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01.07.2012

Serifenschriften oder serifenlose Schriften für HD-Bildschirme?

Anständige Computerbildschirme mit einer Pixeldichte von 220 PPI oder mehr führen zu neuen Usability-Richtlinien für die Bildschirmtypographie.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 02.07.2012

 

Computerbildschirme werden nicht nur immer grösser, sondern auch, was vielleicht noch wichtiger ist, endlich immer besser. Im Juni 2012 führte Apple den ersten Mainstream-Computer mit einem HD-Bildschirm ein: das MacBook Pro mit einer Auflösung von 2880 x 1800 auf einer 15-Zoll-Anzeige. Dieser Bildschirm verfügt über eine Pixeldichte von 220 PPI (Pixel pro Inch, was der Einheit DPI - Punkte pro Inch - entspricht, mit der die Qualität von Laserdruckern angegeben wird).

Apple verwendet den Werbebegriff "Retina-Display" für Bildschirmqualitäten über etwa 200 PPI, nach der Theorie, dass das der Zahl entspreche, die das menschliche Auge auflösen könne. Das stimmt natürlich nicht: Wir bräuchten etwa 900 PPI, damit ein Bildschirm so gut ist, dass weitere Pixel ihn nicht besser aussehen lassen.

Die Bildschirmqualität von Apple ist zwar nicht perfekt, aber doch um Längen besser als alles, was andere Anbieter zurzeit im Programm haben. Es ist eine Schande, dass die Computerindustrie es in den letzten zehn Jahren nicht geschafft hat, die Bildschirmqualität deutlich zu verbessern - obwohl wir seit Jahrzehnten wissen, dass die Lesegeschwindigkeit an Bildschirmen (engl.) mit 300 PPI deutlich höher ist als bei niedrig auflösenden Monitoren.

Bei mobilen Geräten ging es besser: Apple bestückt das iPhone seit dem Modell von 2010 mit HD-Bildschirmen (iPhone 4 mit 326 PPI) und das iPad seit diesem Jahr (iPad 3 mit 264 PPI). Auch viele andere Anbieter von mobilen Geräten bieten HD-Bildschirme an, darunter das Tablet Samsung Galaxy Nexus mit 316 PPI, das Handy Nokia E6-00 mit 328 PPI und das Handy Sony Xperia S, das mit 342 PPI momentan den Rekord hält. Wenn die Telefonhersteller es können, warum können es die PC-Hersteller nicht auch?

1998 dachte ich noch (engl.), dass anständige Monitore mit 200 PPI etwa "in 5 Jahren" erhältlich sein würden (also im Jahr 2003). Ich lag mit meiner Vorhersage nur um 9 Jahre daneben :-( Es ist erstaunlich, wie langsam der Fortschritt im Bildschirmsektor ist. Und immer noch sind wir auf 30-Zoll-Monitore als grössten Mainstream-Computerbildschirm beschränkt, obwohl wir doch wissen, dass 42 Zoll einen deutlichen Zuwachs an Produktivität bei den meisten Kopfarbeitern bringen würden. In meinem Artikel von 1998 habe ich den Tod der Zeitungen prophezeit, sobald die Nutzer anständige Bildschirme zur Verfügung hätten; das scheint auch so zu kommen, aber viel langsamer, als ich erwartet hatte.

Bildschirmtypographie fürs Online-Lesen

Es gibt einen Grund dafür, warum Modezeitschriften oder qualitativ hochwertige Kunstbände in höherer Auflösung gedruckt sind als andere Zeitschriften oder normale Bücher. Es geht nicht darum, ob die einzelnen Punkte sichtbar sind - sondern um das gesamte Nutzererlebnis. Im Druckbereich entspricht dies praktisch der Schrift- und Foto-Qualität.

Die alte Usability-Richtlinie für Online-Typographie war einfach: Bleiben Sie bei serifenlosen Schriftarten. Computerbildschirme waren zu schlecht, um Serifen gut darzustellen, und der Versuch, Fliesstext in Serifenschriften darzustellen, führte deshalb zu verschwommen Buchstabenformen.

Das folgende Bild bringt schnell den Unterschied zwischen serifenlosen Schriftarten und Serifenschriften in Erinnerung. Vergleichen Sie die beiden grossen A und Sie können die Serifen (Füsschen) der Garamond-Schriftart deutlich erkennen. "Serifenlos" (Sans serif) bedeutet nichts weiter als eine Schriftart, die keine solchen Füsschen hat - vom französischen Wort sans (ohne) abgeleitet.

Eine serifenlose Schrift: Franklin Gothic

Eine Serifenschrift: Garamond

A

A

 

Die alte Richtlinie wurde von den schlechten Bildschirmen sämtlicher normalen Computer bestimmt. Mit den neuen HD-Bildschirmen wird es Zeit, die Richtlinie zu ändern.

Im Allgemeinen bleiben die Usability-Richtlinien über Jahrzehnte unverändert, da sie von menschlichen Charakteristika bestimmt werden. Aber ab und zu ändern sich die Richtlinien durch Einfluss der Technik oder durch Veränderungen im Nutzerverhalten. Zum Beispiel haben sich 10% der ursprünglichen Richtlinien für die Internet-Usability aus den 1990er Jahren geändert, weil sich die Technik verbessert hat. Sehen Sie diesen Artikel als eine weitere Änderung jener alten Richtlinien.

Leider ist die neue Richtlinie nicht ganz so klar definiert wie die alte. Die Lesbarkeitsforschung ist sich noch uneins darüber, ob Serifenschriften wirklich besser sind als serifenlose Schriftarten.

Fast alle normalen Druckerzeugnisse wie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher verwenden Serifenschriften und folglich sind die Menschen daran gewöhnt, längere Texte in diesen Schriften zu lesen. Betrachtet man allerdings die Forschungsdaten, ist der Unterschied der Lesegeschwindigkeit zwischen serifenlosen und Serifenschriften nur sehr klein. Daher gibt es keine eindeutige Usability-Richtlinie, diese oder jene Variante zu verwenden. Sie können also Ihre Wahl nach anderen Gesichtspunkten treffen - wie zum Beispiel dem Markencharakter oder der Stimmung, die durch einen bestimmten typographischen Stil erzeugt wird.

Ist es Zeit, Verdana in den Ruhestand zu schicken?

1996 führte die sagenhafte Typographie-Truppe von Microsoft Verdana als eine der ersten Schriftarten ein, die explizit entworfen wurden, um die Lesbarkeit am Bildschirm zu verbessern. Wie das folgende Beispiel zeigt, bleiben Texte in Verdana auch bei einer Grösse von 8 Pixel relativ gut lesbar.

Franz jagt im komplett verwahrlosten Taxi in Verdana 20 px

Franz jagt im komplett verwahrlosten Taxi in Calibri 20 px

Franz jagt im komplett verwahrlosten Taxi in Verdana 8 px

Franz jagt im komplett verwahrlosten Taxi in Calibri 8 px

Ich war schon immer ein grosser Fan von Verdana und habe sie auf meiner eigenen Website etwa 15 Jahre lang verwendet.

Verdana hat uns gute Dienste geleistet und unsere Augen geschont, war aber für eine andere Plattform gedacht als für die nächste Generation von Computern. Es ist sicher schwierig, sich an die Computer von 1996 zu erinnern, aber die vorherrschende Bildschirmauflösung war 640x480, viele Grafikkarten unterstützten nur 256 Farben, und Flachbildschirme gab es nicht. Flimmernde 14-Zoll-Röhrenmonitore dominierten die Bürolandschaften.

Des Weiteren hatten die Bildschirme eine Qualität von miesen 60 PPI und die frühen Macintoshs hatten mit ihren 72 PPI den Ruf, gute Grafik zu liefern.

Heutzutage verleiht ClearType mithilfe der Sub-Pixel-Anti-Aliasing-Technik den Buchstaben auf LCD-Monitoren eine anständige Schärfe, aber 1996 gab es diese Technik noch nicht. (Und hätte auf einem Röhrenmonitor auch nicht funktioniert.)

Wie das Beispiel oben zeigt, nimmt Verdana jedoch mehr Platz ein und ist weniger elegant als andere serifenlose Schriftarten - in diesem Fall Calibri - da es einige Buchstabeneigenschaften übertrieben betont. (Calibri ist eine andere Schriftart von Microsoft und wurde 2007 eingeführt.)

Ich habe die Richtlinie "Verwenden Sie serifenlose Schriften" stets ergänzt durch den Rat an die Designer, Verdana zu verwenden, da sie gut auf alte Computer abgestimmt ist. Heute würde ich Verdana nicht mehr empfehlen. Es tut sicher nicht weh, es trotzdem zu tun; Verdana ist auf modernen Bildschirmen immer noch gut lesbar. Aber jetzt können wir es besser machen.

(Natürlich haben die alten Richtlinien weiterhin ihre Gültigkeit, auch wenn man nun von Verdana und anderen serifenlosen Schriften abweichen kann. Zum Beispiel: Die Verwendung von mehr als einer oder zwei Schriftarten hat etwas von einem Erpresserbrief und sollte vermieden werden; von zu komplizierten, schlecht lesbaren Schriftarten sollten Sie die Finger lassen.

Computerbildschirme: erst schrecklich, dann schlecht, jetzt anständig

In den 1990er Jahren waren Computerbildschirme flimmernde 14-Zoll-Röhrenmonitore mit 60 PPI. Im Nachhinein können wir sie getrost als "schrecklich" bezeichnen.

Auch der aktuellen Generation von schärferen LCD-Monitoren, die normalerweise 110 PPI aufweisen, stand ich lange kritisch gegenüber. Schrecklich sind sie nicht, aber ich würde diese Bildschirme als "schlecht" bezeichnen, vor allem, wenn Sie mit einem 24-Zoll-Modell leben müssen.

Ich war nett zu Apple und habe ihren neuen 220 PPI-Laptop-Bildschirm ein "HD"-Display genannt, obwohl ich viel lieber 300 PPI gehabt hätte. Trotzdem sind die neuen Apple-Bildschirme die ersten, denen ich ein "anständiges" Nutzererlebnis beim Online-Lesen zubillige. Ich bin mir sicher, dass es in den nächsten Jahren noch viel mehr davon geben wird.

Wie lange müssen wir wohl auf wirklich grossartige Computerbildschirme warten? Etwa mit 42 Zoll Bildschirmdiagonale, 500 PPI und einer Taktung von 110 Hz? (Experimente in der Filmindustrie haben gezeigt, dass die deutliche Erhöhung der Taktung zu einem grösseren Realitätsgefühl führt, und zwar weit über den Punkt hinaus, an dem das sichtbare Flackern verschwindet.)

Wir sind von der Computerindustrie schnellen Fortschritt gewohnt, aber ich habe schon lange vergeblich darauf gehofft, dass die Monitore so schnell besser werden wie andere Komponenten. Grossartige Bildschirme sollten in 10 Jahren möglich sein (2022), aber ich will realistisch bleiben und sage 20 Jahre (also 2032).

Daher werden die kommenden zehn Jahre von anständigen Bildschirmen bestimmt werden, während die Menschen nach und nach ihre aktuellen (schlechten) Monitore durch anständige ersetzen.

Das hat drei wichtige Auswirkungen auf das Design einer Website:

  • Wir brauchen Website-Layouts, die sich den grösseren Bildschirm zu Nutzen machen und auch mit breiten Formaten zurechtkommen.
  • Die Menschen werden immer mehr bereit sein, auf Bildschirmen höherer Qualität zu lesen, was die Zukunft der Druckwerke weiter bedroht.
  • Die Richtlinien für knappe Inhalte und überfliegbare Überschriften (auf den meisten Websites) sind so wichtig wie eh und je, da die Internetnutzer so ungeduldig bleiben werden wie eh und je.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

Kommentare auf diesen Beitrag

  • Tim

    12-02-15 19:24

    "Apple verwendet den Werbebegriff "Retina-Display" für Bildschirmqualitäten über etwa 200 PPI, nach der Theorie, dass das der Zahl entspreche, die das menschliche Auge auflösen könne. Das stimmt natürlich nicht: Wir bräuchten etwa 900 PPI, damit ein Bildschirm so gut ist, dass weitere Pixel ihn nicht besser aussehen lassen."

    Falsch, Apple verwendet den Begriff für Displays, bei denen das durchschnittliche Auge bei der gewöhnlichen Entfernung zum Display zwei Pixel nicht mehr unterscheiden kann.
    Die für ein Retina-Display benötigten PPI hängen also von der ENTFERNUNG zwischen Bildschirm und Auge ab.
    Für das durchschnittliche Auge hat ein iphone mit seinen knap 320 ppi sehr wohl ein "Retina-Display.
    Da der gewöhnliche Betrachtungsabstand bei einem MacBook Pro nicht geringer ist als bei einem iphone, ist die 900-PPI-Theorie Unsinn.

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