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18.12.2005

Eine Milliarde Internetnutzer

Das Internet wächst um jährlich 18% und hat momentan eine Milliarde Nutzer. Eine weitere Milliarde wird in den nächsten 10 Jahren folgen, dies führt zu einer drastischen Steigerung des weltweiten Usability-Bedarfs.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 19.12.2005

 

Irgendwann im 2005 haben wir in aller Stille einen einschneidenden Meilenstein in der Internet-Geschichte erreicht, als der milliardste Nutzer online ging. Weil wir kein zentrales Internetnutzer-Register haben, wissen wir nicht, wer dieser Nutzer war, oder wann er oder sie zum ersten Mal eingeloggt ist. Statistisch gesehen sprechen wir aber von einer 24jährigen Frau aus Shanghai.

Gemäss Schätzungen von Morgan Stanley sind momentan 36% der Internetnutzer aus Asien und 24% aus Europa. Nur 23% der Nutzer sind aus den USA, wo alles 1969 damit begann, dass 2 Computer - einer in Los Angeles und einer in Palo Alto - miteinander vernetzt worden sind.

Um die erste Milliarde Internetnutzer zu erreichen, wurden also letztendlich 36 Jahre benötigt. Die zweite Milliarde mit mehrheitlich asiatischen Nutzern folgt in den nächsten 10 Jahren, das heisst bis 2015. Die dritte Milliarde wird schwieriger und wahrscheinlich nicht vor 2040 zu erreichen sein.

Im 2002 schätzte die NUA die Zahl der Internetnutzer auf ungefähr 605 Millionen. Seitdem hat die Internetnutzung also um jährlich 18% zugenommen - diese Zunahme ist sicher nicht so hoch wie die in den 90iger Jahren, aber immer noch sehr beachtlich.

Alles in allem war das gesamte Internetwachstum beeindruckend. Während das Internet vor 10 Jahren meist nur von so genannten Geeks genutzt wurde, stellt es heute einen Standardweg dar, um Geschäfte abzuwickeln. In unseren europäischen und amerikanischen B2B-Studien haben uns viele Geschäftsleute gesagt, dass sie als erstes Firmenwebsites besuchen, um potentielle Anbieter ausfindig zu machen.

Auswirkungen auf den e-Commerce Handel

E-Commerce wird weiter wachsen. Da es im Regelfall seit der ersten Nutzung ein bis zwei Jahre dauert, bis Leute genügend Vertrauen haben, um online einzukaufen, werden sich die e-Commerce Verkäufe mindestens verdoppeln, wenn die jetzige Milliarde Nutzer anfängt, online einzukaufen.

Das "Milliarden-Nutzer Internet" ist ein facettenreiches Umfeld, das sich weit weg von der Elite des Silicon Valleys und anderen Technologie Hubs entfernt hat. Darauf tummeln sich beispielsweise einige hundert Millionen ältere Menschen, und noch mehr ohne akademischen Abschluss. Der Unterschied zwischen der ursprünglichen Elite und den so genannten Mainstream-Nutzern wird somit jeden Tag grösser.

Das heisst, dass e-Commerce Sites ihr Potential nur nutzen können, wenn sie systematisch bestehenden e-Commerce Usability-Richtlinien folgen. An 200 Millionen so genannte "Early Adopters" zu verkaufen, war nämlich einfach. Die 800 Millionen Mainstream-Nutzer, die jetzt anfangen online einzukaufen brauchen aus verschiedenen Gründen viel bessere Sites; und die nächste Milliarde wird sogar noch hochwertigere Usability verlangen.

Demografische Veränderungen

Bis ins Jahr 2015 werden die Amerikaner weniger als 15% der Internetnutzer und ungefähr 1/3 des Internet-Umsatzes ausmachen (Amerikaner geben normalerweise mehr aus als andere Nutzer). Die Tatsache, dass 2/3 aller Internet-Einnahmen von anderen Ländern stammen deutet auf die zunehmende Wichtigkeit internationaler Usability hin. Leider führen im Moment nur sehr wenige Firmen im Ausland Usability-Tests durch und noch weniger haben eine wirklich umfassende Internationalisierungs-Strategie. Früher oder später werden aber die lokalen Möglichkeiten zunehmen und Nutzer aus Übersee werden aufhören, Sites zu nutzen, die ihren Ansprüchen nicht genügen.

Eine weitere Auswirkung der demografischen Veränderung: U.S. Marktanteile und die Silicon Valley Begeisterung werden für die Bewertung einer Firma oder neuer Technologien in Zukunft viel weniger wichtig sein als die internationale Nutzung. Der Mac beispielsweise spielt bereits jetzt eine weit weniger wichtige Rolle, als allgemein angenommen, denn in Asien ist der Mac praktisch "inexistent" und mit einem weltweit einstelligen Marktanteil kann nicht von dominanter Marktbeherrschung gesprochen werden.

China, Indien und Usability

Weil China und Indien eine weitere Milliarde Internetnutzer beisteuern, wird das Bedürfnis für Usability in diesen beiden Märkten explodieren. Wie ich schon bereits vor drei Jahren erwähnt habe, können die beiden Nationen aber noch nicht einmal die gestellten Offshore-Usability Anforderungen erfüllen. Kürzlich habe ich sogar von einigen grossen amerikanischen und europäischen Firmen noch schlimmere Geschichten gehört. Für sie war es praktisch unmöglich, hochqualifizierte Usability-Mitarbeiter für ihre Entwicklungsteams in China und Indien zu rekrutieren.

Es gibt ein offensichtliches Risiko, dass Offshore-Projekte sämtliche lokalen Talente in China und Indien absorbieren. Leute für die Realisierung lokaler Websites werden demzufolge fehlen. Schwierig nutzbare chinesische und indische Sites werden als Resultat davon schlimme Konsequenzen für die Produktivität und Zufriedenheit der zweiten Milliarde Nutzer haben. Um die Nachfrage an führenden Usability-Fachleuten während der nächsten 10 Jahre zu befriedigen, brauchen beide Länder - und auch andere grosse Nationen in Asien und Latein-Amerika - ein Crash-Programm, um die Anzahl lokaler Usability-Fachleute zu erhöhen.

Auch wenn wir die Details, wie wir das Multi-Milliarden-Nutzer Web funktionsfähig machen, beiseite lassen, deutet die Tatsache, dass es realistisch ist eine weitere Milliarde Nutzer zu erwarten auf den überzeugenden Wert interaktiver Medien hin.

Leute auf der ganzen Welt erfahren so eine beispiellose Bevollmächtigung: fähig sein, Dinge zu tun ist nämlich mitunter ein Grund, warum das Web sich so schnell entwickelt hat und sich auch in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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