modifiziert, dass nur wenige
Funktionen in sämtlichen Bereichen des Systems zur Verfügung standen; die
wenigen, die es gab, verdienten in der Tat besondere Beachtung.
Moderne Systeme arbeiten nicht mehr nur in gewissen Modi. Viele
Funktionen sind daher allgegenwärtig geworden und von überall her zugänglich. Zudem
stehen Funktionstasten beim Bedienen von Computern nicht mehr im Vordergrund.
Weil sich diese beiden Bedingungen geändert haben, macht es keinen Sinn mehr,
permanent zugänglichen Funktionen Funktionstasten zuzuordnen.
Zu den ungültig gewordenen Richtlinien kommen nochmals etwa zwanzig
Prozent hinzu, die im
Wesentlichen irrelevant geworden sind, weil sie sich auf selten verwendete
Oberflächenelemente beziehen.
Zum Beispiel befasste sich Richtlinie 1.4.13 damit, wie man
Feldmarkierungen (normalerweise Unterstriche) überschreiben soll;
Zentralrechnersysteme verwendeten solche Markierungen um anzuzeigen, wo die
Benutzer ihre Eingabe eintippen sollten. Heutzutage sind fast alle Eingabefelder
mit Texteingabekästchen versehen. Deshalb ist es weitgehend irrelevant zu wissen,
wie man die Usability von Feldmarkierungen verbessert.
Was noch gültig ist
70% der 944 Richtlinien von 1986 sind nach wie vor sowohl gültig als auch
relevant. Sie enthalten viele gute Hinweise, zum Beispiel zur Gestaltung von
Eingabefeldern und Beschriftungen auf Online-Formularen, die sich seit den
damals dominierenden Zentralrechnersystemen der 1970er kaum geändert haben.
Die Richtlinien zum Gebrauch von Diagrammen zwecks Veranschaulichung diverser Daten sind ebenfalls auch heute noch hoch relevant. In unserer
jüngsten Untersuchung, wie Investoren und Finanz-Analysten den
Investor-Relations-Bereich von Firmenwebsites benutzen, sind wir auf viele
Usability-Probleme gestoßen, die von überkomplexen Diagrammen verursacht
wurden. Hätte man die zwanzig Jahre alten Richtlinien über Zahlendiagramme
befolgt, hätte man viele IR-Sites deutlich verbessern können.
Auch die Richtlinien für Fehlermeldungen, Rückmeldungen des Systems und den
Login-Bereich haben weiterhin Bestand. Interessanterweise hat Richtlinie 6.2.1 die
Ein-Schritt-Anmeldung empfohlen. Bei unseren Usability-Messungen an Intranets
haben wir herausgefunden, dass Schwierigkeiten beim Login (die zumeist von
mehrstufigen Anmeldeprozeduren herrührten) sich zum zweitgrößten Faktor
aufaddieren, der die Mitarbeiter-Produktivität im Umgang mit
benutzerunfreundlichen Intranets gegenüber den benutzerfreundlichen Intranets
verringert. (Die Usability der Suchfunktionen machte den größten Unterschied
zwischen guten und schlechten Intranets aus.)
Zu dumm, dass die meisten heutigen Systeme immer noch nicht die bereits 1986 empfohlene Login-Oberfläche
aufweisen.
Zum Glück haben sich andere Designaspekte in Benutzeroberflächen durchaus verbessert. Etliche Richtlinien für
Meldungssysteme sind zwar weiterhin gültig und relevant, aber heute
kaum noch revolutionär: Fast alle E-Mail-Systeme befolgen sie buchstabengenau.
Dies ist ein gutes Beispiel für Usability-Einsichten, die sich so fest
verwurzelt haben, dass aus "besten Praktiken" die Art und Weise geworden ist,
"wie man's immer macht". Allerdings ist es traurig, dass nur so wenige
Ergebnisse von 1986 diese Verwandlung durchgemacht haben.
Warum Usability-Richtlinien so haltbar sind
Es dürfte Ihnen schwer fallen, irgendein anderes technisches Handbuch der
Air Force von 1986 zu finden, das heute immer noch zu 70% korrekt und relevant
ist. Egal ob es um Piloten, Luftfahrtingenieure oder Programmierer geht - die
allgemeinen Lektionen der Vergangenheit passen vielleicht immer noch, aber die
spezifischen Richtlinien von damals haben sich schon vor langer Zeit geändert.
Usability-Richtlinien sind haltbar, weil sie vom menschlichen Verhalten
abhängen, und das ändert sich, wenn überhaupt, nur sehr langsam. Was für
die Benutzer vor zwanzig Jahren schwierig war, ist heute immer noch schwierig.
Die Leute können sich nur eine bestimmte Zahl von Dingen merken, und dabei
werden wir nicht geschickter.
Ich habe vor Kurzem meine eigenen Richtlinien analysiert, wie ich sie in den
frühen Tagen des Webs in der Alertbox und anderswo publiziert habe. 78%
dieser frühen Richtlinien sind nach wie vor gültig und relevant. Sicher,
meine frühen Richtlinien sind erst zehn oder elf Jahre alt, deshalb ist es
nicht erstaunlich, dass sie besser abschneiden als zwanzigjährige
Richtlinien.
Usability-Richtlinien werden hauptsächlich dann obsolet, wenn sie eng an
spezifische Techniken gebunden sind. Zum Beispiel haben sich weder die
Feldmarkierungs-Richtlinien von 1986 noch meine Richtlinie von 1995 gehalten,
Hypertext-Links blau anzuzeigen. (Aktuellere Richtlinien
für Linkfarben geben zeitgemäße Empfehlungen.) Die zugrunde liegenden
Usability-Prinzipien jedoch sind erhalten geblieben: Stellen Sie sicher, dass die
Benutzer wissen, was sie tun können, und dass sie aktivierbare
Oberflächenelemente erkennen.
Nachwelt oder Gegenwart
Am haltbarsten sind tendenziell die Richtlinien, die am meisten von der
Technik abstrahieren. Allerdings üben meine Leser einen starken Druck aus, die
Usability-Richtlinien so spezifisch zu machen wie möglich, damit sie sie
leichter anwenden können. Wenn man die Spannung zwischen ewiger Wahrheit und
kurzfristiger Anwendbarkeit auflösen will, ist es oft verführerisch, eher an
die aktuellen als an zukünftige Leser zu denken.
Der Reiz der Gegenwart ist besonders stark, wenn man fürs Web schreibt. Wenn
ich ein Buch schreibe, denke ich oft an Leser, die meinen Text erst nach zehn oder
mehr Jahren lesen werden. Aber wenn ich etwas auf meine
Website stelle, habe ich die Tendenz, für die heutigen Leser zu schreiben,
obwohl 80% der Seitenabrufe erst stattfinden, wenn der Artikel schon ins Archiv
gewandert ist. Zum Glück halten sich meine alten Analysen noch recht stramm,
und zehn Jahre alte Artikel sind immer noch zu 78% relevant.
Wie verlockend die Gegenwart auch sein mag, was man fürs Web schreibt,
schreibt man für die nächsten Jahre und nicht bloß für den Augenblick.
(Leute zum Beispiel, die Notizen aus ihrem Bewusstseinsstrom in ihre Weblogs
setzen, sollten vielleicht daran denken, dass sie auch für einen Manager
schreiben, der sie zwanzig Jahre später einstellt.)
Usability-Richtlinien haben sich als sehr haltbar erwiesen und bleiben meist
über die Zeit hinweg gültig. Heutige Designer sollten also alte
Erkenntnisse nicht bloß wegen ihres Alters verwerfen.
Heutige Richtlinien
Ich werde die Prinzipien, die meinen wichtigsten aktuellen Richtlinien
zugrunde liegen, auf dem Seminar "Grundlegende Richtlinien für
Web-Usability" während der Usability
Week 2005 in New York, Stockholm, London und San Francisco
präsentieren.
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