Ich habe in vielen Kolumnen über die Unterschiede zwischen
Internet und Fernsehen geschrieben, die man kurz zusammenfassen
kann in der Alternative "sich zurücklehnen oder sich
vorbeugen":
- Im Web sind die Benutzer engagiert und wollen
irgendwo hingehen und dort etwas erledigen. Das Web ist ein aktives
Medium.
- Wenn man fernsieht, will man als Zuschauer
unterhalten werden. Man stellt um auf Entspannung und Abhängen.
Man will nicht wählen müssen. Fernsehen ist ein passives
Medium.
Das heisst nicht, dass es keine unterhaltsamen Websites oder
informative Fernsehsendungen geben kann. Aber es heisst, dass
die entgegen gesetzten Stile dieser beiden Medien
unterschiedliche Ansätze für Unterhaltung und Bildung
erfordern.
Die Unterschiede zwischen Druckwerken und dem Web mögen weniger
gross erscheinen, aber um optimale Ergebnisse zu erzielen,
erfordert jedes Medium einen eigenen Textstil.
Zum Beispiel: Tall Travelers (Grosse Touristen)
Neulich habe ich in der New York Times einen Artikel
über die Probleme grosser Menschen beim Reisen gelesen: "Coping
With the Tall Traveler's Curse". Die Schlagzeile ist
ein gutes Beispiel für die Unterschiede zwischen dem Stil
gedruckter Texte und dem Stil von Online-Texten:
- Gedruckt wirkt eine Formulierung wie »Der Fluch der Grösse«
durchaus verlockend und kann Leser anziehen. Weil der
Artikel auch ein Foto von einem langen Lulatsch zeigte, der
sich gerade auf dem Rücksitz eines Taxis zusammenfaltet,
war das Thema für jeden klar, der einen Blick auf die Seite
warf.
- Im Gegensatz dazu würde die gleiche Schlagzeile online
gegen mehrere Richtlinien des Schreibens fürs Web
verstossen:
- Die ersten drei Wörter haben keine informative
Bedeutung. Im Web muss man mit Wörtern wie »Grosse
Touristen« beginnen, weil die Benutzer oft den linken
Rand von aufgelisteten Themen überfliegen. Wenn die
ersten Wörter sie nicht aufmerksam machen, sehen sie die
hinteren Wörter eines Links gar nicht.
- Der Schlagzeile fehlen Schlüsselwörter wie »Flugzeugsitze«
oder »Hotelbetten«, die für die
Suchmaschinen-Optimierung wichtig sind. Niemand sucht das
Wort »Fluch«, wenn er herausfinden will, welche Hotels
extralange Betten anbieten oder welche Fluglinie Sitze
hat, die für Reisende mit langen Beinen weniger unbequem
sind als üblich.
- Die Worte »Der Fluch der Grösse« sind nicht
spezifisch genug, um den Benutzern sagen zu können,
wovon die Geschichte handelt. Weil Schlagzeilen oft losgelöst
vom Artikel als reiner Link präsentiert werden, ist in
einem solchen Fall das Foto von dem armen Kerl im Taxi
nicht da, um zu sagen, worum es geht. Im Internet muss die
Schlagzeile alleine eine genügend starke „Informationsfährte“
haben, damit die Benutzer voraussehen können, was sie
bekommen, wenn sie den Link anklicken.
Obwohl ich selber nicht gerade gross bin, habe ich in der
gedruckten Zeitung den ganzen Artikel gelesen. Warum? weil er
gut geschrieben war und einige interessante Anekdoten über
grosse Geschäftsreisende enthielt, bis hin zur Geschichte einer
grossen Managerin, die sich in einem Hotelzimmer hinknien
musste, um einen Kosmetikspiegel benutzen zu können.
Auf nytimes.com hätte ich denselben Artikel niemals gelesen,
weil es der Geschichte sowohl an Dringlichkeit als auch an Nützlichkeit
fehlte. Zwar hätte der Artikel auch Online sicher ein paar
Seitenabrufen bekommen, aber sein Stil ist nicht optimal, um
Informationen im Web zu präsentieren.
Das Internet belohnt umfangreiche Abhandlungen, die spezifischer
sind als gedruckte Texte. Im Web sollte ein Artikel für grosse
Reisende zum Beispiel Ranglisten von Flugzeugsitzen und
Hotelbetten der grossen Fluglinien und Hotelketten anbieten.
Noch besser wäre es, dabei zwischen grossen Männern und
grossen Frauen sowie zwischen etwas grösseren und riesenhaften
Menschen zu differenzieren.
Dieser detailliertere Ansatz funktioniert online, weil dort der
Inhalt durchsuchbar ist, weil man ihn sortieren und jedem
Benutzer eine persönliche Ansicht zeigen kann. Angenommen z.B.,
Sie sind 2 Meter gross wie der Mann auf dem Foto des Artikels,
und sie wollen mit United Airlines von San Francisco nach
Chicago fliegen. Eine gute Webseite würde Ihnen sagen, welches
abfliegende Flugzeug die beste Sitzaufteilung für Sie hat und
welchen Sitz Sie buchen sollten.
Erzählender oder praktisch umsetzbarer Inhalt
Gedruckte Publikationen – von Zeitungsartikeln bis hin zu
Marketingbroschüren – enthalten lineare Inhalte, die oft in
einer entspannteren Haltung konsumiert werden als in jenem Lösungsjagdverhalten,
das charakteristisch ist für den hochwertigen Internetgebrauch.
In gedruckten Texten kann man die lineare Erzählung mit
Anekdoten und individuellen Beispielen aufpeppen; der Ansatz ist
eher das Geschichten-Erzählen. Im Internet wirken solche
Inhalte oft als Füller; sie bremsen die Benutzer ab und stehen
ihnen im Weg, wenn sie zum Punkt kommen wollen.
Zum Beispiel wirkt in gedruckter Form eine Abhandlung über Räume
im Palms Casino Resort in Las Vegas, die für grosse Menschen
geeignet sind, durchaus interessant. Online ist das nicht der
Fall, wenn ein Benutzer nach solchen Räumen in Chicago sucht
(oder wo auch immer er oder sie nächste Woche hinreisen will).
Webtexte müssen knapp formuliert sein und schnell auf
den Punkt kommen, weil die Benutzer wahrscheinlich von einer
bestimmten Aufgabe getrieben sind. In vielen Fällen haben sie
die Seite über eine Suche erreicht. Web-Benutzer wollen praktisch
umsetzbare Inhalte; sie wollen ihre Zeit nicht mit (zu
anderer Gelegenheit vergnüglichen) Geschichten verplempern, die
ihre aktuellen Vorhaben nur am Rande berühren.
Anstatt eine vorgefertigte Erzählung zu liefern, müssen
Websites die persönliche Geschichte des Benutzers unterstützen,
indem sie grosse Mengen von Informationen zu etwas kondensieren
und kombinieren, das haargenau zu den aktuellen Bedürfnissen
des Benutzers passt. Das heisst im Web tritt eine vom Benutzer
betriebene Erzählung an die Stelle der vom Autor betriebenen.
Die erzählende Darstellung im Gedruckten ruft nach wohl
formulierten, kompletten Sätzen. Online ist das weniger
der Fall. In Fragmenten kann man oft die informationsträchtigen
Schlüsselwörter an den Anfang stellen und gleichzeitig überflüssigen
Blabla-Text wegstreichen. Da Webbenutzer nur
18% von jedem zusätzlichen Text lesen, lohnt sich das
Streichen von Wörtern, auch wenn MS Word die Satzfragmente mit
anklagenden Schlangenlinien versehen wird.
E-Learning: ein Paradoxon?
Ich glaube weiterhin an die lineare, vom Autor betriebene
Erzählung für Bildungszwecke. Ich glaube einfach nicht,
dass das Web optimal ist, um solche Erfahrungen zu vermitteln.
Lasst uns stattdessen alte Erzählformen wie das Buch anpreisen
oder die Runde um ein flackerndes Lagerfeuer – oder ihr
modernes Gegenstück, den PowerPoint-Projector —, die man seit
500 bzw. 32.000 Jahren pflegt.
Ich schreibe weiterhin Bücher, und ich entwickle weiterhin
Trainingsseminare, weil ich glaube, dass diese Medien am besten
sind, um neue Konzepte gründlich zu erlernen.
Wir sollten akzeptieren, dass das Internet für das Lernen im
Grossen zu atemlos ist. Das ist kein Problem; wir haben auch
andere Medien, und jedes hat seine Stärke. Zugleich ist das
Internet perfekt für das gezielte und kurzfristige Erlernen
von Informationshäppchen – so weit der Lernende bereits einen
konzeptionellen Rahmen präsent hat, um die Fakten sinnvoll
einordnen zu können.
Beispielsweise habe ich das »Lernen am Lagerfeuer« auf die
Zeit vor 32.000 Jahren terminiert, also mit dem Aufkommen der
Hochkulturen und der Cro-Magnon-Menschen zusammengebracht.
Nicht, dass die Neandertaler keine Lagerfeuer besessen hätten
– sie hatten einfach nicht die kulturelle Tiefe der modernen
Menschen, deshalb denke ich nicht, dass ihr Geschichten-Erzählen
dem in meinen Seminaren glich. Habe ich mich wirklich daran
erinnert, dass die Cro-Magnon-Kultur vor 32.000 Jahren mit den Höhlenmalereien
von Lascaux begann? Nein, dieses kleine Faktum habe ich online
nachgeschlagen.
Für egoistische Leser schreiben
In linearen Medien, wie Druckwerken und Fernsehen, erwarten
die Leute, dass man an ihrer Stelle ein Erlebnis konstruiert.
Die Leser sind bereit, der Führung des Autors zu folgen.
Im nicht-linearen Hypertext kehren sich die Regeln um. Die
Benutzer wollen ihr eigenes Erlebnis konstruieren, indem
sie Inhalte aus vielfältigen Quellen zusammenstückeln und
dabei ihre aktuellen Wünsche im Blick haben. Die Leute kommen
mit einer bestimmten Absicht auf eine Website, und unerbittlich
verfolgen sie ihr eigenes Interesse und weisen alles zurück,
was die Website forcieren will. Die Banner-Blindheit ist nur
die extremste Manifestation dieses Egoismus.
Besonders auf kommerziellen Websites – egal ob B-to-C
E-Commerce oder spezielle B-to-B-Websites — picken
sich die Benutzer die Rosinen aus den Informationen heraus und
konzentrieren sich ganz eng auf das, was sie haben wollen. Wenn
Sie klug sind, schreiben Sie Ihren Text entsprechend: Machen Sie
Ihre Inhalte praktisch verwendbar und legen Sie sie in
den Fokus der Benutzerbedürfnisse.
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