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22.03.2014

Brechen Sie auf Websites Grammatikregeln zu Gunsten von mehr Klarheit

Das Schreiben fürs Netz unterscheidet sich vom Schreiben für den Print dadurch, dass es die Scanbarkeit fördern muss. Es lohnt sich, einige Grammatikregeln zu brechen, wenn dadurch das Verständnis beschleunigt wird.

Grammatik

© Marco2811 - Fotolia.com

 

by Hoa Loranger (deutsche Übersetzung) - 23.03.2014

 

Grammatikregeln existieren, um uns dabei zu helfen, klare und aussagekräftige Botschaften zu vermitteln. Viele Grammatikregeln sind heilig und sollten niemals verletzt werden, beispielsweise der korrekte Gebrauch von Homonymen und Idiomen. Natürlich sollte auch immer das richtige Wort verwendet werden (im Englischen z. B. "there" bzw. "their"). Solche Fehler können uns inkompetent klingen lassen (wo wir es nicht sind) und unsere Glaubwürdigkeit beschädigen. Fürs Netz schreibt man anders als für den Druck:

  • Webnutzer sind oft handlungsorientiert, lehnen sich quasi vorwärts, weil sie Antworten auf ihre aktuellen Fragen brauchen. Sie sind weniger in der Laune, sich entspannt zurückzulehnen wie bei einem guten Buch.
  • Webcontent wird an verschiedenen Orten kommuniziert - oft auf unterschiedlichen Websites - wohingegen Druck-Content normalerweise als einzelnes Objekt mit keiner anderen Navigation als dem Weiterblättern in den Seiten erscheint.
  • Interaktive Nutzer lesen nur sehr wenige Worte auf den meisten Webseiten, weil sie ungeduldig sind und bereits den Finger an der Maus haben, um zur nächsten Seite weiterzugehen.
  • Die Leute können irritiert oder in die Irre geführt werden, wenn eine Suche sie zu einer Website führt, die sich vom Kontext unterscheidet, der anders ausgesehen hätte, wenn sie den Rest der Seite gelesen hätten. Bei einem elaborierten Schreibstil dauert es zu lange, bis die neu angekommenen Nutzer durchsehen.

Es lohnt sich, einige Grammatikregeln zu brechen, wenn Sie einen guten Grund dafür haben. Aber bevor ich Ihnen meiner Top Regeln zum Brechen gebe, möchte ich unbedingt betonen, dass ich nicht dafür plädiere, dass Schreiber andauernd Regeln brechen oder schlampig werden. Sie müssen die Regeln zuerst kennen, bevor Sie sie brechen können.

Welche Regeln Sie brechen können, hängt vom Kontext, von der Zielgruppe und von der Art des Tonfalls ab. Beispielsweise wird man in professionellen Veröffentlichungen oft einen formelleren Ton verwenden als in den Blogbeiträgen derselben Firma. Ein formeller Ton erfordert in der Regel, dass man sich genauer an die traditionellen Schreibkonventionen hält, während der Gesprächston mehr Flexibilität bietet.

Nichtsdestoweniger gilt die folgende Liste für fast alle Webseiten. Wenn man das ausgewogen nutzt, kann das Brechen dieser Regeln für eine bessere Lesbarkeit und eine bessere Verständlichkeit sorgen.

Regelbruch #1: Verwenden Sie niemals Satzfragmente

Satzfragmente sind unvollständige Sätze, bei denen meistens ein Subjekt oder ein Verb fehlt. Vollständige Sätze sind wichtig, weil sie eine vollständige Idee ausdrücken. Während es sich also grundsätzlich empfiehlt, vollständige Sätze zu schreiben, können Fragmente aber durchaus die Wirkung verstärken, wenn sie sparsam eingesetzt werden. Helfen Sie den Lesern dabei, zu fühlen, was Sie fühlen.

Für Leser im Web sind so genannte Snippets von Vorteil, weil sie den Nutzern erlauben, den Text schnell zu überfliegen, ohne ihn vollständigen lesen zu müssen. Wenn Satzfragmente korrekt eingesetzt werden, können die Leser selbst Worte aus dem vorigen Satz einsetzen, so dass das Fragment zu einem Ganzen wird. Der Kontext schliesst die Lücken.

Seien Sie kurz und bündig (engl.). Dann werden die Webnutzer Sie lieben.

Website von Dosomething.org

Dosomething.org bricht Schreibregeln absichtlich, um einen lässigeren Gesprächston zu vermitteln. Fragmente ergänzen rhythmische Spannung und betonen die Information.

 

Kurze Sätze bei Lift.do

Lift.do: Diese Sätze sind kurz, enthalten aber nicht genug Informationen, um zu vermitteln, was das Produkt kann. Achtung: Kürzer ist nicht immer besser, wenn wichtige Informationen fehlen oder der Kontext nicht klar ist.

Regelbruch #2: Schreiben Sie kleine Zahlen aus

Es gilt als anerkannte Regel, ganze Zahlen unter 12 auszuschreiben bzw. nur die Zahl 12 und höhere Zahlen im numerischen Format zu schreiben.

Vergleichen Sie die folgenden zwei Sätze. Version A ist grammatikalisch korrekt, aber schwieriger zu lesen als Version B. Die Zahlen auszuschreiben, erschwert es unter Umständen, sie zu finden und sich daran zu erinnern, als wenn man sie numerisch schreibt.

  • Version A: Unser Sonnensystem besteht aus acht Planeten. Es gibt vier Planeten mit Ringen um sie herum.
  • Version B: Unser Sonnensystem besteht aus 8 Planeten. Es gibt 4 Planeten mit Ringen um sie herum.

Version B macht es den Menschen einfacher, die Zahlen schnell zu finden und zu erkennen. (Insbesondere, wenn sie eine Frage haben wie "Wie viel Prozent der Planeten haben Ringe?" Das ist eine typische Frage, die eine Nutzersuche zuerst auf diese Seite führen könnte.) Wenn Nutzer online lesen, scannen sie die Seite auf der Suche nach Hinweisen, die ihre Frage beantworten können. Wenn die Antwort, die sie suchen, aus einer Zahl besteht, dann erhält das numerische Format mehr Aufmerksamkeit als die ausgeschriebene Fassung. Ausserdem macht es das numerische Format den Leuten leichter, Zahlen zu vergleichen, weil sie sich besser abheben. Wenn der Leser beispielsweise den Prozentsatz der Planeten mit Ringen ausrechnen will, macht Version B diesen Prozess einfacher.

Grundsätzlich gilt: Wenn die Zahlen hervorgehoben werden sollen, zeigen Sie sie als Ziffern an. Unsere Eyetracking-Studien belegen, dass die Leute sich auf Ziffern fixieren, wenn sie Fakten recherchieren.

Regelbruch #3: Absätze sollten 3-5 Sätze enthalten

Traditionell haben Ihre Lehrer Ihnen als jungen Studenten beigebracht, dass Absätze mindestens 3-5 Sätze lang sein sollten. Manchmal erfordert die Aussage, die Sie treffen wollen, mehrere Sätze, manchmal aber eben auch nicht. Wenn Sie das in einem Satz erledigen können, machen Sie das. Absätze mit einem Satz können die Wirkung verstärken und die Aufmerksamkeit auf wichtige Punkte lenken, die sonst vielleicht untergehen.

Diese Technik vereinfacht das Scannen, weil sie dem Leser eine Pause verschafft. Es ist viel einfacher, kurze Absätze als lange Blöcke zu lesen.

 

Artikel auf Nytimes.com

Nytimes.com: Kleine, gut verdauliche Absätze wie diese wirken einladend und erleichtern das schnelle Überfliegen.

Fazit

Alle Schreibregeln zu ignorieren, wird niemanden beeindrucken. Es lohnt sich jedoch, einige Grammatikregeln zu brechen, wenn dadurch die Lesbarkeit erleichtert, das Verständnis beschleunigt und so die Stimmung verbessert wird. Die Grundregel: Brechen Sie Grammatikregeln für mehr Deutlichkeit und Geschwindigkeit. In Massen.

 

© Deutsche Version. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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