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17.08.2003

Mobile Geräte: noch eine Generation von nützlich entfernt

Neue mobile Geräte weisen gegenüber früheren Generationen einen immensen Fortschritt auf, sie sind aber noch nicht gut genug, um einen wirklichen Gewinn zu erbringen. Um ans Ziel zu gelangen, brauchen wir - anstatt zweckentfremdetem Website-Inhalt - beides, PC integrierte Applikationen und spezialisierte mobile Services.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 18.08.2003

 

Die neusten mobilen Geräte sind verzweifelt nahe daran, praktisch zu sein, ihnen fehlen aber für den Allgemeingebrauch noch immer Usability Schlüssel-Eigenschaften.

Während des letzten halben Jahres habe ich einen T-Mobile "Sidekick" benutzt, eine Kombination von PDA und Handy. Dieser Sidekick ist auch als "Danger Gerät" oder als "Hiptop" bekannt. Als ich vor 2 Jahren die erste Demo des Danger PDAs gesehen habe, war ich über sein Potenzial sehr überrascht. Aber heute, nachdem ich ihn tatsächlich benutzt habe, bin ich zum Entschluss gekommen, dass bezüglich Gerätedesign noch ein bis zwei Generationen nötig sind, um wirkliche Usability zu erreichen.

Ergänzende Anmerkung der Übersetzung: Das Bild zeigt den "Danger PDA". Er wird in den Vereinigten Staaten von T-Systems vertrieben und auf dessen Netzwerk betrieben.

Danger PDA
"Sidekick"
deshalb, weil sich das Gerät auf der Seite öffnen lässt und sich der Monitorteil dann um 180 Grad dreht und nach oben "springt". Die Bildschirmanzeige dreht sich beim Öffnen automatisch auch um 180 Grad.

© Bildquelle: www.danger.com.

Design gewinnt

Wenn man E-Mail, Instant Messaging, Online-Informationen und Telefon in einem einzigen Gerät unterbringt, ist das natürlich ein Riesenvorteil. Wie ich nachher im Text erwähnen werde, ist der "Sidekick" unzureichend ausgestattet, es ist aber klar von Vorteil, einen PDA mit allen Haupteigenschaften zu besitzen, die man braucht, wenn man unterwegs ist. Leute auf der Kontaktliste zu finden ist beispielsweise sehr einfach, und um sie anzurufen, reicht ein einziger Tastenklick aus.

Für die meisten mobilen Applikationen ist eine Bildschirmgrösse in Form einer Spielkarte angemessen, sei es zum Verändern des Adressbuches oder zum Schreiben einer kurzen E-Mail. Erste "Dataphone"-Bildschirme waren lächerlich klein, dadurch erschwerten sie das Browsen durchs Adressbuch und das Lesen von E-Mails. Klar, grössere Bildschirme würden bessere Nutzerschnittstellen bieten, aber die Spielkartengrösse ist gross genug, um eine gute Sichtbarkeit der Optionen und der Informationen zu gewährleisten. Ein mehr als akzeptabler Kompromiss also, wenn wir davon ausgehen, dass wir das mobile Gerät den ganzen Tag mit uns rumtragen.

Für jegliche Aufgabe, die Information beinhaltet, erhöhen QUERTY-Tastaturen - im Gegensatz zu numerischen Tastaturblöcken - die Usability um ein Erhebliches. E-Mails schreiben? Ja natürlich, aber nicht nur. Sie erleichtern auch das Browsen durch online Informationsdienste oder das Suchen von Adressbucheinträgen, um einen Anruf zu tätigen.

Nokia 6800
Ergänzende Anmerkung der Übersetzung: Das Nokia 6800 verfügt über eine integrierte Tastatur, die im Text als QUERTY-Tastatur referenziert wurde.

Wenn man das Gerät öffnet, dreht sich die Bildschirmanzeige um 90 Grad. Das Tastatur- Layout des mobilen Gerätes entspricht der PC-Tastatur. Ein Eingeben ist nach einer kurzen Angewöhnungszeit schnell und einfach möglich.

Konstruktionsfehler

Das grösste Problem des "Sidekick" ist, dass es die Netzabdeckung von T-Mobile nutzt. Es gibt kein höfliches Wort im Wörterbuch, um die Servicequalität der T-Mobile Netzabdeckung zu beschreiben. Lesern aus Europa, Asien und Australien sind diese Probleme unbekannt, weil das Dienstleistungsangebot ihrer Mobilanbieter funktioniert. Amerikaner wissen aber, wovon ich spreche, weil die meisten U.S. Dienstleistungsanbieter so schlecht wie T-Mobile sind. Es ist für uns zum Beispiel normal, auf grossen Flughäfen - wo man wirklich E-Mail benötigt, da man entweder auf einem Flug war oder auf einen geht und deshalb für mehrere Stunden einfach nicht erreichbar ist - keinen Empfang zu haben. Aber Flughäfen sind nicht das einzige Problem; ich litt sogar in Silicon Valley unter fehlendem Empfang.

Ein minderwertiger Serviceanbieter ist natürlich nicht das grundlegende Problem des mobilen Rechnergebrauchs, da bessere Netzwerke errichtet werden können. Aber die Signalstärke ist zweifellos ein praktisches Problem, und zwar eines, welches wahrscheinlich dazu führt, dass die USA bei der Entwicklung der mobilen Technologie zurückfällt.

Trotzdem, das Navigieren mit den neueren Geräten ist viel angenehmer als mit einem WAP-fähigen Handy: Sie können mehr Optionen auf dem Bildschirm sehen und können auch relativ schnell zur nächsten Seite gelangen. Dennoch, das Herunterladen der Seiten ist zu langsam für eine ausgedehnte Interaktion. Ein oder zwei Artikel zu lesen ist OK, aber eine ganze Website auf einem mobilen Gerät zu erkunden wäre zu viel verlangt.

Zudem ist das Scroll-Rad ein unbequemes Eingabegerät, wenn man es mit vollausgestatteten Nutzerstellen zu tun hat. Dies aus zwei Gründen:

  • Ein richtiger Bildschirm beinhaltet eine richtige grafische Nutzeroberfläche mit zweidimensionalem Layout von Schaltflächen und Kontrollleisten. Eine eindimensionale Kontrollleiste ist deshalb für ein GUI-Fenster unhandlich.
  • Onlineservices sind unfähig, sich selbst auf kurze Seiten zu limitieren. Die meisten Seiten, die sich die Anwender runterladen sind lang. D.h. man scrollt auf einem kleinen Bildschirm für immer.

Anstatt manuell ein Rad durch jede einzelne Zeile zu bewegen, brauchen wir ein 2D Eingabegerät, welches sich einfacher durch grosse Datenmengen bewegen lässt. Ich bin teilweise für das so genannte "tilt scrolling", bei dem das Gerät spürt, wenn man es mit einer schnellen stossartigen Bewegung anstösst. Eine grössere physische Bewegung würde ein schnelleres Scrolling ermöglichen, und ein Doppel-Anschlag geht zum Seitenfang oder zum Seitenende.


Ergänzende Anmerkung der Übersetzung: Microsoft lanciert am 3. September 2003 die so genannte "Tilt-Scrolling"-Maus, welche sowohl ein horizontales als auch ein vertikales Scrollen ermöglichen soll.
Bildquelle:
http://www.macworld.co.uk/

Eine engere Integration ist gefordert

Trotz seines Namens spielt der "Sidekick" nicht gut mit anderen zusammen. Insbesondere lässt er sich nicht in die Computerplattform integrieren. Ja, man kann eine Kopie der Kontaktdatenbank von Outlook zum "Sidekick" transferieren, man kann aber die beiden Kopien weder synchronisieren noch wird eine Änderung eines Eintrages auf einem System das andere System anpassen. Das Ergebnis: Entweder muss die Arbeit doppelt gemacht werden (das ist realistischer) oder das mobile Gerät wird sehr schnell nicht mehr die aktuelle Bürosituation wiedergeben.

Der "Sidekick" verfügt wie die meisten Büro-PCs über eine "always-on" Internet-Verbindung. Es gibt also keinen Grund, warum sich die beiden nicht automatisch im Hintergrund synchronisieren lassen, natürlich ohne zusätzlichen Arbeitsaufwand seitens des Anwenders.

Diese fehlende Synchronisation ist unverständlich, vor allem auch deshalb, weil die einfache Synchronisation ein grosser Design-Vorteil der "pre-online Generation" der PDAs war. Der Palm konnte synchronisieren und der Newton nicht, deshalb hat sich fast jedermann einen Palm gekauft.

E-Mails könnten auch noch besser in Telefonie-Features integriert werden. Wenn Sie eine Nachricht erhalten, die eine Telefonnummer beinhaltet, sollte das Gerät diese automatisch erkennen und ihn in eine Schaltfläche umwanden, mit der der Anruf getätigt werden kann.

Online Services müssen sich für die Mobilität spezialisieren

E-Mails müssen für mobile Geräte neu konzipiert werden. Das alte Model "alles was an diese Adresse gesendet wird, geht in die Mailbox" funktioniert nicht bei mobilen Geräten. Entweder bekommen Sie zu wenig Mails (da Sie eine spezielle Adresse nutzen, die keiner kennt) oder Sie bekommen zu viele (weil Sie Ihre Hauptadresse auf das Gerät weitergeleitet haben). Wir brauchen einerseits einen besseren Filter und andererseits einen Weg, um die Mails zusammenzufassen, so dass Sie unterwegs nur das bekommen, was Sie brauchen, ohne in einer Flut von nicht dringenden Mails zu versinken.

Das Browsen nach Informationen muss sich ebenfalls ändern. Momentan ist das Beste, was wir auf mobilen Geräten erhoffen können, Websites, die grundlegend einfach und neu gestaltet worden sind, um Grafiken und mehrfache Spaltenlayouts zu eliminieren. Am schlimmsten ist es, wenn Websites keine mobile Version anbieten, so dass der Anwender zusammengequetschte Bilder und schmale Spalten erhält, die er fast nicht lesen kann.

Klar, traditionelle Websites wurden für die Anwendererfahrung mit einem normalen Computerbildschirm konzipiert. Die gleiche Website auf einen kleinen Bildschirm zu legen, ist wie der Hund, der singt: Das Wunder dabei ist, dass er auf jeden Fall singen wird. Obwohl ein technisches Meisterstück, wird die Usability nie gut sein.

Um mobile Geräte zu versorgen, sollten Websites und Services folgendes anbieten

  • viel kürzere Artikel
  • eine erheblich vereinfachte Navigation
  • gut ausgewählte Features, die nur das beinhalten, was in einem mobilen Umfeld nötig ist

Momentan sind zu wenig mobile Geräte im Gebrauch, um eine grundlegende Investition für das Design und die Implementierung spezialisierter Services zu garantieren, die Anwender werden also weiterhin unter zweckentfremdenden Inhalt leiden müssen. Leider ist das das so genannten "Wer war zuerst da? Das Huhn oder das Ei?"-Problem, weil die Nutzung von mobilen Geräten limitiert bleiben wird bis es mehr spezialisierte Services geben wird.

Um erfolgreich zu sein, müssen sich mobile Geräte wie eine Erweiterung ihres Hauptrechners anfühlen: Sie müssen anbieten was gefordert ist und nicht mehr. Der Anwender muss die Fähigkeit haben, alles von zu Hause aus zu erreichen, was Sie benötigen, aber vergessen haben. Entwickler müssen Applikationen überdenken und sie auf der Basis einer neuen Form von Aufgabenanalyse aufbauen, die stark im mobilen Kontext und dem Moment der Anwendung eingebettet ist.

Im Gesamten fällt mein Blick in die Zukunft positiv aus. Die Erfahrung, den "Sidekick" zu nutzen hat das Potenzial von mobilen Datenservices und eingebundenen PDAs bestätigt. Noch ein, zwei Generation und wir werden etwas Gutes haben.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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