|
Zusammenfassung
Die vergangenen 200 Jahre haben die Zentralisierung vorangetrieben
und den menschlichen Alltag auf eine Weise verändert, die der
Evolution widerspricht. Das Internet wird wieder eine besser
ausbalancierte, dezentralisierte Lebensweise entstehen lassen.
|
In den vergangenen 200 Jahren hat die Menschheit auf eine Weise gelebt und
gearbeitet, die der Evolution widerspricht. Der Hauptschuldige, die
Industrialisierung, geht bis auf Watts Dampfmaschine von 1769 zurück, kam aber
erst 1801 mit Jacquards Webstuhl richtig unter Dampf, der mithilfe von
Lochkarten den Webevorgang automatisiert hat. In der Folge veränderten
zahlreiche technische Errungenschaften des 19. Jahrhunderts buchstäblich die
Welt.
Ehe ich sie niederreisse, sollte ich das positive Ergebnis der industriellen
Revolution anerkennen: Sie hat in ihrem 200jährigen Verlauf einen noch nie
dagewesenen Wohlstand erzeugt. In den meisten industrialisierten Nationen
besteht das grösste Gesundheitsproblem heutzutage darin, dass die Leute
übergewichtig werden, weil es zu viel zu essen gibt und das Essen zu billig
ist. Meine eigene Disziplin, die Usability, existiert nur, weil für die
materiellen Bedürfnisse so umfassend gesorgt wird, dass die Gesellschaft
Ressourcen der Frage widmen kann, wie man die Dinge einfach und zugleich
angenehm machen kann.
Folgen der Industrialisierung
Für den Zweck dieser Diskussion differenziere ich nicht zwischen klassischer
"Industrie" (produzierenden Betrieben) und anderen industriellen
Bereichen wie der mechanisierten Landwirtschaft oder der grossen Masse an
Unternehmen, wie sie im Buch "The Organization Man" beschrieben
werden.
Die Industrialisierung hatte folgende Konsequenzen:
- Massenprodukte vom Fliessband bringen jedem die gleichen
Sachen in wenig Varianten.
- Herstellung und Geschäftsleitung wurden aus
Kosteneffizienzgründen zentralisiert.
- Grossunternehmen entstanden entsprechend dieser Ökonomie der
Grösse.
- Die Distanz zwischen Entscheidungen und Umsetzung vergrösserte
sich parallel zum Unternehmen selbst. Dies machte mehrere
Managementebenen zwischen Geschäftsleitung und Arbeitern
erforderlich.
- Beschäftigung und Arbeitsplätze wurden zum vorherrschenden
Weg, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
- Zentralisierte Städte (und später Vorstädte) zogen die
meiste Bevölkerung an und konzentrierten sie auf einem kleinen Teil
der Landfläche der Länder.
- Arbeit und Freizeit fielen auseinander und fanden jeweils an
anderen Orten und zu andern Zeiten statt.
- Massenmedien (Fernsehen, Radio, Zeitungen, Zeitschriften,
Bücher, Kinofilme usw.) entstanden und fingen an, eine kleine Auswahl
von Botschaften an eine grosse Anzahl von Leuten auszustrahlen.
- Das Massenmarketing nutzte die Massenmedien, um
Massenprodukte an die arbeitenden Massen zu vertreiben.
- Die Konstruktion von Markenimages wurde zum wichtigsten
Mittel, um seine Marktposition in einer mit gleichartigen Produkten
überfüllten Massenmarketing-Umgebung behaupten zu können.
In ihrem Zusammenwirken führten diese Entwicklungen zu einer beispiellosen Zentralisierung
des menschlichen Lebens. Dieser Effekt steht im Gegensatz zu unserer wichtigsten
historischen Erfahrung als Menschen, die wir stets an Orten gelebt hatten, wo
wir jeden kannten; entweder für uns selbst oder direkt für den Anführer
einer eingeschworenen Gemeinschaft (etwa einer Jagdexpedition, eines
Bauernhofs oder in einer Werkstatt) gearbeitet haben; und wo Arbeit und Leben
eng miteinander verbunden waren (normalerweise dienten unsere Wohnungen
zugleich als unsere Arbeitsplätze).
Das Internet der Schafthirte
Diese Zwischenüberschrift ist nicht ganz ernst gemeint: Eine Rückkehr zur
Lebensweise der Hirten erwarte ich nicht und wünsche sie auch nicht. Aber ich
denke doch, dass das Internet viele positive, aber verloren gegangene Aspekte
der vorindustriellen Ära wiederbeleben kann:
- Individuell gestaltete Produkte anstelle von Massenprodukten.
Wenn ein Computer die Maschinen steuert, kann ein Unternehmen jeden
Gegenstand gemäss den individuellen Sonderwünschen des einzelnen
Kunden anfertigen. Das Internet ermöglicht eine effiziente
Übertragung dieser Wünsche in die Fabrik, und eine leicht zu
benutzende Website lässt die Benutzer schnell eingeben, was sie
wünschen. Mittlerweile kann man beispielsweise persönlich
zugeschnittene Grusskarten einzeln oder in Mengen fertigen lassen.
- Nischenprodukte sind leicht erhältlich und können gut
abgesetzt werden. Gemäss eines Artikels in Wired vom letzten Oktober
erzielt beispielsweise Amazon.com 57% seiner Umsätze mit 2,2
Millionen Büchern, die in kaum einem Buchladen zu finden sind.
Einzeln verkaufen sich solche Bücher in so wenigen Exemplaren, dass
sie ausserhalb des Internets noch nicht einmal in grossen Bookstores
mit einem 130.000-Titelbestand vorhanden sind. Bei Amazon verkauft
sich jedes dieser Bücher nur ein paar Mal pro Jahr, aber es gibt
Unmengen solcher Bücher.
- Virtuelle Unternehmen anstelle von grossen Firmen mit
zentralisierten Standorten. Kooperationssoftware, die zuvor aber noch
zahlreiche Verbesserungen bitter nötig hat, wird Leute besser
zusammenarbeiten lassen - selbst wenn sie sich an unterschiedlichen
Orten befinden und für unterschiedliche Firmen arbeiten. Projektteams
werden sich je nach benötigtem Expertenwissen zusammenfinden und nach
getaner Arbeit wieder auseinandergehen. Zum Beispiel: Meine eigene
Firma ist relativ klein, aber dennoch hat sie Mitarbeiter an fünf
Orten in den USA und operiert weltweit.
- Geographisch verteilte Unternehmen und Dienstleistungen. Offshoring
ist das dramatischste Beispiel für diesen Trend, aber er wirkt auch
innerhalb einzelner Länder, wenn hoch produktive Leute zu Hause
arbeiten können und weit von einer Grossstadt entfernt wohnen. Das
ist nicht nur gut für die Umwelt (weniger Pendler), sondern die
Verteilung verringert auch die Fähigkeit von Terroristen zu grossen
Schlägen.
- Integration von Arbeits- und Privatleben. Es werden nicht nur
mehr Leute zu Hause arbeiten; zugleich beginnt das persönliche Leben
die traditionellen Büroarbeitsplätze dank Kommunikationsformen wie
IM (Instant Messaging), E-Mail usw. immer mehr zu durchdringen.
Andererseits werden die Leute ihre Arbeit niemals wirklich hinter sich
lassen, weil die Mobiltechniken ihnen das Büro nachträgt, wohin sie
auch gehen.
- Der Zuschnitt auf ein enges Zielpublikum und ein
individuelles Medium sind das, wofür das Web schon heute steht: Es
liefert genau das, was bestimmte Benutzer in einem bestimmten
Augenblick haben wollen. Eng gesteckte Zielgruppen machen auch das Suchmaschinenmarketing
so effektiv. Statt uniformierte Botschaften im Zufallsverfahren
herauszuposaunen, wird eine Suchwortanzeige nur genau jenen Leuten
gezeigt, die gerade aktiv genau nach der Sache suchen, die verkauft
werden soll. Traditionelle Massenmedien werden an Bedeutung verlieren:
Fernsehsender zum Beispiel sind irrelevant, wenn man sich Shows aus
einem Menü aussucht.
- Reputation ersetzt das Image als Mittel, die Position eines
Unternehmens, eines Produkts oder einer Marke aufzubauen. Zum Teil
liegt das daran, dass man eine leere, auf Slogans gestützte Marke
nicht mehr per Massenmedien etablieren kann, wenn es keine
Massenmedien mehr gibt. Ausserdem springt Reputation in der virtuellen
Welt immer stärker ins Auge, da man sie dort speichern und ansammeln
kann. Zum Beispiel platzieren reputations-orientierte Systeme wie
Google die am höchsten bewerteten Anbieter zuoberst, ungeachtet der
Grösse des Verkäufers.
Diese Trends treiben die Dezentralisierung an und reduzieren den
Vorteil, gross zu sein.
Der Erlebniswandel
In der Welt ausserhalb des Internets gewinnt der Grosse dank
Einsparnissen in der weltweiten Produktion, Vertrieb und Markenführung.
Die meisten dieser Vorteile entstehen auch, wenn man bloss mittelmässig
ist - und in der Tat profitiert man meistens, wenn man den kleinsten
gemeinsamen Nenner anpeilt.
In der virtuellen Welt gewinnt derjenige, der gut ist:
Automatisierung reduziert die Vorteile der Grösse, das Internet
egalisiert den Vertrieb, und Reputation ist eher das Ergebnis von
Qualität als von unaufhörlich wiederholten Slogans.
Ich spreche hier über eine Nutzererfahrung, die über das Konzept des
Nutzererlebnisses, über das ich gewöhnlich schreibe, hinausgeht. Der
Wechsel von Zentralisierung auf Dezentralisierung trifft den menschlichen
Alltag in seinem Kern. Und da dieser Übergang die Qualität fördern
wird, handelt es tendenziell um eine Kraft zum Guten.
Normalerweise überschätzen wir unsere kurzfristigen Möglichkeiten.
Verbesserungen scheinen so nahe zu sein, dass wir sie förmlich riechen
können - doch das menschliche Verhalten und soziale Institutionen lassen
sich nur langsam verändern. Gleichzeitig unterschätzen wir, was auf
lange Sicht passieren wird, weil sich Veränderungen anhäufen und
beschleunigen.
Sicherlich haben wir in dem einen Jahrzehnt, in dem das Internet nun
als kommerzielle Umwelt besteht, nicht 200 Jahre der Geschichte
rückgängig gemacht. Doch wir verändern Aspekte des menschlichen
Alltags, die von grosser Trägheit sind, etwa die Grösse von Städten und
die Art, wie Körperschaften und Unternehmertum wirken. Diese
Veränderungen mögen leicht dreissig oder vierzig Jahre beanspruchen,
aber das zu erwartende Ergebnis wird dramatisch sein.
|