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29.01.2012

Chrom am Browser und auf der Nutzeroberfläche

"Chrom" nennen wir all die Zusatzelemente von Nutzeroberflächen, die die Nutzerdaten und die Inhalte einer Webseite umgeben. Das Chrom neigt zwar zur Fettleibigkeit und kann die Hälfte der verfügbaren Pixel verfrühstücken, aber in gewissem Ausmass verbessert es die Usability.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 30.01.2012

 

Was meinen wir, wenn wir über das Chrom im Design einer Nutzeroberfläche sprechen? Das hat ein Kongressteilnehmer kürzlich während eines Kurses über visuelles Design für mobile Geräte und Tablets gefragt. Immer wenn jemand eine solche grundlegende Frage stellt, gehe ich davon aus, dass auch viele andere Leute die Antwort wissen möchten - und deshalb nun dieser Artikel über Chrom.

  • Definition: Chrom (englisch chrome) sind die sichtbaren Design-Elemente, die den Nutzern Zusatzinformationen über die Bildschirm-Inhalte oder Steuerelemente zu deren Handhabung geben (im Unterschied zu den eigentlichen Elementen dieser Inhalte). Diese Design-Elemente werden vom zu Grunde liegenden System bereitgestellt - sei es ein Betriebssystem, eine Website oder eine Anwendung - und umgeben die Nutzerdaten.
  • Zufällig ist "Chrome" auch der Name des Internet-Browsers von Google, aber ich verwende den Begriff hier nicht in diesem Sinne.

Ich weiss nicht, wer den Begriff "Chrom" ("chrome") aufgebracht hat, aber es war wahrscheinlich eine optische Analogie zu den verchromten Metallteilen an grossen amerikanischen Autos der 1950er Jahre: Das Grundgerüst des Autos (in dem man Platz nahm) war umgeben von schimmerndem Chrom auf Stossstangen, Heckflossen usw.

In ähnlicher Weise gruppiert sich das Chrom auf den meisten modernen Nutzeroberflächen ringsum am Rande des Bildschirms und umgibt die Mittelfläche, die den Nutzerdaten vorbehalten ist.

Das Chrom der verschiedenen Systemniveaus

Im Folgenden ein paar Beispiele für Chrom, die je nach dem zu Grunde liegenden System verschieden ausfallen können:

  • Auf einem Windows-PC ist das zu Grunde liegende System das Betriebssystem Windows. Bei Windows 7 besteht das Chrom aus dem Start-Knopf, der Task-Leiste, dem Systemmenü und dem Papierkorb. Wir könnten auch den Gadget-Bereich mit zum Chrom zählen, besonders weil die Nutzer in der Regel die Gadgets übernehmen, die mit dem System ausgeliefert werden. (Was mit der Trägheit der Nutzer und der Macht der Voreinstellungen zusammenhängt.)
  • Wenn man eine Anwendungs-Software benutzt, zum Beispiel ein Textverarbeitungsprogramm, finden wir das Chrom in der Menüleiste, im Ribbon oder in Werkzeugleisten, Linealen, Scrollbalken und diversen Spezialfenstern wie der Thesaurus-Leiste von Word oder der Farben- und Pinselpalette von Photoshop.
  • Bei einem Internet-Browser gehören zum Chrom das Adressfeld, die Browser-Werkzeugleisten, die Browser-Buttons, die Tabs, Scrollbalken und Statusfelder.
  • Bei einer mobilen App gehört zum Chrom oft eine Statusleiste oben quer über den Bildschirm und eine Tab-Leiste mit Steuer-Icons unten. Manchmal gibt es zusätzlich eine Navigationsleiste unter der Statusleiste.
  • Bei einer Website gehören zum Chrom die Navigationsleisten, die Footer, Logos, Markenkennzeichnen, die Suchfunktion usw.

Die Fettleibigkeit des Chrom: Friss nicht meine Pixel!

Die Kosten des Chrom sind klar: Chrom nimmt Platz auf dem Bildschirm weg, so dass weniger Platz für die eigentlichen Inhalte oder Daten übrig bleibt. Das ist besonders blöd bei mobilen Geräten, wo Bildschirmplatz ein noch viel knapperes Gut ist als bei Tablets oder PCs. Aber selbst auf meinem 30-Zoll-Büromonitor führen das kombinierte Chrom von Windows und Excel dazu, dass ich von den 80 Tabellenzeilen, die theoretisch auf meinen Bildschirm passen würden, nur 67 sehen kann. Ohne Chrom könnte ich also etwa 19% mehr Daten überblicken.

Das Tabellenbeispiel zeigt einen weiteren Nachteil des Chroms: es akkumuliert sich, wenn Systeme in Schichten anderer Systeme eingebettet sind, von denen jedes sein eigenes Chrom hat. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie verwenden Facebook. Innerhalb eines normalen Browserfensters am PC nimmt die Facebook-Pinnwand des Nutzers nur etwa 48% der Webseite ein; das Facebook-Chrom und verschwendeter Bildschirmplatz fressen die übrigen 52% auf. (Gemäss unserer Definition ist Werbung eigentlich kein Chrom - weil sie nutzlos ist -, aber auch sie ist Overhead, deshalb zähle ich Sie hier mit.) Wenn Sie ausserdem das Chrom des Browsers und des Betriebssystems abziehen, stehen für die Pinnwand des Nutzers weniger als 40% des Bildschirmraumes zur Verfügung.

Als ich vor neun Jahren eine Reihe von Website-Startseiten analysiert habe, kam ich zu dem Ergebnis, dass für die tatsächlichen Inhalte nur schäbige 20% des Bildschirms der Nutzer übrig blieben. Auf den grösseren Monitoren heutiger Tage ist der Oberhead-Anteil des Chroms von Betriebssystem und Browser deutlich kleiner, so dass die 40%, die Facebook gewährt, wahrscheinlich recht repräsentativ für grössere Websites sind.

Weil das kumulierte Chrom oft mehr als die Hälfte unserer Pixel auffrisst, besteht eine Richtlinie sicher darin, die Fettleibigkeit des Chroms in Schach zu halten.

Eine zweite Richtlinie empfiehlt zu überlegen, ob Teile des Chroms zeitweise verborgen werden können und erst dann hervorgeholt werden, wenn sie gebraucht werden. Das ist allerdings gefährlich, weil das, was ausser Sicht ist, oft auch aus dem Bewusstsein verschwindet - und Sie können sich beim Design von Nutzeroberflächen definitiv nicht auf das Kurzzeitgedächtnis der Nutzer verlassen. Chrom, dass vorübergehend verschwindet, funktioniert nur dann, wenn Sie

  • eine einfache und zuverlässige Operation verwenden, um das Chrom wieder aufzurufen (verwenden Sie keine unscharfen Gesten oder solche, die versehentlich ausgelöst werden können).
  • auf einer felsenfeste Konsistenz achten, damit die Existenz des verborgenen Chroms sich durch exzessive Wiederholung in das Langzeitgedächtnis der Nutzer einbohrt und es keinerlei Abweichungen oder Ausnahmen gibt, die den Lernvorgang unterminieren können.

Die Vorteile des Chroms

Trotz seiner Kosten hat Chrom beträchtliche Vorteile:

  • Chrom gibt den Nutzern Macht, in dem es ihnen einen ständigen Satz von Befehlen und Optionen zur Verfügung stellt, die stets sichtbar sind (oder zumindest leicht hervorgeholt werden können, wenn man meine Richtlinien befolgt). Chrom steht immer am gleichen Platz und nimmt den Nutzern die Arbeit ab, es erst zu lokalisieren. Ausserdem werden die Nutzer von den Marotten einzelner Webseiten oder Webdesigner befreit; das ist einer der Gründe, warum der Zurück-Knopf eine der populärsten Funktionen im Internet ist. Chrom mag aus Sicht der Bildschirmpixel Overhead sein, aber es gibt den Fingerspitzen der Nutzer Macht und dient ihnen als Ausstiegsluke aus unausstehlichen oder nutzlosen Webseiten.
  • Chrom bietet einen Satz generischer Befehle, die mit allen unterschiedlichen Typen von Inhalten und Daten funktionieren, die in seinem Rahmen auftauchen. Weil es immer gleich bleibt, müssen die Nutzer weniger lernen, so dass sie sich auf ihre Aufgaben in der Echtwelt konzentrieren können und nicht vom Computer abgelenkt werden.
  • Chrom sorgt für Konsistenz und Standards auf der Nutzeroberfläche, was die Lernbarkeit erhöht und den Nutzern ein stärkeres Gefühl gibt, ihr Nutzererlebnis unter Kontrolle zu haben. (Das gilt natürlich nur, wenn Sie die Standards einhalten und kein eigenes, abseitiges Chrom erfinden, um die Nutzer zu verwirren.)

Unterm Strich ist Chrom gut für die Usability. Aber übertreiben Sie es nicht.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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