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22.07.2007

Kapitulation vor einem Dialogfenster

Interaktionstechniken, die vom gebräuchlichen Oberflächen-(GUI-)Standard abweichen, können Usability-Katastrophen auslösen, die es unmöglich machen, eine Anwendung zu nutzen.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 23.07.2007

 

Ich kann fast jede Nutzeroberfläche bedienen. Denn ich kann auf 33 Jahre Erfahrung mit dem Nutzen von Computern zurückblicken und auf 25 Jahre professionelle Erfahrung im Analysieren von schlechten Designs: Ich kenne die meisten Wege, auf denen Interaktions-Designer die Nutzer verwirren oder verärgern können. Ich habe das alles schon einmal gesehen. Jedenfalls war ich dieser Meinung.

Trotz meiner erwiesenen Tapferkeit im Kampf gegen komplizierte Nutzeroberflächen wurde ich neulich von einem simplen Dialogfenster ausgetrickst. Ich habe einfach nicht herausgekriegt, wie man weitergeht und musste deshalb die Anwendung schliessen und ein anderes Programm nutzen, um mein Ziel zu verfolgen.

Die beleidigende Software soll namenlos bleiben; es ist eine nette kleine Shareware, die ich oft genug genutzt habe, um die Gebühr zu bezahlen. Ausserdem ist ein einziger Entwickler, Programmierer und Oberflächen-Designer für die Anwendung verantwortlich, deshalb wäre es unfair, auf ihm herumzuhacken.

Wo ist der OK-Button?

Das Usability-Problem tauchte auf, als ich die Anwendung auf das neueste Release aktualisiert hatte und eine Datei in einem neuen Bildformat abspeichern wollte. Wie die folgenden Screenshots zeigen, führte dies zu der erwarteten "Speichern unter"-Dialogfenster, zusammen mit einem kleineren, darüber liegendem Dialogfenster, das ein Formular mit den speziellen Optionen für das Bildformat aufführt.

Dialogfenster erschienen beim Speichern der Datei

Diese Dialogfenster erschienen beim Speichern der Datei.

Das Options-Fenster hätte eine Hilfe-Funktion beinhalten sollen, denn viele dieser Optionen waren ziemlich ungenau. Wie es für Nutzer, die die Optionen nicht genau verstehen, üblich ist, beliess ich die Einstellungen bei den voreingestellten Werten, zumal ich bei den mir bekannten Optionen mit den Standardeinstellungen zufrieden war. So sollte es sein: Wenn Sie gute Voreinstellungen wählen, können die meisten Nutzer alle weiteren Optionen ignorieren und einfach fortfahren.

Mein nahe liegender nächster Schritt war, die voreingestellten Optionen durch das Anklicken des OK-Buttons zu bestätigen, um das Optionsfenster zu verlassen. Überraschung: Es gab keinen solchen Button!

Was ich auch versuchte, ich bekam es nicht hin, dass mir die Anwendung einen OK-Button zeigte. Ich versuchte, in einem anderen Format zu speichern. Ich probierte, erst die Anwendung und dann den Computer neu zu starten. Nichts funktionierte.

Es war mir nicht möglich, das aktive Dialogfenster los zu werden und zum "Speichern-unter"-Dialog zurückzukehren. Ich gab auf; Kapitulation vor einem Dialogfenster.

Wie es gemeint war

Eine Woche später versuchte ich die Software noch einmal. Diesmal klickte ich, warum auch immer, im Hauptdialog auf den Speicher-Button, ohne mich um die Optionen zu kümmern. Und noch eine Überraschung: Diesmal funktionierte es und meine Datei war gespeichert.

Es stellte sich heraus, dass man die Options-Einstellungen gar nicht bestätigen musste. Die Software verwendet einfach die Einstellungen, die im Options-Fenster aktiv sind, wenn man im "Speichern-unter"- Dialog auf Speichern klickt.

Dieses vollkommen standardwidrige Verhalten verursachte einen katastrophalen Usability-Fehler: Der Nutzer (ich) ist aus der Anwendung ausgestiegen.

Dass der Nutzer aufgibt, ist eines der Usability-Probleme mit der höchsten Gewichtung. Nur weil ich positive Erfahrungen mit einigen vorangegangenen Releases hatte, gab ich der Software noch eine Chance. Wenn ich diese Software zum ersten Mal ausprobiert hätte, hätte es kein zweites Mal gegeben.

Bei weiteren Versuchen entdeckte ich einen anderen Weg, das Optionsfenster los zu werden: Ich entfernte das Häkchen "Options-Dialog anzeigen". Das verletzt natürlich die Design-Richtlinien für Kontrollkästchen und Radio-Buttons, welche keine unmittelbaren Effekte erzeugen sollten, wenn sie angeklickt werden. Erst nachdem der Nutzer OK anklickt, sollte das System die Kästchen-Auswahl berücksichtigen.

Respektieren Sie die Illusion des Nutzers

Wenn man erst einmal weiss, wie man mit dieser Nutzeroberfläche umgehen muss, ist es einfach, sie zu nutzen. Aber Nutzer verstehen natürlich nicht auf zauberhafte Weise spezielle Interaktionstechniken, ob sie nun in einem Software-Upgrade auftauchen oder in einer neuen Anwendung. Die meisten Nutzer kennen lediglich die Standard-Interaktionstechniken, die alle ihre anderen Anwendungen verwenden.

Nutzer verstehen Standard-GUI-Regeln, wie z. B.

  • Es ist immer nur ein Fenster aktiv und zwar das, in dem man gerade interagiert, denn das ist das Fenster, auf das man sich konzentriert.
  • Das letzte Fenster, das sich geöffnet hat, ist das aktive; wenn ein Fenster ein Unter-Fenster erzeugt, muss man sich erst damit beschäftigen.
  • Man kann den Eingabe-Fokus in ein anderes Fenster verlagern, indem man es anklickt. (Ich habe das nicht probiert, da ich "wusste", dass man die Optionen zuerst spezifizieren musste.)
  • Man verlässt Dialogfenster, indem man auf OK oder Abbrechen klickt.

Es gibt noch viele weitere Regeln und sie alle haben sich seit 1984, als die Original-Ausführungen für die modernen grafischen Nutzeroberflächen (GUIs) zum ersten Mal in Inside Macintosh veröffentlicht wurden, nicht verändert.

Wenn Sie diesen Standard-Regeln nachkommen, können sich die Nutzer auf die Bedeutung Ihrer Anwendung konzentrieren anstatt auf das physische Bewegen der Maus. Die Funktionen der Anwendung sind schon unübersichtlich genug; vergrössern Sie nicht die Verwirrung der Nutzer, indem Sie sie Probleme lösen lassen, bevor sie einen Button anklicken können oder Daten in ein Textfeld eintippen können. Für sie ist es schwer genug herauszufinden, welchen Button sie anklicken und welche Daten sie eintippen müssen.

Einer der grössten Fortschritte der modernen GUIs ist die Illusion des Nutzers, dass der Mauszeiger eine Verlängerung Ihrer Hand ist: Der Mauszeiger gehört Ihnen; er hat eine gewisse Physikalität, denn Sie nutzen ihn, um Dinge auf dem Bildschirm zu verändern. Natürlich ist all dies eine Illusion, denn der Mauszeiger steht in Wahrheit unter Kontrolle der Software. Auf die physische Maus zu klicken, während der Bildschirmzeiger auf einem Bild steht, ist nun einmal nicht dasselbe, wie wirklich ein Objekt anzuklicken.

Wie auch immer, Sie müssen auf jeden Fall die Illusion des Nutzers aufrechterhalten, dass er die Objekte direkt manipulieren kann, denn dann haben die Nutzer das Gefühl, ihren Computer kontrollieren zu können.

Da es keine wirkliche Physikalität gibt, hängt die Illusion des Nutzers davon ab, dass man auf unterster Ebene die GUI-Richtlinien für objektives Verhalten einhält. Schon die kleinste Abweichung lässt die Seifenblase platzen und macht die Tatsache deutlich, dass Nutzer die Begebenheiten nicht wirklich beeinflussen können.

Es ist sehr beunruhigend, wenn die Naturgesetze plötzlich nicht mehr gelten. Man verliert alles, was man zu wissen glaubte und sieht auf einmal schwach und bedroht aus.

Das Befolgen von Design-Gebräuchen und Standards bewahrt und verstärkt bei den Nutzern das Gefühl, dass sie die Technik meistern.

Lösungen

Das Usability-Problem zu beseitigen, ist nicht schwer. Es gibt vier Haupt-Möglichkeiten, die alle innerhalb der Standard-GUI-Interaktionsregeln agieren:

  • Behalten Sie das geläufige Zwei-Fenster-Design bei, aber fügen Sie dem Options-Dialog OK- und Abbrechen-Buttons hinzu. (Auf Websites sollten Sie zwar normalerweise Abbrechen- und Rücksetzen-Buttons vermeiden, aber Anwendungen brauchen die Abbrechen-Option, denn manchmal experimentieren Nutzer mit alternativen Optionen und brauchen daher einen Rückweg zu den standardisierten Einstellungen.)
  • Beseitigen Sie das separate Options-Fenster und stellen Sie die Optionen in dem relevanten "Speichern unter"-Fenster dar, indem Sie sie schrittweise aufdecken: Machen Sie Optionen erst dann sichtbar, wenn der Nutzer einen Button angeklickt hat, dass er Optionen ändern möchte.
  • Lassen Sie den Nutzer eine Reihe von Dialogfenstern durchlaufen, so dass immer nur eines davon zu sehen ist. Photoshop nutzt diesen Ansatz: Zuerst gelangt man zu "Speichern unter" und gibt an, wo und in welchem Format die Anwendung die Datei speichern soll. Dann bekommt man ein separates Dialogfenster, um die Einstellungen des gewählten Bildformats zu spezifizieren.
  • Betten Sie die Bildformat-Optionen in einen Satz bevorzugter Einstellungen ein, die die Nutzer im Vorfeld spezifizieren müssen, bevor sie den Speichern-Befehl ausführen. Das ist allerdings gefährlich, wenn die Optionen wichtig sind, denn viele Nutzer werden die Notwendigkeit übersehen, vor dem Erteilen eines Befehls einen weiteren Schritt zu durchlaufen. Aber für seltene Optionen, die die meisten Nutzer niemals brauchen werden, funktioniert die bevorzugte Route gut, denn so ist es weniger wahrscheinlich, dass neue Nutzer abgelenkt oder verwirrt werden.

Fassen wir die vier Designs zusammen: Die Optionen können neben dem Haupt-Fenster, innerhalb des Haupt-Fensters, nach dem Hauptbefehl oder vor dem Hauptbefehl dargestellt werden.

Das Ein-Dialog-Design ist meine bevorzugte Lösung, denn sie ist die einfachste für das gewöhnliche Szenario, in welchem die Nutzer nicht die Optionen wechseln wollen. Photoshops Zwei-Schritte-Design könnte besser sein, wenn es mehrere Optionen gibt, oder wenn Sie Unter-Dialoge benötigen, um besonders fortgeschrittene Einstellungen zu spezifizieren.

Die Hauptlektion: Konsistenz

Die Lektion von dieser Fallstudie soll nicht sein, wie man einen besseren "Speichern unter"-Dialog designen kann. Je nach Umständen können Sie jedes der vier Designs, die ich aufgezählt habe, nutzen. Oder vielleicht ein fünftes entwerfen, welches besser für Ihren speziellen Datentyp funktioniert. Es ist so einfach herauszufinden, was das Beste für Ihre Nutzer und deren Aufgaben ist: Kopieren Sie die beiden Design-Favoriten auf Papier-Prototypen und testen Sie sie mit einer Handvoll Nutzern.

Die grosse Lektion ist hier die Erfordernis, sich an die Design-Sitten zu halten, die die Nutzer kennen. Welches Design Sie auch immer wählen, es sollte in der erwarteten Art und Weise funktionieren.

Erfinden Sie keine neuen Vokabeln, die Sie einsetzen, um mit Nutzern zu kommunizieren. Sie können Wörter auf neue Art und Weise zusammenstellen, so lange Sie Wörter aus der Standardsprache verwenden. Nur weil eine GUI eine visuelle Sprache mit Buttons, Fenstern und dergleichen nutzt, ändert das nichts an der Tatsache, dass es eine Sprache ist. Das Verändern des grundlegenden Interaktions-Designs hat denselben Effekt wie griechische Texte für ein Englisch sprechendes Publikum.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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