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Mit der zunehmenden Verbreitung von Breitband-Internetverbindungen
stieg
auch die Zahl der Websites, die Videosequenzen
anbieten. Unglücklicherweise sind die meisten dieser Videos
für die Ausstrahlung am Fernsehen gemacht worden und sind
daher fürs Internet nicht geeignet.
1997 stellte ich einen Vergleich
zwischen Fernsehern und Computern (englische Alertbox) an. Die
damalige Grunderkenntnis ist dieselbe geblieben:
Fernsehsendungen sind im Wesentlichen zur Entspannung gedacht:
der "Nutzer" lehnt sich dabei im Sessel zurück und
taucht in das Programm ein, für das sich der Senderchef
entschieden hat. Fernsehnutzer werden ja nicht umsonst "Zuschauer"
genannt - in dieser Bezeichnung kommt die passive
Beteiligung schön zum Ausdruck. Computeranwender
dagegen sitzen nach vorne gelehnt da und steuern den Gang
der Dinge selbst - über eine lange Kette von Entscheidungen und
Klicks.
Aufgrund dieses fundamentalen Unterschiedes in der
Nutzererfahrung sind Videoausstrahlungen auf dem Internet
letztlich so langweilig. Es gibt dabei nichts zu tun: der Nutzer
trifft weder eine Auswahl noch hat er die Kontrolle.
Eyetracking Studie über Webvideos
Derzeit führen wir eine Eyetracking-Studie durch, bei der
wir analysieren, wo die Nutzer auf ganz verschiedenen Arten von Websites hinschauen.
Für Detailergebnisse ist es
zwar noch zu früh, doch erste Daten
illustrieren schön, wie sich Nutzer verhalten, wenn sie sich
Videoausschnitte betrachten, die fürs Fernsehen erzeugt und
einfach aufs Internet übertragen wurden.
Die folgende Grafik zeigt eine "Hitzekarte" (sogenannte
Heatmap) während des Abspielens eines Videos auf einer Nachrichten-Website.
Die Heatmap zeigt die Verteilung der Fixationen, d.h. der Stellen, wo das Auge des Nutzers
eine Pause machte: rot sind dabei die Zonen, wo die Anwender am
meisten hinschauten, und blau jene, wo am wenigsten hingeschaut
wurde (Anm.: für Orte, wo das Auge gar nie hinschaute, gibt
es auch keine farbigen Zonen).
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Die Verteilung von Fixationen während
ein Anwender sich 24 Sekunden
eines Videoausschnittes auf cnn.com
anschaute.
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Die Grafik zeigt die Daten eines 24sekündigen Ausschnitts, bei
dem sich die Kamera nicht bewegte. Mit andern Worten haben die
verschiedenen Elemente in der Zeit ihre Position allesamt
nicht verändert. Den Blickverlauf eines Nutzers bei der
Betrachtung des obigen Videoausschnitt können Sie im Blickverlaufsvideo
(24 Sekunden, 356kB Windows Media Datei) beobachten. Dabei stellt der blaue Punkt den Ort dar, wo der
Nutzer in dem jeweiligen Moment gerade hingeschaut hat.
Bei dem analysierten Ausschnitt handelt es sich um ein
Segment eines insgesamt vierminütigen Videos, das auch noch andere
Kamerapositionen bot, darunter auch ein geteiltes Bild,
dass zugleich den Nachrichtensprecher im Studio und den Reporter vor
Ort zeigte. Wie erwartet unterscheidet sich
die Hitzekarte bei jenen Szenen von der statischen. Während
des geteilten Bildschirms kann man beispielsweise grosse rote
Blasen über den Gesichtern der beiden Sprecher erkennen.
Auch im obigen Ausschnitt erfuhr das Gesicht des Sprechers viel
Aufmerksamkeit, was gar nicht überrascht: Seit
langem weiss man, dass Gesichter anziehend wirken. Ebenfalls
war anzunehmen, dass der Balken mit den Informationen über
den Sprecher viele Fixationen erhalten würde.
Interessanter ist, dass die Aufmerksamkeit des
Betrachters auf andere Bereiche des Videos gelenkt wurde, z.B.
auf das
Schild hinter dem Sprecher. Ein kurzer Blick erfolgte sogar
auf einen Mülleimer über der linken Schulter des Reporters.
Am interessantesten ist jedoch die enorme Aufmerksamkeit
für Bereiche ausserhalb des Videobilds,
wie z.B. für die Schlagzeilen und die Bedienelemente zur
Steuerung des Videos.
Die Daten des Eyetracking zeigen deutlich, dass ein
unbewegter Sprecher auf einer Website langweilig ist - sogar während der kurzen Zeitspanne von
"nur" 24 Sekunden. Auf dem Web sind 24 Sekunden eine lange Zeit - zu
lange, um die Aufmerksamkeit auf etwas Monotonem zu halten.
Richtlinien für Videos
Wir haben gerade erst mit der Erforschung der Usability von
Online-Videos und andern Multimedia-Elementen auf Websites
begonnen. Ich bin mir sicher, dass wir später noch eine ganze
Reihe weiterer Richtlinien vorliegen haben. Für den Moment
jedoch ist die Hauptregel für Online-Videos: Halten Sie
sich kurz. Ein Webvideo sollte nicht länger als eine Minute
dauern.
Eine damit zusammenhängende Richtlinie verlangt den Verzicht
auf Videos immer dann, wenn der zu vermittelnde Inhalt
keinen Gebrauch von
den Vorteilen dieses dynamischen Mediums machen kann. Das
bedeutet jetzt aber natürlich nicht, dass man mit der Kamera
laufend Schwenks, Zooms, Übergänge und künstliche
Bewegungen einbauen sollte. Vielmehr sollte man Videos für
bewegte Objekte einsetzen oder für Dinge, die sich mit einem Film besser
rüberbringen lassen als mit Fotos und Text.
Zuletzt sollten Sie berücksichtigten, dass Webnutzer sich
sehr leicht ablenken lassen. Vermeiden Sie daher in ihren
Ausschnitten Elemente, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten.
Wenn es beispielsweise irgendwo ein Strassenschild im
Hintergrund gibt,
werden die Anwender es lesen wollen und bei dem Versuch einen Teil der
Hauptinformation aus dem Video versäumen.
Seit den Anfängen des Web warne ich vor Zweckverfremdung.
Die ursprünglichste Form dieses Problems war, dass Firmen ihre
Werbebroschüren einfach als Websites umgesetzt haben. Später
kamen dann Zeitungen und andere Informationsportale dazu,
die es nicht geschafft haben, speziell fürs Web zu schreiben und
stattdessen dieselben Schlagzeilen und denselben Stil wie im Druck einsetzten.
Dank der weiterentwickelten Technologie beobachten wir mittlerweile
dasselbe Phänomen noch für eine weitere Art Medium: Durch
Rezyklieren von Fernsehvideos lässt sich
auf dem Web keine gute Nutzererfahrung erzeugen.
Das Web ist ein eigenständiges Medium. Wir scheinen dazu
verdammt zu sein, diese Lektion immer und immer von Neuem
machen zu
müssen.
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