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11.08.2008

Die 10 besten Anwendungs-Oberflächen 2008

Viele Gewinner verwenden Dashboards (Instrumententafeln), um den Nutzern einen Gesamt-Überblick über komplexe Informationen zu geben, und Lichtboxen, um sicherzustellen, dass die Nutzer die Dialoge bemerken. Das Office-2007-Band wies eine erstaunlich starke frühe Ausbreitung auf.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 12.08.2008

 

Die Gewinner des ersten Wettbewerbs um die 10 am besten gestalteten Anwendungs-Nutzeroberflächen sind:

  • Campaign Monitor von Eyeblaster (Israel): integrierte Verwaltung mehrerer Anzeigenkampagnen für Media-Einkäufer
  • CMSBox von CMSBox (Schweiz): Content-Management-System
  • FotoFlexer von Arbor Labs (USA): Bild-Editor
  • PRISMAprepare von Océ (Niederlande): Druckerei-Software
  • Seating Management von Magellan Network and DesignBox (USA): Reservierungsbuch für Restaurantkellner
  • SQL diagnostic manager von Idera (USA): Überwachung und Diagnose der Leistung von Datenbanken
  • SugarSync von Sharpcast (USA): Datensynchronisierung zwischen mehreren Rechnern
  • SuperSaaS von SuperSaaS (Niederlande): Erzeugung und Hosting von Reiseplanungs- und Reservierungssystemen
  • Wufoo von Infinity Box, Inc. (USA): Online-Formulare, -Umfragen, -Einladungen und -Zahlungen
  • Xero von Xero (Neuseeland): Buchhaltung für kleine Unternehmen

Wie bei allen unseren Design-Wettbewerben kamen die Gewinner aus der ganzen Welt und deckten vier Kontinente ab. Bei diesem Wettbewerb hatten wir zum ersten Mal einen Gewinner aus dem Nahen Osten dabei, dazu ein starkes Auftreten der Niederlande, wenn man ihre Grösse berücksichtigt.

Von den bestplatzierten Anwendungen sind 70% web-basiert und 40% lokal installiert. Ja, das ergibt 110% - SugarSync haben wir doppelt gezählt, weil es sowohl Web- als auch PC- bzw. Mac-basiert ist. Ausserdem hat es wie viele andere Gewinner auch eine Komponente für mobile Geräte.

Rein mobile Anwendungen sind zwar noch nicht gut genug, um selbstständig unter die Gewinner kommen zu können, aber es war auffällig, wie viele der diesjährigen Gewinner eine mobile Komponente hatten. Mobil ist definitiv der Trend, den wir nächstes Jahr beobachten müssen, und jeder Anwendungs-Entwickler sollte sich den Kopf darüber zerbrechen, ob er nicht in 2009 mobile Funktionen hinzufügen kann und wenn ja, welche.

Geschäfts-orientierte Interaktion

Sie glauben wahrscheinlich, dass es zwischen Marketing-Managern, die Werbekampagnen überwachen, und Datenbank-Administratoren, die SQL-Server überwachen, wenig Gemeinsamkeiten gibt. Und damit haben Sie Recht, wie die vielen Unterschiede in den Design-Details der beiden Sieger-Applikationen für diese verschiedenen geschäftlichen Nutzer zeigen.

Sie können nicht einfach ein "Instrumententafel"-Designschema in Ihre Applikation schrauben und dann erwarten, es werde allen geschäftlichen Nutzern zum Vorteil sein; denn die haben hochgradig berufsspezifische Anforderungen.

Dennoch sind die Ähnlichkeiten erstaunlich, wenn man den Campaign Monitor mit dem SQL Diagnostic Manager vergleicht. Beide brauchen Alarme und beide müssen es vermeiden, zu viele Alarme auszulösen, denn dadurch könnten die Nutzer die wichtigsten Notfälle übersehen. Beide brauchen Drill-downs. Und schliesslich zeigen beide ausgewählte Statusmeldungen in einer einheitlichen Übersicht an, so dass die Nutzer auf einen Blick sehen können, wie es ihren Anzeigen oder Servern geht.

Die allgemeinen Aufgaben, grosse Mengen von Informationen zu verwalten und den Nutzern die Komplexität auf einen Blick zu zeigen, wurden von vielen der Sieger-Applikationen angegangen. Seating Management zum Beispiel zeigt, welche Tische demnächst wahrscheinlich frei werden (und wann), und verwendet dafür einen Farb-Code in einem Grundrissplan des Restaurants. Eine ganz andere Oberfläche hat ebenfalls an einen physischen Raum angeknüpft und auch diese bietet einen schnellen Überblick an.

Die meisten Gewinner verwenden mit grossem Erfolg das gestaffelte Anzeigen. Das ist eine einfache Idee, die die Usability in einem breiten Spektrum von Kontexten verbessert.

Offener oder linearer Ablauf

Viele der Sieger-Applikationen zielen auf ein breiteres Publikum, als es bei ähnlichen Anwendungen in der Vergangenheit üblich war. Deshalb haben sie natürlich die Usability betont und deshalb ein Nutzererlebnis erreicht, das einen Wettbewerb gewinnt.

Eine primäre Herausforderung besteht darin, die ersten Erfahrungen für unerfahrene Nutzer zu vereinfachen, ohne eine Lösung zu kreieren, die für die traditionellen Nutzer zu restriktiv ist. Viele unserer Gewinner haben dieses Dilemma dadurch gelöst, dass sie den Anfängern einen linearen Aufgabenablauf anbieten sowie einen traditionelleren, offenen Satz von Befehlen für die Experten.

Assistenten (Wizards) sind in diesem Jahr der bevorzugte Ansatz, um Nutzer durch die Applikation zu führen. Aber diese Assistenten sind flexibler und nicht so platt heruntergeschraubt wie die restriktiven Assistenten von früher. Nachdem wir nun Zeugen dieses verbesserten Nutzererlebnisses waren, erklären wir, dass es Zeit ist für eine Assistenten-Renaissance. (Dennoch sollten Sie in den meisten Fällen auch eine Nicht-Assistenten-Oberfläche für Experten-Nutzer und für Leute anbieten, die offene Arbeitsabläufe bevorzugen.)

Das Office-2007-Band wurde rasch aufgegriffen

Mehrere Gewinner haben als Hauptsteuerung ein Band eingeführt, das aus der neuen Nutzeroberfläche von Microsoft Office 2007 entlehnt ist. Man bedenke, wie revolutionär es ist, die traditionellen Pull-down-Menüs abzuschaffen; da ist es in der Tat eine schnelle Entwicklung, wenn schon ein Jahr später weitere Anwendungen diesen Weg gehen.

Hauptsteuerung: Band
Das Band von SQLdm.

Seit Jahrzehnten hören wir geschäftliche Nutzer sagen: "Gebt mir eine Oberfläche, die aussieht wie Office." In der Tat spricht vieles für Vertrautheit und dafür, auf die existierenden Kenntnisse und Erwartungen der Nutzer zu setzen, aber aus verschiedenen Gründen sind wir damit vorsichtig gewesen, dieser Forderung nachzukommen.

Erstens ist es eine grundlegende Lehre in der Usability, dass man nicht darauf hören soll, was die Nutzer sagen, sondern beobachten soll, was sie tun. Endnutzer sind keine Interaktionsdesigner, deshalb sind spezifische Dialog-Elemente, nach denen Sie fragen, gewöhnlich nicht das, was wirklich gut für sie ist.

Zweitens waren die Microsoft-Nutzeroberflächen nicht immer glänzende Beispiele für gute Usability; es ist schon länger her, dass das Unternehmen sich im grossen Rahmen Usability zu eigen gemacht hat. Seit 10 Jahren war es das wichtigste Design-Kriterium, den Bill-Gates-Test zu bestehen, und Bill ist definitiv kein Durchschnittsnutzer.

Drittens, auch als die Microsoft-Designs sich verbesserten, war nicht gesagt, dass die Office-Nutzeroberfläche sich in Unternehmens-Anwendungen transferieren lässt. Schliesslich ist Office eine Serie von Programmen, die hauptsächlich aus Dokument-Editoren besteht (Textverarbeitung, Folienverarbeitung, Tabellenverarbeitung). Unternehmens-Anwendungen haben zwar auch Editierfunktionen, aber die meisten Aufgaben unterscheiden sich stark von Office-artigen Aufgaben.

Wenn man die diesjährigen Gewinner betrachtet, scheint es aber so, dass das Band Beine hat und sich über den Bereich der Dokumentverarbeitung hinaus ausbreitet.

Modale Dialogboxen: Ja oder nein?

Was modale Dialogboxen betrifft, haben unsere Gewinner sehr unterschiedliche Auffassungen. Das eine Extrem bildet Seating Management. Als Echtzeit-Anwendung, die eine physische Umgebung überwacht, achtet Seating Management darauf, die Arbeit der Kellnerinnen in keiner Weise zu unterbrechen. Wenn eine Kellnerin fünf Gäste an einem Tisch platzieren will, der nach der Datenbank nur eine Kapazität von vier Plätzen hat, würde das System den Ablauf im Restaurant nicht blockieren, indem es sagt, das geht nicht. Es kann ja sein, dass die Leute so freundlich aussahen, dass sie ohne weiteres enger zusammenrücken können.

Das andere Extrem bilden verschiedene Applikationen, die modale Dialogboxen - und jede Menge davon - in einer Weise verwenden, die die Nutzer in ihrem Vorgehen eindeutig stoppt und von ihnen verlangt, etwas zu tun, bevor sie weitermachen können. Wie wir unten sehen werden, war die leuchtende Box die bevorzugte Technik für diesen Zweck.

Wie lautet also die Antwort? Es gibt keine. Im Allgemeinen fühlt sich das Nutzererlebnis bequemer an, wenn modale Dialogboxen vermieden werden oder selten sind. Wenn es aber unbedingt nötig ist, eine Entscheidung zu fixieren, ist es besser, den Nutzern das eindeutig mitzuteilen.

Die Leuchtbox: Interaktionstechnik des Jahres

Auf einer Nutzeroberfläche lenkt eine leuchtende Box die Aufmerksamkeit des Nutzers auf eine Dialogbox, eine Fehlermeldung oder andere Design-Elemente in der Mitte des Bildschirms, indem sie den Rest des Bildschirms abdunkelt. Der folgende Screenshot von Xero zeigt ein typisches Leuchtbox-Design:

typisches Leuchtbox-Design

Wir haben in den letzten vier Jahren immer mal wieder Leuchtboxen in Nutzeroberflächen gesehen, aber dieses Jahr haben so viele Gewinner-Applikationen die Idee aufgenommen, dass wir die Leuchtbox zur Dialogdesign-Technik des Jahres 2008 ernannt haben.

Der Nutzen der Leuchtbox liegt auf der Hand: Es ist für die Nutzer unmöglich, den einzigen hellen Teil des Bildschirms zu übersehen. Das steht in einem starken Kontrast zu vielen traditionellen Designs, bei denen die Nutzer oft herrlich unwissend gegenüber Meldungen bleiben, die irgendwo auf einer geschäftigen Seite verbogen sind.

Leuchtboxen haben jedoch auch Nachteile, und sie sollten nicht überall verwendet werden.

  • Eine Leuchtbox ist ein Hammer, der die Nutzer vor den Kopf stösst und sie dazu zwingt, alles liegen zu lassen, was sie gerade taten. Verwenden Sie sie nicht für Themen geringer Priorität oder für Hintergrund-Informationen.
  • Wir haben über modale Dialogboxen gesprochen. Eine Leuchtbox treibt dieses Konzept ins Extrem. (Auch wenn es theoretisch möglich wäre, eine Interaktion mit den abgedunkelten Teilen des Bildschirms zu erlauben, wird das in der Praxis nicht getan, weil etwas, das abgedunkelt ist, inaktiv sein sollte.)
  • Die Nutzer brauchen oft Informationen im Bildschirmhintergrund, um die Situation in der Dialogbox im Vordergrund zu klären. Wenn der Hintergrund zu stark abgedunkelt ist, sind solche Informationen eventuell schwer zu lesen.

Die doppelte Usability-Herausforderung

Mehrere Gewinner waren Bausätze, mit denen die Nutzer etwas für andere Endnutzer kreieren können:

  • Mit der CMSBox können die Nutzer Webseiten produzieren, in denen andere blättern können.
  • Mit SuperSaaS erstellen die Nutzer Reservierungssysteme, damit andere Nutzer darüber Buchungen vornehmen können.
  • Mit Wufoo kreieren die Nutzer Online-Formulare, die andere Nutzer ausfüllen sollen.

Solche Anwendungen stehen einer doppelten Usability-Herausforderung gegenüber. Erstens muss die Oberfläche einfach genug sein, damit die direkten Nutzer damit ihre gewünschten Ergebnisse produzieren können. Und zweitens müssen diese Ergebnisse für die endgültigen Nutzer einfach genug zu bedienen sein. Dieses zweite Ziel ist besonders schwierig, weil die endgültigen Nutzer die Anwendung gar nicht nutzen; stattdessen nutzen sie das, was die direkten Nutzer erzeugen.

Die Lösung dafür war in allen Fällen die gleiche: Machen Sie es den direkten Nutzern besonders leicht, höchst brauchbare Designs zu erzeugen. Sicher, die Nutzer könnten sich selbst ein Bein stellen, über die Voreinstellungen hinausgehen und so für ihre Endnutzer ein miserables Nutzererlebnis erzeugen. Aber die meisten Leute sind faul und bleiben so lange wie möglich bei den Voreinstellungen.

Nutzer-Assistenz

Nutzerassistenz kann die ganze Skala durchlaufen - von Anwendungen ohne jede Hilfe und ohne Handbuch bis hin zu vollständig dokumentierten Anwendungen mit ausführlicher Online-Hilfe, mit Wissensdatenbank und anderen ausgetüftelten Formen der Nutzerassistenz.

Meistens geht der Trend dahin, die Nutzerassistenz als separate Funktion herunterzufahren. Die meisten Anwendungen integrieren hilfreiche Hinweise und Beschreibungen in die Hauptnutzeroberfläche, indem sie Bildschirm-Anweisungen, aufgepeppte Super-Tooltipps und Klick-Tipps verwenden. (Der Unterschied zwischen Tooltipps und Klick-Tipps besteht darin, dass der Nutzer einen Klick-Tipp durch Anklicken ausdrücklich anfordern muss, während ein Tooltipp erscheint, sobald die Maus über ein Design-Element hinüberfährt.)

Emotionales Design

Bei Anwendungen handelt es sich um Funktionen, aber es handelt sich auch darum, Nutzer miteinander zu verbinden. Mehrere Anwendungen haben gezielt auf emotionales Design gesetzt, um die Nutzer bei Laune zu halten und den Projekten eine spielerische Note zu geben.

Wufoo ist mit seinen fetten Grafiken und seinen witzigen Assistenztexten das prominenteste Beispiel für diesen Ansatz. Aus diesem Grunde hat Wofoo den Seitentitel: "making forms easy + fast + fun" (etwa: "Formulare machen - einfach, schnell, mit Spass"). (Endlich einmal ein sinnvoller Seitentitel, der in fünf Worten erklärt, was dort geschieht.)

Xero könnte jedoch das interessantere Beispiel sein, weil es hier um die sprichwörtlich staubtrockene Materie der Buchhaltung geht. In eine seiner Hauptfunktionen gleichen die Nutzer automatisch Buchhaltungs-Einträge mit Konto-Transaktionen ab. Sobald ein Abgleich fertig ist, verschwinden die beiden zu vergleichenden Posten von der Tuwas-Liste. Die Nutzer haben diese Interaktion mit Tetrisspielen verglichen und sagten, das mache Spass und geradezu süchtig. Buchhaltung, die Spass macht? Ja, so sieht ein Gewinner-Design aus.

Usability-Methoden: billig, aber kontext-bezogen

Die Gewinner-Designs sind revolutionär, aber an den Usability-Methoden, die sie eingesetzt haben, um ihre Qualität zu verbessern, ist nichts Revolutionäres. Die Teams haben auf bekannte und seit langem etablierte Usability-Methoden zurückgegriffen, die ich schon seit Jahrzehnten empfehle.

Diese Siegermethoden weichen in zweierlei Hinsicht von den Usability-Bemühungen der meisten Unternehmen ab:

  • Die meisten Gewinner haben einen sehr schnellen Usability-Ansatz verwendet mit dem Schwerpunkt auf Nutzertests mit wenig Teilnehmern und Papierprototypen, um schon vor dem Programmieren Nutzerrückmeldungen zu haben. Mehrere Teams haben eine grosse Menge an Usability-Arbeit in ein Budget von höchstens 80 Stunden hineingequetscht. Das ist höchst vernünftig und beweist, dass kleine Investitionen gute Ergebnisse liefern können - so lange die Designer sich wirklich an die Usability-Ergebnisse halten.
  • Viele Gewinner haben Feldstudien oder andere Formen der kontext-bezogenen Forschung am Arbeitsplatz einbezogen. Denn wenn Sie geschäftsentscheidende Software für Druckereien entwickeln, sollten Sie Ihren Allerwertesten aus dem Büro hinaus in eine echte Druckerei bewegen.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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