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04.12.2011

Usability-Ergebnisse zum Kindle Fire

Auf den 7-Zoll-Tablets laufen mobile Websites am besten. Die Nutzer hatten grosse Schwierigkeiten, die richtigen UI-Elemente auf Designs zu berühren, die für einen Desktop gedacht sind, da sie auf dem Fire-Bildschirm sehr klein sind.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 05.12.2011

 

Der neue Kindle Fire von Amazon.com bietet ein enttäuschend schlechtes Nutzererlebnis. Mit dem Silk-Browser im Internet zu surfen ist umständlich und fehleranfällig. Heruntergeladene Magazine zu lesen geht auch nicht viel besser. Dennoch haben uns die Nutzertests mit Fire geholfen zu verstehen, wofür die neue Generation des 7-Zoll-Tablets gut ist: Sind sie mehr wie 10-Zoll-Tablets (wie zum Beispiel das iPad) oder mehr wie 3,5-Zoll-Handys? Um die Antwort vorwegzunehmen: ein bisschen von beidem.

Um ein erstes Verständnis der Usability von Inhalten, Diensten und Apps auf 7-Zoll-Tablets zu gewinnen, haben wir Usability-Sitzungen mit dem Kindle Fire durchgeführt. Die Testteilnehmer hatten zwischen 1,5 und 2,5 Jahren Erfahrung im Gebrauch von Touchscreen-Geräten: Die Hälfte hatte bislang Android-Handys genutzt, die andere Hälfte iPhones. Es war eine kleine Studie mit nur vier Nutzern, aber qualitative Studien generieren oft tiefere Einsichten als grössere, an messbaren Werten orientierte, quantitative Studien.

Wegen des Dicke-Finger-Problems sind mobile Websites überlegen

Die augenfälligste Beobachtung beim Testen des Fire ist, dass alles auf dem Bildschirm viel zu klein ist. Das führt häufig zu Tippfehlern und zu versehentlichem Aktivieren. Sie haben das Dicke-Finger-Problem noch nicht in voller Pracht gesehen, wenn Sie noch niemals Nutzer dabei beobachtet haben, wie sie sich auf dem Fire damit abmühen, etwas zu berühren. Ein armer Kerl hat etliche Minuten lang versucht, sich in Facebook einzuloggen, und es misslang ihm immer wieder, weil er das falsche Feld oder den falschen Button berührt hatte - und das auf einer Seite mit nur zwei Textfeldern und einem Button.

Kleine Felder auf dem Kindle Fire
Die kleinen Felder und Buttons auf dem Kindle Fire zu berühren, führt immer wieder zu Fehlern.

Unsere Tests mit dem iPad haben gezeigt, dass Voll-Websites auf 10-Zoll-Tablets gut funktionieren. Tests mit Handys haben dagegen ergeben, dass spezielle mobile Websites auf kleinen Touchscreens (mit normalerweise 3,5 Zoll Diagonale) überlegen sind.

Wenn man Designs, die für einen Vollbildschirm gedacht sind, auf einem 7-Zoll-Tablet nutzt, ist das so, wie wenn man eine Person mit der Konfektionsgrösse 56 in einen Anzug der Grösse 48 hineinquetscht. Das kann nicht gut gehen. Aber genau das läuft beim Fire ab. Wenn man mit dem Fire auf eine volle (Desktop)-Website gegangen ist, war bei unseren Tests ein Scheitern vorprogrammiert. Mit mobilen Websites kamen die Nutzer viel besser zurecht.

Wenn Sie Websites, die für 3,5-Zoll-Handybildschirme optimiert sind, auf dem grösseren 7-Zoll-Bildschirm nutzen, fühlt sich das luxuriös an - etwa so, wie wenn Sie eine normale Website auf einem 30-Zoll-Monitor nutzen. Sie haben allen Platz der Welt und können mit ganz wenig Scrollen (wenn überhaupt) die ganze Seite sehen.

Die Überlegenheit mobiler Websites gegenüber Voll-Websites beim Kindle Fire führt zu drei Konsequenzen:

  • Die Websites sollten den Geräte-Code der Nutzer ermitteln und automatisch die mobile Version liefern, wenn sie von einem 7-Zoll-Tablet aufgerufen werden.
  • Die Suchmaschinen (wie Google, Bing, Baidu, Naver) sollten für Kindle-Fire-Nutzer auf ihren Ergebnisseiten vorrangig Links zu mobilen Websites anzeigen. Zur Zeit behindern die Suchmaschinen oft ihre Nutzer, indem sie Voll-Websites anzeigen, obwohl die Unternehmen mobile Websites anbieten, die leichter zu nutzen wären.
  • Die Kindle-Nutzer sollten die Voreinstellung Ihres Browsers auf die mobile Ansicht umstellen. (Beim Silk-Browser: Menu > Settings > [Scrollen bis Advanced] > Desktop/mobile view)

Das Arbeiten mit dem Kindle Fire

Es war nicht Sinn und Zweck unserer Studien mit dem Kindle Fire den Konsumenten einen Rat zu geben, ob sie den Fire kaufen sollen oder nicht. Unser Ziel war es, Design-Richtlinien für Unternehmen zu ermitteln, die gerade Websites, Apps oder Inhalte bauen, auf die ihre Kunden möglicherweise auf einem Fire zugreifen. Ausserdem wollten wir Videoclips vom Nutzerverhalten aufnehmen, um sie in unseren Trainingskursen zeigen zu können. Diese beiden Ziele haben wir im Grossen und Ganzen erreicht, was einmal mehr bestätigt, welch grossen Wert Nutzertests mit wenig Teilnehmern haben können.

Dennoch habe ich einige Beobachtungen auf dem Gerät selbst anzubieten, die sowohl auf meinem persönlichen Gebrauch in den letzten beiden Wochen beruhen als auch auf der Nutzerstudie.

Der Fire ist ein ziemlich schweres Gerät. Es ist unbequem, ihn eine längere Zeit zu halten. Wenn man nicht gerade Armmuskeln wie Popeye hat, kann man sich damit nicht bequem hinsetzen und einen ganzen Abend lang einen spannenden Roman lesen. Das Fehlen physischer Knöpfe für das Umblättern der Seiten beeinträchtigt ebenfalls das Leseerlebnis bei fiktionalen Texten. Auf dem älteren Kindle ist es leicht, einen Finger auf dem Knopf zu lassen, auch wenn man ihn nur zum Weiterblättern braucht. Muss man dagegen einen Bereich des Bildschirms berühren, unterbricht das den Lesefluss, ist leicht fehleranfällig und verschmiert den Bildschirm. Ausserdem glänzt der Fire-Bildschirm mehr als der des traditionellen Kindle.

Für das Lesen fiktionaler Texte ist das Design des alten Kindle besser.

Bei nicht-fiktionalen Texten wie Sachbüchern und Magazinen verhindert das umständliche Interaktionsdesign des alten Kindle eine leichte Navigation und der leicht graue Bildschirm zeigt Illustrationen nicht richtig an.

Für das Lesen von Magazinen und anderen leichten nicht-fiktionalen Texten ist der Kindle Fire deutlich besser. Intensives Lesen allerdings, bei dem man häufig an andere Stellen des Textes springen möchte, wird weiterhin nicht gut unterstützt. Selbst auf dem Touchscreen ist die Navigation innerhalb des Buches langsam und umständlich, so dass ich nicht empfehlen kann, Sachbücher auf dem Kindle Fire zu lesen.

Das Leseerlebnis mit Magazinen könnte gut sein, ist zurzeit aber miserabel, weil die Inhalte noch nicht für das Gerät und fürs interaktive Lesen gestaltet sind:

  • Viele Magazine haben keine "Startseite", zu der die Nutzer zurückkehren können, wenn sie einen Artikel beendet haben.
  • Die Überschriften auf den Titelseiten der Magazine sind nicht klickbar, obwohl wir schon seit unseren ersten iPad-Studien von Anfang 2010 wissen, dass die Nutzer das wünschen. (Es gibt eine ehrenvolle Ausnahme: Bei unserer Studie hat Vanity Fair den Nutzern gestattet, durch das Anklicken einer Headline auf dem Titelbild sofort zur Story zu springen.)
  • Die Seitenansicht ist unlesbar, und die Textansicht hat das schlimmste Layout, das ich in den vergangenen Jahren gesehen habe. Die Illustrationen sind entweder zu gross oder zu klein und stehen für gewöhnlich weit entfernt von der Stelle, an der sie im Text besprochen werden.
  • Der Page Scrubber ist ein besonders nutzloses Navigationsinstrument: Es bietet keinen Überblick über die vorhandenen Inhalte und erfordert pixelgenaue Fingerbewegungen. Obwohl dieses Widget den Nutzern während des gesamten Tests überhaupt nicht geholfen hat, haben mehrere Nutzer gesagt, dass sie es mögen; ein gutes Beispiel dafür, dass sie nicht auf das hören sollten, was die Nutzer sagen. (Sondern beobachten sollten, was sie tun.) Die Leute haben sich in den Magazinen so verloren gefühlt, dass ihnen jede Navigationshilfe wie eine Rettungsleine vorkam, auch wenn sie nicht gut war. Die Nutzer sind keine Designer, und deshalb wissen sie nicht, dass es viele andere Navigationsfunktionen gibt, die man stattdessen einsetzen könnte.
  • Die Pop-up-Inhaltsverzeichnisse enthalten oft "pfiffige" Headlines, die im Printbereich funktionieren mögen, aber keinerlei Informationsfährte ausströmen. Die Artikel-Zusammenfassungen sind auch nicht besser. Probleme, die ich schon vor zweieinhalb Jahren bei meiner Analyse der Inhalts-Usability des Kindle ausgeführt habe, wurden immer noch nicht behoben.
  • Die Suche sieht aus wie ein AltaVista-Wiedergänger. AltaVista war Ende 1998 sogar besser als die Magazin- und Zeitungs-Suche beim heutigen Kindle Fire, weil AltaVista wenigstens versucht hat, die Suchergebnisse zu gewichten, anstatt einfach nur sämtliche Schlüsselwort-Treffer aufzulisten.

Die Bildschirm-Updates sind zu langsam, deshalb fühlt sich das Scrollen manchmal unberechenbar an und es gibt eine lange Verzögerung nach dem Drücken von Befehls-Buttons. Dadurch wird die Illusion der direkten Manipulation des Geräts durchbrochen. Das Ganze ist sonderbar; der Fire hat wahrscheinlich eine schnelle CPU und muss nicht so viele Pixel bewegen wie das iPad. Es muss an einer schlampigen Programmierung liegen.

Das Verwenden von Apps und Websites auf dem Kindle Fire ist weniger effizient als auf anderen Geräten, weil ihm zwei wichtige physische Knöpfe fehlen: einer für die Rückkehr auf den Startbildschirm (wie beim Kindle Keyboard) und einer zum Regeln der Lautstärke (wie beim iPad). Auch ein physischer Zurück- und ein Menü-Knopf würden die Interaktion flüssiger machen (wie auf Android-Handys). Nach einer Weile wird es weniger unnatürlich, den Bildschirm zu berühren, um die Kontroll-Leiste aufzurufen, aber im Vergleich zum Drücken eines harten Knopfes ist das immer noch ein Extraschritt.

Auch leidet der Kindle Fire auf vielen Gebieten an schlechtem UI-Design ganz platter Natur. Zum Beispiel ist das Aufleuchten von gedrückten Buttons so klein, dass es normalerweise vom Finger verdeckt wird, so dass man es gar nicht sehen kann:

Feedback beim Kindle Fire
Wer genau hinschaut, sieht noch eine Ecke des Leuchtfeldes rund um den gedrückten Button, aber oft verdeckt der Finger des Nutzers dieses Feedback komplett.

Das Feedback gross genug zu machen, damit es rund um den Finger des Nutzers sichtbar bleibt, ist eine grundlegende Usability-Richtlinie für das visuelle Design für mobile Geräte und Tablets. Ein grosser Fehler von Amazon. Ein anderes Beispiel für schlechtes Design, dass mehrere Nutzer bei unseren Tests ins Stolpern gebracht hat: Beim Silk-Internet-Browser kann der Nutzer im Text von Dropdown-Menüs einzelne Wörter auswählen. Das ist in der Tat so einfach, dass die Nutzer oft Wörter ausgewählt haben, wenn sie eigentlich eine Menü-Option aktivieren wollten.

Wenn ich ein Anhänger von Verschwörungstheorien wäre, würde ich sagen, dass Amazon absichtlich ein schlechtes Nutzererlebnis beim Internet-Browsen gestaltet hat, um die Fire-Nutzer davon abzuhalten, auf den Websites von Wettbewerbern einzukaufen. Die eigene eingebaute Shopping-App von Amazon hat nämlich eine grossartige Usability; sie wissen also ganz genau, wie man für das Tablet gestalten muss.

Die Aussichten für das Nutzererlebnis auf 7-Zoll-Tablets sind entweder grossartig oder schrecklich

7-Zoll-Tablets haben entweder eine glorreiche Zukunft vor sich, oder sie werden elend untergehen. Ich bezweifle, dass es in ihrer Zukunft einen mittleren Weg geben kann.

Wenn 7-Zoll-Tablets erfolgreich werden sollen, müssen die Anbieter von Diensten und Inhalten ihre Sachen speziell für diese Geräte gestalten. Designs aus dem Printbereich, aus den Bereichen Mobilfunk, 10-Zoll-Tablets oder Desktop-PCs, die man einfach nur umdeklariert, werden scheitern, weil sie ein schreckliches Nutzererlebnis erzeugen. Ein 7-Zoll-Tablet ist als Medienformat so unterschiedlich, dass es als neue Plattform behandelt werden muss. Ausserdem sind diese Tablets mittlerer Grösse so schwach, dass suboptimale Designs - also umdeklarierte Inhalte - darauf nicht funktionieren. Sie müssen für 7 Zoll optimieren oder untergehen.

In der Praxis wird es sich für die Herausgeber von Magazinen, Websites, für Anwendungsprogrammierer und andere Lieferanten nicht auszahlen, separate Versionen ihrer Inhalte für 7-Zoll-Tablets zu gestalten, solange diese Geräte nicht viele Millionen Nutzer haben. Ohne substantielle Renditeerwartung wird der Aufwand, diverse Versionen bereitzustellen, zu gross sein.

Deshalb ist meine Voraussage für die Zukunft von 7 Zoll zweigeteilt. Wenn die Plattform ein rasender Erfolg wird und sich schnell in grossen Stückzahlen verkaufen lässt (sagen wir: 50 Millionen Stück bis Ende 2013), dann gibt es eine wirtschaftliche Grundlage, um ein reiches Ökosystem von auf 7 Zoll optimierten Diensten zu unterstützen. Und wenn es vielfältige Angebote gibt, werden die Nutzer zufrieden sein und noch mehr 7-Zoll-Geräte kaufen. Ein Schweinezyklus.

Wenn aber im nächsten und übernächsten Jahr nur ein paar Millionen 7-Zoll-Tablets verkauft werden, dann wird die Plattform entweder untergehen oder heruntergefahren auf einen Ersatz für arme Leute, die sich ein ausgewachsenes Tablet nicht leisten können. Ein kleines Publikum wird den Herausgebern zu wenig Anreiz bieten, um auf 7 Zoll optimierte Inhalte und Dienste zu veröffentlichen. Das resultierende unerfreuliche Nutzererlebnis wird auch die verbliebenen wohlhabenden Nutzer dahin bringen, sich grössere Tablets zu kaufen. Ein Teufelskreis.

7-Zoll-Tablets besetzen ein heikles Terrain auf der Landkarte des Nutzererlebnisses:

  • Einerseits sind die Geräte zu schwach, um ein einfaches, vergnügliches und effizientes Arbeiten mit einem breiten Feld von Nutzeroberflächen zu gewährleisten, die für andere Formate optimiert wurden. 7-Zoll-Bildschirme sind zu klein, um leicht durch komplette Websites browsen zu können, und dennoch zu gross, um sie die ganze Zeit mit sich herumtragen zu können wie ein Handy.
  • Auf der anderen Seite sind sie stark genug, um eine gute Usability zu liefern, wenn die Designs für die 7-Zoll-Plattform optimiert werden. Der Bildschirm ist gross genug, um hübsche Bilder und vielfarbige Illustrationen zu zeigen, und er kann auch recht effiziente Navigation und andere Nutzeraktionen unterstützen. Wenn es richtig gestaltet wird, wird das 7-Zoll-Nutzererlebnis reicher und vergnüglicher ausfallen als das auf Mobiltelefonen.

Designs, die für 7 Zoll optimiert sind, werden eine hohe Usability haben. Sie werden wahrscheinlich niemals gleichwertig sein wie das 10-Zoll-Nutzererlebnis, aber dafür sind 7-Zoll-Geräte viel billiger und leichter mitzunehmen. Es ist zu hoffen, dass die 7-Zöller in Zukunft auch leichter ausfallen und eine längere Akkulaufzeit haben werden als die derzeitigen schwereren Geräte.

Werden sich solche optimierten Designs wirtschaftlich rechnen? Ich weiss es nicht, weil Nutzerforschung und Usability-Analysen diese Fragen nicht beantworten können. Alles, was ich sagen kann, ist: Das Nutzererlebnis wird grossartig sein, wenn Geld hineingesteckt wird, und es wird schlecht sein, wenn das nicht der Fall ist. Derzeit müssen die 7-Zoll-Tablets noch mit umdeklarierten Inhalten auskommen.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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