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30.03.2008

Abnehmende Internetleistung bei Nutzern mittleren Alters

Zwischen 25 und 60 Jahren nimmt die Fähigkeit, Websites zu nutzen, pro Jahr um 0,8% ab - grösstenteils weil die Nutzer mehr Zeit pro Seite brauchen, aber auch aufgrund von Navigationsschwierigkeiten.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 31.03.2008

 

Basierend auf ausgedehnter Forschung haben wir spezielle Web-Usability-Richtlinien für junge Kinder, Jugendliche und Senioren entwickelt. Jede dieser Altersgruppen hat besondere Eigenschaften, die die Designer verstehen müssen, um mit ihren Websites junge oder älterer Nutzer anzuziehen.

Aber was ist mit denen in der Mitte? Wir haben noch nicht mal einen richtigen Namen für sie - für gewöhnlich nenne ich die Nutzer, die zwischen 25 und 60 Jahren alt sind, "Durchschnittsnutzer" ("Mainstream-Nutzer"). Aus verschiedenen Gründen bilden sie die bei weitem wichtigste Altersgruppe:

  • Es gibt mehr von ihnen als in den jungen oder älteren Altersgruppen. In den USA sind 49% der Bevölkerung zwischen 25 und 60 Jahre alt (35% sind jünger und 16% älter).
  • "Mainstream-Nutzer" haben gute Berufe; sie sind am reichsten, und sie geben das meiste Geld online aus.
  • Fast alle B-to-B-Websites zielen auf diese Altersgruppe ab. Das trifft noch mehr zu, wenn wir unsere "Mainstream"-Definition erweitern und Nutzer bis zu 65 Jahren mit einrechnen; jenseits von 65 sprechen wir in unserer Usability-Forschung offiziell von "Senioren".
  • Fast alle Intranet-Nutzer fallen in diese Gruppe, besonders wenn wir auch hier die Altersspannweite bis auf 65 ausdehnen.

Ich bin gerade damit fertig geworden, die quantitativen Daten unserer Studie vom letzten Monat auszuwerten, um unseren Kurs über "Grundlegende Richtlinien für die Web-Usability" auf den neuesten Stand zu bringen. Wir haben verblüffende, neue Statistiken über wichtiges Internet-Verhalten wie Suchen und Scrollen und ebenso bemerkenswerte Zahlen, um die Aufmerksamkeit von Nutzern zu messen. All dies wird auf meiner demnächst stattfindenden Tagung vorgestellt werden.

Wir haben auch Erkenntnisse über Nutzer mittleren Alters gewonnen, die ich nicht in meiner Präsentation unterbringen konnte. Beim Aufstellen des Programms für die Tagung konzentriere ich mich absolut darauf, den Teilnehmern nur Neuigkeiten mitzuteilen, die sie wirklich gebrauchen und umsetzen können, also behandeln wir nur die wichtigsten Forschungsergebnisse, mit denen man den wirtschaftlichen Wert einer Website maximieren kann. Wie Sie sehen werden, erfüllen die folgenden altersabhängigen Daten dieses Kriterium nicht. Sie sind interessant, aber sie haben keinen hohen Renditefaktor. Glücklicherweise unterliegt der Cyberspace weniger Einschränkungen als Echtzeit-Veranstaltungen, also kann ich eine Kolumne über die zwar faszinierenden, aber renditeneutralen Folien schreiben, die ich dort streichen musste.

Daten der Nutzerleistung nach Alter

Im Alter von 25 bis 60 wächst die Zeit, die die Nutzer brauchen, um Website-Prozesse zu Ende zu führen, um 0,8% pro Jahr.

Sprich, ein 40-jähriger Nutzer braucht im Schnitt 8% länger als ein 30-jähriger Nutzer, um die gleiche Aufgabe durchzuführen. Und ein 50-jähriger Nutzer braucht weitere 8% an zusätzlicher Zeit. (Mathematisch veranlagte Leser werden feststellen, dass dieser Anstieg linear und nicht exponentiell ist.)

Angesichts der 61 Nutzer in unserer Studie ist dieses Ergebnis auf dem 5%-Niveau statistisch signifikant.

Heisst das, dass Nutzer in den 40ern oder 50ern ihre Arbeit nicht leisten können? Ganz und gar nicht. Auf vielerlei Weise werden die Nutzer mit fortschreitendem Alter nämlich besser.

Individuelle Unterschiede überdecken meist den winzigen, altersbedingten Unterschied in der Gruppe der 25- bis 60-jährigen. Die Nutzer sind aussergewöhnlich unterschiedlich, was die Nutzung von Websites und Intranets betrifft.

Ich habe eine 5-5-5-Regel für Aufgabenzeiten bei der Nutzung von Websites: Quer durch eine breite Spanne an Studien zeigen unsere Daten, dass

  • die langsamsten 5% der Nutzer
  • ungefähr fünfmal so langsam sind
  • wie die schnellsten 5% der Nutzer,

was bedeutet, dass die langsamsten Nutzer 400% mehr Zeit brauchen, um die gleiche Aufgabe auszuführen. Der Unterschied von 0,8%, den jedes Jahr Altern mit sich bringt, verblasst hierbei im Vergleich.

Demzufolge wird ein schneller 50-jähriger einen langsamen 30-jährigen jeden Tag schlagen - und das um mehrere hundert Prozent.

Warum die Internetleistung mit dem Alter abnimmt

Zwei Faktoren verursachen den 0,8-prozentigen Anstieg der Zeit pro Arbeitsvorgang. Mit jedem zusätzlichen Jahr passiert folgendes: Die Nutzer

  • verbringen 0,5% mehr Zeit auf jeder Seite und
  • besuchen 0,3% mehr Seiten pro Aufgabe.

Mit anderen Worten, der grösste Faktor ist der, dass ältere Nutzer mehr Zeit brauchen, um Seiten zu verstehen, den Text zu überfliegen und Informationen zu entnehmen. Ein kleineres - aber immer noch beträchtliches - Problem ist, dass viele mehr Probleme beim Navigieren in Websites haben, wenn sie älter werden.

Es ist nicht erstaunlich, dass die Nutzer mit steigendem Alter mehr Zeit brauchen, um Websites zu nutzen, selbst innerhalb der Mainstream-Gruppe der 25- bis 60-Jährigen. Der menschliche Alterungsprozess beginnt in etwa mit dem 25. Lebensjahr und verursacht einen Abbau kognitiver Ressourcen, einen Verlust von Sehschärfe, verminderte Reaktionszeiten und reduzierte Fingerfertigkeit. Die Menschen brauchen mehr Zeit für dieselben mentalen Abläufe; sie haben weniger Erinnerungskapazität und brauchen länger, um Wahrnehmungen zu verarbeiten.

All diese Eigenheiten der menschlichen Leistung beeinflussen die Geschwindigkeit, mit der Nutzer etwas auf einer Website erledigen können.

Es gibt auch eine Kovariante: das Alter, in welchem jemand angefangen hat, das Web zu nutzen. Weil das Web relativ neu ist, hat ein 50-Jähriger vielleicht mit 40 Jahren angefangen, es zu nutzen, wohingegen ein 30-Jähriger eventuell schon mit 20 Jahren angefangen hat. Demgegenüber wird ein 50-Jähriger im Jahre 2050 das Web seit dem 5. Lebensjahr genutzt haben und kann somit von 45-jähriger Erfahrung profitieren. Ein 30-Jähriger wird im Jahre 2050 lediglich 25 Jahre Internet-Erfahrung haben. Die grössere Erfahrung wird es älteren Nutzern vielleicht später erlauben aufzuholen und die 0,8%-Kluft zu verringern. Obwohl wir die Zukunft natürlich nicht vorhersagen können, ist meine Vermutung, dass die "Altersstrafe" auf 0,5% pro Jahr absacken wird. Das ist allerdings gleichgültig für Ihre Internet-Strategie für die nächsten zehn Jahre: Das 0,8%-Problem ist das, was wir jetzt haben und bei dem wir auch noch eine ganze Weile bleiben werden.

"Durchschnittlich Alternde" im Vergleich mit Senioren

Also, für jedes Jahr, das Nutzer zwischen 25 und 60 älter werden, ist unser jetziger Schätzwert, dass sie 0,8% langsamer in der Nutzung von Websites werden.

Wie lässt sich das vereinbaren mit unseren Forschungsergebnissen, dass Senioren 74% langsamer in ihrer Nutzung von Websites sind als Durchschnittsnutzer? Ein typischer Rentner im Alter von 75 ist 40 Jahre älter als ein typischer, 35-jähriger Mainstream-Nutzer, also sollte er mit 0,8% pro Jahr eigentlich um 32% langsamer sein.

Dieser Unterschied hier kann durch die Tatsache erklärt werden, dass das Altern zwar früh anfängt, sich aber mit ca. 60 Jahren drastisch beschleunigt, und noch stärker mit 70 Jahren. Kurven, die die der Abnahme von kognitiven, Wahrnehmungs-, und motorischen Fähigkeiten verzeichnen, haben die Form eines Hockeyschlägers.

Deshalb gibt es auch besondere Usability-Richtlinien, um Websites für Senioren nutzerfreundlich zu gestalten. Bei einem Alter, das 65 Jahre übersteigt, sind die Unterschiede in den Nutzerbedürfnissen so drastisch, dass wir explizite Schritte benötigen, um auf sie einzugehen.

Demnach gilt die Abnahme um 0,8%/Jahr nur für die Mainstream-Zeitspanne von 25 bis 60 Jahren. Bei älteren Nutzern nimmt die Leistung schneller ab.

Einkommen und Website-Leistung

Innerhalb der 25-60jährigen Altersgruppe gibt es eine stark positive Korrelation zwischen Alter und Einkommen: Ältere, hochrangige Mitarbeiter werden zumeist besser bezahlt als Nachwuchskräfte. Ich habe meine Einschätzung von 0,8% Anstieg pro Jahr in der Prozesszeit gemacht, nachdem ich die Auswirkungen von Alter und Einkommen separiert hatte. Somit ist dies ein Effekt des Alters für sich allein, losgelöst vom Einkommen.

Nachdem die Auswirkungen des Alters herausgerechnet waren, zeigte das Einkommen einen geringfügig signifikanten Effekt (p=0,09) auf die Internet-Leistung der 61 Nutzer in unserer Studie.

Nach dem Herausrechnen des Alterseffekts äusserte sich der Einkommenseffekt so, dass die Nutzer 2,2% weniger Zeit pro 10.000 $ zusätzlichem Gehalt brauchen, um eine Website zu nutzen.

Hier müssen wir den Kausalitätszusammenhang berücksichtigen: Nicht weil sie mehr Geld verdienen, sind diese Leute besser darin, Websites zu nutzen. In Wirklichkeit ist es genau anders herum: Weil die Leute Websites besser nutzen können, werden sie auch besser bezahlt. Oder, etwas realistischer, Menschen mit ausgezeichneten kognitiven Ressourcen sind schneller in der Nutzung von Websites, und mehr Klugheit bringt mehr Kohle.

(Ausserhalb des Labors mag es durchaus eine Tendenz zu besserer Internet-Leistung geben, weil manche Leute reich sind: Wer sich einen grösseren Monitor leisten kann, kann definitiv die eigene Website-Nutzung verbessern, weil er mehr Informationen ohne Scrollen sehen kann. In unserer Studie jedoch nutzten alle Testteilnehmer die gleiche Art Computer, den gleichen Bildschirm und die gleiche Internetverbindung, also hatten reiche Nutzer keine Ausstattungsvorteile. Demnach ist dies nicht der Grund für unser Ergebnis.)

Folgerungen aus der Leistungsabnahme um 0,8% pro Jahr

Was sind die praktischen Folgerungen aus diesen neuen Forschungsergebnissen für das Gestalten von Websites? Nicht viel. Obwohl man unterschiedliche Richtlinien für Senioren und wirklich junge Nutzer braucht, braucht man keine verschiedenen Usability-Richtlinien für 50- bzw. 30-jährige Kunden.

(Freilich interessieren sich 50- und 30jährige Nutzer oft für unterschiedliche Inhalte - sie haben z.B. vielleicht einen anderen Musikgeschmack - aber sie brauchen keine anders gearteten Interaktionsfunktionen, um auf ihren bevorzugten Inhalt zuzugreifen.)

Angesichts der derzeitigen Beschaffenheit des Webs sind ein paar Prozentpunkte Unterschied einfach nicht genug, um besondere Usability-Aufmerksamkeit zu rechtfertigen. Sie sollten sich auf solche Usability-Belange konzentrieren, die den wirtschaftlichen Wert Ihrer Website (oder Ihres Intranets) fast verdoppeln können.

Für gewöhnlich ist es genug, einen Test mit 5 Nutzern durchzuführen, weil eine Handvoll von Testsitzungen ausreicht, diese gewaltigen Design-Missgriffe zu identifizieren. Die Tatsache, dass wir 61 Testnutzer brauchten, um die Altersunterschiede innerhalb der Mainstream-Spanne zu entdecken, ist ein gutes Anzeichen dafür, dass wir von einem subtilen Effekt sprechen, der nur sekundär - oder tertiär - bei praktischen Designprojekten in Betracht gezogen werden sollte.

Ich habe jedoch zwei konkrete Schlussfolgerungen für Sie:

  • Wenn Sie Nutzertests durchführen, stellen Sie sicher, dass Sie das ganze Spektrum der Altersgruppe, die Sie als Zielgruppe haben, einbeziehen.
  • Glauben Sie nicht alles, was Ihre 25-jährigen Webdesigner Ihnen darüber erzählen, was alles "leicht" sei - vor allem wenn Ihre Zielgruppe 50-jährige Firmenmanager sind.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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