Erfahrungsbericht IWIPS 2005 in AmsterdamVom 7. bis 9. Juli fand in Amsterdam der 7. internationale Workshop zum Thema Internationalisierung von Produkten und Dienstleistungen statt. Rund 50 Teilnehmer aus aller Welt trafen sich, um über kulturelle Unterschiede im Design zu diskutieren. Der Schwerpunkt lag dieses Jahr auf der Lokalisierung von Software-Design und kulturübergreifender Usability. Den Eröffnungsvortrag hielt Prof. Geert Hofstede. Prof. Hofstede führte in den 1970ern die bislang umfassendste Studie über den Einfluss kultureller Werte am Arbeitsplatz durch. Anhand der gesammelten Daten entwarf er ein bisher noch unwiderlegtes Modell zur Kategorisierung verschiedenster Kulturen, das in der internationalen Kommunikation sowie der Lokalisierung von Produkten noch heute seine Anwendung findet. Am diesjährigen IWIPS (International Workshop on the Internationalisation of Products and Services) präsentierten Forschende, Beratungsdienstleister und Unternehmen aus aller Welt die Ergebnisse ihrer internationalen Nutzerstudien und tauschten Designtrends und Tipps für die Internationalisierung von Software aus. Ein Schwerpunkt des Treffens bildete die Spannung zwischen Globalisierung und Lokalisierung von Produkten: In welchen Fällen lohnen sich beispielsweise Lokalisierungen - und wie weit sollten diese Lokalisierungen im Einzelfall über die blosse Übersetzung von Texten und Handbüchern hinausgehen? Anne Kirah, die als "Senior Design Anthropologist" bei MSN weltweit anthropologische Studien durchführt, um die Bedürfnisse der Anwender im Detail zu studieren, glaubt nicht per se an die Notwendigkeit einer umfassenden Lokalisierung von Software. Dass es aber auch keine perfekt globalisierten Produkte geben kann, zeigte sie am Beispiel des MSN Messengers auf: Das in unsern Breitengraden beliebte Instant Messaging (IM) Programm floppte in Japan kläglich. Die Gründe für diesen Misserfolg lagen aber nicht bei einem besseren Konkurrenzprodukt, sondern bei Abweichungen im Lebensstil und einigen Besonderheiten der japanischen Kultur. Die Konferenz hat deutlich aufgezeigt, dass man noch weit davon entfernt ist, die Auswirkungen neuer Produkte auf die einzelnen Kulturen im Detail zu verstehen. Fest steht, dass internationale Usability-Tests per se kein geeignetes Mittel sind, um kulturelle Studien zu betreiben. Allerdings dürfen umgekehrt kulturelle Studien bei einem internationalen Usability-Test keinesfalls vernachlässigt werden, denn Usability-Unterschiede von Land zu Land lassen sich messen. Bei unseren internationalen Nutzertests treten bei sonst gleichbleibendem Nutzerprofil häufig sowohl in der Effektivität, der Effizienz als auch in der subjektiven Zufriedenheit klare Unterschiede auf. Anthropologische Modelle wie das von Hofstede helfen uns dabei, diese Abweichungen korrekt zu interpretieren. Idealerweise berücksichtigt man diese Modelle bereits bei der Planung von Usability-Aktivitäten. Auch für die Durchführung und korrekte Interpretation der Testergebnisse braucht es interkulturell und international erfahrene Berater, die die entsprechenden Modelle kennen. Ob, wie stark und auf welche Weise sich länderspezifische Kulturunterschiede bei der Nutzung eines spezifischen Designs bemerkbar machen, hängt aber in erster Linie immer vom Produkt und dessen Zweck selber und damit letztlich auch der Nutzergruppe ab. Darüber, ob ein bestimmtes Design oder ein Produkt in einem Markt Erfolg hat, entscheiden häufig auch sozioökonomische Faktoren oder der länderspezifische Lebensstil. Mit einer klaren Vorstellung davon, wie weit man als Unternehmen zu lokalisieren bereit ist, und nach gründlicher Vorbereitung durch international erfahrene Usability-Spezialisten lassen sich aus einem internationalen Usability-Test wichtige Rückschlüsse für länderspezifische Designanpassungen ziehen oder einem globalen Design der letzte Schliff verpassen. Weiterführende Links und LektüreIn Zürich findet vom 7.-11. November 2005 der nächste grössere Anlass zu
diesem Themengebiet statt: das LISA Forum Europe - Succeeding the Global Markets. Über den IWIPS und dessen Initiatoren: Geert Hofstedes Werke (das erste ist fürs breite Publikum gedacht und leicht verständlich; das zweite ist wissenschaftlicher Natur):
Datum: 02.08.2005
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