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12.09.2004

Der Mangel an Webdesign-Standards

Internetnutzer erwarten bei 77% der einfacheren Webdesign-Elemente, dass sie in einer bestimmten Weise funktionieren. Leider herrscht bei vielen hochgradigen Designbestandteilen reine Konfusion.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 13.09.2004

 

Das ganze Konzept vom "Webdesign" trägt eigentlich den falschen Namen. Die einzelnen Projektteams entwerfen genauso wenig das Web, wie einzelne Ameisen einen Ameisenhügel entwerfen. Die Site-Designer erstellen vielmehr einzelne Komponenten eines grossen Ganzen - vor allem heutzutage, wo Internetnutzer den Komplex Internet zunehmend als einheitlich integrierte Ressource betrachten.

Leider ähneln grosse Teile des Web oft einem Ameisenhügel, dessen Ameisen während des Baus auf LSD waren: Viele Sites fügen sich nicht in das grosse Bild und sind schwierig in der Nutzung, weil sie von den erwarteten Normen abweichen.

Diverse Designelemente sind so verbreitet, dass die Nutzer von ihnen erwarten, dass sie in einer ganz bestimmten Weise funktionieren. Meine Definition von drei verschiedenen Standardisierungsniveaus ist die folgende:

  • Der Standard: mindestens 80% der Websites verwenden den gleichen Designansatz. Wenn die Internetnutzer eine neue Site aufsuchen, verlassen sie sich darauf, dass Standardelemente in bestimmter Weise funktionieren, weil sie immer so funktionieren.
  • Die Konvention: 50-79% der Websites verwenden den gleichen Designansatz. Bei einer Konvention erwarten die Nutzer beim Besuch einer neuen Site, dass die Elemente in bestimmter Weise funktionieren, weil sie gewöhnlich so funktionieren.
  • Die Konfusion: Es gibt Elemente, bei denen kein bestimmter Designansatz dominiert, und selbst der populärste Ansatz wird von höchstens 49% der Websites verwendet. Bei solchen Designelementen wissen die Nutzer nicht, was sie beim Aufsuchen einer neuen Site erwartet.

(Diese Schwellenwerte sind etwas niedriger als die von 1999, als ich annahm, eine Konvention erfordere, dass auf 60% der Sites etwas in gleicher Weise funktioniert. Jetzt nehme ich an, dass ein Design zur erwarteten Funktion wird, sobald die Nutzer es in mehr als der Hälfte der Fälle sehen.)

Statt die Websites einfach durchzuzählen, wäre es besser, für jeden Designansatz den Prozentsatz am gesamten Nutzererlebnis zu bestimmen. In anderen Worten, jene Sites, die die Leute häufig aufsuchen, würden ein höheres Gewicht bekommen als die selten oder nie besuchten. Gewichtete Werte würden meine Schlussfolgerungen leicht verändern; ich würde mehr Designelemente als standardisiert betrachten, weil die grösseren Sites dazu tendieren, bei ihren Nutzeroberflächen an gewissen Grundlagen festzuhalten.

Wie viele Designelemente sind standardisiert?

Um das Ausmass abzuschätzen, in dem das Webdesign Bedienungsstandards einhält, habe ich zwei Studien miteinander verglichen: meine eigene Untersuchung von 24 Funktionen auf 50 Firmen-Startseiten und eine Magisterarbeit der University of Washington (Download als PDF, 4.27MB), in der 33 Funktionen auf 75 E-Commerce-Sites untersucht wurden.

Interessanterweise kamen beide Studien zu fast identischen Zahlen, obwohl sie zwei unterschiedliche Bereiche von Webdesign untersuchten. Insofern brauche ich hier nur den Durchschnitt aus den beiden Zahlensätzen zu bilden.

Im folgenden Ausmass sind die Websites bei den 75 untersuchten Design-Ansätzen standardisiert:

Standard: 37% der Designelemente werden in mindestens drei Vierteln der Sites in gleicher Weise gehandhabt. Zu Standarddesignelementen gehören:

  • ein Logo in der linken oberen Ecke der Seite
  • eine Suchbox auf der Startseite
  • der Verzicht auf Vorschaltseiten (Splash Pages)
  • Navigationspfade (sog. Breadcrumbs, Brotkrümel) in horizontaler Anordnung (falls verwendet)

Konvention: 40% der Designelemente werden in mindestens der Hälfte der Sites (aber in weniger als drei Vierteln) in gleicher Weise gehandhabt. Zu den konventionellen Design-Elementen gehören:

  • die Beschriftung "Sitemap" für die Sitemap (wie empfohlen nach der Nutzerforschung bezüglich der Sitemap-Usability)
  • eine andere Farbe für besuchte Links (empfohlen, um beim Navigieren zu helfen)
  • Platzierung des Einkaufswagen-Links in der rechten oberen Ecke der Seite
  • Platzierung von Geschwister-Links (benachbarte Themen auf der gleichen Ebene der Informations-Architektur wie die aktive Seite) in der linken Spalte

Konfusion: 23% der Designelemente wurden auf so viele verschiedene Weisen gehandhabt, dass kein bestimmter Ansatz vorherrscht. Konfusion herrscht in etlichen Bereichen, darunter:

  • die Hauptschemata für die Navigation gibt es als Menü auf der linken Seite, als Tabelle oben quer, als Navigationsleiste oben quer, als Yahoo-artiges Verzeichnis in der Mitte usw.
  • die Platzierung der Suchfunktion, die oben rechts, oben links, in der Mitte oder irgendwo sonst auf der Seite sein konnte
  • der Login-Prozess
  • die Platzierung der Hilfe.

Auf den ersten Blick scheint es wunderbar zu sein, dass nur ¼ der Designelemente Konfusion erzeugt. Für die breite Mehrheit der Entscheidungen betreffend Webdesign existiert eine Konvention oder ein Standard, was bedeutet, dass die Nutzer offenbar wissen, wie eine Site zu bedienen ist, soweit diese Konventionen oder Standards befolgt werden.

Ein genauerer Blick auf die beispielhaften Designelemente auf jedem Standardisierungsniveau zeigt aber: Leider sind die am stärksten standardisierten Eigenschaften die einfachsten und die am meisten ortsgebundenen wie z.B., wo das Logo hingehört oder wie man Navigationspfade anordnet.

Irritierend sind vor allem die wichtigen Designelemente, die stärker darüber bestimmen, ob der Nutzer die ganze Site meistert, im Gegensatz zu denen, die sich auf einzelne Seiten beziehen: So ist die Navigation verwirrend, die Suche ist verwirrend, das Login ist verwirrend, und sogar die Hilfe ist verwirrend - womit die Usability des letzten Zufluchtsorts eines Nutzers beeinträchtigt ist, wenn bei ihm alles andere nicht geklappt hat.

Warum Designstandards den Nutzern helfen

Wir müssen verwirrende Designelemente ausschalten und so weit wie möglich ins Reich der Designkonventionen überführen. Besser noch wäre es, für jede wichtige Aufgabe innerhalb einer Website Designstandards zu etablieren.

Standards stellen sicher, dass die Nutzer

  • wissen, welche Funktionen sie erwarten können,
  • wissen, wie diese Funktionen in der Nutzeroberfläche aussehen,
  • wissen, wo in der Site und wo auf der einzelnen Seite man diese Funktionen findet,
  • wissen, wie man mit jeder Funktion umgeht, um sein Ziel zu erreichen,
  • nicht über die Bedeutung unbekannter Designelemente rätseln müssen,
  • keine wichtigen Funktionen übersehen, weil sie sich hinter nicht-standardisierten Designelementen verstecken, und
  • keine unangenehmen Überraschungen erleben, wenn etwas nicht wie erwartet funktioniert.

Diese Vorteile steigern das für den Nutzer wichtige Gefühl der Kontrolle über die Website, steigern seine Fähigkeit, das Gewünschte zu erledigen, und erhöhen insgesamt seine Zufriedenheit beim Nutzererlebnis.

Warum Websites sich an Designstandards richten sollten

Aus dem einfachen Grund:

  • Jakobs Gesetz des Internetnutzererlebnisses: Die Nutzer verbringen den grössten Teil ihrer Zeit auf anderen Websites.

Während sie alle diese anderen Sites besuchen, gewöhnen sich die Leute an die herrschenden Designstandards und -konventionen. Deshalb nehmen die Nutzer bei der Ankunft auf Ihrer Site an, dass sie genau wie die anderen Sites funktioniert.

In unserem Projekt Web 2004 haben die Nutzer die Websites im Schnitt nach 1 Minute und 49 Sekunden verlassen und sind in dieser Zeit zum Schluss gekommen, dass die Website ihren Bedürfnissen nicht entspricht. (In meinem Hauptvortrag auf der Konferenz User Experience 2004 werde ich einen vertieften Einblick in die Ergebnisse von Web 2004 geben.)

Wenn Sie so wenig Zeit haben, um Interessenten vom Wert Ihrer Site zu überzeugen, sollten Sie sie nicht eine Sekunde damit verschwenden lassen, sich mit einer abwegigen Nutzeroberfläche herumzuschlagen.

In einem weiteren Schritt müssen wir weitgehend anerkannte Konventionen und Designmuster für die grösseren Bestandteile des Webdesigns entwickeln und befolgen. Dazu gehören:

  • die Struktur von Produktseiten,
  • der Arbeitsablauf (Workflow über simple Einkaufswagen hinaus),
  • die Haupttypen von Informationen, die eine Firmensite liefern sollte, und
  • die Informationsarchitektur für diese Informationen (wo man was findet).

Man kann nicht alles standardisieren. Aber quer durch die Sites gibt es mehr Gemeinsamkeiten im Nutzerverhalten, als Sie sich vielleicht vorstellen. Tests mit Privatinvestoren und Finanz-Analysten haben zum Beispiel drei Informations-Architekturen (IA) ergeben, die für die "Investor-Relations"-Informationen eines Unternehmens zu empfehlen sind. Drei verschiedene IA, das klingt vielleicht nicht sehr nach Standard. Allerdings sind die drei IA recht ähnlich und folgen alle einem zu Grunde liegenden Modell, weil die Investoren so ziemlich das Gleiche tun, wenn sie sich die IR-Bereiche verschiedener Unternehmen ansehen. Es sollte es möglich sein, auch für andere Bereiche Designmuster auf hohem Niveau abzuleiten. Solche Muster müssen einerseits flexibel genug sein, andererseits den Nutzern das Gefühl von Konsistenz und Kontrolle der Dinge geben, auf die es ankommt.

Intranetstandards

Design-Standards sind ein Feld, auf dem Intranets besser dastehen als öffentliche Websites. Da es bei Ihnen an so vielen anderen Stellen klemmt, tun sie gut daran, diesen einmaligen Vorteil auszunutzen.

Der Hauptunterschied zwischen einem Intranet und dem Internet ist der, dass über dem Intranet nur eine Autorität steht. Das Intranet-Team kann einen Designstandard definieren und im ganzen Unternehmen vertreten. Das Team kann auch ein bestimmtes Redaktionssystem installieren, das beim Platzieren sämtlicher Inhalte in einem einzelnen Satz gut gestalteter Templates für Konsistenz sorgt.

Ja, ich vereinfache die Dinge, wenn ich sage, das Intranetteam "kann" das alles. In den meisten Unternehmen muss erst eine politische Schlacht geschlagen werden, ehe das Intranetteam sich das Mandat gesichert hat, wirklich über das Intranet zu regieren und es zu einem Werkzeug der Mitarbeiterproduktivität zu machen. Aber die meisten der wirklich guten Intranets, die wir studiert haben, haben gewisse Designstandards im Einsatz.

Egal ob Sie ein Intranet oder eine Website betreiben, eines ist klar: Je mehr Sie sich nach Designkonventionen richten und den Nutzern geben, was sie wollen, desto mehr Erfolg werden Sie haben. Natürlich ist es wichtig, bei Ihren Inhalten, Ihren Diensten und Produkten zu differenzieren, aber bei der Schnittstelle zu diesem Material ist es die beste Strategie, dem Rest der Welt zu folgen.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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