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22.04.2012

Die besten App-Designs

Die Nutzeroberflächen der Sieger-Apps liefern bereichsspezifische Lösungen, die es den Menschen erlauben, sich auf tiefgehendere Probleme zu konzentrieren, während sich die Software um die Mechanik kümmert.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 23.04.2012

 

Die Gewinner des Wettbewerbs der besten Nutzeroberflächen von Anwendungen (Apps) in diesem Jahr sind:

Komplexe Anwendungen

  • Die internetbasierte Vermögensmanagement-Anwendung BondWorks (BondDesk Group LLC) stellt Finanzberatern ein schlankes System zur Verfügung, mit dem sie bestimmte Geldanlagen verwalten können.
  • Das tragbare GEN2i (Hottinger Baldwin Messtechnik GmbH, Deutschland) kann die Messdaten der Nutzer direkt vor Ort speichern.
  • Mit Hilfe von OEConnection (OEConnection LLC) können Mitarbeiter von Autohändlern und Werkstätten mehr als 6 Millionen Transaktionen von Originalteilen im Monat abwickeln.

Einfache Anwendungen

  • CycleStreets Mobile (CycleStreets Ltd. und Anna Powell-Smith, GB) hilft Radfahrern, unter Verwendung von Karten, die von Nutzern erstellt wurden, sichere und schnelle Routen für Radtouren zu planen.
  • VitreaTeach (Vital Images, Inc.) ist ein Lernwerkzeug, das Radiologen im Krankenhaus und in der Praxis verwenden können, um medizinische Bilder zu speichern, zu verwalten und zu teilen.
  • Wakelicious (Utopian Army, Niederlande) ist ein Wecker, der zum Wecken YouTube-Videos spielt, die von Freunden geschickt wurden.

Workflow-Anwendungen

  • Das Climate Action Planning Tool (National Renewable Energy Laboratory) hilft Unternehmen und Organisationen dabei, ihren CO2-Ausstoss zu reduzieren.
  • eReview (International Monetary Fund, IMF) integriert komplexe Geschäftsfunktionen in das Intranet einer Organisation.
  • Das Selbstbedienungs-Softwaretool EventBrite (Eventbrite Inc.) hilft Veranstaltern, Tickets für ihre Veranstaltung zu organisieren, zu verkaufen und zu verwalten. Der Arbeitsablauf "Veranstaltung einrichten" (Create Event), der auch den Preis gewann, hilft den Nutzern, eine neue Veranstaltung im Onlinesystem von EventBrite einzustellen.
  • Hobsons CRM (Hobsons, Inc.) ist ein Produktvorschlagsportal, bei dem die Kunden Kommentare und Vorschläge hinterlassen können.

Multi-Plattform-Anwendungen

  • Dixio (Semantix Group SL, Spanien) bietet den Nutzern Nachschlagemöglichkeiten von verschiedenen Plattformen aus.
  • Highlight (Cohdoo, LLC) bietet Nutzern mit iOS-Geräten die Möglichkeit, Audioaufnahmen zu machen, interessante Punkte zu markieren und die Aufnahmen mit anderen zu teilen.
  • Mit dem Mobile Unified Communication-Programm (Verizon Wireless) können Geschäftskunden ihre mobilen und geschäftlichen Telefonanschlüsse verknüpfen.

Anders als bei unseren sonstigen Designpreisen haben wir uns hier entschieden, den Preis für Anwendungen in Kategorien zu unterteilen. Es macht keinen Sinn, kleine Verbraucheranwendungen, die nur einem einzigen Zweck dienen, mit grossen Unternehmensanwendungen zu vergleichen, die grosse Mengen an Daten verarbeiten - wie zum Beispiel die 4 Millionen verschiedenen Aktienbonds, die Händler mit BondWorks verwalten können. Workflow-Anwendungen, die viele verschiedene Schritte integrieren oder unterschiedliche Nutzerprofile koordinieren, haben wieder andere Anforderungen, wie auch die Multi-Plattform-Anwendungen, die über unterschiedliche Geräte hinweg funktionieren.

Es ist schwieriger, ein grosses Problem zu lösen als ein kleines. Wenn Ihre App aber nur eine Sache kann, sollte sie diese wirklich sehr, sehr gut machen. Deshalb sind die Kriterien fürs Polieren bei kleinen Apps strenger als bei den Unternehmensanwendungen. Bei Tausenden von Bildschirmanzeigen können nicht alle perfekt sein, aber der Arbeitsfluss und die Möglichkeit, in jeder Situation die richtige Funktion auszuwählen, müssen grossartig sein. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen, sondern jede Anwendungsart im Peer-Vergleich zu bewerten und die besten Designs für jede Kategorie zu ermitteln.

Dass wir auf die Idee gekommen sind, eine Radiologieanwendung als "einfach" einzustufen, mag verwundern; aber im Fall von VitreaTeach ist es durchaus angemessen, da sich die Anwendung auf eine Sache konzentriert: Assistenzärzten und erfahrenen Radiologen zu ermöglichen, Bilder zu Lernzwecken zu verwalten. Wir könnten es sogar das Pinterest der Medizin nennen. Aber natürlich kommt Pinterest nicht für Radiologen infrage - zum Teil aus Gründen des Datenschutzes bei medizinischen Informationen, zum Teil wegen der Vorteile, die bereichsspezifische Funktionen bieten.

Zum Beispiel bietet VitreaTeach besonderen Zugriff auf Fälle aus dem Krankenhaus des Nutzers und kennt sich mit Anatomie und Pathologie aus. Interessanterweise ist eines der Dinge, die das Design klarer machen als andere medizinische Systeme, das einfache Taggen, über das der Grossteil der taxonomischen Unterstützung der Bilder abläuft. Die Designer haben das Taggen vereinfacht, nachdem die Nutzerforschung ergeben hatte, dass eine vollständige und formelle taxonomische Hierarchie für Anatomie und Pathologie das Ganze zu sehr verkomplizieren würde.

Eine Erweiterung menschlicher Fähigkeiten

Das eigentliche Ziel einer Software sollte nicht sein, Transaktionen in einem System umzusetzen, in dem die Nutzer nichts weiter sind als Datenoperatoren, die hier und da eine Taste drücken, damit etwas passiert. Software sollte vielmehr dazu dienen, die menschlichen Fähigkeiten zu erweitern und uns helfen, Schwächen zu überwinden und Stärken auszubauen.

Computer können den Nutzern dabei helfen, ihre Aufmerksamkeit auf wenige, aber wichtige Dinge zu lenken, anstatt sie mit allen möglichen Optionen zu überlasten. Das gehört zu ihren wichtigsten Aufgaben. Zum Beispiel hat BondWorks zuerst 85 Attribute handelbarer Bonds in der Anzeige der Suchergebnisse dargestellt. Die Analyse des Suchverhaltens zeigte jedoch, dass drei von vier Nutzern nur nach zehn dieser Attribute suchen. Deshalb wurde die Anzeige entsprechend verändert konzentiert sich jetzt auf diese zehn Attribute.

OEConnection nimmt den nächsten Schritt bereits proaktiv voraus, wenn ein Ersatzteil beim Hersteller nicht lieferbar ist: Die Software sucht automatisch bei anderen Händlern nach dem gewünschten Teil. Zuvor hätten die Nutzer jede Art der Suche separat in einem anderen Bereich der Anwendung vornehmen müssen. Aber dieser Ansatz ist genau der, der die Nutzer zu roboterartigen Tastendrückern degradiert; besser ist es, den Computer in ein Werkzeug zur Problemlösung zu verwandeln, das den Arbeitsbereich der Nutzer versteht und ihnen erlaubt, die Leistung ihres Gehirns auf anspruchsvollere Angelegenheiten zu konzentrieren.

Ein weiteres Beispiel: Die Anwendung Highlight hat grundsätzlich die Funktion, Audioaufnahmen durchsuchbar zu machen, indem die Nutzer Markierungen setzen können, wenn etwas Interessantes passiert. Leider wissen die Nutzer in der täglichen Praxis - zum Beispiel während eines Interviews oder beim Fremdsprachenunterricht - immer erst dann, dass ein Moment interessant war, wenn er schon vorbei ist. Um dieses bekannte Szenario zu kompensieren, verfügt die Anwendung über eine Rettungsfunktion, die die Markierung automatisch ein paar Sekunden vor den Punkt setzt, an dem der Markierungsknopf gedrückt wurde. Eine Zeitreise im Kleinformat.

Noch pointierter verwendet Highlight die Flexibilität des Computers, menschliche Fähigkeiten zu erweitern, indem die App die mühsame Aufgabe übernimmt, die Aufnahme zurückzuspulen, wenn den Nutzern auffällt, dass etwas Interessantes hätte markiert werden sollen. Das reduziert die kognitive Last der Nutzer und erlaubt ihnen, sich auf das zu konzentrieren, was sie hören, anstatt sich dem Gerät widmen zu müssen.

Eine weiteres Beispiel, wie Highlight die menschlichen Fähigkeiten erweitert, ist die Möglichkeit, jeder Aufnahme ein Bild zuzuordnen. Das ist besonders einfach beim Durchführen von Interviews, bei denen die Nutzer mit dem gleichen Handy ein Foto vom Interviewpartner machen können, mit dem sie auch das Interview aufzeichnen. Diese Fotos sind hinterher besonders praktisch, wenn man Interviews in einer langen Liste wiederfinden will, da es für unsere armen Gehirne einfacher ist, ein Interview mit dem Foto des Interviewpartners zu assoziieren, als mit einer textlichen Beschreibung.

Wir haben auch die Tendenz beobachtet, den knappen Platz auf dem Bildschirm den Informationen zuzuweisen, die im momentanen Kontext gerade am wichtigsten sind, und weniger Nutzeroberflächen-Chrom zu zeigen. Mehr Inhalte, weniger Drumherum.

Einige der erstplatzierten Anwendungen verfügen über kleine Steuerungselemente, mit denen man direkten Zugriff auf wichtige Abläufen bekommt, für die man sonst einen Umweg hätte machen müssen. Das entspricht zwar nicht ganz dem nicht-modalen Design, da komplexe Anwendungen oft mehrere, deutlich getrennte Stufen oder Bereiche des Arbeitsablaufs und der Daten aufweisen. Aber wenn man wichtige Funktionen aus der Struktur der Nutzeroberfläche heraushebt, gibt auch das den Nutzern mehr Macht, ihren Einsichten zu folgen und zu handeln, statt von den strengen Regeln aufgehalten zu werden, nach denen die Anwendung strukturiert ist.

Linearer Workflow und Assistenten

Wir wollen die Nutzer kreativ sein lassen und ihnen die Möglichkeit geben, fortgeschrittene Dinge mit Hilfe unserer Software zu schaffen. Aber wir sollten auch erkennen, dass die Nutzer manchmal nur ihre Aufgabe erledigen wollen, ohne sich dabei mit zahlreichen Optionen und neuen Ideen abzugeben.

Um die Nutzer schneller durch selten vorkommende oder komplizierte Aufgaben zu leiten, ist es oft gut, einen linearen Workflow mit minimalen Unterbrüchen oder Alternativen anzubieten. Dabei kann der Mangel an Flexibilität zwar einschränkend wirken, oft geht es schneller, alle Schritte zügig durchzuziehen, als ständig darüber nachdenken zu müssen, welcher Schritt sinnvoll und notwendig ist. Der Preis von zu viel Freiheit ist auch, dass die Nutzer über die Reihenfolge der Schritte entscheiden müssen - etwas, das sie oft nur zu gern dem Computer überlassen.

Assistenten (Wizards) sind der klassische Ansatz für lineare Arbeitsabläufen, und viele der vorn platzierten Anwendungen enthalten gut gestaltete Assistenten. Das Climate Action Planning Tool greift zu dem noch einfacheren Ansatz, nummerierte Schritte anzubieten, die die Nutzer leiten. In einem früheren Design gab es einen Schritt "Bevor Sie anfangen" (Before You Start), aber Nutzerstudien haben gezeigt, dass die meisten Menschen diesen Schritt ignorieren. Im finalen Design tauchen die Bevor-Aktivitäten als Schritt 1 auf: Sammeln Sie grundlegende Energieverbrauchsdaten. Die Nutzer wollen ihre Sache durchziehen, deshalb muss man ein bisschen stur sein, wenn vor der eigentlichen Aktivitäten noch Einstellungen vorgenommen werden müssen.

Assistenten funktionieren nicht immer. Bei Nutzertests entdeckten die Entwickler von EventBrite Probleme mit einem Assistenten, der neue Veranstaltungen im System einstellen sollte. Da die mentalen Modelle der Nutzer zum Erstellen einer neuen Veranstaltung nicht alle notwendigen Schritte enthielten, brachen sie häufig ab, ohne den Assistenten zu komplettieren. Das Team entschied daraufhin, den Prozess in zwei Stufen aufzuteilen, bei denen die Nutzer erst alle Informationen eingeben und dann ihre Seiten individuell anpassen.

Wenn Sie einen linearen Arbeitsablauf erstellen, achten Sie darauf, bei den Nutzern nicht den Eindruck zu erwecken, sie könnten Schritte auslassen - es sei denn, das ist tatsächlich möglich. Zum Beispiel folgte nach den ersten sechs Schritten im Arbeitsablauf von EventBrite:

  • Schritt 7: Farbschema der Anmeldeseite ändern.
  • Schritt 8: Datenschutzeinstellungen.

Es mag logisch erscheinen, zuerst alles, worauf sich die Datenschutzeinstellungen beziehen, fertig zu stellen, aber den Nutzern kam es so vor, als seien bis Schritt 7 alle "wirklichen" Einstellungen vorgenommen und die verbleibenden Schritte nur überflüssige Dekoration. War den Nutzern das Design egal oder waren sie mit der Standardansicht zufrieden, hörten sie bei Schritt 7 auf und kamen nie bei den Datenschutzeinstellungen an.

Leben im Ökosystem

Ein wichtiger Trend, der bei den erstplatzierten Anwendungen vorherrscht, ist der modularisierte Ansatz zu einem ganzheitlichen Nutzererlebnis, bei dem wichtige Funktionen in andere Anwendungen ausgelagert wurden. Die Designer haben akzeptiert, dass ihr Produkt in einem Ökosystem mit anderen Anwendungen (und Websites) existiert und dass die Nutzer es oft vorziehen, manche Dinge mit anderen Anwendungen in diesem Ökosystem zu erledigen.

Sich darauf zu verlassen, dass andere Anwendungen der eigenen App Arbeit abnehmen, ist natürlich nichts Neues. Anwendungen hat man schon in frühester Unix-Zeit miteinander kombiniert. Aber in den letzten Jahren sehen wir das wieder öfter, während in den vergangenen Jahren eher ein monolithischer Ansatz üblich war.

Wenn Sie nicht gerade IBM oder Google sind, werden Sie keine Tabellenverarbeitung erstellen, die Excel Konkurrenz macht. Dazu kommt, die meisten geschäftlichen Nutzer besitzen Excel bereits und wissen, wie man es verwendet. Daher ist es besser, Excel möglichst glatt per Datenimport und -export in Ihre Anwendung zu integrieren, anstatt zu versuchen, etwas Ähnliches selbst zu erstellen. Viele der datenreichen Anwendungen unserer Sieger haben sich für diesen Weg entschieden.

Ein anderes Beispiel ist Wakelicious; hier hat man nicht ein komplettes System zum Hochladen und Speichern von Videos implementiert, die via Internet abgespielt werden sollen. Stattdessen bietet die Anwendung eine einfache Integration von YouTube an, die dem Team nicht nur enorme Entwicklungsarbeit erspart hat, sondern den Nutzern auch eine bereits gefüllte Bibliothek anbietet, aus denen sie Weckvideos auswählen und an ihre Freunde schicken können.

Eins bleibt zu beachten, wenn man andere Software einbezieht: Es ist oft besser, die Nutzeroberflächen zu modifizieren oder passend zu vereinfachen, da die Software Dritter wegen ihres breiteren Anwendungsbereichs oft unnötige und komplexe Sektoren einschliesst, die man am besten versteckt. eReview zum Beispiel basiert auf SharePoint, hat aber einen deutlich schlankeren Prozess als den ursprünglichen.

Es ist wichtig, existierende Anwendungen und Internetressourcen zum Vorteil zu nutzen, aber noch wichtiger ist es, dass die Anwendungen einen Mehrwert im Kern des Anwendungsbereichs anzubieten haben. Am klarsten zeigt dies das Climate Action Planning Tool, welches eigentlich als normale Excel-Tabelle begann, in der die notwendigen Berechnungen durchgeführt werden konnten. Aber erst, als man daraus eine echte Anwendung entwickelt hatte, die Gebäudemanager durch den Workflow leitet - und das komplexe System der CO2-Reduzierung erläutert und illustriert -, wurde die Arbeit damit viel erfolgreicher.

Super-Quickinfo (Tooltipp): Die Interaktionsdesign-Methode des Jahres

Im Application Design Showcase Nr. 1 haben wir die Lightbox zum Interaktionsdesign des Jahres ausgerufen. In diesem Jahr haben wir Verbesserungen bei einer ganzen Reihe von Interaktionsmethoden beobachtet, aber kein neues Widget, das weit verbreitet genutzt wurde.

Viele Anwendungen haben aber ein altes Prinzip neu belebt: die Quickinfo (den Tooltipp). Die "Super"-Quickinfos gehen weit über das altbekannte Muster hinaus und haben sich deshalb den Platz als am stärksten verbesserte Interaktionsdesign-Methode des Jahres verdient. Als sie in den 1990er Jahren aufkamen, waren die Quickinfos (oder Infoblasen) kleine erklärende Texte, die als Kontexthilfe erschienen, sobald der Nutzer das entsprechende Element auf der Nutzeroberfläche anklickte.

Die neuen Quickinfos oder Tooltipps sind nicht mehr bloss Tipps, aber wir bleiben bei diesem Namen, da er eine lange Geschichte im Bereich der Entwicklung der graphischen Nutzeroberfläche hat. Eine Super-Quickinfo ist in Wirklichkeit ein erklärendes Pop-up-Fenster, das aufklappt, sobald der Nutzer auf einen bestimmten Bereich der Nutzeroberfläche zeigt. Dieser Bereich kann ein Befehl oder ein Button sein - wie bei den althergebrachten Quickinfos -, es kann aber auch ein vom Nutzer erstelltes Objekt sein wie eine Botschaft oder eine Produktbestellung. Die folgende Bildschirmanzeige stellt das visuelle Design einer solchen Super-Quickinfo dar:

Super-Quickinfo bei EventBrite

Beispiel einer Super-Quickinfo bei EventBrite

Zusätzlich zum statischen Hilfetext enthalten die Super-Quickinfos auch dynamische Statusinformationen zum Objekt, auf das die Nutzer gezeigt haben. Dies erlaubt es den Nutzern, die Informationen im Kontext eines grösseren Überblickbildschirms zu sehen, anstatt sich zu einer separaten Anzeige durchzuklicken, auf der detaillierte Objekteigenschaften und Bearbeitungsoptionen dargestellt sind. Super-Quickinfos sind daher für komplexe Anwendungen gut geeignet, bei denen die Nutzer mehrere Datenobjekte gleichzeitig in Betracht ziehen müssen.

Die Super-Quickinfo sollte keine Bearbeitungsoptionen beinhalten, sondern nur für informative Inhalte verwendet werden, da sie nur erscheint, so lange der Mauszeiger über dem Objekt steht und wieder verschwindet, sobald die Maus bewegt wird. Den Nutzern sollte ausserdem die Möglichkeit erhalten bleiben, sich bei Bedarf zu einer separaten Anzeige durchzuklicken und die Objekte und ihre Eigenschaften im Detail betrachten zu können.

Dixio könnte man insgesamt als eine noch weiter aufgemotzte Super -Quickinfo betrachten. Das wäre allerdings nicht ganz richtig, da die Erklärungen bei Dixio auftauchen, wenn die Nutzer ein Wort doppelt (oder lang) antippen. Daher ist es kein echter Mouseover- oder Hover-Effekt und muss deshalb hier ausgespart werden.

Usability-Methoden

Die meisten Sieger haben eine grosse Bandbreite an Usability-Methoden angewendet, was sicher einer der Gründe ist, weshalb sie über solch gute Nutzeroberflächen verfügen. Iteratives Design und Nutzertests sind weitverbreitet und werden oft verwendet, um Komplexitäten abzuschleifen und frühe Ideen auszusortieren, die zwar anfangs gut klangen, sich aber später als zu schwierig erwiesen. Ein weiterer Trend ist die Reduktion der Dokumentation und Hilfetexte während der Iteration, da die Nutzertests wieder einmal deutlich machten, dass die Nutzer einfach nicht viel lesen.

Einfache Nutzertests mit einer Handvoll Nutzer können den Erfolg eines Produkt deutlich verbessern und wurden von 85% der erstplatzierten Projekte verwendet. Zum Beispiel verwendete ein frühes Design der Mobile Unified Communication den Befehl Add Call (Anruf hinzufügen), um einen neuen Anruf zu tätigen, während der aktuelle Gesprächspartner gehalten wird. Das scheint logisch, doch es verwirrte die Nutzer, die dachten, dass durch diesen Befehl eine Telefonkonferenz gestartet werden könnte. Die Sache funktionierte, nachdem man sie in New Line (Neue Verbindung) umbenannt hatte.

Ein Drittel der Gewinner führte Feldstudien durch (auch bekannt als Ethnographie), bei denen die Nutzer in ihrer eigenen Umgebung beobachtet wurden. Bei BondWorks waren es Broker, die handelten, bei OEConnection Mitarbeiter in Einkaufsabteilungen für Ersatzteile und bei VitreaTeach Radiologen in Krankenhäusern. Bereichsspezifische Anwendungen verlangen nach bereichsspezifischer Nutzerforschung.

Es scheint zwar einzuleuchten, dass bereichsspezifische Anwendungen Feldstudien benötigen, aber die meisten Designprojekte der vergangenen Jahre kamen ohne sie aus. Bei einer Analyse der Intranet-Designpreise der ersten zehn Jahre haben wir ermittelt, dass nur etwa 10% der Gewinner der Jahre 2001-2003 Feldstudien betrieben und 23% der Gewinner der Jahre 2003-2007. Das bedeutet zwar eine Verdopplung innerhalb von zehn Jahren, aber es ist trotzdem traurig, dass nur etwa ein Viertel der Teams am Ende der Dekade Feldstudien durchführte. Wenn aus dem Viertel jetzt innerhalb weniger Jahre ein Drittel geworden ist, zeigt das den andauernden Fortschritt dieser wichtigen Methode.

Zusätzlich zu den Feldstudien beobachteten wir auch ein deutliches Wachstum bei einer Usability-Methode, die in den vergangenen Jahren oft übersehen wurde: die Anrufe beim Kundenservice mitverfolgen. Zu wissen, warum die Kunden mit Problemen anrufen, ist ein wichtiger Weg herauszufinden, wo es schmerzt - wenn Sie dabei berücksichtigen, dass die Beschreibung des Problems durch den Kunden von der zugrunde liegenden Ursache, an der die Neugestaltung ansetzen könnte, weit entfernt sein kann.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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