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Alle gross angelegten,
viele Benutzer umfassenden Communities und sozialen
Online-Netzwerke, die sich darauf verlassen, dass Benutzer
Inhalte beisteuern oder Dienste aufbauen, haben eines
gemeinsam: Die meisten Benutzer beteiligen sich kaum.
Oft kiebitzen sie bloss im Hintergrund.
Im Unterschied dazu ist
eine winzige Minderheit der Benutzer gewöhnlich für einen überproportional
grossen Anteil der Inhalte und anderer System-Aktivitäten
verantwortlich. Dieses Phänomen der ungleichen Beteiligung
hat Will Hill in den frühen 1990er Jahren erstmals gründlich
erforscht, als er im gleichen Flur wie ich bei Bell
Communications Research gearbeitet hat (siehe Referenzen
unten).
Wenn man die Summe der
Aktivitäten für jeden Benutzer visualisiert, entsteht eine
Zipf-Kurve, die in einem doppellogarithmischen Diagramm als
gerade Linie erscheint.
Die Beteiligung der
Benutzer folgt oft mehr oder weniger einer 90:9:1-Regel:
- 90% der Benutzer sind
Kiebitze (d. h. sie lesen und beobachten, ohne etwas
beizutragen).
- 9% der Benutzer tragen
von Zeit zu Zeit etwas bei, haben aber überwiegend andere
Prioritäten.
- 1% der Benutzer
beteiligen sich stark und sind für die meisten Beiträge
verantwortlich: Manchmal scheint es, als führten sie gar kein
eigenes Leben, weil oft schon Minuten nach irgendeinem
Ereignis ihr Kommentar dazu erscheint.
Frühe
Forschungsergebnisse zur Ungleichheit
Bevor es das Web gab,
haben Forscher bereits die ungleiche Beteiligung an Medien wie
Usenet-Newsgroups, CompuServe-Bulletin-Boards,
Internet-Mailinglisten oder internen Diskussionsforen grosser
Unternehmen dokumentiert. Eine Untersuchung von über 2
Millionen Nachrichten im Usenet hat ergeben, dass 27% der
Beiträge von Leuten stammten, die nur eine einzige Nachricht
hinterlassen hatten. Die aktivsten 3% der Autoren hatten
dagegen 25% aller Nachrichten verfasst.
Nach der Usenet-Studie
von Whittaker u. a. war es für einen zufällig
herausgegriffenen Beitrag gleich wahrscheinlich, von einem der
580.000 Gelegenheits-Autoren zu stammen wie von einem der
19.000 ständigen Autoren. Wenn Sie die »Befindlichkeiten
einer Community« einschätzen wollen, ist es offensichtlich
hochgradig unfair, wenn die 19.000 Mitglieder der einen
Untergruppe gleich stark vertreten sind wie die 580.000
Mitglieder einer anderen Untergruppe. Wichtiger noch, solche
Ungleichheiten würden Ihnen ein Zerrbild der Community
vermitteln, weil mit Sicherheit grosse Unterschiede zwischen
Leuten existieren, die viel beitragen, und Leuten, die wenig
beitragen. Und von der schweigenden Mehrheit der Kiebitze würden
Sie überhaupt nie etwas hören.
Ungleichheiten im Web
Es gibt etwa 1,1
Milliarden Internet-Benutzer, aber nur 55 Millionen Benutzer
(5%) haben laut Technorati Weblogs. Schlimmer noch, es gibt
nur 1,6 Millionen Einträge pro Tag; weil einige Leute
mehrmals am Tag etwas eintragen, heisst das, nur 0,1% der
Benutzer tragen täglich etwas ein.
Blogs haben eine noch
ungleichmässigere Beteiligung als die, die sich in der
90:9:1-Regel der meisten Communities manifestiert. Bei Blogs
gilt eher die Regel 95:5:0,1.
Auch bei der Wikipedia
findet man eine Ungleichheit, bei der über 99% der Benutzer
Kiebitze sind. Laut der "Über-uns"-Seite der englischen
Wikipedia hat sie nur 68.000 Autoren; das sind 0,2% der 32
Millionen einmaligen Besucher, die sie allein in den USA hat.
Die aktivsten 1000
Wikipedianer – 0,003% ihrer Benutzer – liefern etwa zwei
Drittel aller Überarbeitungen der Website. Die Wikipedia ist
also noch asymmetrischer als Blogs mit einer Verteilung 99,8 :
0,2 : 0,003.
Ungleiche Beteiligungen
existieren an vielen Stellen im Web. Ein kurzer Blick auf
Amazon.com zum Beispiel zeigt, dass die Website Tausende von
Exemplaren eines Buches verkauft hat, für das es nur 12
Rezensionen gab, was bedeutet: Weniger als 1% der Kunden
liefern Rezensionen ab.
Mehr noch: Zu dem
Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen geschrieben habe, stammten
167.113 Buchrezensionen bei Amazon von einigen wenigen
Top-100-Rezensenten; der eifrigste Rezensent hatte gar 12.423
Rezensionen geschrieben. Wie irgendjemand so viele Rezensionen
schreiben kann – oder auch nur so viele Bücher lesen –
ist mir unbegreiflich, aber das ist ein klassisches Beispiel für
ungleiche Beteiligung.
Die Kehrseite der
ungleichen Beteiligung
Ungleiche Beteiligung ist
nicht unbedingt unfair, weil "manche Benutzer gleicher sind
als andere", um die Farm der Tiere fälschlich zu zitieren.
Wenn Kiebitze etwas beitragen wollen, ist ihnen das
normalerweise erlaubt.
Das Problem ist: Das
Gesamtsystem ist nicht repräsentativ für die Web-Benutzer.
Bei jeder beliebigen Website mit Benutzerbeteiligung hört man
fast ständig von den selben 1% der Benutzer, die sich mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den 90%
unterscheiden, von denen man nie etwas hört. Das kann aus
verschiedenen Gründen zu Schwierigkeiten führen:
- Kunden-Feedback. Wenn Ihr
Unternehmen Web-Beiträge liest, um Kunden-Feedback zu seinen
Produkten und Leistungen zu bekommen, ist Ihre Stichprobe
nicht repräsentativ.
- Reviews. Ähnlich
sieht es aus, wenn Sie als Kunde herausfinden wollen, welches
Restaurant Sie frequentieren oder welches Buch Sie kaufen
sollten: Online-Besprechungen repräsentieren nur eine winzige
Minderheit der Leute, die Erfahrungen mit diesen Produkten und
Leistungen haben.
- Politik. Wenn eine Partei
einen Kandidaten nominiert, der von »Netroots« (etwa: der
Online-Basis) unterstützt wird, wird sie mit hoher
Wahrscheinlichkeit verlieren, weil die Positionen solcher
Kandidaten für Durchschnittswähler zu extrem sind. Beiträge
in politischen Blogs kommen von weniger als 0,1% der Wähler,
meistens von strammen Linken (bei den Demokraten) oder von
strammen Rechten (bei den Republikanern).
- Suchergebnisse. Die
Ergebnisseiten von Suchmaschinen sind hauptsächlich danach
sortiert, wie viele andere Websites Links auf das jeweilige
Ziel enthalten. Wenn 0,1% der Benutzer die meisten dieser
Links setzen, riskieren wir, dass sich die Suchrelevanz noch
weiter von dem entfernt, was für die übrigen 99,9% der
Benutzer vonnutzen ist. Die Suchmaschinen müssen sich mehr an
Verhaltensdaten orientieren, deren Stichproben besser die
Gesamtheit der Benutzer repräsentieren; das ist der Grund,
weshalb sie dabei sind, Internet-Zugangsdienste aufzubauen.
Verhältnis zwischen
Signal und Rauschen. Foren ertrinken in flammenden und
qualitativ minderwertigen Beiträgen, was es schwierig macht,
die Perlen zu entdecken. Viele Benutzer hören auf, die
Kommentare zu lesen, weil sie keine Zeit haben, durch den
Sumpf von Beiträgen von Leuten zu waten, die wenig zu sagen
haben.
Wie man die ungleiche
Beteiligung überwindet
Das geht nicht.
Der erste Schritt zum
Umgang mit ungleicher Beteiligung ist es anzuerkennen, dass
sie uns immer begleiten wird. Sie hat in jeder
Online-Community und jedem Dienst für viele Benutzer
existiert, die jemals untersucht wurden.
Die einzige wirkliche
Wahl, die Sie hier haben, ist eine Änderung des Winkels der
Kurve. Geht es mehr in Richtung einer »gewöhnlichen«
90:9:1-Verteilung oder mehr in Richtung einer radikalen
99:1:0,1-Verteilung, wie sie in einigen sozialen Websites üblich
ist? Können Sie eine ausgeglichenere Verteilung von, sagen
wir, 80:16:4 hinbekommen? (Das heisst: Nur 80% Kiebitze, 16%
tragen etwas bei und 4% das meiste.)
Auch wenn die Beteiligung
immer etwas ungleich sein wird, gibt es Wege, sie besser
auszugleichen. Dazu gehören Folgende:
- Das Beitragen einfacher
machen. Je schlanker die Formalien sind, desto mehr Leute
werden durch den Ring springen. Netflix zum Beispiel lässt
die Benutzer Filme bewerten, indem man auf eine Sternenreihe
klickt, was viel einfacher ist, als eine Besprechung in natürlicher
Sprache zu schreiben.
- Beteiligung zum
Nebeneffekt machen. Besser noch, man lässt die Benutzer sich
mit dem Aufwand Null beteiligen, indem die Beteiligung als
Nebeneffekt einer anderen Aktion anfällt, die sie erledigen.
Die Amazon-Empfehlungen »Kunden, die sich diesen Artikel
angesehen haben, haben sich auch folgende Produkte angesehen«
sind ein Nebeneffekt des simplen Kaufvorgangs. Man muss nichts
weiter tun als seine Buchpräferenzen ins System einzugeben.
Will Hill hat für diesen Effekt den Begriff read wear
(Lesespuren) geprägt: Die schlichte Tätigkeit des Lesens
(oder Benutzens) von etwas »nutzt es ab« und hinterlässt
auf diese Weise ihre Spuren – so wie bei einem Kochbuch, das
sich automatisch bei dem Rezept aufschlägt, das man am häufigsten
auswählt.
- Überarbeiten statt
Verfassen. Lassen Sie die Benutzer Beiträge erstellen, indem
sie existierende Vorlagen modifizieren, statt ein komplettes
Werk aus dem Nichts heraus verfassen zu müssen. Eine Vorlage
zu überarbeiten ist reizvoller und hat eine sanftere
Lernkurve als der schreckliche Anblick einer leeren Seite. In
avatargestützten Systemen wie Second Life zum Beispiel
modifizieren die meisten Benutzer lieber einen vorgegebenen
Standard-Avatar als einen gänzlich neuen zu kreieren.
- Teilnehmer belohnen –
aber nicht zu sehr. Wenn Sie Leute für ihre Beiträge
belohnen, hilft das, Benutzer zu motivieren, die ein Leben
ausserhalb des Internets führen, und verbreitert so Ihre
Teilnehmerbasis. Geld ist zwar immer gut, aber stattdessen können
Sie den Autoren auch eine Vorzugsbehandlung zukommen lassen
(wie etwa Rabatte oder frühzeitige Information über neue
Ware), oder auch bloss ihr Profil mit goldenen Sternen
verzieren. Aber geben Sie den aktivsten Teilnehmern nicht zu
viel, sonst ermuntern Sie sie dazu, das System noch stärker
zu dominieren.
- Qualifizierte Autoren
herausstellen. Wenn Sie alle Beiträge in gleicher Form
anzeigen, gehen Leute, die nur dann etwas schreiben, wenn sie
etwas Wichtiges zu sagen haben, in der Materialflut unter, die
von dem hyperaktiven Prozent erzeugt wird. Stellen Sie
stattdessen gute Beiträge und Beiträge von Leuten, die ihren
Wert bereits gezeigt haben, besonders heraus – letzteres
etwa durch eine Reputationsrangfolge.
Das Design Ihrer Website
beeinflusst ohne Zweifel die ungleiche Beteiligung in die eine
oder in die andere Richtung. Sich das Problem bewusst zu
machen ist der erste Schritt dazu, es anzupacken; Wege zu
finden, die die Beteiligung verbreitern, wird um so wichtiger,
desto mehr die sozialen Netzwerkfunktionen im Web weiter
anwachsen.
Referenzen
Laurence Brothers, Jim Hollan, Jakob Nielsen, Scott Stornetta,
Steve Abney, George Furnas, and Michael Littman (1992): "Supporting
informal communication via ephemeral interest groups," Proceedings
of CSCW 92, the ACM Conference on Computer-Supported
Cooperative Work (Toronto, Ontario, November 1-4,
1992), pp. 84-90.
William C. Hill, James D. Hollan, Dave Wroblewski, and Tim
McCandless (1992): "Edit wear and read wear," Proceedings
of CHI'92, the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing
Systems (Monterey, CA, May 3-7, 1992), pp. 3-9.
Steve Whittaker, Loren Terveen, Will Hill, and Lynn Cherny
(1998): "The dynamics of mass interaction," Proceedings
of CSCW 98, the ACM Conference on Computer-Supported
Cooperative Work (Seattle, WA, November 14-18, 1998),
pp. 257-264.
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