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12.07.2014

Direkter versus sequentieller Zugang: Definition

Beim Design eines Interfaces sollte man direkten Zugriff verwenden und die Nutzer nicht dazu zwingen, den Inhalt in aufeinanderfolgenden Seiten durchzublättern.

© viperagp - Fotolia.com

 

by Raluca Budiu (deutsche Übersetzung) - 13.07.2014

 

Wenn Sie dabei waren, als in den 90ern das Internet erfunden wurde, werden Sie sich wahrscheinlich daran erinnern, dass "Hypertext" das Modewort der Zeit (engl.) war. "HTML" steht in der Tat für "Hypertext Markup Language". Hypertext machte das Internet zu einer miteinander verbundenen Medienplattform basierend auf: Texte, die Links (Hyperlinks) auf zusätzliche Inhalte beinhalten, auf die sofort zugegriffen werden kann.

Hypertext und Hyperlinks veranschaulichen das Paradigma des direkten Zugangs und sind eine signifikante Verbesserung gegenüber dem traditionellen, Buch-basierenden Modell des sequentiellen Zugangs.

Direkter Zugang wird auch zufälliger Zugang genannt, weil es für alle zufällig gewählten Destinationen den gleichen einfachen und schnellen Zugriff ermöglicht.

In einem traditionellen Buch wird angenommen, dass ein Leser eine Seite nach der anderen liest, in genau der Reihenfolge, in der dies vom Autor vorgesehen ist. Bei den meisten Büchern (Romanen, Thrillern etc.) macht es auch keinen Sinn, auf Seite 256 mit dem Lesen zu beginnen. Ausser natürlich wenn der Leser dort mit dem Lesen aufgehört hat. Seite 256 in einem 500-Seiten Buch zu finden ist mit ein wenig Aufwand verbunden. Und wie wir wissen hat jeder seine eigene Methode, dies (mit Hilfe von Eselsohren oder einem Lesezeichen oder anderem) zu vereinfachen.

Inhaltsverzeichnisse versuchen dabei den sequentiellen Zugang ins Buch zu erleichtern. Dies in dem es beschreibt, auf welcher Seite welcher Inhalt gefunden werden kann. Der Nutzer (Leser) hat dann aber immer noch das Problem diese Seite zu finden, muss aber nicht mehr jede Seite überfliegen um zu überprüfen, ob es sich dabei um den gesuchten Inhalt handelt.

Im Gegensatz dazu ermöglicht das Internet den direkten Zugang. Umso enttäuschender ist es mit anzusehen, wie der sequentielle Zugang in heutigen Webdesigns mehr und mehr an Popularität gewinnt.

Vor- und Nachteile des sequentiellen Zugangs

Warum ist der sequentielle Zugang denn so schlecht? Ganz einfach darum, weil es einen Nutzer dazu zwingt, härter zu arbeiten als eigentlich notwendig: Die Nutzer müssen alle Inhalte des sequentiellen Designs durchblättern um die gewünschte Information ausfindig zu machen. Demzufolge bedeutet sequentieller Zugriff gleichzeitig auch mehr Interaktionsaufwand (engl.).

Interaktionsaufwand bei sequentiellem Zugang

Sequentieller Zugang erhöht den Interaktionsaufwand: Der Nutzer muss jeden einzelnen Inhalt wie in einer Liste der Reihe nach untersuchen und herausfinden, ob es sich dabei um den Inhalt handelt, welcher vom Nutzer gesucht wird. Mit einem direktem Zugang kann sich der Nutzer auf das Element seines Interesses konzentrieren und direkt auf dieses Zugreifen, ohne zuvor alle Elemente auf den vorangegangenen Seiten in der Liste zu durchlaufen.

Sequentieller Zugang hat aber auch zwei potentielle Vorteile:

  • Das lineare Durchlaufen des Informationsraumes kann durch einfache Navigationselemente vereinfacht werden: Im Grunde genommen mit einer "Mehr anzeigen"-Schaltfläche. Ein Design mit unendlichem Scrollen, stört die Nutzer eher, als was es ihnen hilft. Man sollte deshalb eine Navigation gestalten, die dem Nutzer mehr Freiheit gibt ohne besonders kompliziert zu sein.
  • Wenn Sie wissen, dass Nutzer die ersten Schritte schon durchgegangen sind, könnten Sie auf diesem Wissen aufbauen indem sie den nächsten Schritt erklären. In der Praxis jedoch überfliegen die Nutzer wortreiche Seiten (engl.) meistens und lassen viel von der Information aus. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass ein Nutzer alle vorangegangen Inhalte gelesen (und wenn, auch verstanden) hat. Auch dann nicht, wenn sie durch den Inhalt geführt worden sind.

Die Vorteile des sequentiellen Zugangs sind mehr gehofft, als dass sie auf den meisten Websites real sind. Im Gegensatz, die Kosten sind absolut real und treten jedes Mal auf.

Beispiele von sequentiellem Zugang in Nutzer-Schnittstellen

Lassen Sie uns einen Blick auf die Anwendung von sequentiellem Zugang in modernen Websites werfen.

Karusselle

Das Karussell war schon immer eine beliebte Methode um Informationen auf der Einstiegsseite unterzubringen, ohne zu viel Platz in Anspruch zu nehmen. Die eigentliche Wiederbelebung fand aber mit der Einführung des iPads statt. (Original iPad Designs waren fasziniert von der Anzeigenästhetik) und wollten die Kontrolle des Layouts bis ins kleinste Detail ausbauen. Als Ergebnis verzichteten sie oft zu Gunsten von Karten- oder Karusselldesigns auf vertikale Bildlaufleisten.

Karusselle haben viele Vorteile, aber einen grossen Nachteil: Sie basieren auf sequentiellem Zugriff. Nutzer müssen der Reihe nach durch alle Karten im Karussell gehen, um bis zur letzten zu gelangen. Diese Interaktion ist ineffizient und bietet nur eine schwache Informationsfähte: Die Nutzer haben generell keine Information, was als nächstes kommt. Nichtsdestotrotz, können Karusselle aber manchmal die beste Lösung für Priorisierungsstreitigkeiten des Inhalts bieten (zumindest in der Form der traditionellen Neuerscheinungen).

Wie kann man Karusselle so gestalten, dass sie mehr direkten Zugang gewährleisten? Wenn Sie die Integration eines Karussells nicht gänzlich vermeiden können, sollten Sie Links zu den Inhalten im Karussell anbieten, die den Nutzern ermöglichen, die Inhalte in beliebiger Reihenfolge auszuwählen. Oder zeigen Sie mindestens gleichzeitig mehr als nur eine Position an.

direkt anklickbare Karussellpositionen

Food52.com: Die Karussellpositionen können durch klicken auf die Titel rechts vom Bild direkt angewählt werden.

3 Positionen gleichzeitig angezeigt

Food52.com: Die Homepage enthält ein Karussell welches 3 Themen zugleich anzeigt. Dieses Design erfordert weniger Interaktionskosten als jene Designs die nur 1 Thema pro Position anzeigen. Die Interaktion wird sozusagen beschleunigt (um zu Thema Nr.5 zu gelangen, muss man hier nur einmal Klicken, im Gegensatz zu 5mal, was bei einem Karussell das nur ein Thema pro Karte anzeigt der Fall wäre).

Vergessen Sie bitte auch nicht, dass Karusselle nur okay sind, solange die Liste kurz ist: Nutzer sollten die Möglichkeit haben, die letzte Karte des Karussells in 3-4 Schritten zu erreichen. Suchergebnisse und lange Listen gehören nicht in ein Karussell. Wie einer unserer Nutzer es ausgedrückt hat: "Ich weiss nicht was auf Karte 20 kommt, aber ich weiss, dass ich es nie herausfinden möchte".

Videos

Noch mehr als Bücher, ist das Video par excellence das Medium mit sequentiellem Zugang: Nutzer müssen geduldig eine Menge des Videos ansehen, um zum relevanten oder gesuchten Inhalt zu gelangen. Dies ist auch der Grund, weshalb Videos kein geeignetes Medium für Anleitungen oder Beschreibungen sind; Obwohl sie in Verbindung mit Anleitungen und Beschreibungen sehr gut zusammenwirken können. Sind Videos aber die einzige Möglichkeit für Nutzer um Informationen zu erhalten, sind sie extrem ineffizient.

Wie kann man das Problem lösen? Nicht alles muss nur im Video-Format sein. Wenn Sie ein Video zeigen, listen Sie darunter (wenn nicht eine geschriebene Form des Inhalts) zumindest eine detaillierte Zusammenfassung des Videos auf, welche den Nutzern die Möglichkeit gibt, die Information kurz zu überfliegen und nach relevanter Information zu untersuchen.

Lange Seiten

Mit der Einführung von responsivem Webdesign, breiten sich ungewohnt lange Seiten nicht nur auf Handys aus, sondern auch immer mehr auf dem Desktop. Eine Lange Seite, die eine Vielzahl an Inhalten enthält, zwingt den Nutzer den ganzen Weg nach unten zu scrollen, in der Hoffnung auf relevante Informationen zu stossen. Ja, Nutzer scrollen, aber nur wenn relevanter Inhalt vermutet oder versprochen wird. Wenn die Informationen auf einer Seite unterschiedlich sind, und nicht zusammenhängend auf der Seite platziert sind, weiss ein Nutzer oft nicht, ob er weiterscrollen oder besser damit aufhören sollen. Sie irren stattdessen meistens auf der Seite herum, bei dem Versuch den Aufwand zu minimieren und verlassen die Seite bevor sie den gesuchten Inhalt gefunden haben.

Wie kann man das Problem lösen? Vermeiden Sie überlange Seiten ganz. Sollte das nicht möglich sein, bieten sie zumindest eine Mini-IA an: Ein Inhaltsverzeichnis mit Links ganz oben auf der Seite, die zu den verschiedenen Informationen auf der Seite führen oder benutzen Sie Akkordeons (insbesondere bei Handys). Die Mini-IA (entweder aus Akkordeons oder Links) erklärt den Besuchern, was sie auf dieser Seite erwartet und ermöglicht es ihnen, ein mentales Modell der Seite zu konstruieren und es bietet gleichzeitig direkten Zugang.

Responsive Design von WWF (Teil 1)Responsive Design von WWF (Teil 2)

Worldwildlife.org’s responsives Design zeigt sich in überlangen Seiten, welche die unterschiedlichsten Inhalte beherbergen. Die Seite hat zwar eine Mini-IA in der Desktop Version (siehe linkes Bild), diese wird aber bei der mobilen Version (rechts) leider ausgelassen.

Zugänglichkeit

Screen Reader- und Keyboard-Only Navigation sind ein gutes Beispiel für eine andere Falle des sequentiellen Zugangs. Diese Tools scannen alle Links auf einer Seite in einem sequentiellen Vorgang. Wenn der Link zur gesuchten Information irgendwo in der Mitte der Linkliste ist kann es eine Ewigkeit dauern diesen Link zu finden und anzuklicken.

Wie kann man den Zugriff auf unterschiedlichen Inhalt verbessern? Codieren Sie ihre Designs und verwenden Sie Shortcut Links wie z.B. Skip to Navigation und Skip to Content um die Interaktionskosten (und die Gedächtnisanforderung) zu minimieren.

Digitale Magazine

Als die ersten iPad Magazine herauskamen, waren diese dem mentalen Modell des physischen Magazins nachempfunden (keine Hyperlinks, kein direkter Zugang). Die Storys waren zwar auf dem Cover oder dem Inhaltsverzeichnis zu finden, sie waren aber nicht verlinkt. Glücklicherweise realisierten die meisten Publisher aber schnell, dass das Fehlen von Hyperlinks ein enormer Nachteil ist, da die Nutzer das Magazin und die Stories genauso durchblättern müssen, wie in der Papierversion.

Wie kann das Problem gelöst werden? Nutzen Sie Hyperlinks.

Auswahl aus einer langen Liste auf dem Handy

Auf mobilen Geräten treffen wir oft Designs an, die Auswählen statt Eintippen erfordern. Diese Designs basieren auf der Annahme, dass es schwierig ist auf einem kleinen Touchscreen Keyboard zu schreiben. Als Resultat werden Nutzer oft mit der Situation konfrontiert, In einer langen Liste eine Auswahl zu treffen - sowie eine Jahresangabe zum Beispiel. Gute Idee? Jein. Es ist in der Tat einfacher auszuwählen als einzutippen, jedoch nicht wenn man in einer langen Liste scrollen muss, um das zutreffende Resultat zu finden. (Auf dem Desktop sind meistens alle Einträge sichtbar und es ist einfacher, das zutreffende anzuwählen).

Wie kann das Problem gelöst werden? Geben Sie den Nutzern die Möglichkeit, 1-2 Buchstaben oder Zahlen einzutippen, und machen Sie dann Vorschläge, die auf der Eingabe basieren. Obwohl das eintippen langer Wörter wirklich schwieriger ist als etwas auszuwählen, ist es nicht schwierig ein oder zwei Eingaben zu machen. Die Nutzer können noch immer auswählen, die Liste ist nun aber durch die Eingabe stark eingeschränkt (wie bei einer alphabetischen Sortierung, hilft diese Lösung dann, wenn die Inhalte der Auswahl dem Nutzer bekannt sind. Sowie zum Beispiel eine Liste aus Ländern, Marken, oder Automobilhersteller.

Auswahl treffen in einer Liste

Wenn man die Nutzer den (oder die) ersten Buchstaben eintippen lässt (wie in der Nordstorm App, rechts), kommt man der Idee vom direkten Zugang viel näher und macht die Selektierung viel effizienter. Gegenüber der Suche eines Eintrages in einer langen Liste (wie im in der App von autozone.com, links)

Wann ist sequentieller Zugang Angemessen?

Sequentieller Zugang kann dann angewendet werden, wenn Sie Nutzer absichtlich durch eine vorgeschriebene Anordnung des Inhalts führen wollen. Es zwingt die Nutzer diesen Lauf von Informationsfluss zu akzeptieren und erweckt den Eindruck dass die meisten Leute das so als gut empfinden. Für Bücher, Filme und viele Artikel ist diese Annahme angemessen. Wenn die Leute aber ungleiches Interesse in einzelne Bereiche des Inhaltes zeigen, den Sie anbieten, sollte auf jeden Fall direkter Zugang ermöglicht werden. Dies unterstützt die Nutzer dabei, schneller an ihr Ziel zu gelangen.

 

© Deutsche Version. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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