Usability News >> Card Sorting - Viele Wege führen zu einer guten InformationsarchitekturViele Leute denken beim Thema Usability sofort an Usability-Tests, bei denen repräsentative Anwender ein System nutzen und dabei von Usability-Experten beobachtet werden. Usability-Tests eignen sich zwar hervorragend zur Überprüfung von Designs oder Arbeitsabläufen und können einem Projekt entscheidende Impulse in die richtige Richtung geben, sie sollten aber nicht aus Mangel an Methodenkenntnis als Allerweltsheilmittel eingesetzt werden. Möchte man beispielweise auf einer Website oder in einer Applikation die Begriffe der Navigation und die zugrunde liegende Informationsarchitektur überprüfen, dann stehen aus der gesamten Usability-Toolbox einfachere und adäquatere Methoden zur Verfügung als der Usability-Test, bei dem es in Anlehnung an die ISO Norm 9241 primär um die Bestimmung der Effektivität und Effizienz des Systems und der subjektiven Zufriedenheit der Nutzer geht. Möchte man sich auf die Ermittlung der optimalste Informationsdarstellung und -Architektur beschränken, dann eignen sich Methoden wie Card Sorting oder Affinity Diagramming viel besser. Erstens weil man viel genauere und deshalb auch verlässlichere Aussagewert erhält und zweitens auch deshalb, weil man während eines Card Sortings sehr schön die Schwachstellen beim Wording und den zugrundeliegenden Konzepten aufdecken kann. Beide erwähnten Methoden liefern jeweils eine Reihe von Vorschlägen für die Informationsstruktur. Während beim Affinity Diagramming eine bestimmte Gruppe im Konsens eine Struktur entwickelt, steht beim Cardsorting, das von jeder Person selbst durchgeführt wird, die Mustererkennung im Vordergrund. Wie führt man ein Card Sorting durch?Idealtypisch finden Card Sortings noch vor dem Entwurf des Interaktionsdesigns statt. Mit den heutigen Content Management Systemen lassen sich jedoch Korrekturen an der Informationsarchitektur in jedem Designstadium relativ leicht vornehmen. Daher spielt es je länger je weniger eine Rolle, wann im Projektverlauf das Card Sorting durchführt wird. Wichtig ist nur, dass man es bei jedem Projekt mindestens einmal macht. Um aussagekräftige und zuverlässige Daten zu erhalten, benötigt man mindestens 15 repräsentative Anwender. Das sind mehr als bei einem herkömmlichen, kleineren Usability-Test, doch verschiedene Gründe sprechen für diese Zahl (vgl. dazu Jakob Nielsens Alertbox vom 19. Juli 2004). Die Durchführung eines Card Sortings ist relativ einfach: Man erstellt Cards mit allen relevanten Menüpunkten und Informationsbrocken (evtl. auch Links etc.), die man auf der Website oder in der Anwendung zur Verfügung stellen möchte. Jeder Teilnehmer sortiert die Kärtchen dann selbständig und innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens in logische Gruppen. Während des Sortierens kann und soll sich der Teilnehmer frei über unklare Begriffe äussern und seine Gedanken und Erwartungen zu einzelnen Kärtchen laut formulieren. Man unterscheidet "offene" und "geschlossene" Card Sortings. Bei der offenen Variante können von den Teilnehmern nach Herzenslust Kategorien gebildet werden, während bei der geschlossenen Version bereits Kategorien vorgegeben sind, denen im Anschluss die ausgewählten Begriffe zugeordnet werden können. Selbstverständlich können auch beim offenen Card Sorting grobe Vorgaben gemacht werden: So kann z.B. die maximale Zahl der Kategorien festgelegt oder vorgegeben sein, ob die Teilnehmer einzelnen Häufchen eigene Überbegriffe geben können. Weitere Varianten ergeben sich z.B. durch die Option "Begriffe auf den Kärtchen selbst umzubenennen". Neben der Kartenvariante mit Papier gibt es eine Reihe von Programmen, die die Sortierung mehr oder weniger bequem am PC ermöglichen. Der Hauptvorteil dabei ist, dass man die erhobenen Daten nachher nicht mehr von Hand nach erfassen muss. Eher nachteilig für die Auswertung ist dagegen die Tatsache, dass die Personen während des Sortierens Kärtchen tendenziell seltener umgruppieren als in der offline-Variante. Zudem sind die online-Versionen weniger flexibel. Qualitative oder quantitative Auswertung?Während die Durchführung eines Card Sortings relativ simpel ist, gestaltet sich die Auswertung als ziemlich knifflig und arbeitsintensiv. Insbesondere bei komplexen Informationen sind die Resultate nicht so einfach zu interpretieren und man muss auf eine statistische Häufigkeitsanalyse (Cluster Analysis) zurückgreifen. Es gibt eine Reihe von Programmen, die den Rechenteil übernehmen. Eines der am meisten verwendeten und nützlichsten Programme ist das EZcalc von IBM. Es ist leider aktuell nur noch über das Webarchiv zugänglich. Ein weiteres kostenfreies Programm ist das WebCAT (Web Category Analysis Tool). Daneben gibt es aber auch in MS Excel gute Wege, sich schnell einen Überblick über die gesammelten Daten zu verschaffen. Joe Lamantia stellte beispielsweise eine brauchbare Excel-Vorlage samt Anleitung online zur Verfügung. Auf keinen Fall aber sollte man sich auf die rein mathematische Auswertung numerischer Ähnlichkeitsgrade beschränken. Qualitative Aspekte verfügen beim Card Sorting über eine hohe Aussagekraft. Qualitative Aussagen und die Auswertung des Verhaltens während des Card Sortings liefern zusätzlich zu den quantitativen Daten die eigentliche Haupterkenntnis aus der ganzen Übung:
Während unseren Card Sortings zeichnen wir deshalb den Vorgang mit Camtasia auf und analysieren ihn im Anschluss sowohl quantitativ als auch qualitativ. Nur so erhält man eine vertiefte Einsicht, denn erfahrungsgemäss liefern die Aussagen der Nutzer oftmals auch wertvolle Hinweise auf Wörter und Synonyme für die Navigationselemente, die Links, die Überschriften und nicht zuletzt die Suchmaschinen-Optimierung. Verwandte MethodenNeben dem Card Sorting können noch andere Methoden aus den Sozialwissenschaften als Input für die Informationsarchitektur dienen: Vergleichende Methoden wie z.B. das sogenannte Q-Sorting oder Qsort (in Varianten wie dem "Triad test") können eingesetzt werden, um Taxonomien zu erstellen, die besten Begriffsbezeichnungen für Menüeinträge ausfindig zu machen oder auch einfach nur zur Bestimmung der besten Inhalte für die Homepage. Bei diesen vergleichenden Methoden werden Nutzer mit Begriffen oder Konzepten konfrontiert, die sie jeweils nach Priorität oder Zusammengehörigkeit ordnen. Es existieren verschiedenste Varianten. Beim Triad Test beispielsweise muss der Proband aus jeweils drei Begriffen die beiden bestimmen, die für ihn zusammengehören, respektive jenen aussortieren, der nicht passt. Durch Wiederholung und Kombinationen einzelner Kärtchen wird so eine Rangliste erstellt. Andere Varianten wiederum erfordern vom Probanden, innerhalb einer grösseren Gruppe von Begriffen und unter einem bestimmten Aspekt direkt eine Rangliste zu erstellen. Auch Q-Sortings lassen sich online durchführen und analysieren. Peter Schmolck hat z.B. so ein Programm entworfen und stellt es zum Download bereit auf seiner Website. Weitere Informationen über Qsorts stellt die International Society for the Scientific Study of Subjectivity (ISSSS) zur Verfügung. Quellen und weitere Informationen
Datum: 06.07.2005 |