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06.11.2011

Das mobile Nutzererlebnis verschärft die Usability-Richtlinien

Viele Richtlinien für mobiles Design ähneln denen für PC-gestütztes Design, aber die Interpretation für mobiles Design ist viel gnadenloser.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 07.11.2011

 

In meiner kürzlich erschienenen Kolumne "Mobile Inhalte: Im Zweifel lieber weglassen" habe ich den Betreibern von Websites geraten, sekundäre Inhalte wegzulassen, wenn sie für mobile Nutzer schreiben. Viele Tweets, Blogeinträge und andere Kommentare zu diesem Artikel gingen alle in dieselbe Richtung: Ja, befreit mobile Inhalte von überflüssigem Kram, aber lasst die sekundären Inhalte auch weg, wenn ihr für Websites schreibt, die für die Ansicht auf Desktop-Computern gedacht sind.

Einerseits kann ich nur zustimmen. Seit 1997 ist die Kürze eine der wichtigsten Richtlinien beim Schreiben für das Internet. Die Menschen lesen nicht viel im Internet und verlassen eine Website in wenigen Sekunden, wenn ihr Wert nicht deutlich kommuniziert wird. Diese Resultate führen zu detaillierteren Richtlinien, wie zum Beispiel, die Betonung auf die ersten zwei Worte von Kurztexten zu legen (wie bei Überschriften oder Links in Suchmaschinen).

Deshalb; entsorgen Sie das Blabla von Ihrer Desktop-Website.

Der mobile Umgang ist gnadenloser als der am PC

Es besteht jedoch immer noch ein Unterschied zwischen dem Schreiben für Desktop-Websites und mobilen Websites:

  • Texte für Desktop-Websites müssen knapp gehalten werden.
  • Texte für mobile Websites muss noch knapper gehalten werden.

Die übergeordnete Richtlinie ist die gleiche: Reduzieren Sie sekundäre Informationen. Der Unterschied liegt im Detail - manche Informationen, die für eine Desktop-Website akzeptabel wären, sollten bei einer mobilen Website oder App entfernt werden.

Unsere eigentliche Studie dazu, wie die Menschen auf mobilen Geräten lesen, verwendete als Beispiel einen Coupon mit einem besonderen Angebot, der den Nutzern zugesandt wurde. In der Studie zeigte das beste Design nur wenige, beschränkte Informationen auf dem ersten Bildschirm. Um "mehr zu diesem Angebot" zu lesen, mussten die Nutzer einen Link antippen.

Bei einem Angebot für den Desktop-Computer wäre es besser gewesen, alle Informationen auf einmal zu zeigen und den Nutzern den Klick zu ersparen. Warum dieser Unterschied?

  • Mobile Bildschirme sind viel kleiner: beim Lesen durchs Schlüsselloch erhöht sich die kognitive Belastung und führt dazu, dass ein Text doppelt so schwer zu verstehen ist wie auf dem Bildschirm eines Desktop-Computers. Das Kurzzeitgedächtnis ist schwach, daher gilt: Je mehr sich die Nutzer an Dinge erinnern müssen, die beim Scrollen aus dem Bild verschwinden, desto schlechter erinnern sie sich.
  • Die mobilen Nutzer sind durch die mobile Situation noch mehr in Eile als Desktop-Nutzer.

Beide Unterschiede führen zur gleichen Empfehlung: Seien Sie beim Kürzen von Texten noch radikaler, wenn es um mobile Geräte geht.

Ähnlich sieht es bei der Auswahl der Funktionalitäten aus: die Auswahlmöglichkeiten sollten bei einer mobilen Website kleiner sein als bei einer Desktop-Version. Sicher sollte es auch auf Websites, die für die Desktop-Verwendung gedacht sind, so wenige Funktionen wie möglich geben. Mit jeder Funktion, die entfernt wird, verliert die Nutzeroberfläche eine Möglichkeit, die Nutzer zu verwirren und macht somit die verbliebenen Funktionen leichter verwendbar.

Eine mobile Website sollte aber noch weniger Funktionen haben als die Desktop-Version. (Daher die Richtlinie, für Nutzer, die mehr Funktionen haben wollen, einen Link von der mobilen Website auf die Vollversion anzubieten.) Die mobile Version sollte nur die Funktionen enthalten, die für den mobilen Einsatz auch wirklich von Nutzen sind. Zum Beispiel enthält die Desktop-Website eines Unternehmens üblicherweise PR-Informationen und Informationen für Aktionäre, die aber in der mobilen Version weggelassen werden sollten.

Die Informations-Architektur (IA) für Ihre Desktop-Website sollte über einen einfachen Navigationsbereich verfügen, der zu tief gestaffelte Hierarchien vermeidet. Bei der mobilen Verwendung ist es aber wegen des begrenzten Raums noch wichtiger, darauf zu achten, dass die Nutzer nicht in die Irre geführt werden. Sie sollten daher die Navigationsoptionen einschränken, da Sie keine vollständigen Kontextmenüs auf jedem Bildschirm darstellen können. (Der Raum, der auf einer Desktop-Website dem Navigationsbereich eingeräumt wird, ist meist schon grösser als der gesamte Bildschirm eines normalen Smartphones; es würde also gar kein Platz mehr für die Inhalte übrig bleiben.) Daher sollte Ihre Navigationsstruktur bei einer mobilen IA weniger tief gestaffelt sein.

Tablet-PCs sind ein Zwischending zwischen Handys und Desktop-Computern. Ihr mittelgrosser Bildschirm bietet mehr Platz für Texte und Navigationen und unterstützt auch reichhaltigere Funktionen. Andererseits erfordert der grössere Platz auch komplexere Gesten, die zu eigenen Usability-Problemen führen, wie unsere Studie mit iPad-Nutzern gezeigt hat.

Usability-Richtlinien sind selten mehrdeutig

Die Menschen wünschen sich von mir klare und einfache Regeln: Zeige nicht mehr als x Menüpunkte; schreibe nicht mehr als y Worte pro Seite; nichts sollte weiter als z Klicks von der Startseite entfernt sein. Leider funktioniert das Design von Nutzeroberflächen so nicht. Usability-Fragen haben selten nur eine Antwort. Sie sind vielmehr qualitativ orientiert und geben die Richtung und die Beschaffenheit von unvermeidbaren Design-Abwägungen vor.

Jedes Mal, wenn die Antwortzeit Ihrer Website um 0,1 Sekunden steigt, verlieren Sie ein paar Besucher. Aber es stimmt eben nicht, dass jeder Besucher 10 Sekunden wartet und keiner 11.

Ein weiteres Beispiel sind die Richtlinien zum verdichteten Schreiben. Der kürzest mögliche Text bestünde nur noch aus ein oder zwei Wörtern, aber das würde zu einer sehr unbefriedigenden Website führen. Tatsächlich können manchmal längere Artikel besser sein (wobei man selbst bei ausführlichen Artikeln Füllwörter weglassen sollte und sie in einer zur Zielgruppe passenden Komprimierungsstufe verfassen sollte).

Der einfache Punkt bleibt: Es ist besser, den Text zusammenzupressen, wenn man fürs Internet schreibt (genau wie man natürlich die vielen anderen Richtlinien für Internet-Inhalte befolgen sollte). Wenn Sie für einen mobilen Einsatz schreiben, pressen Sie die Orange eben noch ein wenig mehr aus. Wenn Sie überlegen, welche nebensächlichen Inhalte Sie auf sekundäre Seiten auslagern können, sollten Sie die Grenze zwischen primären und sekundären Inhalten verschieben, wenn Sie für mobile Nutzer schreiben. Das Prinzip bleibt das Gleiche, nur Ihr Urteil sollte für den mobilen Bereich strenger ausfallen.

In allen Bereichen des Nutzerlebnisses - Funktionen, IA, Texte, Bilder und vieles mehr - verlangt die mobile Usability ein strengeres und stärker zurückgefahrenes Design als die Desktop-Usability. Deshalb brauchen Sie eine eigene mobile Website. Einfach nur ein sich anpassendes Webdesign zu verwenden, um die Vollversion auch von mobilen Geräten aus zugänglich zu machen, führt zu einem minderwertigen Nutzererlebnis. (Das ist eigentlich eine alte Lektion, die für ein neues Medium wiederholt wird: Zugänglichkeit ≠ Usability.)

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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