Drucken
  • Facebook
  • Google+
  • Twitter
  • XING
02.08.2014

Maximieren Sie das Inhalt-Chrome Verhältnis, nicht die Menge des Inhalts auf der Bildschirmanzeige

Auf einem grossen Monitor beeinträchtigen das Verstecken des Chromes die Auffindbarkeit und die Interaktionskosten erheblich. Und das praktisch ohne Verbesserung des Inhalt-Chrome Verhältnisses.

© vege - Fotolia.com

 

by Raluca Budiu (deutsche Übersetzung) - 03.08.2014

 

Einer unserer Leser hat uns kürzlich eine Nachricht geschickt, in welcher er sich über "schrecklich menülose Fenster" beschwerte, die momentan im Trend sind. Er verglich es mit einem Auto, in welchem alle Instrumente und Bedienungselemente im Handschuhfach untergebracht sind. Der Unmut wurde ausgelöst durch die neue Desktopversion des "Firefox"-Browsers, welche den "Chrome-Browser kopiert" und alle Menüoptionen hinter dem Hamburger-Icon versteckt.

Hamburger-Menü von Firefox

Das Hamburger-Menü im Firefox versteckt alle regulären Menüoptionen und ersetzt damit die alt bekannte Menüleiste unter der Adresszeile.

Das Hamburger Menü ist nur eine Inkarnation des aktuellen Trends, den Chrome (UI-Elemente wie Buttons, Menüs und andere Widgets) auf dem Desktop zu minimieren. Unsere kürzlich durchgeführte Analyse von Homepages (engl.) zeigte, dass der Chrome und die Navigation dazu tendieren, einen weit kleineren Anteil der Homepage zu beanspruchen als noch vor 12 Jahren.

Hinter dieser Anti-Chrome-Bewegung steht die von Mobilgeräten bekannte Annahme, dass man den Inhalt priorisieren muss, nicht den Chrome: Nutzer besuchen eine Website, um sich mit dem Inhalt zu befassen, nicht um die ausgeklügelte Nutzeroberfläche zu bestaunen. D.h. der Inhalt ist letztendlich König. Wenn das aber wirklich der Fall ist, warum soll es dann so schlecht sein, den Chrome zu verstecken?

Kosten für das Verstecken des Chromes

In Wahrheit ist es so, dass der Chrome beeinflusst, wie sich Nutzer mit dem Inhalt befassen. Er bestimmt auch, ob eine Website brauchbar ist oder nicht. Das verstecken des Chromes verursacht für den Nutzer erhebliche Kosten.

  1. Nutzer müssen den Chrome entdecken. Ganz egal ob dieser Chrome unter einem bekannten Menü-Icon oder hinter einer Geste (wie bei Windows 8) zu finden ist. Die Leute müssen darüber nachdenken was sie tun müssen, um den Chrome zu entdecken und Funktionen zu finden.
  2. Und auch wenn sie den Chrome einmal entdeckt haben, müssen sich die Nutzer dann wieder daran erinnern, wenn sie diesen zu einem späteren Zeitpunkt wieder finden wollen. Bei der Untersuchung von Navigationsoptionen zeigte sich, dass Wiedererkennung weit besser funktioniert als Erinnerung. Dies entspricht damit auch den 10 Heuristiken für Nutzerfreundlichkeit (engl.).
    In unserem Windows 8 Test haben wir oft gesehen, dass Nutzer, welche herausgefunden haben wie man den Chrome öffnet, sich später nicht mehr daran erinnern konnten. Aus den Augen bedeutet hier tatsächlich auch aus dem Sinn.
  3. Auch wenn Nutzer den Zugang zum Chrome finden und sich daran erinnern, entstehen höhere Interaktionskosten (engl.), um auf die Funktionen des Chromes zugreifen zu können. Im Falle des Hamburger-Menüs, müssen die Nutzer zuerst auf das Icon klicken und dann die Option auswählen, die sie wünschen, anstatt direkt auf das Navigationselement klicken zu können. Natürlich, einige mögen nun sagen; "Was ist schon ein Klick?", aber dieser Klick kann sehr schnell nervtötend werden wenn der Nutzer immer wieder dasselbe Menü aufrufen muss um etwas zu tun.

Skype bei Windows 8

Skype für Windows 8. Um die Audio- (und weitere) Einstellungen zu finden muss man 3-mal agieren (und sich auch noch daran erinnern wie man die "Windows-Charms" öffnet): Zuerst muss man in die rechte Bildschirmecke fahren um den Windows 8 Charm zu öffnen, dann auf Einstellungen und danach auf Optionen (hier nicht angezeigt) klicken.

Skype bei Windows 7

Skype für Windows 7. Die Audioeinstellungen sind unter dem "Anrufen" Menü: Nutzer müssen nur 2-mal klicken um darauf zuzugreifen, ausserdem das Menu ist immer sichtbar und dadurch leicht zu finden.

Inhalt-zu-Chrome Verhältnis und Monitorgrösse

Ein zu grosser Chrome ist schlecht, ein zu kleiner Chrome ist aber auch schlecht. Was wir maximieren müssen, ist nicht die Menge von Inhalt auf dem Monitor, sondern das Verhältnis zwischen Inhalt und Chrome. Dieses Verhältnis wird von der Grösse des Monitors moduliert. Auf einem sehr kleinen Display, kann eine Navigationsleiste mit 8 Items schnell die Hälfte des verfügbaren Platzes einnehmen: Es kann den Inhalt verdrängen und den Nutzer zum Scrollen zwingen, sogar wenn er nur sehen möchte, um was es sich auf dieser Seite handelt. Das Verhältnis zwischen Inhalt und Chrome ist zu klein. (Auch auf kleinen Displays ist es nicht ideal, die Navigation unter dem Hamburger-Menü anzuordnen, weil: Aus den Augen aus dem Sinn und Anwender brauchen länger um es zu finden). Unsere Studie mit gestengesteuerten Nutzeroberflächen zeigt, dass es sehr schwierig sein kann, einen unsichtbaren Chrome aufzurufen. Auf wirklich winzigen Displays, wie sie zum Beispiel bei Smartwatches zum Einsatz kommen, gibt es beinahe keine andere Möglichkeit als eine Steuerung durch Gesten. Icons und Buttons wären schlichtweg zu gross und könnten das Verhältnis zwischen Inhalt und Chrome unbrauchbar klein ausfallen lassen.

Auf einem grossen Monitor hingegen hat eine Navigationsleiste mit 8 Items so gut wie keinen Einfluss auf das Verhältnis von Inhalt und Chrome. Ja, das Verhältnis wäre minim grösser wenn die Navigation ausgeblendet wäre, jedoch nicht verbessert genug um die Nachteile des versteckten Chromes zu übertrumpfen. Ausserdem: Ein kleines Icon wird auf einem grossen Monitor viel leichter übersehen als auf einem kleinen Display.

Wenn die Kapazität des Kommunikationskanals zwischen Mensch und Gerät klein ist, müssen wir Informationen komprimieren und auf den wenigen verfügbaren Pixel so viel Inhalt wie möglich darstellen. Da der Wert ja mit dem Inhalt vermittelt wird macht es durchaus Sinn den Chrome zu verstecken. Dieses Argument verliert aber jede Festigkeit wenn das Design auf grösseren Displays und Monitoren angewendet wird.

Desktop Designmuster, die den Chrome minimieren aber das Verhältnis von Inhalt zu Chrome nicht beeinflussen

Einige unserer kürzlich veröffentlichen Artikel befassen sich mit Designtrends aus dem mobilen Sektor, welche als eine vermeintliche Verbesserung des Inhalt-zu-Chrome Verhältnisses auf Desktopcomputern fehlinterpretiert wurden. Bei deren Anwendung wird zwar das Inhalt-zu-Chrome Verhältnis leicht verändert, die Nutzerfreundlichkeit leidet aber stark darunter.

  1. Hamburger-Menu für die Navigation (engl.). Die Popularität des Hamburger-Icons auf dem Desktop führt zurück auf dessen Allgegenwärtigkeit bei mobilen Geräten und der Ausbreitung von Responsive Websites, die ein einziges Design für viele verschiedene Geräte zugänglich machen. Unglücklicherweise wird das kleine Hamburger-Icon (klein im Verhältnis zum Desktopmonitor) oft übersehen.
    Auf einem Handydisplay hingegen ist das kleine Icon gut zu sehen und zu entdecken, aber trotzdem nutzen viele Nutzer dieses Icon und die untergeordneten Optionen nicht, oder vergessen ganz einfach dort nachzuschauen.
  2. Das Lupen-Icon anstelle des Suchfeldes. Durch das Eliminieren des Suchfeldes und dessen Ersatz durch das Lupen-Icon ist bei Mobilgeräten heute sozusagen Standard. Auf dem Desktop macht das aber absolut keinen Sinn. Es gibt schlichtweg zu viel Platz und die Nutzer haben keine Geduld um ein winziges Icon zu suchen. Sollten Sie je darüber nachdenken, dieses Icon für ein Desktopdesign anzuwenden, vergessen Sie nicht, dass der eingesparte Platz niemals die fehlende Auffindbarkeit des Suchfeldes kompensiert.
  3. Icons (oder Thumbnails) ohne Beschreibungen. Sie mögen annehmen, dass Icons und Bilder einen umfassenderen Eindruck machen und dabei auch noch Platz sparen. In Wirklichkeit sind aber die meisten davon unklar und weit undeutlicher als Worte. Wenn Icons oder Bilder für die Navigation selbst verwendet werden und ohne Begleittext kommen, ist der gewonnene Platz weit kleiner als der Nachteil des verlorenen Informationsgespürs.

Schlussfolgerung

Desktops und mobile Geräte haben unterschiedliche Anforderungen und folgen daher auch ganz anderen Usability-Richtlinien. Kompromisse, die Designer für mobile Geräte machen müssen, beeinträchtigt die Desktopanwendung und umgekehrt. Bevor Sie also auf den Kein-Chrome-Zug aufspringen, denken Sie gründlich darüber nach ob der eingesparte Platz wirklich massgeblich das Verhältnis von Inhalt zu Chrome verbessert. Wenn die Antwort darauf Nein lautet, sollten sie den Chrome auf jeden Fall sichtbar lassen. Und denken Sie daran: Für ein und dasselbe Design ändert sich die Anforderung für jedes einzelne, unterschiedliche Gerät.

Lernen Sie mehr über die Unterschiede im Design für verschiede Geräte in unserem Kurs über das Skalieren von Nutzeroberflächen (engl.).

 

© Deutsche Version. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

Kommentare auf diesen Beitrag

    Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Die mit * gekenzeichneten Felder sind zwingend auszufüllen