Drucken
  • Facebook
  • Google+
  • Twitter
  • XING
10.05.2009

Die Top-Ten der Informationsarchitektur-Fehler

Struktur und Navigation müssen sich gegenseitig unterstützen, sich in die Suche integrieren und alle Unter-Websites einschliessen. Komplexität, fehlende Konsistenz, versteckte Optionen und schwerfällige Bedienungsmechaniken hindern die Nutzer daran zu finden, was sie brauchen.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 11.05.2009

 

Schlechte Informationsarchitektur verursacht die Mehrzahl der vollständigen Nutzer-Misserfolge und sie verbessert sich nicht so schnell wie andere Bereiche der Web-Usability. Um festzustellen, warum das so ist, habe ich zehn langwierig wunde Stellen identifiziert, welche die Website-Betreiber jedes Jahr Milliarden von Dollar kosten.

Ich habe die folgende Liste der schlimmsten IA-Fehler in zwei Abschnitte unterteilt, analog zu der Weise, wie wir bei unserem Zwei-Tages-Seminar zur IA das Material aufteilen: die Struktur am ersten Tag und die Navigation am zweiten Tag. Natürlich müssen Sie beide richtig machen, aber es handelt sich in der Tat um zwei verschiedene Design-Ebenen: die unsichtbare Art und Weise, auf die die Website strukturiert ist, und die sichtbare Art und Weise, wie die Nutzer diese Struktur verstehen und handhaben.

Strukturelle Fehler

1. Fehlende Struktur

Am stärksten fällt das Problem ins Auge, wenn die Designer die Website wie einen grossen Sumpf behandeln - ohne Organisationsprinzipien für die einzelnen Themen. Sicher, die Nutzer können mithilfe der Suche oder über Links in aktuellen Anzeigen oder externen Websites Dinge aus dem Sumpf fischen. Aber stets bleibt es bei dem, was sie da herausziehen. Sie haben keine Gelegenheit, die übrigen Angebote der Website zu verstehen oder verwandte Themen zu lokalisieren.

Diese Sünde ist verbreitet auf Nachrichten-Websites und in Katalog-gestützten Online-Shops, wo jedes Thema (Artikel beziehungsweise Produkte) als allein stehende Einheit ohne Verbindungen mit verwandten Themen behandelt wird. Kein Wunder, dass die Nutzer solche Websites so schnell wieder verlassen.

2. Suche und Struktur fallen auseinander

Wir wissen seit langem, dass die Nutzer oft ein Verhalten an den Tag legen, bei dem die Suche dominiert. Das heisst aber nicht, dass die Suche alles ist, was sie brauchen. Das Landen auf einer Seite über die Suche ist wie der Absprung mit einem Fallschirm über einer Stadt. Wenn Sie nach Paris wollen, haben Sie gute Chancen, auch in Paris zu landen und nicht in Amsterdam; aber es ist unwahrscheinlich, dass Sie direkt vor der Tür ihres Lieblingsrestaurants landen. Um dorthin zu kommen, müssen Sie zu Fuss gehen oder ein Taxi nehmen. Auf ähnliche Weise müssen die Nutzer oft die Umgebung ihres Such-Treffers erkunden.

Natürlich funktioniert eine solche lokale Navigation nur dann, wenn die Website eine Struktur hat, die ihre Umgebungen definiert (siehe Fehler Nr. 1). Aber das Design muss den Nutzern auch lokale Optionen anbieten. Besser noch, es zeigt an, wie relevant die Nachbar-Optionen sind im Verhältnis zur aktuellen Anfrage des Nutzers.

Die Usability von Suchergebnisseiten wächst, wenn jeder Suchtreffer seine Lage innerhalb der Website-Struktur anzeigt. Externe Suchmaschinen wie Google können das nicht, weil sie die Website-Struktur nicht kennen und nicht wissen, welche Bereiche der Navigation am besten zu welchen geläufigen Website-Aufgaben passen. Aber Sie kennen die Struktur Ihrer Website und sollten deshalb diese Information in ihre eigenen Suchergebnisseiten einfügen.

Leider schaffen es Suche und Navigation auf vielen Websites nicht, sich gegenseitig zu unterstützen. Dieses Problem wird noch verschärft durch einen anderen verbreiteten Fehler: Navigation-Designs, die die aktuelle Position des Nutzers nicht anzeigen. Das führt dazu, dass die Nutzer, wenn sie ein Suchergebnis angeklickt haben, nicht feststellen können, wo sie sich in der Website befinden - man sucht zum Beispiel nach Hosen und klickt auf eine davon, weiss dann aber nicht, wie man weitere Hosen sehen kann.

3. Fehlende Kategorie-Landeseiten

Wir empfehlen, dass Websites Kategorien haben, von denen jede auf eine eigene Landeseite verlinkt, die den Nutzern die Übersicht über eine Abteilung gibt. Manchmal lassen Websites die Übersichtsseite weg und bieten bloss Links direkt zu den Einzelseiten innerhalb einer Abteilung an. Das mag die Anzahl der Seiten innerhalb der Website reduzieren, aber wenn es keine Seite gibt, die eindeutig ein Unterthema behandelt, können die Nutzer die Abgrenzungen innerhalb der Website missverstehen und wichtige Details, Produkte und Dienstleistungen falsch interpretieren.

Kategorieseiten helfen auch bei der Suchmaschinen-Optimierung (SEO), da sie der prominenteste Landeplatz für Leute sind, die einen bestimmten Produkt-, Dienstleistungs- oder Informations-Typ suchen. Sie sind auch eine Möglichkeit, Fehler Nr. 2 zu umgehen, weil sie den Nutzern helfen, in der Website-Struktur eine oder zwei Ebenen nach oben zu gehen, wenn sie durch die Suche auf eine zu detaillierte Unterseite geraten sind. (Brotkrümel-Navigationen erleichtern es den Nutzern, sich durch die Ebenen zu bewegen.)

4. Übertriebene Polyhierarchien

Im Vergleich mit der physischen Welt hat die Online-Welt den Vorteil, dass dort das gleiche Thema an verschiedenen Stellen beheimatet sein kann. Weil eine Website Produkte und andere Inhalte nach vielfältigen Dimensionen klassifizieren kann, hilft sie den Nutzern, lokal zu benachbarten Themen zu navigieren und grosse Produkträume facettenartig in leicht handhabbare kurze Listen einzusortieren, die den wichtigsten Bedarfen der Nutzer entsprechen.

Das ist zwar gut so, aber solche Polyhierarchien können auch zum Kreuz werden. Statt im Vorfeld dafür Zeit zu investieren, einige intuitive und logisch überzeugende Hauptkategorien zu entwickeln, rasen manche Teams durch diesen wichtigen Prozess hindurch und erzeugen zahlreiche schwache Kategorien, in denen sie die Produkte mehrfach auflisten. Die Wirkung auf die Usability? Die Nutzer verschwenden zu viel Zeit damit, mit den Hauptkategorien zu ringen, und wenn sie dann die gleichen Themen an verschiedenen Orten sehen, fragen sie sich verwirrt: "Ist das jetzt das gleiche oder ist das etwas anderes?"

Bei zu vielen Klassifikations-Optionen und zu vielen Struktur-Dimensionen müssen die Nutzer immer mehr nachdenken, um vorwärts zu kommen. Der Überfluss an Optionen bewirkt auch, dass die Leute die Informationsfährten infrage stellen. Ein solcher Mangel an Vertrauen im Frühstadium des Website-Erlebnisses kann während des Besuchs weiter anwachsen und einen negativen Einfluss auf das Endergebnis ausüben (etwa einen Kauf durchkreuzen).

5. Unter-Websites und Microsites, die schlecht in die Haupt-Website integriert sind

Als Hinterlassenschaft alter Werbekampagnen müllen verlassene Microsites das Internet zu. Eine ausgewiesene Microsite mag eine gute Idee gewesen sein, als Sie ein neues Produkt auf den Markt gebracht haben, aber schon im nächsten Jahr unterminiert sie Ihre Online-Strategie und verdünnt Ihre Online-Präsenz.

Webdesign ist Design für die Ewigkeit. Denken Sie bei allem, was sie machen, daran, wie es sich in fünf Jahren anfühlen wird.

Normalerweise ist es besser, unabhängige Microsites zu vermeiden und neue Informationen auf Unter-Websites innerhalb der Haupt-Website zu platzieren. Doch auch dann müssen Sie diese Unter-Websites in die Gesamtstruktur der Website integrieren.

Zum Beispiel finden wir sowohl in Microsites als auch in Unter-Websites häufig produktspezifische Seiten, die keine Links zu Informationen über die Firma oder Organisation enthalten, die dahintersteht. Ausserdem sind viele Unter-Websites schlecht in der Suche der Haupt-Website vertreten - und Microsites oft überhaupt nicht.

Fehler in der Navigation

6. Unsichtbare Navigations-Optionen

Der allerschlimmste Fehler könnte sein, überhaupt keine Navigation zu haben, aber das ist so selten, dass ich es nicht zu diskutieren brauche. Allerdings könnte jede Funktion, die die Nutzer nicht sehen, genauso gut gar nicht existieren; eine unsichtbare Navigationen ist also genau so schlimm wie gar keine Navigation.

Die Navigation aufzudecken sollte keine Hauptaufgabe sein: Sorgen Sie dafür, dass sie auf der Seite permanent sichtbar ist. Kleinkinder lieben Minensuchspiele (bei denen man mit der Maus auf dem Bildschirm herumfährt, um herauszufinden, wo etwas versteckt ist), aber Teenager mögen das nicht, und Erwachsene hassen das.

In ähnlicher Weise gilt es, Verluste durch Bannerblindheit zu vermeiden; die kommen zustande, wenn entweder die Navigation selbst wie ein Werbebanner aussieht oder wenn sie direkt neben Elementen steht, die wie Werbung aussehen und deshalb von den Nutzern ausgeblendet werden. So kann Ihre Navigation sogar dann unsichtbar sein, wenn sie auf dem Bildschirm ist, denn die Nutzer schauen nicht darauf.

7. Unkontrollierbare Navigationselemente

Normalerweise lenkt alles, was sich bewegt und hin und her springt, von der Web-Usability ab; wenn eine Navigation sich bewegt, während Nutzer gerade dabei sind, dort ihren Weg zu finden, ist das tödlich. Die Nutzer sollten sich auf das höhere Problem konzentrieren, wohin sie gehen wollen, und nicht auf das niedrige Problem, wie man die Nutzeroberfläche handhabt.

Zwei verbreitete Verstösse in diesem Zusammenhang sind übermässig sensitive Roll-overs, die plötzlich hervortreten und Inhalte verdecken, und Elemente, die sich aus eigenem Antrieb bewegen oder umdrehen. Die Nutzer beklagen sich immer wieder über solche Elemente. Designer und Programmierer, die so etwas in ihre Website einbauen, unterschätzen ernsthaft die wirtschaftlichen Auswirkungen von Nutzerfrustrationen.

8. Inkonsistente Navigationen

Navigationen sollen den Nutzern helfen und sich nicht selbst zum Puzzlespiel aufspielen. Die Nutzer sollen sie sofort verstehen und dieses Verständnis in der ganzen Website anwenden können. Leider ändern viele Websites ihre Navigations-Funktionen, wenn die Nutzer sich durch die Website bewegen. Optionen tauchen auf und verschwinden wieder, was den Nutzern das Gefühl gibt, keine Kontrolle darüber zu haben. Wie komme ich jetzt wieder an diesen Menüpunkt dran? Er war doch eben noch da.

Zwar ist die globale Navigation nicht das populärste Element einer Website, aber ihre Durchgängigkeit dient einem Schlüsselzweck: Sie ist eine Leitplanke, die den Nutzern hilft zu verstehen, wo sie sich befinden und wie sie problemlos zurück an den Anfang der Website gelangen, wenn sie sich verlaufen haben.

9. Zu viele Navigationstechniken

Unser Tagesseminar zum Navigationsdesign deckt 25 verschiedene Navigationstechniken auf Websites ab. Jeder Ansatz hat seine eigenen Usability-Vor- und -Nachteile und führt so zum Seminarschwerpunkt Design-Entscheidungen: Wann soll man welche Form der Navigation verwenden.

Eines ist klar: Jede Navigationstechnik hat bei bestimmten Arten von Websites oder Intranets ihren Platz. Wenn Sie aber alle auf einmal benutzen, bekommen Sie nicht die Summe der Vorteile aller dieser Techniken. Sie bekommen ein Chaos.

Sie konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Zu viele Punkte, wo man hingucken muss. Überforderung. Lassen Sie es.

10. Affektierte Menü-Optionen

In der Vergangenheit hätte dieser Fehler weiter oben rangiert, aber zum Glück hat er heutzutage weniger Bedeutung als früher. Doch es sind immer noch zu viele Websites, die für die Bezeichnungen ihrer Menüpunkte eine eigene Terminologie nutzen.

Künstliche, affektierte Navigationsbegriffe verwirren nicht nur die Nutzer, sie erschweren auch die Suche: Die Nutzer können etwas nicht finden, wenn sie nicht wissen, wie es genannt wird. Auch wenn Sie Synonyme dazu anbieten, belasten die Hauptbegriffe in der Navigation zusätzlich Ihre Suchmaschinen-Optimierung; es ist eine Verschwendung, für Begriffe zu optimieren, nach denen niemand sucht.

Alte Worte sind besser. Wenn die Nutzer ihre Wahlmöglichkeiten verstehen, werden sie mit grösserer Wahrscheinlichkeit die richtige treffen. Sprechen Sie klar, deutlich und einfach. Wenn die Nutzer ein Menüthema nicht verstehen, klicken sie es meist gar nicht erst an. Paradoxerweise sind viele Unternehmen besonders anfällig für fantasievolle Begriffe, wenn es darum geht, ihre neuesten und wichtigsten Angebote zu bewerben, und dann schiessen sie sich mit dieser doppelläufigen Flinte ins Knie.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

Kommentare auf diesen Beitrag

    Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Die mit * gekenzeichneten Felder sind zwingend auszufüllen