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Mein kürzlich vorgenommener Vergleich der E-Mail-Newsletter der Bush- und der Kerry-Kampagnen ergab, dass beide Kampagnen Newsletter mit zwar guten Inhalten aber ernsten Mängeln in der Benutzeroberfläche veröffentlichen. Die Washington Post bietet einen Newsletter namens Weekly Campaign Report (Wochenbericht zu den Wahlkampagnen) an, der erklärtermassen vielfach die gleichen Themen abdeckt wie die Newsletter der beiden Kandidaten. Deshalb habe ich mich daran gemacht, die Frage zu beantworten: Ist der E-Mail-Newsletter eines professionellen Verlags eigentlich besser als diejenigen der Wahlkampf-Sites? Das Ergebnis: ein Grand-Slam-SiegerDie Abonnier- und Abbestelloberflächen von washingtonpost.com evaluierte ich am 21. September, den entsprechenden Newsletter selbst in einem vierwöchigen Zeitraum vom 6. September bis 3. Oktober 2004. Ich habe Website und E-Mails danach bewertet, wie weit sie meine Design-Richtlinien für Newsletter-Usability einhalten, welche auf unserer neuesten Forschung mit Nutzern beruhen, die bereits eine grosse Zahl von E-Mail-Newslettern gelesen und abonniert haben. Die Washington Post schlägt sowohl George W. Bush als auch John Kerry mit links. Nicht nur ihr Gesamtergebnis ist deutlich besser, die Post heimste auch auf jedem der vier Haupt-Usability-Gebiete mehr Punkte ein als beide Kandidaten.
Wenn es darum geht, den Benutzern zu zeigen, was sie bei einem Abonnement
erwartet, schneidet Washingtonpost.com um Meilen besser ab als die Sites der
Präsidentschaftskampagnen. Im Grunde heisst es bei Bush und Kerry bloss:
"Gib uns deine E-Mail-Adresse, und wir senden dir irgendwelches
[unbestimmtes] Zeug." Das wirkt heutzutage nicht mehr so toll. Die Post
befolgt die meisten Richtlinien betreffend vorgängiger Aufklärung der Benutzer
- und stellt auf diese Weise auch gleich sicher, dass sich mehr Benutzer
einschreiben. Dass die Abonnieroberfläche der Post dennoch mit weniger als
100% abschneidet, liegt hauptsächlich daran, dass sie von den Benutzern eine Registration
verlangt und dabei auch noch eine Reihe von persönlichen Daten fordert. Die
Ursache dafür mag der verbreitete Mythos sein, dass demographische
Benutzerdaten für zielgerichtete Internetwerbung erforderlich seien; aber
Registrierungen behindern die Usability und vertreiben Abonnenten. Unter dem
Strich hat man dann niedrigere Werbeerlöse. (Ohnehin sollte man persönliche
Werbung aufgrund des tatsächlichen Verhaltens jedes einzelnen Benutzers
erstellen, also gewissermassen für ein einköpfiges Volk; dies ist viel
ergiebiger, als die Leute als stereotype Mitglieder grosser Gruppen zu
behandeln.) Erstaunlicherweise missachtet washingtonpost.com stellenweise die
grundlegende Richtlinie, Newsletter im entsprechenden Kontext anzubieten.
Sie versäumt es nämlich, von passenden Onlineartikeln aus direkt auf die
Newsletter zu verlinken. Allerdings ist zumindest die Kapitelseite "2004
Election" auf den Newsletter verlinkt, so dass ich für diese
Richtlinie dennoch die halbe Punktzahl geben konnte. Doch in Dan Froomkins
Kolumne "Aus dem Weissen Haus" vom 21. September wurde der Newsletter
nicht erwähnt, obwohl das die zweitprominenteste Geschichte auf der Startseite
war, mit der Schlagzeile "Let the Debate Spin Begin" ("Ring frei
zur Diskussionsrunde"). Die Überschrift alleine zog wahrscheinlich viele
Leser an, die potenzielle Abonnenten gewesen wären. Washingtonpost.com
schneidet ebenfalls schlecht ab, wenn es darum geht, über die Navigation zum
Newsletter zu gelangen. Doch habe ich ihr ein paar Punkte gegeben wegen
guter Implementierung von Usability-Richtlinien bei der Suche: Wenn die Leute
"subscribe" (Abonnieren) oder "newsletters" suchen, finden
sie ganz oben auf der Ergebnisliste einen eindeutigen Link zu den Newslettern im
"Das-ist-es"-Stil. Eine Suche nach "unsubscribe"
(Abbestellen) brachte allerdings kein Ergebnis und keinerlei Hinweis darauf, was
man tun muss - noch nicht einmal einen Link zur Hilfe oder zur Sitemap. Wenn die
Benutzer die Sitemap finden, ist Ihnen geholfen, denn sie befolgt viele der
Richtlinien für Sitemap-Usability, mit Ausnahme, dass sie sich nicht wie
empfohlen "site map", sondern "site index" nennt. Die
Sitemap versäumt es auch, einen Link zum Newsletter-Bereich anzubieten. Wenn es ans
Abbestellen geht, stellt die Post dem Nutzer ein weiteres Bein in Sachen
Usability: Der Newsletter folgt nämlich nicht der Empfehlung, einen
Ein-Klick-Prozess zum Abbestellen anzubieten. Stattdessen muss sich der Benutzer
einloggen, und dafür muss er sich an seine Passwörter erinnern. - Dies
ist als schwerer Mangel einzustufen. Zumindest bietet die Seite eine
anständige Funktion an, vergessene Passwörter wieder zu beschaffen, was das
Usability-Problem ein Stück weit behebt, dass die Benutzer sich erst einloggen
müssen, um aus der Mailingliste herauszukommen. Wenn die Benutzer sich einmal
eingeloggt haben, ist es leicht, sowohl einzelne Newsletter als auch alle
gemeinsam abzubestellen. - Eine gute Lösung. In einigen Fällen ist es
möglich, die Newsletterfrequenz zu ändern und von einem täglichen in
einen wöchentlichen Turnus umzuschalten, falls Benutzer sich mit E-Mails
überhäuft vorkommen. Das ist grundsätzlich begrüssenswert, allerdings fehlt
eine Auffangoberfläche, die einem einen entsprechenden wöchentlichen Newsletter als
Ersatz anbieten würde, falls man den täglichen Newsletter abbestellt.
Die Site verlässt sich darauf, dass die Benutzer solche Alternativen in einer
langen Liste möglicher Newsletter selber wahrnehmen - doch das halte ich für
eher unwahrscheinlich, wenn ein Benutzer unter Zeitdruck steht und einfach nur
abbestellen möchte. Bei den Newsletterinhalten schneidet die Post sehr gut ab, aber das schafften
die Präsidentschaftskandidaten ebenfalls. Vom Personal einer führenden Zeitung
erwartet man schliesslich, dass es schreiben und redigieren kann, und so ist es
hier auch; die Post sammelt auf diesem Feld ein paar Punkte mehr als die
Newsletter der beiden Präsidentschaftskampagnen. Ihre Schlagzeilen
sind kurz und bündig (gut so), aber nicht immer spezifisch genug für ein
Online-Medium (schlecht). Zum Beispiel trug der Newsletter vom 8. September die
Überschrift "Over the Top" ("Übers Ziel hinaus"), was die
Hauptaussage des Newsletters nicht völlig klärt. Eine Betreffzeile wie "Campaign
Rhetoric Takes a Nasty Turn" ("Die Kampagnenrhetorik nimmt eine üble
Wende") hätte eine höhere Öffnungsrate erzeugt. Die Zwischenüberschriften
sind oft genau auf den Punkt gebracht (gut so), z.B. "Poll Analysis"
("Analyse der Umfragenzahlen") oder "Kerry Blasts Bush on Guns"
("Kerry haut Bush die Waffen um die Ohren"). Für die einfache Aufgabe
zum Ausdruck des Newsletters gibt es nur die halbe Punktzahl, weil die rechte
Seite des Ausdrucks abgeschnitten wird, wenn der Benutzer in seinem
E-Mail-Programm einfach den "Drucken"-Knopf betätigt. Das verhexte
starre Layout schlägt mal wieder zu. Die Werbung wird angemessen
gehandhabt und trübt das Benutzererlebnis nicht - ausser, dass
redaktionelle Inhalte manchmal allzu sehr nach Anzeigen aussehen, so dass die
Benutzer sie deshalb übersehen könnten. Die äussere Ähnlichkeit zu Anzeigen
stellte lange Zeit einen der häufigsten Webdesignfehler dar und sollte
vermieden werden. Ist es unfair, die Newsletter der Präsidentschaftskampagnen mit demjenigen
einer grossen Zeitung zu vergleichen? - Ich denke nicht. Es wäre natürlich
unfair, wenn man einen Vergleich zwischen einem professionellen
Medienunternehmen und jemandem anstellen
würde, der Bürgermeister von Pusemuckel werden will. Aber
Präsidentschaftskampagnen sind ja etwas anderes: Sie verfügen beide über ein Budget von
mehr als 300 Mio. $. Und nebenbei bemerkt spielt das Geld keine so grosse Rolle;
viele der besten Designs in unserem Test mit 111 E-Mail-Newslettern wurden von
ziemlich kleinen Firmen veröffentlicht. Die meisten Fehler der Kandidaten könnten
schon mit minimalen Ressourcen behoben werden - oft sogar ohne Programmieren. Eines
der grössten Probleme war auch nicht der Mangel an Schreibkunst, sondern der an
redaktionellem Fingerspitzengefühl. Die Newsletter von Bush und Kerry haben
ihre Usability-Werte etwas verbessert, seit ich sie evaluiert habe. Das Gute
daran ist: die Kampagnenmanager sind in der Lage, aus ihren Erfahrungen zu
lernen. Dennoch gibt es keine Entschuldigung dafür, dass sie noch im August Fehler
machten, die die Benutzerforschung bereits zuvor klar dokumentiert hatte.
Was Ihnen wegen dieser Fehler an Abonnenten durch die Lappen gegangen ist, haben
sie wahrscheinlich
für immer verloren. Benutzer, die sich bereits einmal gegen ein Onlineangebot
entschieden haben, sind schwer zu reakquirieren. Die Washington Post weist
eindeutig ein gutes Potenzial für E-Mail-Newsletter auf. Das Team der Webdesigner
und die Newsletter-Redakteure der Post haben ganze Arbeit geleistet und sowohl
George W. Bush als auch John Kerry meilenweit geschlagen. Der Newsletter der
Post ist auch besser als das Gros jener Firmen-Websites und Internethändler,
die wir evaluiert hatten. Ja, die Usability könnte noch besser sein (ich bin
nie zufrieden), aber ich schliesse mit einem: "Gute Arbeit, Jungs!"
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