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07.07.2013

Wenn die Nutzeroberfläche zu schnell reagiert

Die Nutzer können Dinge übersehen, wenn sie sich zu schnell ändern, und auch dann, wenn sie sie bemerken, sind sie innerhalb einer begrenzten Zeitspanne schwerer zu verstehen.

Frau frustriert von PC

© Jeanette Dietl - Fotolia.com

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 08.07.2013

 

99% aller Usability-Probleme, die mit Antwortzeiten zu tun haben, werden von Nutzeroberflächen verursacht, die zu langsam reagieren. Deshalb könnte es gefährlich sein, wenn ich über die wenigen Fälle schreibe, in denen der Computer zu schnell ist. Immerhin

  • sind Computer normalerweise zu langsam, und
  • steigern zackige Antwortzeiten die Usability. Das menschliche Gedächtnis lässt schnell nach, deshalb vergessen die Menschen oft Dinge, die sie gerade tun wollten, während sie auf die Antwort eines langsamen Computers warten.

Dazu kommt, dass jüngere Nutzer notorisch ungeduldig sind, aber auch ältere Nutzer auf langsamen Websites nicht lange verweilen.

Genug der Warnungen, hoffe ich! Eine zackige Nutzeroberfläche ist fast immer besser.

Aber es gibt eben doch so etwas wie zu schnell. Mein neuestes Beispiel ist erst wenige Tage alt und stammt aus Nutzertests mit Tablet-Anwendungen, die wir zur Vorbereitung unserer neuen Kurse durchgeführt haben. Der Nutzerin gelang es mehrmals hintereinander nicht, sich beim richtigen WLAN anzumelden, weil sie immer wieder einen falschen Eintrag in der Liste antippte.

Wenn ein solcher Fehler einmal vorkommt, kann man ihn als Beispiel für das unvermeidliche Problem Gesten-gesteuerter Nutzeroberflächen entschuldigen: Die Menschen berühren oft ein Punkt, der knapp neben dem gemeinten Ziel liegt.

Aber hier berührte die Nutzerin mehrmals hintereinander das falsche Ziel. Warum? Das gemeinte Ziel änderte seine Position, ohne dass die Nutzerin es merkte, weil der Tablet-PC immer noch die Umgebung nach weiteren WLANs absuchte und Einträge in die Liste der verfügbaren WLANs hinzufügte oder daraus entfernte.

Die Interaktion stellte sich wie folgt dar:

  1. Die Nutzerin überflog die Liste auf der Suche nach dem korrekten WLAN (für das sie Zugangsdaten besass).
  2. Sie setzte ihre Hand in Bewegung, um die Zeile zu treffen, die sie in Schritt 1 ausgewählt hatte.
  3. Innerhalb des Sekundenbruchteils, in dem ihr Finger sich zur Oberfläche des Tabletts bewegte, kam ein Listeneintrag hinzu oder es fiel einer weg, so dass das intendierte Ziel auf einen anderen Platz auf dem Bildschirm sprang.
  4. Die Nutzerin wählte ein anderes Ziel aus als das intendierte, weil dort, wo sie tippen wollte, inzwischen ein anderes WLAN stand (was sie nicht sehen konnte, weil ihr Finger diesen Teil des Bildschirms verdeckte).
  5. Die Nutzerin versuchte, sich in das ausgewählte WLAN einzuloggen, wurde aber zurückgewiesen, als sie die Zugangsdaten eines anderen Netzes eingab.

Obwohl diese Schritte in rascher Folge abliefen, wiederholte die arme Nutzerin die gleiche Abfolge so oft, dass ich herausbekam, was ablief, ohne mir das Usability-Video anschauen zu müssen.

(Natürlich mussten wir einem grundsätzlichen Gebot bei Nutzertests gehorchen und durften der unglücklichen Testteilnehmerin nicht sagen, was sie falsch machte; wir mussten schweigend dasitzen und zuschauen, wie sie immer wieder scheiterte, bis sie endlich das Glück hatte, ihr Ziel in einem Moment zu treffen, in dem die WLAN-Software die WLAN-Auswahl nicht gerade updatete.)

Etwas Schnelles kann übersehen werden

Wenn sich ein Bildschirm innerhalb des sprichwörtlichen Augenzwinkerns verändert, kann es sein, dass ein Nutzer in dem Moment zwinkerte und die Änderung verpasst hat. Oder es kann sein wie im genannten Beispielen, dass er den Bereich des Bildschirms, in dem die Änderung erfolgte, in dieser kurzen Zeitspanne nicht gesehen hat.

Wenn sich Dinge von alleine verändern - ohne irgendeine Handlung der Nutzer - wissen die Leute noch nicht einmal, dass sie auf die Änderung achten müssen und verpassen sie mit grosser Wahrscheinlichkeit. Um dieses Problem zu beheben, besteht eine nützliche Taktik darin, die Änderungen zu verlangsamen, indem man zum Beispiel eine Animation einsetzt, die ein, zwei Sekunden dauert. Aber übertreiben Sie es nicht mit Signalen; es gibt nichts nervigeres als einen aggressiv blinkenden Bildschirm.

Schnelle Aktualisierungen des Bildschirms sind grossartig, wenn sie als Ergebnis einer Nutzeraktion erfolgen. Wenn Sie zum Beispiel einen Schiebeschalter auf dem Tablet berühren, möchten Sie, dass er sofort aufleuchtet, um anzuzeigen, dass er aktiviert wurde. Und wenn Sie ihn verstellt haben, möchten Sie, dass die entsprechenden Bildschirm-Elemente sofort aktualisiert werden.

Wenn die Nutzer etwas machen, wissen sie, dass sie auf Änderungen achten müssen. Doch auch in solchen Situationen kennen wir das Usability-Problem, wenn die Aktualisierung an einer Stelle erfolgt, die weit vom Ort der Aktion entfernt ist. Änderungen ausserhalb des Blickfelds der Nutzer können übersehen werden und erfordern eine stärkere Signalisierung als die, dass einfach die alten Informationen durch etwas Neues ersetzt werden. Ein klassisches Beispiel sind die Warenkörbe beim E-Commerce, die sich in der äussersten Ecke des Bildschirms finden und einfach nur etwas aufaddieren, wenn der Nutzer auf den Button In den Warenkorb klickt. Bei Tests haben wir oft beobachtet, dass die Nutzer solch unauffällige Aktualisierungen übersehen, wenn sie weit entfernt von dem Button erfolgen, auf den sie geklickt haben.

Etwas Schnelles kann schwierig sein

Eine zweite Gruppe von Usability-Problemen kann aufkommen, wenn die Nutzer zwar bemerken, dass sich etwas geändert hat, aber nicht schnell genug verstehen, was passiert ist. Das passiert oft bei Karussells und anderen rotierenden oder sich selbst weiterschaltenden Design-Elementen. Man hat sich gerade entschieden, dass da etwas interessant ist, doch in dem Moment ist es schon verschwunden und wurde durch etwas ersetzt, das einen nicht interessiert.

Besonders problematisch ist das für langsame Nutzer wie zum Beispiel internationale Kunden, die Ihre Sprache nicht so schnell lesen können, für ältere oder behinderte Nutzer, die mehr Zeit brauchen, um mit der Nutzeroberfläche klar zu kommen und deshalb besonders unter sich schnell ändernden Bildschirminhalten leiden.

Lassen wir uns ein einfaches Usability-Prinzip etablieren: Vermeiden Sie es, Ihre Kunden zu verspotten.

Um nun zum Anfang zurückzukehren: es ist wichtig daran zu erinnern, dass Probleme mit zu langsamen Reaktionen viel häufiger sind als Probleme mit zu schnellen. Ob schnell oder langsam: der Punkt ist, auf den zeitlichen Aspekt des Nutzererlebnisses zu achten. Schliesslich unterscheidet Interaktionsdesign von anderen Formen des Designs gerade der Umstand, dass wir es mit Phänomenen zu tun haben, die sich im Zeitablauf ändern.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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