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02.10.2005

Die 10 häufigsten Webdesign-Fehler des Jahres 2005

Die diesjährige Zusammenfassung der 10 häufigsten Webdesign-Fehler wurde von den Nutzern selbst mitbestimmt. Leider sind es wiederum ganz banale und längst bekannte Design-Fehler, die den Anwendern das Leben schwer machen.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 03.10.2005

 

Für die diesjährige Liste der schlimmsten Webdesign-Fehler habe ich etwas Neues ausprobiert: Ich habe die Leser meines Newsletters gebeten, die Usability-Probleme zu nominieren, die sie am irritierendsten fanden.

Ich hatte angenommen, meine Leser würden viele Themen vorbringen, die ich in meinen eigenen Nutzertests noch nicht bemerkt hatte. Das war nicht der Fall. Im Gegenteil, die 30 meistgenannten Probleme werden bereits durch bestehende Usability-Richtlinien abgedeckt. Wenn Sie also die diesjährige Top-Ten-Liste lesen, sagen Sie sich wahrscheinlich: "Ja, davon habe ich schon gehört."

Da diese Fehler aber weiterhin so häufig vorkommen, ist es verständlich, dass sich die Leute immer noch über sie beschweren.

1. Probleme mit der Lesbarkeit

Mängel in der Schriftart haben die Abstimmung mit Abstand gewonnen und fast doppelt so viele Stimmen bekommen wie Fehler Nr. 2. Etwa zwei Drittel der Nutzer beschwerten sich über kleine oder fixierte Schriftgrössen; etwa ein Drittel über ungenügenden Kontrast zwischen Text und Hintergrund.

2. Keine Standard-Links

Die fünf Hauptrichtlinien für Links sind folgende:

  • Machen Sie klar erkennbar, was klickbar ist: Verwenden Sie farbigen, unterstrichenen Text für Textlinks (und unterstreichen Sie keinen unverlinkten Text).
  • Unterscheiden Sie zwischen besuchten und nicht besuchten Links.
  • Erklären Sie, was die Leute am anderen Ende des Links vorfinden werden, und fügen Sie einige informative Schlüsselbegriffe in den Ankertext selbst ein. Damit erhöhen Sie zusätzlich sowohl die Scannbarkeit als auch die Suchmaschinen-Optimierung (sog. SEO: Search Engine Optimization). Verzichten Sie für Links auf nichtssagende Texte wie "hier klicken".
  • Vermeiden Sie JavaScript und andere technische Tricks, die die Standard-Interaktionstechnik der Links durchbrechen.
  • Öffnen Sie insbesondere auch keine Seiten in neuen Fenstern (ausser bei PDF-Dateien und ähnlichem).

Links sind das klassischste Interaktions-Element im Web. Wenn Sie die gängige Erwartung an die Funktionalität von Links verletzen, verwirren sie die Nutzer und halten sie auf - letztlich können Sie damit die Besucher sogar ausserstande setzen, Ihre Site zu nutzen.

3. Flash

Ich betrachte es als persönliches Versagen, dass Flash die Bronzemedaille für Ärger bekommen hat. Vor nunmehr drei Jahren setzte ich ein grösseres Projekt in Gang, um Gegenmittel zu den Flash-Problemen zu finden, und veröffentlichte Richtlinien für den richtigen Gebrauch von Flash. Als ich auf der wichtigsten Konferenz für Flash-Entwickler sprach, gingen fast alle mit mir einig, dass die Exzesse der Vergangenheit angehören und Flash in Zukunft nützliche Nutzeroberflächen liefern sollte.

Trotz dieser guten Vorsätze begegnen Webnutzer im Alltag meist schlechtem Flash, dessen einziger Zweck darin besteht, die Leute zu nerven. Der einzige Lichtblick ist, dass "spritzige" Vorschaltseiten und Flash-Intros fast ausgestorben sind. Sie sind so schlecht, dass selbst die dümmsten Webdesigner sie nicht empfehlen, wenn auch ein paar (noch dümmere) Kunden noch manchmal danach verlangen.

Flash ist eine Programmierumgebung und sollte eingesetzt werden, um den Nutzern zusätzliche Mittel und Funktionen anzubieten, die von einer statischen Seite aus nicht zugänglich sind. Flash sollte nicht zum Aufpeppen einer Site dienen. Wenn Ihre Inhalte langweilig sind, schreiben Sie den Text neu, damit er spannender wird, und engagieren Sie einen professionellen Fotografen, der bessere Fotos schiesst. Aber bringen Sie keine Bewegung in Ihre Seiten. Denn das ist der Aufmerksamkeit der Nutzer nicht dienlich und scheucht sie weg; die meisten Nutzer interpretieren animierte Inhalte als nutzlose Inhalte.

Flash zur Navigation zu benutzen ist fast genauso schlecht. Die Leute mögen eine vorhersehbare transparente Navigation und statische Menüs lieber.

4. Inhalte, die nicht speziell fürs Web geschrieben wurden

Fürs Web schreiben heisst, die Texte

  • kurz,
  • scannbar (überfliegbar) und
  • auf den Punkt zu formulieren (und nicht, sie mit Marketing-Englisch aufzublasen).

Ausserdem sollten Webtexte

  • die Fragen der Nutzer beantworten und
  • die Umgangssprache nutzen - und keine selbst gestrickten Ausdrücke (was zudem die Sichtbarkeit in Suchmaschinen verbessert, da die Nutzer ja mit ihren eigenen Worten suchen und nicht mit den Ihren).

5. Schlechte Suchfunktionen

Die andern Punkte auf dieser Liste sind ziemlich leicht zu beheben - aber eine Verbesserung der Suchfunktion erfordert leider beträchtlichen Aufwand und Investitionen in eine bessere Software. Gleichwohl lohnt es sich, denn die Suche ist eine fundamentale Komponente des Nutzererlebnisses im Web, und sie wird jedes Jahr wichtiger.

6. Inkompatible Browser

Ich gebe es zu: In meinen Seminaren im Frühjahr 2004 habe ich die plattform-übergreifende Kompatibilität zu einer Ein-Stern-Richtlinie degradiert (was heisst: "Bedenken, wenn man noch etwas Zeit im Projekt übrig hat, aber ohne Priorität"). Damals nutzte fast jeder den Internet Explorer, und es wurde vor dem Hintergrund des ROI ziemlich schwierig, ein Projekt zur Unterstützung anderer Browser zu rechtfertigen.

Heutzutage aber verwenden so viele Nutzer Firefox (sowie verschiedene andere Browser mit kleinen Marktanteilen wie Opera und Safari), dass dieser Punkt wieder wichtig fürs Geschäft wird: Weisen Sie keine Nutzer ab, bloss weil sie eine andere Plattform bevorzugen.

7. Lästige Formulare

Die Leute haben sich über zahlreiche Probleme im Zusammenhang mit Formularen beklagt. Was ist das Grundproblem? Formulare werden im Web zu oft verwendet und sind tendenziell zu lang, sie enthalten zu viele unnötige Fragen und Optionen. Auf längere Sicht brauchen wir auf dem Internet eher eine Anwendungs-Metapher fürs Interaktionsdesign. Im Moment stossen die Nutzer aber noch auf eine Unzahl an Formularen - wir müssen jede dieser Begegnungen so sanft wie möglich gestalten. Zu diesem Zweck gibt es fünf grundlegende Richtlinien:

  • Streichen Sie jede unnötige Frage.
  • Legen Sie keine unnötigen Pflichtfelder fest.
  • Unterstützen Sie die Komplettierungsfunktion der Browser (Autofill) soweit es geht, indem Sie unübliche Feldbezeichnungen vermeiden und stattdessen "Name", "Adresse" usw. verwenden.
  • Setzen Sie die Einfügemarke ins erste Feld, wenn das Formular erscheint. So ersparen Sie den Nutzern einen Klick.
  • Lassen Sie flexible Eingaben für Telefonnummern, Kreditkartennummern und dergleichen zu. Der Computer kann nachträglich mit Leichtigkeit Klammern, Zwischenräume usw. eliminieren. Das ist vor allem für ältere Nutzer wichtig, die oft leiden, wenn sie Daten in ungewohnten Formaten eingeben müssen. Wollen Sie Bestellungen verlieren, bloss weil die Nutzer ihre Kreditkartennummer lieber in übersichtlichen Vierergrüppchen eintippen als in einer zentimeterlangen, fehleranfälligen Schlange aus 16 Ziffern?

Formulare, die die Richtlinien für Internationalisierung verletzen, lassen viele ausländische Kunden fluchen. Wenn beispielsweise die Eingabe einer französischen oder österreichischen Postleitzahl eine Fehlermeldung hervorruft, brauchen Sie sich gar nicht zu wundern, wenn Sie in diesen Ländern nur sehr wenig Umsatz machen.

8. Fehlen von Kontaktdaten und Informationen zum Unternehmen

Zwar werden als Kontaktdaten meist Telefonnummern und E-Mail-Adressen verlangt, aber eine physische Postanschrift auf der Site könnte noch wichtiger sein - schliesslich ist sie für die Glaubwürdigkeit sehr zentral. Einem Unternehmen ohne Adresse gibt man nur ungern Geld.

Tipps, wie man die Kontaktinformationen am besten präsentieren sollte, finden Sie in der Alertbox zum "Über-uns"-Teil einer Website.

9. Starre Layouts mit fixierter Seitenbreite

Die Beschwerden darüber bilden zwei Kategorien:

  • Auf grossen Bildschirmen sind Websites schwer zu nutzen, wenn sie sich nicht ans jeweilige Fenster anpassen. Wenn Nutzer dagegen ein kleines Fenster haben und die Seite sich nicht anpasst, kommt es zu unerträglichem waagerechten Scrollen.
  • Der Teil ganz rechts auf der Seite wird beim Ausdrucken starrer Seiten einfach abgeschnitten. In Europa ist das besonders gravierend, da hier im Gegensatz zu den USA noch schmaleres Papier zum Einsatz kommt (A4 vs. Letter Format).

Bei den Schriftgrössen handelt es sich um ein verwandtes Thema. Wenn eine Site Fehler Nr. 1 umschifft und die Schriftgrössen nicht einfriert, dann vergrössern jene Nutzer mit hochauflösenden Bildschirmen meist die Schrift. Wenn sie dann aber auch das Fenster vergrössern wollen, um den grösseren Text besser lesbar zu machen, durchkreuzt ein starres Layout ihre Bemühungen.

Die schlimmsten Übeltäter sind jene Sites, die Breite und Höhe des Blickfeldes fixieren, wenn sie Informationen in einem Popup-Fenster präsentieren. Popups sind eigentlich ein Fehler für sich - wenn Sie sie aber schon verwenden müssen, zwingen Sie die Nutzer wenigstens nicht, in einem winzigen Schlüsselloch zu lesen. Die absolute Mindestanforderung ist, dass die Nutzer die Grösse jedes neuen Fensters einstellen können.

10. Unpassende Vergrösserung von Fotos

Nach der Abstimmung kämen Pop-ups eigentlich auf diesen 10. Platz - aber ich habe schon viel darüber geschrieben (das meiste, als sie als Nr. 1 der meistgehassten Werbetechniken rangierten). Deshalb möchte ich hier lieber ein Problem behandeln, das etwas weniger Stimmen bekommen hat, aber ein tiefergehendes Problem illustriert.

Eine schon lange bestehende Richtlinie für E-Commerce-Usability verlangt, den Nutzern die Möglichkeit zur Vergrößerung von Produktfotos zu geben, damit sie sich Ausschnitte ansehen können. Dank Detailansichten oder der visuellen Beurteilung z.B. einer Oberfläche kann ein Einkäufer das notwendige Vertrauen für eine Online-Bestellung schöpfen.

Es ist erfreulich, dass die meisten Sites diese Richtlinie befolgen und Zoom-Funktionen anbieten, oft gekennzeichnet mit einem symbolischen Vergrösserungsglas. Doch viele Sites wenden diese Funktion falsch an.

Der schlimmste Fehler ist es, wenn die Nutzer einen Knopf "grösseres Foto" anklicken, und die Site dann einfach das gleiche Foto anzeigt wie vorher. Es ist immer ein Fehler, tote Links anzubieten, die nichts bewirken, wenn man sie anklickt. Solche funktionslosen Links und Knöpfe vergrössern den Wirrwarr, verschwenden Zeit und steigern die Verwirrung der Nutzer: Was ist passiert? Habe ich etwas falsch gemacht? (Noch häufiger ist die tote Option, auf der Startseite ein Link zur Startseite selbst zu platzieren. Das war die Nr. 10 unserer Liste der am häufigsten verletzten Homepage-Richtlinien.)

Ein anderer Fehler, und fast genauso schlimm, ist es, wenn die Site das Vergrössern von Fotos zulässt - aber nur für einen Ausschnitt. Wenn die Nutzer ein grosses Foto haben wollen, dann zeigen Sie ihnen doch ein grosses Foto. Oft ist es am besten, eine Vergrösserung anzubieten, die das von Ihren Kunden am häufigsten verwendete Bildschirmformat (der aktuelle Stand (2005) bei B-to-C-Sites liegt bei 1024*768). In anderen Fällen ist das unbefriedigend, und es ist besser, den Nutzern die Details in einer Reihe von Ausschnittbildern anzubieten als sie über ein übergrosses Foto scrollen zu lassen.

Ja, Ausgangsseiten sollen kleine Fotos verwenden, damit sie nicht flockig aussehen. Ja, Sie wollen auf die Download-Zeiten achten und halten Ihr Seitengewichtsbudget im Auge. Selbst in diesem Breitband-Zeitalter lagen lange Reaktionszeiten auf Platz 15 der Gesamtliste der Designfehler. Wenn die Nutzer aber ausdrücklich nach grösseren Bildern verlangen, dann sind sie bereit, auf das Herunterladen zu warten - es sei denn, am Ende des Wartens steht ein mittelgrosses Bild, das die Details, die sie für ihre Kaufentscheidung brauchen, immer noch nicht zeigt.

Zurück zu den Grundlagen des Webdesigns

Die diesjährige Liste der grössten Probleme beweist klar die Notwendigkeit, zu den Grundlagen des Webdesigns zurückzukehren. Auf Mailinglisten und Websites der Internetbranche wird viel über die neuen fantastischen "Web 2.0"-Funktionen gesprochen, genauso auf den Konferenzen. Aber den Nutzern sind Techniken egal, und sie verlangen nicht besonders nach neuen Funktionen. Was sie wollen, sind qualitative Verbesserungen bei den Grundlagen:

  • Text, den sie gut lesen können,
  • Inhalt, der ihre Fragen beantwortet,
  • eine Navigation und Suche, die ihnen zu finden hilft, was sie suchen,
  • kurze und einfache Formulare (glatte Registrierungs-, Abmelde- und ähnliche Prozesse); und
  • keine Bugs, keine Tippfehler, keine Datenkorruption; keine toten Links; keine veralteten Inhalte.

Jedes Mal, wenn Sie die Versuchung verspüren, auf Ihrer Site eine neue Funktion oder eine fortgeschrittene Technik einzubauen, überlegen Sie zuerst, ob Sie keinen höheren ROI erzielen, wenn Sie mit den vorhandenen Ressourcen das bereits Bestehende aufpolieren. Die meisten Unternehmen, E-Commerce-Sites, Regierungsstellen und gemeinnützigen Organisationen würden mit besseren Überschriften viel mehr für die Geschäftsziele ihrer Website tun als mit irgendeiner neuen Technik (abgesehen von einer besseren Suchmaschine natürlich).

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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