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Es kommt mir so vor, als hätte ich den 5-Jahresrückblick
auf die Alertbox gerade erst gestern verfasst. Doch das ist
nun auch schon wieder 5 Jahre her. Seit meiner ersten Kolumne
vom Juni 1995 habe ich 247 Kolumnen geschrieben - mit insgesamt fast 300'000
Worten . Das ist schon eine Menge
Schreibarbeit und natürlich auch Inhalt, den man auf dem
Internet verschenkt. War es das alles wert?
Mein meistgelesener Artikel, "Die 10 häufigsten
Fehler im Webdesign" (Diese
Alertbox stammt aus dem Jahr 1996 und ist nur auf Englisch
verfügbar), hatte schon vor längerem seinen
zweimillionsten Leser. Die durchschnittliche Alertbox bringt
es auf 300'000 Seitenabrufe; sämtliche Kolumnen zusammen
brachten es auf bisher rund 50 Mio. Seitenabrufe. Selbst wenn
ich keine weiteren Artikel mehr schreiben würde, wäre die
Alertbox ein Projekt mit 100 Mio. Seitenabrufen - denn in den nächsten 10 Jahren
wird sich die Leserschaft der archivierten
Artikel nochmals verdoppeln.
Ja, es war den Aufwand wert!
Als ich 1994 meine ersten Anwendertests auf Websiten und
Intranets durchführte, war ich vermutlich die einzige Person
auf der ganzen Welt, die sich für solch esoterische Dinge
interessierte. Die Web-Leute interessierten sich nicht für
Usability, und Usability-Leuten war das Web egal. Nun, nach so
vielen Jahren, in denen unermüdlich Resultate der
Nutzerforschung publik wurden, hat sich das Blatt
gewendet. Tausende arbeiten mittlerweile im Bereich der
Online-Usability. Die Nielsen Norman Group alleine hat 11'208
Leute weitergebildet. Bedenkt man, dass auch noch an
zahlreichen anderen Orten Usability unterrichtet wird, so
kommt man weltweit auf noch eine viel höhere Zahl.
Meilensteine
Ich habe in die 10 meist gemachten
Webdesign-Fehler des Jahres 2002 Karikaturen eingefügt.
Es war schon eine Herausforderung (aber auch unterhaltsam),
die häufig sehr abstrakten Usability-Prinzipien zu
illustrieren. Sogar für die konkreten visuellen Prinzipien
war es nicht leicht, eine passende witzige Zeichnung zu
finden, z.B. für die lesbare Illustration des Problems von zu
"kleiner Schriftgrösse" (Anm.: Die Karikaturen finden sich
ausschliesslich auf der englischen
Version der genannten Alertbox) .
Meine Kolumne dreht sich nicht nur um das durchschnittliche
Nutzerverhalten, sondern umfasst auch andere Bereiche. So
schliesst sie auch Studien über Kinder,
Teenager, Senioren,
behinderte Anwender und leseschwache
Nutzer mit ein. Jede Gruppe erfordert gesonderte
Beachtung; denn mit der zunehmenden Entwicklung und
Verbreitung des Internets müssen Designer erkennen, dass die
Mehrheit der Nutzer nicht so ist, wie sie selber.
Ich griff in meinen Kolumnen auch ein bisschen über
Websites und Intranets hinaus und schrieb über die Usability
von E-Mails, inkl. Newsletter und Bestätigungsmails.
Zudem deckte ich viele Themen aus dem Leben ausserhalb der
Online-Welt ab, von Unterhaltungselektronik bis zu Harry
Potter.
Selbstverständlich blieb ich auch vielen Themen treu, die
ich bereits in den ersten 5 Jahren behandelte, darunter der
Betonung auf Einfachheit, Usability
Methoden und meiner Forderung, dem Anwender die Kontrolle zu
überlassen.
Prophezeiung des "Long Tail"
1997 verfasste ich meine Kolumne "Steigen die
Einnahmen von Websites kontinuierlich?", in der ich den
relativen Wert von kleinen und grossen Websites erörterte.
Ich prophezeite damals, dass kleine Webpräsenzen 75% des
Gesamtvolumens auf dem Web generieren würden, weil sie
sich gezielter ausrichten können als grosse Sites.
Zugegebenermassen trafen meine Vorhersagen nicht immer zu
100% ein: Ich nahm an, es würde bis zum heutigen Tag schon
100 Mio. Websites geben, und derzeit sind es "erst"
64 Mio. Aber mein Hauptargument wurde inzwischen schon zur
Binsenwahrheit: das Phänomen des "Long Tail"
bewirkt nämlich, dass die Gesamtzahl aller Verkäufe von
Nicht-Bestsellern sich insgesamt deutlich höher aufsummieren
als das sehr augenfällige Geschäft mit den paar wenigen Top
Hits.
| Anmerkung der
Übersetzung: In der Statistik spricht man im
Zusammenhang mit bestimmten Häufigkeitsverteilungen schon
länger über das "Long Tail" Phänomen. Populär
wurde der Begriff aber durch einen vielzitierten Artikel
von Chris Anderson im Magazin WIRED. Hier
geht's zum Artikel (auf Engl.) |
Aktuelle Diskussionen des "Long Tail"
unterschätzen die Nicht-Hits, indem sie annehmen, dass jeder
Punkt auf der Kurve denselben Wert hat. Aber auf dem Web
bedeutet Kleinheit, dass man seinen Inhalt besser auf das
Zielpublikum abstimmen kann und so einen viel höheren
Wert pro Einheit erzeugt als allgemeine gehaltene Angebote.
In einer späteren Alertbox aus dem Jahr 2003 ("Vielfalt stärkt fachspezifische Websites")
wiederholte ich diesen zweiten Punkt und betonte den Wert von
Nischen im Onlinegeschäft.
Ich kann froh sein, dass die Hälfte meiner Behauptung auf
breite Akzeptanz stiess und heute die treibende Kraft für
umfangreiche Investitionen in virtuelle Container darstellt.
Aber es gibt immer noch zu viel Aufruhr um Grosse, die es
allen recht machen, und zu wenig Interesse an den eigentlichen
Nischen.
Wie viel Fortschritt gab es in den 10 Jahren?
Überfliegt man auf seinem Monitor die letzten 10 Jahre so
gibt es zweifellos Fortschritte im Bereich Web-Usability:
- eklatanter Design-Blödsinn wie Splash-Screens
sind beinahe schon Geschichte.
- Usability-Messwerte werden immer besser, und zwar
sowohl die Erfolgsraten als auch die Befolgung von
Richtlinien
- Viele Firmen beschäftigen heute schon extra Usability
Spezialisten. Noch häufiger nehmen sich Firmen vor,
die Usability ihrer Websites und Intranets zu verbessern.
- Internetverantwortliche sind immer häufiger bereit, Designkonventionen
zu befolgen statt sie zu verspotten und dadurch ihre
Nutzer zu verärgern.
10 Jahre sind nicht viel in Anbetracht der Grösse des
Themas. Doch es gab bereits deutliche Bewegungen in die
Richtung, für die ich mich einsetzte.
Natürlich gab es auch Enttäuschungen. Die
Erfolgsraten erhöhen sich jährlich um 4% und liegen für
Firmenwebsites bei derzeit 66%. So gesehen bleiben noch 8
abzuwarten, bis wir wahrhaft benutzbare Websites bekommen.
Ausserdem ist die Qualität von Websites einfach entsetzlich,
wenn man mit den Standards von Six
Sigma oder irgendwelchen anderen Qualitätsstandards in
der Industrie vergleicht.
Wenn ich falsch lag, dann meist, weil ich zu enthusiastisch
in bezug auf das Potential der neuen Technologie war.
Recht hatte ich meist dann, wenn ich mich konservativ zeigte.
Einer meiner grösseren Fehler war, dass ich bei den mobilen
Angeboten einen raschen Fortschritt erwartete. WAP war ein verdienter
Misserfolg, aber ich erwartete, dass die nächste Generation
besser sein und gleich von Anfang an breitere Anwendung finden
würde.
Letztlich gibt es einen Grund, weshalb die alten "zehn
meistgemachten Fehler" immer noch populär sind: Trotz
deutlicher Belege begehen Webdesigner diese Fehler immer noch
mit erstaunlicher Häufigkeit. Das ist traurig, doch zumindest
treten diese Fehler nicht mehr so verbreitet auf. Wir machen
wirklich Fortschritte. Und zugleich hab ich noch ausreichend
Futter für Hunderte weiterer Kolumnen.
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