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09.04.2007

Die Brotkrümel-Navigation wird immer nützlicher

Die Brotkrümel-Navigation (Breadcrumbs) braucht eine einzige Textzeile, um den Ort einer Seite in der Website-Hierarchie anzuzeigen. Das ist zwar sekundär, aber diese Navigationstechnik ist für die Nutzer im steigenden Masse vorteilhaft.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 10.04.2007

 

Nicht alle Design-Entscheidungen sind überlebenswichtig. Natürlich ist es wichtig, dass die grossen Dinge richtig gelöst sind, sonst haben Sie gar keine Nutzer. Wenn aber auch die kleinen Dinge richtig gelöst sind, steigert das die Usability und pflegt den Nutzerkomfort. Ein gutes Beispiel dafür ist die Brotkrümel-Navigation.

Breadcrumbs helfen einer Website nicht dabei, die Fragen der Nutzer zu beantworten oder eine hoffnungslos verworrene Informationsarchitektur zu richten. Breadcrumbs tun nur eines: Sie machen es leichter für die Nutzer, in der Website hin- und herzugehen, vorausgesetzt, ihre Inhalte und ihre Gesamtstruktur sind sinnvoll. Für etwas, das nur eine einzige Zeile im Design in Anspruch nimmt, ist das eine beachtliche Leistung.

Die Brotkrümel sind immer schon eine sekundäre Navigationshilfe gewesen. Diese untergeordnete Rolle teilen sie mit den Sitemaps. Um zu navigieren, nutzen die Website-Besucher hauptsächlich die Hauptmenüs und die Suchfunktion, die für die Usability also von grösserer Bedeutung sind. Aber gelegentlich wenden sich die Leute an die Sitemap oder an die Brotkrümel, besonders dann, wenn die Hauptnavigation nicht ganz zu ihren Bedürfnissen passt.

Ungeachtet ihres sekundären Status empfehle ich Breadcrumbs schon seit 1995, aus ein paar einfachen Gründen:

  • Die Brotkrümel zeigen den Leuten ihren aktuellen Aufenthaltsort im Verhältnis zu den höherrangigen Konzepten an und helfen ihnen zu verstehen, wo sie sich im Verhältnis zum Rest der Website befinden.
  • Die Brotkrümel bieten einen direkten Zugang zu höheren Ebenen der Website an und retten auf diese Weise Nutzer, die über die Suche oder über tiefe Links auf einem sehr speziellen, aber unpassenden Ziel gelandet sind.
  • Die Brotkrümel verursachen bei Nutzertests niemals Probleme: Die Leute mögen dieses kleine Design-Element übersehen, aber niemals gibt es Missverständnisse oder Bedienungsprobleme bei den Brotkrümelpfaden.
  • Die Brotkrümel brauchen sehr wenig Platz auf der Seite.

Infolgedessen spricht, trotz ihrer nur mittelgrossen Vorteile, die Kosten-Nutzen-Analyse klar für Brotkrümel. Ihr Nachteil ist winzig klein: Sie brauchen zwar Platz, aber verschwindend wenig. Wenn Sie einen mittelgrossen Zähler durch einen winzigen Nenner dividieren, ist der resultierende Bruch substanziell.

Das Hauptargument gegen Brotkrümel mag sein, dass viele Nutzer sie übersehen. Warum also etwas machen, das nur einer Minderheit nützt?

Ich argumentiere seit langem, dass die Brotkrümel - anders als die meisten anderen wenig genutzten Design-Elemente - keinem Menschen schaden, der sie ignoriert.

Wachsende Popularität

Die Front gegen die Brotkrümel bröckelt. Jeden Tag sehen wir in unseren Studien mehr Leute, die die Brotkrümel nutzen. Da die Brotkrümel für eine spezielle Studie nicht wichtig genug sind, habe ich keine exakten Zahlen zum aktuellen Anteil der Brotkrümelnutzer. Aber er ist definitiv mit der Zeit gewachsen.

Beim Testen einer E-Commerce-Website letzten Monat zum Beispiel hat sich eine Nutzerin beklagt: "Hier gibt es keine Möglichkeit, zur vorigen Seite zurückzugehen."

Ich fand diese Nachfrage nach einem "Zurück"-Knopf merkwürdig, da der Knopf im Browser gross und deutlich zu sehen war und die Person ihn auch zuvor in der Sitzung bereits benutzt hatte. Auch ist es seit sechs Jahren eine gängige Richtlinie, Browser-Funktionen im Seitendesign nicht zu duplizieren.

Es wurde allerdings schnell klar, dass die Nutzerin nicht um eine Verdopplung des "Zurück"-Knopfes gebeten hatte. Als sie ihre Klage näher ausführte, zeigte sie auf die Stelle auf der Seite, an der die Brotkrümel normalerweise erscheinen und sagte, sie wolle dort eine Liste der höherrangigen Seiten sehen.

Mit anderen Worten, die Nutzerin wollte Brotkrümel. Sie hatte so etwas früher gesehen, aber sie wusste nicht, wie man das nennt, also verwendete sie Wörter, die - wörtlich verstanden - leicht hätten missverstanden werden können.

Dies ist ein hervorragendes Beispiel für eine schwer errungene Usability-Erkenntnis: Richten Sie sich nicht nach Nutzerwünschen. Achten Sie mehr auf das, was die Studienteilnehmer tun, als auf das, was sie sagen.

Konsistenz erzeugt Vertrautheit

Das menschliche Verhalten ändert sich über die Jahre hinweg kaum. Mein neuestes Buch dokumentiert ein paar Fälle, in denen sich Design-Richtlinien aus den mittleren 1990er Jahren geändert haben. Aber meistens bleiben Usability-Richtlinien jahrzehntelang die gleichen.

Warum verwenden die Nutzer heute Brotkrümel so stark, dass sie sie regelrecht vermissen, wenn eine Website keine anbietet?

Gerade die zurückhaltende Natur der Brotkrümel ist der Grund, aus dem sich die Leute langsam an sie gewöhnen. Es gibt nicht so viele Arten, Brotkrümel in einem Design unterzubringen. Das ist keine fantastische Sache, einfach nur eine Zeile mit Textlinks.

Brotkrümel werden fast immer auf die gleiche Weise implementiert, als horizontale Zeile, die

  • Schritt für Schritt von der höchsten zur niedrigsten Ebene fortschreitet,
  • mit der Startseite anfängt und mit der aktuellen Seite aufhört,
  • für jede Ebene einen Textlink enthält (ausser für die aktuelle Seite, denn Sie sollten niemals einen Link einbauen, der nichts bewirkt), und
  • einen einfaches, aus einem einzelnen Zeichen (meist ">") bestehendes Trennzeichen zwischen die Ebenen setzt.

Diese Konsistenz bedeutet, dass die Leute einen Brotkrümelpfad erkennen, sobald sie einen sehen, und sofort wissen, wie man ihn nutzt. Konsistenz erzeugt Vertrautheit und Vorhersagbarkeit, und die erzeugen Usability. Das zeigt einmal mehr, dass Sie sich beim Gestalten Ihrer Brotkrümel sehr wohl nach den Konventionen richten müssen.

Auch für Intranets sind Brotkrümel von Nutzen: 80% der Sieger-Intranets des diesjährigen Wettbewerbs verwenden Brotkrümel.

Hierarchie oder Historie?

Manchmal werde ich gefragt, ob die Website-Brotkrümel dem Märchenmodell von Hänsel und Gretel folgen sollten. In der Geschichte laufen die beiden Kinder durch einen unheimlichen Wald und lassen Brotkrümel fallen in der Hoffnung, so später wieder aus dem Wald herauszufinden.

Beim Gestalten von Nutzeroberflächen ist es oft gefährlich, Metaphern zu wörtlich zu nehmen und auch dafür sind die Brotkrümel ein gutes Beispiel. Wenn man den Nutzern einen historischen Pfad im Stil von Hänsel und Gretel anbietet, ist das im Grunde nutzlos, weil es die im Zurück-Knopf, dem am zweithäufigsten benutzten Werkzeug im Web, enthaltene Funktionalität einfach verdoppeln würde.

Ein historischer Pfad kann auch verwirrend sein: Oft wandern die Leute im Kreis herum oder gelangen in falsche Sektionen der Website. Wenn sie jeden Punkt ihrer Irrfahrt oben auf der aktuellen Seite sehen würden, wäre ihnen das keine grosse Hilfe.

Schliesslich ist ein historischer Pfad auch nutzlos für Leute, die direkt auf einer Seite tief im Innern der Website landen. Gerade in diesem Szenario zeigen die Brotkrümel ihren grössten Nutzernutzen, aber nur, wenn Sie sie korrekt implementieren - als Weg, den Ort der aktuellen Seite in der Informationsarchitektur der Website anzuzeigen.

  • Brotkrümel sollten also die Website-Hierarchie zeigen und nicht die Historie des Besuchs.

In nicht-hierarchischen Websites sind Brotkrümel nur dann nützlich, wenn Sie eine Möglichkeit finden, das Verhältnis der aktuellen Seite gegenüber abstrakteren oder übergreifenden Konzepten darzustellen. Wenn Sie den Nutzern zum Beispiel erlauben, eine grosse Produktedatenbank anhand bestimmter Attribute zu sichten (solcher Attribute natürlich, die für die Nutzer relevant sind), dann kann der Brotkrümelpfad die Attribute auflisten, die bis dahin ausgewählt wurden. Eine Website für Spielzeug könnte zum Beispiel Brotkrümel der folgenden Art haben: Start > Mädchen > 5-6 Jahre > Draussen spielen. (Beachten Sie, dass die Links sowohl farbig als auch unterstrichen sein sollten, was ich hier mit diesen Schein-Links nicht tue.)

In Zukunft werden die Leute wahrscheinlich noch häufiger Brotkrümel nutzen, weil sie bei Windows Vista ein wichtiges Navigationswerkzeug sind. Die meisten Nutzer unterscheiden nicht klar zwischen Betriebssystem, Anwendungen und Inhalten oder Websites. Die Leute werden also ihr Verständnis von Windows-Techniken auf Ihre Website übertragen.

Wenn Sie noch keine Brotkrümel haben, ist es an der Zeit, welche einzuplanen. Sie werden jetzt Ihre Usability ein bisschen verbessern, künftig zunehmende Erwartungen der Nutzer erfüllen, und - was das wichtigste ist - sie werden niemandem schaden.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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