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02.05.2004

Wechseln Sie die Farbe für besuchte Links

Die Leute gehen verloren und bewegen sich im Kreis, wenn Websites die gleiche Linkfarbe für besuchte und für neue Ziele verwenden. Wählen Sie verschiedene Farben für die beiden Linktypen, um Konfusion in der Navigation zu reduzieren.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 03.05.2004

 

Die älteste Usability-Richtlinie für alle Arten von Navigationsdesign lautet: Hilf den Nutzern zu verstehen, wo sie gerade gewesen sind, wo sie jetzt sind und wo sie hingehen können (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft). Die drei Dinge hängen irgendwie zusammen: Ein guter Überblick über die zurückliegende Navigation hilft beim Verständnis der aktuellen Position, da sie der Gipfelpunkt der bisherigen Reise ist. Wenn man seine früheren und gegenwärtigen Positionen kennt, ist es im Gegenzug leichter zu entscheiden, wo man als nächstes hingehen will.

Im Web sind die Links ein Schlüsselfaktor dieses Navigationsprozesses. Die Nutzer können Links aussortieren, die sich bei früheren Besuchen als unfruchtbar erwiesen haben. Umgekehrt können Sie Links erneut aufsuchen, die sie in der Vergangenheit hilfreich gefunden haben.

Besonders wichtig: Zu wissen, welche Seiten sie bereits besucht haben, bewahrt die Nutzer davor, die gleichen Seiten unbeabsichtigt wieder und wieder zu besuchen.

Der Preis der einheitlichen Linkfarbe

Im Allgemeinen sind die Webbrowser höchst mangelhaft beim Unterstützen der Nutzernavigation. Gleichwohl stellen sie eine Funktion zur Verfügung, die den Nutzern hilft, sich selbst zu orientieren: Die Browser lassen es zu, die Links in verschiedenen Farben anzuzeigen, je nachdem, ob die Links zu neuen Seiten führen oder zu Seiten, die die Nutzer bereits gesehen haben. Der Wechsel in der Linkfarbe gehört zum Webbrowsen, seit Mosaic 1993 erschienen ist, es ist also vollkommen Standard; fast alle Nutzer verstehen es.

Zurzeit nutzen 74% der Websites verschiedene Farben für besuchte und nicht besuchte Links, was diesen Design-Ansatz zu einer starken Konvention macht, die die Leute mittlerweile erwarten.

Die Theorie des Hypertextes, die Geschichte des Webs und die aktuellen Design-Konventionen zeigen an, dass es notwendig ist, die Farbe für besuchte Links zu ändern. Des Weiteren haben empirische Beobachtungen bei Nutzertests diverse schwere Usability-Probleme auf Sites dingfest gemacht, die diese Konvention verletzen. Wenn Sites die gleiche Farbe für besuchte und nicht besuchte Links verwenden,

  • besuchen die Nutzer ungewollt die gleichen Seiten mehrfach
  • gehen leichter Nutzer verloren, weil ihr Verständnis für die Bedeutung jedes Links geringer ist
  • missdeuten oder übersehen die Nutzer oft den Unterschied zwischen zwei ähnlichen Links, wenn sie unsicher sind, welchen davon sie bereits besucht haben, und
  • die Besucher geben schneller auf, da ihr Gefühl, die Site zu beherrschen, reduziert ist, wenn die Site ihre Aktionen nicht widerspiegelt, um ihnen beim Navigieren zu helfen.

Solche Usability-Probleme sind besonders belastend für Nutzer mit schlechtem Kurzzeitgedächtnis, die ohne visuelle Markierungen oft Schwierigkeiten haben, sich zu erinnern, was sie angeklickt haben. Freilich ist ein "schlechtes Kurzzeitgedächtnis" eine Schwäche, die allen Menschen zueigen ist, weshalb alle Menschen unter gleich bleibenden Linkfarben leiden. Aber das trifft definitiv einige Menschen stärker als andere, deshalb ist es besonders wichtig, die Linkfarbe zu wechseln, wenn Sie viele ältere Besucher haben.

Wenn man die überaus starke theoretische und empirische Begründung für den Gebrauch verschiedener Farben bedenkt, ist es verblüffend, dass ein Viertel der Websites weiterhin den Leuten zusätzliche Usability-Probleme aufbürdet, indem sie eine einheitliche Linkfarbe verwenden.

Warum das Problem fortbesteht

Selbst Leute, die Usability richtig finden, stellen manchmal die Notwendigkeit, die Linkfarbe zu wechseln, in Frage. Ich denke, das liegt daran, dass sie, wenn sie ihre eigenen Nutzertests durchführen, nicht auf die Probleme stossen, die von der unveränderten Linkfarbe verursacht werden. Leider sind die Symptome dieser Probleme besonders schwer zu entdecken, wenn man Nutzer beobachtet.

Nutzertests sind im Grunde einfach: Wir lehren sie in drei Tagen. Die meisten Usability-Probleme sind so offenkundig, dass jeder sie mit einem einfachen Test identifizieren kann. Wenn Sie einmal die Grundlagen kennen, wie man gute Aufgaben schreibt und wie man die Sitzung beschleunigt, ohne das Nutzerverhalten zu verfälschen, können Sie klar und deutlich sehen, wie Nutzer in Schwierigkeiten kommen, wenn sie auf schlecht gestaltete Elemente Ihrer Site stossen.

Sagen wir zum Beispiel, ein Nutzer klickt einen falschen Knopf an. Für jeden Beobachter ist klar, dass ein solches Nutzerverhalten für einen Designfehler steht. Wenn man auf die Nutzerkommentare vor dem Anklicken hört, erfährt man, warum sie das Design missverstanden haben, und bekommt so eine Anleitung, es beim Redesign besser zu machen.

Fälle, in denen die Nutzer etwas nicht tun, sind schwerer zu entdecken. Doch auch dann können die meisten Usability-Förderer viele solcher Probleme identifizieren. Sie beobachten zum Beispiel, dass bei Ihrem Test niemand Ihre wichtigste Funktion angeklickt hat. Die laut gedachten Kommentare der Nutzer werden klären, ob sie (a) die Funktion gesehen haben, ohne sie relevant zu finden; oder (b) die Funktion gar nicht erst in Erwägung gezogen haben, weil sie zu sehr nach Werbung aussah.

Zerstreute Usability-Probleme entdecken

Manche Usability-Probleme erfordern mehr Detektivarbeit und werden von Leuten, die noch relativ neu sind in Sachen Nutzertests, oft übersehen. Das trifft besonders auf Probleme zu, die aus vielfältigen einzelnen Bestandteilen zusammengesetzt sind, die sich über die ganze Site verteilen. Noch schwieriger ist es, solche Probleme zu entdecken, wenn keiner der Einzelbestandteile für sich allein Schwierigkeiten macht.

Ein relativ einfaches Beispiel für ein Problem, das auf mehrere Orte verteilt ist, liegt vor, wenn ein Link auf der Homepage bestimmte Erwartungen weckt, die die Nutzer dazu bringt, die Informationen auf der Zielseite fehlzudeuten. Der Linktext selbst ist vielleicht klar, und die Nutzer beschweren sich wahrscheinlich nicht darüber. Die Zielseite kann ebenfalls klar sein, und die Nutzer beschweren sich auch darüber nicht, weil sie denken, dass sie sie verstehen. Das Problem ist, dass sie sie falsch verstehen, weil sie sie im Kontext der irreführenden Erwartungen interpretieren. Diese Art von Usability-Problem verlangt den Testbeobachtern hochgradige Schlussfolgerungen ab, die auf der Erinnerung aufbauen, was auf der vorigen Seite geschehen ist, und das, obwohl scheinbar nichts von dem Geschehenen den Nutzern Schwierigkeiten bereitet hat.

Der Schaden, den unveränderte Linkfarben verursachen, ist eins der Usability-Probleme, die sich am trickreichsten der Identifizierung durch Nutzertests entziehen. Auf jeder gegebenen Seite scheinen die Nutzer die Links ganz gut zu verstehen. Die Nutzer beschweren sich fast nie über die Linkfarben, so lange sie sich vom Rest des Textes unterscheiden und einigermassen lesbar sind. Alles klar, so scheint es zumindest.

Doch wenn Sie sorgfältig beobachten, bemerken Sie, dass sich die Nutzer oft im Kreis bewegen. Sie besuchen dieselbe Seite mehrfach - nicht weil sie das wollen, sondern weil sie nicht mitbekommen, dass sie schon einmal dort gewesen sind. Die Nutzer hören auf, wenn sie die meisten Links einer Liste ausprobiert haben, auch dann, wenn nur noch ein einziger Link übrig ist, den sie nicht probiert haben; wenn die Links ihre Farbe nicht ändern, bemerken die Nutzer nicht, dass nur noch ein unbenutzter Link übrig ist.

Ausserdem verursachen unveränderte Linkfarben navigatorische Konfusion, weil die Nutzer nicht ganz verstehen, was sie ausgewählt haben oder wo sie sind. Freilich könnte dieses Problem auch auf eine verworrene Informationsarchitektur oder auf schlecht geschriebene Etiketten hindeuten; deshalb braucht es Erfahrung, um die wirklichen Wurzeln der Nutzerschwierigkeiten zu identifizieren.

Obwohl die untergründigen Folgen unveränderter Linkfarben bei Nutzertests leicht übersehen werden können, sind sie sehr real und für die Nutzer problematisch. Viele andere Design-Strategien, um den Nutzern beim Navigieren zu helfen, etwa Sitemaps, machen eine Menge Arbeit. Die Möglichkeit, die Linkfarbe zu wechseln, geben Ihnen die Browser dagegen umsonst, es gibt also keinen Grund, diesen einfachen Weg, den Nutzern zu helfen, nicht auszunutzen.

Die Verwendung unterschiedlicher Farben für besuchte und nicht besuchte Links macht Ihre Site leichter zu navigieren und hebt so die Zufriedenheit der Nutzer.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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