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28.08.2005

Nicht-Web-Dokumente, wie z.B. PDF-Dateien, gehören in neue Fenster

Wenn Nutzer PC-typische Dateiformate wie PDFs oder Tabellen-Datenblätter online betrachten, haben sie oft den Eindruck, direkt mit einer PC-Anwendung zu arbeiten. Da sie in diesem Fall nicht mehr durch eine Website browsen, sollten sie auch keine Browser-Oberfläche zu sehen bekommen.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 29.08.2005

 

Die Nutzer sind oft irritiert, wenn Links auf Websites sie zu Nicht-Web-Dokumenten führen, in denen das Nutzererlebnis signifikant vom gewohnten Browsen abweicht.

Bei Nutzertests beobachten wir häufig das folgende Nutzerverhalten: Sobald die Leute ein PDF- oder Word-Dokument, eine PowerPoint-Präsentation, eine Excel-Tabelle oder ähnliche Dokumentarten zu Ende betrachtet haben, drücken sie nicht die Zurück-Schaltfläche im Browser, sondern schliessen das Fenster. Damit kommen sie zwar tatsächlich aus dem Dokument heraus, nicht aber zurück auf die ursprüngliche Webseite.

Unerwartet verschwundene Browser-Fenster sind ganz besonders in Intranets ärgerlich, wo sich die Nutzer oft erst einloggen oder andere Hürden überwinden müssen, bevor sie Zugang zu den Dokumentenbeständen haben.

Da Dokumentfenster allzu häufig weggeklickt werden, sollte man am besten die folgenden Richtlinien für das Verlinken von Nicht-Web-Dokumenten anwenden:

  1. Öffnen Sie Nicht-Web-Dokumente in einem neuen Browser-Fenster.
  2. Warnen Sie die Nutzer vor, dass ein neues Fenster erscheinen wird.
  3. Entfernen Sie die Browser-Leisten (wie z.B. den Zurück-Knopf) aus dem neuen Fenster.
  4. Am besten verhindern Sie, dass der Browser das Dokument direkt öffnet. Stellen Sie den Nutzer stattdessen vor die Wahl, die Datei lokal abzuspeichern oder sie in der dafür vorgesehenen Anwendung zu öffnen (PDFs im Adobe Reader, Präsentationsfolien in PowerPoint usw.). Leider ist dafür eine kleine technische Trickserei nötig: Sie müssen in den Übergang zur betreffenden Datei einen Extra-HTTP-Header hinzufügen. Die Header-Zeile, die Sie ergänzen müssen, lautet: "Content-disposition: Attachment". Setzen Sie wenn möglich am Zeilenende noch "; filename=irgendeinfile.pdf" hinzu, um dem Browser einen spezifischen Dateinamen zu übergeben für den Fall, dass der Nutzer die Datei abspeichern möchte. (Mein Dank für diesen Code geht an Sybren Stüvel.)

All diesen Richtlinien liegt das gleiche Phänomen zugrunde: Bei diesen Nicht-Web-Dokumenten handelt es sich um typische PC-Formate. Diese Formate stammen aus spezifischen Anwendungen, von denen jede mit einem bestimmten Satz an Befehlen und Navigationsoptionen auftritt, der vollkommen anders ist als beim Browsen durch Websites.

Wenn Sie zum Beispiel mit einer PowerPoint-Präsentation arbeiten, konzentrieren Sie sich auf die Folien-bezogenen Funktionen von PowerPoint. Weil das Nutzererlebnis so ähnlich ist wie beim Arbeiten mit Ihren eigenen lokalen Folien, haben Sie im Nu die Tatsache ausgeblendet, dass Sie diese Folien von einer Website herunter geladen haben. Wenn Sie mit den Folien fertig sind, tun Sie, was Sie immer tun, wenn Sie PowerPoint beenden: Sie schliessen das Fenster.

Falls eine PC-typische Anwendung innerhalb eines Browser-Fensters geöffnet wird, tritt ein zweites - ähnlich unglückliches - Phänomen auf: Da die Nutzer noch die Befehle und Schaltflächen des Browsers sehen können, glauben Sie gelegentlich, sie könnten damit das Dokument steuern. Leider funktionieren Befehle wie "Ansicht Schriftgrad", "Drucken" oder "Suchen (aktuelle Seite)" bei solchen Dokumenten nicht. Deshalb ist es besser, wenn man solche gewohnten (und funktionslosen) Browser-Schaltflächen den Nutzern nicht anzeigt, so lange sie mit einem Nicht-Web-Dokument arbeiten.

Konflikt mit existierenden Usability-Richtlinien

Seit 1999 ist es eine gesicherte Richtlinie für Web-Usability, keine neuen Browser-Fenster zu öffnen - aus folgenden Gründen:

  • Wenn ungebeten neue Fenster erscheinen, verwirrt das die Nutzer und bringt sie aus dem Konzept.
  • Wenn das neue Fenster das alte völlig verdeckt, bemerken viele Nutzer gar nicht, dass sich ein neues Fenster geöffnet hat.
  • Technisch wenig versierte Nutzer können mit multiplen Fenstern nicht umgehen.
  • Neue Fenster können blinde oder sehbehinderte Nutzer ausser Gefecht setzen; beispielsweise dann, wenn sich das neue Fenster ausserhalb des Bildschirmbereichs öffnet, der für sehbehinderte Nutzer vergrössert wird.

Designer begründen neue Fenster für gewöhnlich mit dem Argument, dass sie die "die Nutzer auf der Site halten wollen" - was aber sehr fadenscheinig ist. Wenn die Leute weg wollen, gehen sie weg. Und wenn sie nur eben einen Blick auf die neue Site werfen wollen, werden sie zu Ihrer Site zurückkehren, indem sie auf "Zurück" klicken - die am zweithäufigsten verwendete Webfunktion (nach Hypertext-Links). Eigentlich besteht ein Usability-Problem mit den neu aufgehenden Fenstern gerade darin, dass man nicht mehr wie erwartet zur vorigen Stelle zurückkehren kann.

Deshalb stehe ich nach wie vor hinter dem alten Ratschlag, keine neuen Fenster zu öffnen, wenn die Nutzer durchs Web browsen. Wie kann ich das aber mit der neuen Richtlinie vereinbaren, derzufolge man PDFs und andere Dokumente in neuen Fenstern öffnen sollte?

Nutzererlebnis oder Implementierung

Die Antwort auf diesen offensichtlichen Widerspruch liegt in der Tatsache, dass wir es hier mit Richtlinien zum Nutzererlebnis zu tun haben - und nicht mit Richtlinien, die aus der Implementierung von Techniken stammen. Ja, im Hinblick auf die Implementierung sind beide Fälle einander ähnlich: Man lädt etwas über einen Hyperlink aus dem Internet herunter, was dann von einem Web-Browser verarbeitet wird. Aber das Nutzererlebnis ist in beiden Fällen sehr unterschiedlich - und deshalb müssen auch die Design-Richtlinien unterschiedlich sein.

Die Nutzer betrachten PDF-Dokumente vom Umfeld her anders als Webseiten. Navigationsleiste und Website-Funktionen entfallen, und die Interaktion mit dem Dokument erfolgt ganz anders als bei einer Website. Genau wegen dieser Unterschiede entsteht bei den Nutzern der Eindruck, dass sie nicht browsen, sondern mit einer Anwendung arbeiten. Und deshalb schliessen sie das Fenster, wenn sie das Dokument verlassen wollen.

Natürlich ist dieses abweichende Nutzererlebnis einer der Hauptgründe, diese verflixten PDFs zu vermeiden, wenn man ein Browser-Erlebnis gestaltet. PDFs eignen sich für Ausdrucke, nicht aber fürs Lesen am Bildschirm. Wenn Sie PDFs oder andere PC-typische Dokumente verwenden müssen, seien Sie sich zumindest bewusst, dass sie anders sind. Und gehen sie dementsprechend mit ihnen um.

Intranet- oder Website-Design

Die neue Richtlinie, Dokumente in einem neuen Fenster zu öffnen, ging vor allem aus unseren Nutzertests mit Intranets hervor, wo solche Dokumente besonders häufig vorkommen. Interessanterweise stammt ein anderer scheinbarer Widerspruch zwischen Richtlinien ebenfalls aus der Erforschung von Intranets: Obwohl es gewöhnlich am besten ist, alle Suchfunktionen in einer einzigen Box zu vereinen, verlangen Usability-Richtlinien nach einer separaten Box für die Suche im Mitarbeiterverzeichnis.

Ansonsten sind die meisten Intranet-Richtlinien gleich wie für Websites. Die Richtlinie, Dokumente in einem neuen Fenster zu öffnen, gilt zum Beispiel an beiden Orten, wobei sie bei Intranets noch mehr Gewicht hat. Wie immer tauchen beim Thema Usability die beiden Fragen auf: Wer sind die Nutzer? Was haben sie vor? Weil die Antworten darauf bei Websites anders sind als bei Intranets, sind auch die Richtlinien manchmal anders.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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