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18.08.2002

Lassen Sie die Nutzer die Schriftgrösse bestimmen

Kleiner Text tyrannisiert die Anwender, weil er die Nutzungseffizienz erheblich vermindert. IE4 hatte ein grossartiges Design, das es den Nutzern ermöglichte, die Schriftgrösse problemlos zu ändern. Lassen Sie uns dieses Design in der nächsten Browsergeneration wieder zurückerhalten.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 19.08.2002

 

Manchmal erweist sich der technologische Fortschritt als Rückschritt, und die angeblich "bessere" Technologie bringt Verschlechterungen für die Nutzer. Das Web ist hier keine Ausnahme. Es gab viele Innovationen, die man besser hätte unterlassen sollen, wie zum Beispiel Frames, farbige Browser-Scrollbars und scrollbarer Text.

Ein weiteres Beispiel für schlechte Webtechnologie ist die zunehmende Verwendung von Stylesheets, mit denen Webdesigner pixelgenau die Grösse der Texte festlegen können. Bedauerlicherweise wird diese Möglichkeit von vielen Designern auch genutzt. Die Folge ist eine verminderte Lesbarkeit von immer mehr Webseiten.

Der Stand der Schriftkontrolle

Hiermit initiiere ich eine Kampagne, die Microsoft dazu bringen soll, dafür zu sorgen, dass alle fixen Schriftgrössen in Webdesigns von den Nutzereinstellungen ausser Kraft gesetzt werden.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass der Browser die Seite anfangs in der vom Designer festgelegten Schriftgrösse anzeigt. Nutzer sollten jedoch in der Lage sein, Text problemlos zu vergrössern, egal was im Stylesheet steht. Schliesslich ist es mein Bildschirm, mein Computer und meine Software, und die sollen gefälligst tun, was ich will.

Es stimmt, dass manche Webbrowser tolle Features haben, die dem Anwender das Definieren eigener Stylesheets ermöglichen. Das ist okay für Experten, aber 99% der Nutzer möchten den Text einfach vergrössern können, wenn er zum Lesen zu klein ist. Der nur für Mac erhältliche iCab Browser ermöglicht den Nutzern diese einfache Kontrolle - sorgen wir dafür, dass der Internet Explorer ebenso nutzerfreundlich wird.

Wie kommt es überhaupt, dass die Texte so vieler Webseiten so schwer zu lesen sind? Dazu zwei Theorien:

  • Die meisten Webdesigner sind jung und sehen sehr gut. Im Gegensatz zu Menschen jenseits der 40, stören sie winzig geschriebene Texte deshalb nicht so sehr. Ausserdem haben Designer meist teure, hochwertige Bildschirme, die die Augen weniger anstrengen.
  • Wenn ein Designer eine Webseite erstellt, liest er die Informationen auf den Seiten gar nicht. Er wirft nur einen Blick auf den Text, um sicherzustellen, dass er gut aussieht. Tatsächlich findet man in vielen Designs anstelle des eigentlichen Texts den Platzhaltertext "lorem ipsum etc.". Wenn man den Text nicht zu lesen braucht, spielt es keine Rolle, wie klein die Buchstaben sind.

Da auf so vielen Webseiten ungünstige Schriftgrössen verwendet werden, muss der Nutzer sie für gewöhnlich ändern. Frühe IE-Versionen wurden diesem Bedürfnis durch zwei Standard-Schaltflächen auf der Symbolleiste gerecht: eine, die den Text vergrösserte, und eine, die ihn verkleinerte. So sollte es sein.

Lieber Mr. Gates, bitte geben Sie uns das gute Design zurück, das Sie im IE4 für den Mac auslieferten.

Vereinfachung der Schriftkontrolle mit dem Browser

Bedauerlicherweise wurde das gute Design vom IE4 in den neueren IE-Versionen abgeschafft und durch etwas ersetzt, das zwei schwerwiegende Usability-Probleme mit sich bringt:

  • Die Schaltfläche für die Textgrösse ist standardmässig nicht mehr sichtbar.
  • Nur die verschwindend kleine Nutzergruppe, die ihre Symbolleisten individuell anpasst, bekommt diese überaus nützliche Schaltfläche zu sehen. Bei den meisten Nutzern erscheint stattdessen die standardmässige Symbolleiste, die mit viel weniger nützlichen Schaltflächen vollgepflastert ist. Da das Feature versteckt ist, wissen nur wenige Nutzer, dass ihr Browser die Textgrösse verändern kann.
  • Für das Vergrössern und Verkleinern des Texts gibt es keine separaten Schaltflächen mehr. Wenn der Nutzer diese Option überhaupt findet, steht ihm nur noch eine Schaltfläche zur Verfügung, mit der er den Text sowohl kleiner als auch grösser machen kann.

Aber auch für die wenigen erfahrenen Nutzer, die fündig werden und es schaffen, die fehlende Schaltfläche in ihre personalisierte Symbolleiste einzufügen, erfordert die Änderung der Textgrösse im IE6 mehrere Schritte:

  1. Die Schaltfläche aktivieren, indem man mit dem Mauszeiger darüber fährt. Da Schaltflächen im IE einigermassen gross sind, ist dieser Schritt gemäss dem Fitts´schen Gesetz schnell durchzuführen.
  2. Die Maustaste drücken.
  3. Nun erscheint ein Pulldown-Menü mit fünf möglichen Schriftgrössen. Dieses Menü durchscannen und sich die derzeit gewählte Schriftgrösse merken.
  4. Sich überlegen, welche neue Schriftgrösse man will. Das ist normalerweise um eine Grösse grösser (oder kleiner) als die aktuelle Schrift.
  5. Bei gedrückter Maustaste den Zeiger so weit im Menü hinunter bewegen, bis er auf die gewünschte neue Schriftgrösse zeigt.
  6. Die Maustaste loslassen.

Nun vergleiche man dieses umständliche, aus sechs Schritten bestehende Verfahren mit der Interaktionstechnik eines Designs, das separate Schaltflächen für "Text vergrössern" und "Text verkleinern" vorsieht.

  1. Auf die gewünschte Schaltfläche klicken.

Natürlich schwindle ich ein wenig: auch hier müsste im ersten Schritt entschieden werden, ob der Text vergrössert oder verkleinert, also welche Schaltfläche angeklickt werden soll. Trotzdem: Da die Änderung der Schriftgrösse durch den Ärger ausgelöst wird, Text in einer unangenehmen Grösse lesen zu müssen, weiss man zu dem Zeitpunkt, an dem man sich für eine Änderung der Grösse entscheidet, bereits, ob man den Text grösser oder kleiner haben will. (Der Durchschnittsnutzer stellt sich nicht einen einzelnen "Grösse ändern"-Befehl vor, der die gewünschte Veränderung ausführt. Sein Modell kennt zwei Optionen: "grösser" oder "kleiner". Das, was der Nutzer zu sehen bekommt, sollte seinem mentalen Modell entsprechen - wie der Code implementiert wird, ist für den Anwender irrelevant.)

Der Zwei-Schaltflächen-Ansatz erlöst den Nutzer vom kognitiven Zusatzaufwand der Berechnung der Schriftgrösse. Einfach grösser machen. Der Nutzer will nicht angeben, wie gross genau. Er kann einfach solange auf die Schaltfläche "Grösser" klicken, bis der Text gross genug ist.

Die Usability wird durch den Einsatz von "single-action" Schaltflächen erhöht, solange das Ergebnis nach jedem Klick unmittelbar erkennbar wird. Deswegen ist die Zurück-Schaltfläche den Nutzern auch so lieb und teuer und wird viel häufiger verwendet als die Navigation mittels Verlaufsliste.

Zukünftige Browser verbessern

Die Rückkehr zum IE4-Design für den Mac wäre bezüglich Usability der Schriftgrösse ein grosser Schritt vorwärts. Trotzdem - wir können es nach besser machen.

Anstatt dass der Nutzer die Schriftgrösse jedes Mal selbst ändern muss, wenn er auf ein nutzerfeindliches Design stösst, sollte man das Internet nutzen und die Einstellungen der Schriftgrösse mitverfolgen: Jedes Mal, wenn der Browser eine Seite von einer neuen Webseite lädt, würde er zuerst in einer Datenbank nach Informationen über vorhandene Schriftgrösseneinstellungen suchen:

  • Wenn es sich um eine Webseite handelt, die man bereits besucht hat, würde eine Datenbank auf der lokalen Maschine Angaben darüber führen, ob man den Text bei den vorhergehenden Besuchen vergrössert oder verkleinert hat. Wenn ja, würde der Text automatisch entsprechend angepasst.
  • Wenn es der erste Besuch auf der Webseite wäre, würde der Browser eine zentrale Datenbank nach den Massnahmen von Nutzern, die einem ähnlich sind und die die Webseite bereits besucht haben, abfragen. Dann würden die durchschnittlichen Einstellungen dieser Nutzer auf die erste Seite der Webseite, die man sich anschaut, angewendet. Wenn man zusätzliche Änderungen vornimmt, würde die lokale Datenbank eine revidierte Einstellung notieren und die Modifikation in der zentralen Datenbank abspeichern.

Um die Reaktionszeit zu beschleunigen, könnte sich der Browser die Einstellungen für alle Webseiten, die mit der aktuellen Seite verlinkt sind, holen, noch bevor man einen Link angeklickt hat.

Die zentrale Datenbank selbst wäre ein klarer Fall kollektiven Filterns, da es einfach wäre, andere Nutzer mit denselben Textgrösseneinstellungen zu finden. Eine bestimmte Webseite würde von den meisten Nutzern entweder unverändert belassen, oder der Text würde um eine oder zwei Grössen vergrössert oder verkleinert. Da die Wünsche der überwältigenden Mehrheit der Nutzer von insgesamt fünf Optionen abgedeckt würden, wäre die Schriftgrösseneinstellung weit leichter zu treffen als etwa der Geschmack der Leute bei Büchern oder Filmen.

Die automatische Anpassung der Schriftgrösse gemäss den Ergebnissen kollektiven Filterns ist ein einfaches Beispiel für die Vorteile, die netzwerkbewusstere Browser mit sich bringen würden. Es wäre auch möglich, viele kaputte Links automatisch zu reparieren, störende Anzeigen oder Pop-ups zu entfernen und auf der Grundlage des Feedbacks früherer Webseiten-Besucher für jeden Einzelnen diverse andere Verbesserungen vorzunehmen.

Wir müssen aufhören, Browser als triviale Gratissoftware zu betrachten, die nichts andres kann als Webseiten auf dem Bildschirm darzustellen. Wir brauchen nutzerfreundliche Umgebungen, die die Navigation erleichtern und die Nutzer vor den Auswüchsen schlechter Webseiten schützen.

Lesbarkeitsrichtlinien für Webseiten

Wir können nicht darauf warten, bis uns Microsoft einen guten Browser beschert, obwohl das die letztendliche Lösung des Schriftgrössenproblems sein muss. Im Moment kann die Lesbarkeit von Webseiten verbessert werden, indem die folgenden Richtlinien eingehalten werden:

  • Keine absoluten Schriftgrössen in den Stylesheets verwenden.
  • Man sollte die Schriftgrössen relativ festlegen - normalerweise 120% für grosse und 90% für kleine Textstellen.
  • Die Standardschrift sollte relativ gross sein (mindestens 10 Punkt), damit die Grösse nur von sehr wenigen Nutzern geändert werden muss.
  • Sind Senioren die Zielgruppe der Webseite, sollte man eine grössere Standardschriftgrösse verwenden (mindestens 12 Punkt).
  • Wenn möglich, in Grafiken eingebetteten Text vermeiden, da Stylesheets und Schaltflächen für Schriftgrössen keine Auswirkungen auf die Grafiken haben. Wenn man Textbilder verwenden muss, sollte man darauf achten, dass die Schriftgrösse besonders gross ist (mindestens 12 Punkt) und dass kontrastreiche Farben verwendet werden.
  • Eventuell eine zusätzliche Schaltfläche einsetzen, die ein alternatives Stylesheet mit sehr grosser Schrift lädt, wenn die Webseiten-Besucher Senioren oder Personen mit vermindertem Sehvermögen sind. Nur wenige Nutzer wissen, wo in den gängigen Browsern das eingebaute Schriftgrössenfeature zu finden ist und wie man es verwendet. Der Einbau einer solchen Schaltfläche in die Seiten ermöglicht es den Nutzern, den Text einfach zu vergrössern. Da sich aber jedes zusätzliche Feature negativ auf den Rest der Seite auswirkt, rate ich für normale Webseiten von einer solchen Schaltfläche ab.
  • Den Farbkontrast zwischen Text und Hintergrund maximieren (und keine unruhigen Hintergrundmuster oder Wasserzeichen verwenden). Obwohl Texte mit schwachem Kontrast die Lesbarkeit weiter verschlechtern, wird das Web heute von grauen Texten übersät.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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