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01.05.2016

Die Rolle des Enhancements im Webdesign

Ein Enhancement ist ein Feature der Nutzeroberfläche, welches die Interaktion auf einigen Plattformen für einige Nutzer beschleunigt oder bereichert. Enhancements stützen sich auf spezielle Nutzer oder Gerätefunktionen ab und müssen durch eher traditionelle Methoden zur Umsetzung der gleichen Interaktion unterstützt werden.

© contrastwerkstatt

 

by Raluca Budiu (deutsche Übersetzung) - 1. Mai 2016

 

Eine kürzlich auf Twitter an uns gestellte Frage bezog sich darauf, ob es in Ordnung ist, in Web Apps den Rechtsklick zu nutzen. Auch wenn wir Richtlinien haben, die dieses spezielle Problem ansprechen, vergegenwärtigt die Frage ein wichtiges Konzept in Nutzerfreundlichkeit und Design - das Konzept des Enhancements.

  • Definition: Ein Enhancement  ist ein Feature, welche die Interaktion für einige der Nutzer beschleunigt oder bereichert, aber nicht unbedingt notwendig ist, um eine Aufgabe zu erledigen. Mit anderen Worten ist es etwas, das einige Nutzer nutzen können aber nicht müssen und sie können ebenso gut ohne dies leben. Einige Formen von Enhancements sind auch als Schnelltasten oder Shortcuts bekannt. Auf vielen Nutzeroberflächen sind sie ein Schlüsselweg, um eine der klassischen Heuristiken der Nutzerfreundlichkeit zu unterstützen: Nutzungsflexibilität und -effizienz.

Wenn Sie ein Programmierer sind, haben Sie wahrscheinlich vom „progressiven Enhancement" gehört. Auch wenn es bereits damals 2003 eingeführt worden ist, wuchs die Popularität des Konzepts mit dem Beginn des dynamischen und adaptiven Webdesigns. Das progressive Enhancement bezieht sich auf eine Strategie des Webdesigns, die grundlegende Funktionen und Inhalte für alle Nutzer bietet und zugleich die UX mit unterstützenden, spezifischen zusätzlichen Funktionen auf diesen Plattformen (z.B. Browsern) verbessert.

Es werden z.B. alle Nutzer auf allen Plattformen Einträge in ein Suchfeld eingeben können, aber wenn das Gerät Spracherkennung unterstützt, werden Nutzer auch in der Lage sein, ihre Anfragen zu diktieren. Eine Nutzeroberfläche für verschiedene Geräte, die ausschliesslich Sprachabfragen und keine Eingabe unterstützte, wäre nicht brauchbar, da es einen Teil seiner Nutzer davon abhalten würde, die Funktion zu nutzen.

Progressives Enhancement ist nicht dasselbe wie die sogenannte Progressive Disclosure, die immer damit beginnt, dem Nutzer eine begrenzte Anzahl von Kernfunktionen anzubieten und dann möglicherweise erweiterte oder seltene Funktionen anzuzeigen, wenn sie benötigt werden. Der Unterschied ist, dass beim progressiven Enhancement der Computer oder der Server entscheidet, welche Funktionen auf welchem Gerät verfügbar sein sollten, während bei der progressiven Disclosure alle Funktionen jederzeit verfügbar sind, der Nutzer aber einige davon erst sehen kann, nachdem er eine gewisse Zeit der Interaktion mit dem System verbracht hat.

Aber das Konzept des Enhancements geht über das Programmieren hinaus und kann viel allgemeiner für Nutzerfreundlichkeit angewendet werden, wenn wir irgendwelche Erlebnisse gestalten, die verschiedene Nutzertypen involvieren, seien sie Nutzer auf verschiedenen Plattformen oder Geräten oder Nutzer mit unterschiedlicher Expertise und Kenntnissen mit dem Web.   

Wann sollte eine Funktion ein Enhancement sein?

Die Antwort hängt von zwei Faktoren ab: (1) der Technologie und ihrer verfügbaren Funktionen und (2) der Fähigkeiten der Nutzer.

1. Technologie

Wenn Ihre Software auf mehreren Geräten mit unterschiedlichen Fähigkeiten ausgeführt wird, dann können auf einigen dieser Geräte Enhancements genutzt werden, um die Interaktion zu beschleunigen. Wenn das Geräte z.B. über eine Kamera verfügt, kann es schnell Barcodes scannen. Aber für jene Geräte ohne Kamera sollte noch die Möglichkeit gegeben sein, die Barcodes mit einer anderen Methode einzugeben. (Dies ist die originale Betrachtungsweise von Enhancement aus Sicht der Web-Entwicklung.)  Gleichermassen ist das 3D Touch nur auf dem iPhone 6S verfügbar, so dass Gestik nur genutzt werden sollte, um auf das Enhancement der Nutzeroberfläche zuzugreifen.

Screenshot Amazon für iPhone

Amazon für iPhone: Sie können ein Foto von einem Gegenstand machen und auf Amazon danach suchen. Diese Funktion nutzt die Kamera des Smartphones und ist ein Enhancement, welches nur in der mobilen App verfügbar ist. Auf dem Desktop können Nutzer nur durch das Eintippen ihrer Abfrage suchen.

2. Die Kenntnisse und Fähigkeiten des Nutzers

Wenn die Nutzer mit einer bestimmten Art der Interaktion (z.B. Gestik) nicht vertraut sind, dann sollte die von dieser Interaktion unterstützte Funktion auch über irgendeinen anderen Weg auf der Nutzeroberfläche zugänglich sein. Beispielsweise wird in Safari für iOS die Zurück-Funktionalität durch entweder ein horizontales Wischen am linken Rand (Enhancement) oder durch das Antippen des sichtbaren Pfeils am unteren Bildschirmrand erreicht. Das Wischen ist ein Enhancement, da nicht alle Nutzer zu diesem Zeitpunkt hiermit vertraut sind.

Screenshot Mail-App (iPhone)

Das Swipe in der Mail-App (iPhone) ist ein Enhancement: es kann genutzt werden, um schnell eine Nachricht zu löschen (oben). Allerdings können User, die mit dieser Gestik nicht vertraut sind, die gleiche Aktion (Löschen) ausführen, indem sie den Edit-Button auf der Nutzeroberfläche nutzen.

Manchmal kann Nutzern eine Gestik bekannt sein, aber sie mögen Probleme haben, sie akkurat auszuführen. Zum Beispiel ist das Runterscrollen über einen vertikalen Scrollbalken eine Funktion, mit der die meisten Erwachsenen vertraut sind. Allerdings ist es keine einfache motorische Leistung, die Maus innerhalb der schmalen Leiste zu halten. Als ein Resultat unterstützen die meisten modernen Nutzeroberflächen andere Wege des Runterscrollens außer des Bewegens der Maus innerhalb eines schmalen Streifen. Auf den meisten Nutzeroberflächen fungiert der Scrollbalken als Enhancement: seine Funktion ist in der Regel nicht das Scrollen an sich, sondern seine visuelle Präsenz (a) erinnert Nutzer zu scrollen und (b) informiert sie darüber, wie weit sie bereits auf der Seite gescrollt haben.

Von Enhancement zu Standard

Manchmal erweist sich ein Enhancement als so nützlich, dass es sich von etwas Aussergewöhnlichem zum Standard entwickelt, um eine Interaktion durchzuführen. Das Scrollrad ist ein gutes Beispiel dieser Evolution: frühe kommerziell vertriebene Mäuse hatten kein Scrollrad (obwohl ein paar Forschungslabor-Prototypen es hatten). Die Microsoft IntelliMouse führte das Scroll-Rad 1996 für den Mainstream-Gebrauch ein, aber für die nächsten Jahre wäre die Nutzung eines Mausrads zum Scrollen ein Enhancement gewesen. Zwanzig Jahre später ist das radbasierte Scrollen die Hauptmethode geworden, um auf Desktops zu scrollen und wir würden jetzt andere Arten des Scrollens als Enhancement ansehen. (Beachten Sie jedoch, dass wir uns nicht ausschließlich auf das Scrollrad zur Realisierung von Scrollen verlassen können, da es Geräte gibt, auf denen diese Steuerung nicht verfügbar ist: Touchscreen-Tablets und Notebooks sind nur zwei Beispiele).

Jetzt, wo die meisten Desktop-Nutzer ein Scrollrad haben, hat diese Hardwarefunktion an sich Enhancements angenommen. Zum Beispiel erlauben viele Webbrowser den Nutzern, die Schriftgrösse durch das Drücken der Strg-Taste und gleichzeitiges Scrollen des Rades zu verändern. Obwohl dies eine nette Funktion ist, ist es noch definitiv nur ein Enhancement und Software muss andere, sichtbarere Mittel zur Anpassung der Schriftgrößen unterstützen.

Einige Gestiken oder Aktionen mögen als Enhancements beginnen und später so gebräuchlich werden, dass sie nicht länger extra Unterstützung auf der Nutzeroberfläche brauchen und können zur einzigen Methode werden, mit welcher eine Aktion ausgeführt wird. Wir raten allerdings zu einem hohen Mass an Konservatismus beim Deaktivieren älterer Interaktionsmechanismen, da einige Nutzer in ihrem Verhalten möglicherweise so verwurzelt sind, dass sie weiter Dinge auf die hergebrachte Weise tun, selbst wenn neuere (und bessere) Möglichkeiten gebräuchlich geworden sind. Normalerweise ist die bevorzugte Wahl, den älteren Mechanismus herunterzuspielen und auf der Nutzeroberfläche weniger sichtbar zu machen, aber es als Enhancement für die Nutzer zu behalten, die dessen Benutzung vorziehen.

Enhancements, die zu Standards werden, sind ein idealer, behutsamer Weg für Innovationen im Design der Nutzeroberfläche. Wenn Sie darüber nachdenken, eine neue Funktion einzuführen, beginnen Sie mit ihrer Bereitstellung als Enhancement. Aber Vorsicht, der Weg vom Enhancement zum Standard ist voller Versuchungen und es kann leicht passieren, dass eine intelligente UI-Innovation ignoriert oder schnell vergessen wird. Es gibt zwei wesentliche Aspekte, damit Enhancements sich durchsetzen und zu einem Standard entwickeln:

  1. Fügen Sie keine weiteren Enhancements hinzu, welche die gleiche Funktionalität bieten. (In der Psychologie wird dies der Fächereffekt genannt: je mehr Fakten zu einem Konzept gehören, umso schwerer ist es, sich an diese Fakten zu erinnern. Wenn Sie also die gleiche Aktion auf viele verschiedene Arten tun können, wird es schwieriger sein, sich an eine von ihnen zu erinnern.) Sie wollen den Menschen die Chance geben, das Enhancement zu praktizieren und zu verfestigen. Wenn Sie weitere Enhancements für die selbe Funktionalität auf der Nutzeroberfläche hinzufügen, ist es unwahrscheinlicher, dass eine von ihnen ausreichend genutzt wird.
  2. Bleiben Sie einheitlich. Nutzen Sie das selbe Enhancement wo immer sie können. Das heisst, versuchen Sie den Nutzern viele Möglichkeiten zum Üben und Verfestigen der Zuordnung des Enhancements zu seiner Wirkung auf der Nutzeroberfläche zu geben. Idealerweise sollten Designer die selben Enhancements auf vielen verschiedenen Websites verwenden, um Menschen zu ermöglichen, diese zu erlernen.

Die Regel des Enhancements

Das Konzept des Enhancements erlaubt uns, schnell Fragen zu beantworten, wie:

  • Sollte ich wichtige Funktionalitäten in Kontextmenüs, gesteuert durch einen Rechtsklick, ausblenden?
  • Wie sollte ich das Hovern (Schweben) auf einer dynamischen Website verwenden?
  • Sollte ich horizontales Scrollen zur Nachahmung des Touchscreen-Wischens auf einer dynamischen Website verwenden, wenn es auf einem Touchscreen dargestellt wird?
  • Sollte ich eine Gestik wie Schütteln verwenden, um „Undo“ in meiner iPhone-App zu implementieren? Sollte ich generell eine neue Gestik erschaffen, um Nutzern Zugriff auf gewisse Funktionalitäten zu ermöglichen?

Screenshot Cartoon Network

Auf der Responsive Website von Cartoon Network öffnen sich durch das Hovern über der Video-Option Verknüpfungen zu den Videoseiten von spezifischen Charakteren. Diese Funktion ist ein Enhancement: sie trägt zu dem Erlebnis bei, ist jedoch für den Zugriff auf die entsprechenden Inhalte nicht essentiell notwendig. Die Unfähigkeit, auf diese Verknüpfungen zuzugreifen, wird Nutzer auf Tablets oder anderen Touchscreen-Geräten nicht besonders beeinträchtigen.

Die Antwort hierauf ist nahezu überall die gleiche: Diese Funktionen können als Enhancements auf Ihrer Nutzeroberfläche implementiert werden, aber die UX sollte für die Ausführung einer Tätigkeit nicht davon abhängig sein - weil entweder Nutzer diese nicht kennen oder nicht daran denken, sie zu nutzen (im Falle des Rechtsklicks, Schütteln oder anderer neuer Gestik und sogar horizontalen Scrollens) oder weil einige Nutzer auf gewissen Plattformen keinen Zugriff auf sie haben (im Falle des Hoverns). Mit anderen Worten, auch wenn wir normalerweise Redundanz auf Nutzeroberflächen nicht befürworten, sind Enhancements wie diese die einzige Ausnahme, bei der Redundanz begrüssenswert ist: Sie können sie als UI-Verknüpfungen zur Verfügung stellen, allerdings sollten die Leute die Möglichkeit haben, eine ähnliche Aufgabe durch die Nutzung anderer Funktionalitäten der Nutzeroberfläche auszuführen.

Das Konzept des Enhancements führt uns zu einer einheitlichen, für mehrere Geräte gültigen, nutzerübergreifenden Richtlinie für das Nutzererlebnis – die Regel des Enhancements: Verbesserte Interaktionen, die sich auf bestimmte Nutzer oder Gerätefunktionen abstützen, können bereitgestellt werden, sollten aber nicht die primäre Methode für den Zugriff auf Funktionen der Nutzeroberfläche sein.

 

© Deutsche Version. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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