|
Neulich bin ich auf der Registrierungsseite einer grösseren Website auf den
folgenden Kasten gestossen. Er enthält mindestens zwei Designfehler. Schauen
Sie, ob Sie die Fehler finden, bevor Sie weiterlesen.
Fehler Nummer 1 hat mit dem Schwerpunkt dieses Beitrags zu tun: der falschen
Verwendung von Checkboxen anstatt Radio-Buttons. Weil die beiden Alternativen
oben sich gegenseitig ausschliessen, sollte die Seite den Benutzern
Radio-Buttons anbieten, die nur eine Auswahl zulassen.
Fehler Nummer 2 ist es, gleich zwei Fragen auf einmal zu stellen und diese
dann auch noch in einen grossen, wortreichen Kasten zu setzen. Eine einzelne,
kürzere Frage wäre an dieser Stelle viel passender: "Ja, bitte senden Sie
mir Informationen über aktuelle Produkte, Lösungen, Dienstleistungen und
Weiterbildungsmöglichkeiten."
Ironischerweise wäre dann für den Fall mit nur einer Frage eine einzelne
Checkbox korrekt gewesen, denn dann würde der Benutzer mit Ja oder Nein
antworten. Die Empfehlung auf Grund von Benutzertests mit E-Commerce-Sites
lautet, die Checkbox in der Grundeinstellung leer zu lassen, damit die Benutzer
sie aktiv anklicken müssen, um sich für weitere Informationen anzumelden.
Wann man welche Bildschirmschalter verwendet
Seit der allerersten Ausgabe von Inside Macintosh, 1984, ist die Regel
immer gleich geblieben, wann man Checkoxen und wann man Radio-Buttons verwendet.
Alle späteren GUI-Standards und die offiziellen W3C-Web-Standards haben die
Definition dieser beiden Schalter übernommen:
- Radio-Buttons verwendet man für Listen mit zwei oder mehr
Optionen, die sich gegenseitig ausschliessen, aus denen der Benutzer
sich für genau eine Option entscheiden soll. Mit anderen Worten, jeder
Klick auf einen leeren Radio-Button löscht die Auswahl, die man in der
Liste bereits getroffen hat.
- Checkboxen verwendet man, wenn der Benutzer aus einer Liste von
Optionen eine beliebige Anzahl auswählen kann, sei es null, eine
oder mehrere. Mit anderen Worten, jede Checkbox ist unabhängig von den
anderen Checkboxen in der Liste; wenn man eine davon anklickt, bleibt die
vorher getroffene Auswahl bestehen.
- Eine einzelne Checkbox verwendet man für eine einzelne Option, die
der Benutzer an- oder abschalten kann.
Hört sich einfach an, oder? - Doch oft stosse ich auf Websites, die
Radio-Buttons und Checkboxen falsch verwenden. Auch nach zwanzig Jahren ist es
daher angebracht, diese Richtlinien noch einmal festzuhalten.
Weitere Richtlinien
- Verwenden Sie standardisierte visuelle Symbole. Eine Checkbox
sollte ein kleines Quadrat sein, das im angeklickten Zustand ein Häkchen
oder ein X hat. Ein Radio-Button sollte ein kleiner Kreis sein, der einen
ausgefüllten Kreis in der Mitte trägt, wenn er angeklickt ist.
- Stellen Sie Gruppen von Optionen visuell auch als Gruppen dar, und
heben Sie sie deutlich von anderen Gruppen auf der Seite ab. Das
Kastenbeispiel oben verletzt diese Richtlinie, weil das Layout den Anschein
erweckt, die beiden Checkboxen stünden für verschiedene Themenbereiche,
während es in Wirklichkeit alternative Optionen für ein und denselben
Gegenstand sind.
- Verwenden Sie Zwischenüberschriften, um eine lange Liste von
Checkboxen in logische Gruppen zu gliedern. Dadurch ist die Auswahl
schneller zu überfliegen und leichter zu verstehen. Das Risiko besteht,
dass die Benutzer jede Untergruppe als eigenständigen Satz von Optionen
ansehen, aber für Checkboxen ist das nicht unbedingt fatal - in jedem
Fall steht jede Box für eine unabhängige Auswahl. Eine Liste von
Radio-Buttons dagegen muss immer einheitlich erscheinen, darf also nicht
mit Zwischenüberschriften aufgegliedert werden.
- Ordnen Sie die Listen senkrecht an, mit einer Auswahl pro Zeile.
Wenn Sie eine waagerechte Anordnung mit mehreren Optionen pro Zeile
verwenden müssen, stellen Sie sicher, dass die Abstände zwischen den
Schaltern und Beschriftungen keinen Zweifel daran lassen, welcher Schalter
zu welcher Beschriftung gehört. In der folgenden Liste ist es zum Beispiel
schwierig, den richtigen Radio-Button für Option vier auszumachen:
- Beschriften Sie Checkboxen in positiver, aktiver Sprache, damit eindeutig
ist, was passiert, wenn der Benutzer die Checkbox anwählt. Mit anderen Worten,
vermeiden Sie Negationen wie "Bitte senden Sie mir keine weiteren
E-Mails", bei denen der Benutzer eine Box anklicken muss, damit etwas nicht
passiert.
- Formulieren Sie die Checkbox-Beschriftungen derart, dass die Benutzer sowohl
wissen, was passiert, wenn sie eine bestimmte Box anklicken, als auch, was
passiert, wenn sie sie nicht anklicken.
- Wenn das nicht möglich ist, ist es besser, zwei Radio-Buttons zu verwenden -
einen für "Funktion an", einen für "Funktion aus" - und
beide Fälle eindeutig zu beschriften.
- Setzen Sie wenn möglich Radio-Buttons anstelle von Drop-Down-Menüs.
Radio-Buttons sind oft besser, weil sie alle Optionen permanent sichtbar machen
und der Benutzer sich seine Entscheidung besser überlegen kann. Ausserdem sind
Radio-Buttons leichter zu bedienen von Nutzern mit Schwierigkeiten, präzise
Mausbewegungen auszuführen. (Platzmangel kann Sie gelegentlich zwingen, gegen
diese Richtlinie zu verstossen - aber versuchen Sie, wo immer möglich die
Optionen sichtbar zu machen.)
- Bieten Sie für Radio-Button-Listen immer eine Vorauswahl an. Per Definition
ist bei Radio-Buttons immer genau eine Option ausgewählt, deshalb sollten Sie
sie nicht ohne eine Vorauswahl anzeigen. (Checkboxen dagegen erscheinen meist
ohne Vorauswahl.)
- Falls die Benutzer die Möglichkeit haben sollen, eine Auswahl zu
überspringen, müssen Sie einen Radio-Button für diese Option anbieten - etwa
einen mit der Aufschrift "Nichts dergleichen". Es ist dabei besser,
den Benutzern auch eine ausdrücklich neutrale Option anzubieten als dass sie
implizit versuchen, nichts aus der Liste auszuwählen, besonders weil letzteres
gegen die Richtlinie verstösst, dass immer genau eine Option ausgewählt sein
soll.
- Weil Radio-Buttons genau eine Auswahl verlangen, müssen Sie sicher
stellen, dass die Optionen wirklich alle Fälle abdecken und sich auch
eindeutig voneinander unterscheiden. In Tests mit älteren Benutzern zum
Beispiel konnten die Leute ein Formular nicht ausfüllen, das von ihnen
verlangte, einen Beruf auszuwählen, weil es keine Option "im
Ruhestand" gab. Sollte es nicht möglich sein, sämtliche Fälle
abzudecken, bieten Sie einen Knopf mit der Aufschrift "Sonstiges" an,
mit einem Eingabefeld daneben.
- Ermöglichen Sie eine Auswahl sowohl durch Anklicken des
Buttons bzw. der Box selbst als auch durch Anklicken der dazugehörigen Beschriftung. Gemäss dem Fitts'schen Gesetz ist ein grösseres Ziel schneller
anzuklicken. In HTML-Formularen können Sie das leicht erreichen, indem Sie jede
Beschriftung mit <label>-Tags kodieren, wie ich es oben bei dem Beispiel
mit den waagerechten Radio-Buttons getan habe (klicken Sie auf das Wort
"vier", um die Option auszuwählen). Beim Testen von Web-Applikationen
in Flash haben wir herausgefunden, dass Benutzerfehler weiter reduziert werden
können, wenn man Klickbereiche grosszügig bemisst und ein paar Pixel über das
sichtbare Klickfeld hinausragen lässt. (Dieser Effekt ist mit HTML schwer zu
erreichen, aber mit ein paar CSS-Tricks liesse sich das implementieren.)
- Legen Sie Tastaturkürzel für häufig benutzte Checkboxen und Radio-Buttons
fest, damit die Benutzer Ihre Auswahl rasch über die Tastatur treffen können.
Das steigert die Barrierefreiheit für behinderte Nutzer und beschleunigt zudem
die Bedienung für erfahrene Benutzern. (In meinem Beispiel mit den waagerechten
Radio-Buttons können Sie ALT-5 eingeben, um die Option "Fünf"
auszuwählen.)
- Wenn es Standards für Tastencodes gäbe, würde ich empfehlen, diese zu
befolgen. Leider haben wir derzeit noch keine entsprechenden Standards. Legen
Sie stattdessen innerhalb Ihrer Organisation einen Standard für häufig
vorkommenden Optionen fest, damit jede Option in Ihrer Website und in Ihrem
Intranet die gleichen Kürzel hat.
- Verwenden Sie Checkboxen und Radio-Buttons nur, um Einstellungen zu
verändern, und nicht als Aktionsschalter zur Auslösung von irgendetwas.
Ausserdem sollten die veränderten Einstellungen immer erst dann greifen, wenn
der Benutzer einen Eingabeknopf betätigt (zum Beispiel mit der Aufschrift
"OK" oder "Weiter zu X", wenn "X" der nächste
Schritt eines Vorgangs ist).
- Wenn der Benutzer den "Zurück"-Knopf anklickt, sollten alle über
Checkboxen und Radio-Buttons vorgenommenen Änderungen rückgängig gemacht und
die ursprünglichen Einstellungen wiederhergestellt werden. Die gleiche
Richtlinie gilt natürlich auch, falls der Benutzer einen "Abbruch"-Knopf
("Cancel") anklickt (wobei Webseiten mit Navigation eigentlich keine
Abbruch-Option brauchen, weil der "Zurück"-Knopf dem gleichen Zweck
dient).
- Wenn ein Anwender zuerst "Zurück" und dann "Vorwärts"
drückt, interpretiert man das am besten im Sinne des "Rückgängig"
und "Wiederherstellen"-Funktionspaares, d.h. die ganze Erscheinung und
alle Eingaben sollten sich so präsentieren, als ob der Anwender nie auf den
"Zurück"-Knopf gedrückt hätte. Änderungen sollten noch keine
Auswirkungen auf später haben, bevor der Anwender im nächsten Schritt auf
"OK" oder etwas in dem Sinne klickt.
Warum diese Richtlinien wichtig sind
Betreibe ich bloss Haarspalterei, wenn ich auf dem korrekten Gebrauch von
Checkboxen und Radio-Buttons bestehe? - Nein. Es gibt gute Usability-Gründe
dafür, die GUI-Standards zu befolgen und die Schalter korrekt zu verwenden.
Hauptgrund: Das Befolgen von Design-Standards verbessert die Fähigkeit der
Anwender vorauszusagen, was ein Schalter tun wird und wie sie ihn bedienen
müssen. Wenn sie eine Liste von Checkboxen sehen, wissen sie, dass sie mehrere
Optionen auswählen können. Wenn sie eine Liste von Radio-Buttons sehen, wissen
sie dagegen, dass sie nur eine auswählen können. (Natürlich wissen das nicht
alle Benutzer, aber viele, zumal das seit 1984 Design-Standard ist.)
Weil viele Benutzer wissen, wie man Standard-GUI-Funktionen bedient, stärkt ein
korrekter Einbau dieser Design-Elemente ihr Gefühl der
Kontrolle, das Gefühl,
die Technik zu beherrschen. Wenn man die Standards verletzt, fühlt sich die
Benutzeroberfläche dagegen brüchig an - so, als ob alles Mögliche passieren
könnte. Stellen wir uns zum Beispiel vor, dass Sie durch Ihre Erfahrung davon
ausgehen, einen Radio-Button ohne sofortige Wirkung anklicken und Ihre
Entscheidungen dann solange noch ändern zu können, bis Sie auf "OK"
klicken. Sie würden vermutlich entsetzt ausrufen, wenn die Website diesen
Standard verletzt und Sie unerwartet auf die nächste Seite befördert, sobald
Sie eine Auswahl getroffen haben. Schlimmer noch: Sie werden verunsichert, weil
Sie nicht wissen, was alles passieren könnte, wenn Sie irgendwo anders in der
Site mit Formularen arbeiten.
Die grössten Usability-Probleme für Checkboxen und Radio-Buttons stammen aber
von unklaren, irreführenden Beschriftungen oder davon, dass Optionen so
beschrieben werden, dass sie für Durchschnittsnutzer unmöglich zu
interpretieren sind. Eine Kontexthilfe kann das letztere Problem beheben, aber
noch besser ist es, jeden wichtigen Satz Interaktionsschalter mit Benutzern zu
testen. Zum Glück sind Checkboxen und Radio-Buttons leicht mit Papierprototypen
zu testen, so dass man nicht erst etwas implementieren muss, um zu erkennen, ob
die Benutzer die Beschriftungen verstehen und die Schalter korrekt benutzen
können.
Kein professioneller Interaktionsdesigner würde den Fehler machen, Checkboxen
zu verwenden, wo Radio-Buttons angezeigt sind. Der Unterschied zwischen diesen
beiden Schaltern ist eines der ersten Dinge, die in jedem Interaktionskurs
gelehrt werden. Daher noch ein letzter Grund, die richtigen Schalter zu
verwenden: Wenn Sie es nicht tun, hält man Sie für einen Amateur.
|