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20.04.2008

25 Jahre Usability

Seit ich 1983 angefangen habe, ist das Usability-Fachgebiet um 5'000% gewachsen. Es ist ein wunderbarer Beruf - und immer noch eine viel versprechende Berufswahl für neue Leute.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 21.04.2008

 

1983 wurde ich hauptberuflicher Usability-Experte, und vor wenigen Monaten habe ich meinen 25. Jahrestag auf diesem Gebiet gefeiert. Das ist wohl ein guter Zeitpunkt, mal Bilanz zu ziehen...

Evolution: Wie die Dinge sich verändert haben

Heute ist der Hauptunterschied in diesem Fachgebiet, verglichen mit meinen Anfängen, die Grösse: es ist jetzt viel grösser. 1983 war Usability ein begrenzter Wissenszweig, dem nur Wenige nachgingen und der grösstenteils beschränkt war auf die akademische Welt, Telefongesellschaften (vor allem Bell Labs), und ein paar wenige Erleuchtete in den grössten Computerfirmen.

Wenn wir uns auf Tagungen trafen, kannten wir uns alle. Obwohl neue Leute sich dem Bereich angeschlossen haben (wie ich '83), blieb die Menge der neuen Mietglieder bei ungefähr einer Hand voll pro Jahr. Alles in allem gab es vielleicht 1'000 Usability-Leute in der ganzen Welt (vor allem in den USA und Grossbritannien).

Meinen Schätzungen nach dürfte es heute um die 50.000 hauptamtliche Usability-Experten in der Welt geben, welche noch mal von ungefähr einer halben Million Menschen ergänzt werden, die in Teilzeit Usability-Aufgaben oder Interessen nachgehen.

Usability findet sich jetzt in einer enormen Bandbreite von Firmen in jeder nur denkbaren Branche - weit über seine Ursprünge im Hightech-Sektor hinausgehend. Als Beispiel braucht man sich bloss einmal die 1.345 Firmen ansehen, die 2007 2'187 Leute zu meiner Usability-Konferenz geschickt haben. In den letzten zwei Jahren waren 67 Länder vertreten - von Estland bis Peru; Usability ist wahrlich ein internationales Fachgebiet geworden.

Ja, einige grosse Organisationen wie Amnesty International, der kalifornische Rat für Konzessionssteuer, Cathay Pacific Airways, HP, PayPal, Verizon, Virgin, Wells Fargo, und die Weltbank schickten letztes Jahr grosse Teams (oft 10 oder mehr Leute). Aber der Durchschnitt von gerade mal 1,6 Teilnehmern pro Firma zeigt, wie weit gestreut das Interesse an Usability ist. Die meisten Firmen haben immer noch nur ein oder zwei Spezialisten.

Highlights von 1983

Die Grundlagen von Usability haben sich in 25 Jahren nicht geändert. Die Methoden für Nutzertests waren auch 1983 bereits gängig - in dem Jahr in dem John Gould und Clayton Lewis in einer Veröffentlichung die 3 Hauptgrundsätze für erfolgreiches Design skizzierten:

  • Den Blickpunkt früh auf die Nutzer legen und Feldstudien durchführen noch bevor man mit der Arbeit am Design beginnt.
  • Während der gesamten Entwicklung empirische Usability-Studien durchführen.
  • Einen schrittweisen Designprozess nutzen.

Dies sind dieselben 3 Dinge, die wir heute als die wichtigsten Usability-Schritte lehren. Der grösste Unterschied ist, dass Gould und Lewis davon sprachen, quantitative Messungen während ihrer Tests zu sammeln, wohingegen ich für die meisten Projekte auf schnellere, qualitative Studien Wert lege seitdem ich 1989 angefangen habe "Discount Usability" zu predigen.

1983 beherrschten character-based Nutzeroberflächen den Markt und grafische Nutzeroberflächen waren noch neu. In der Februar 1983 Ausgabe der Zeitschrift BYTE erörterte Larry Tesler - jetzt Yahoo’s Leiter der Nutzererfahrungswerte - in einem Interview die Rolle, die Nutzertests für Apple’s Lisa (den Vorgänger des Macintosh) gespielt hatten. Etwas später im gleichen Jahr stellte ein Xerox Team eine Studie vor, die aufzeigte, was der beste Weg sei, eine Computermaus zu entwerfen: 1, 2 oder 3 Tasten? Der Gewinner war 2 Tasten, aber das hat dennoch nicht die Einführung des 1-tastigen Macs im darauf folgenden Jahr verhindert. Es hat noch einige weitere Jahre gedauert, bis wir eine weit verbreitete 2-Tasten-Maus bekommen haben.

Die Vorherrschaft von Zentralrechnersystemen während der ersten Jahre meiner Karriere kam mir viele Jahre später zu gutem Nutzen: die erste Generation der webbasierten Anwendungen war den guten alten IBM 3270 Bildschirmen ähnlich. Erst kürzlich, als wir Flash-basierte Anwendungen getestet haben, haben wir viele Ergebnisse aus den Studien, die ich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre zu Macintosh Software durchgeführt habe, wieder gefunden. (Unser Anwendungs-Usability Seminar gründet sich auf 25jährige Erfahrung - die Beispiele sind aktuell, weil das Publikum nicht gerne alte Beispiele hört, aber sie veranschaulichen oft Prinzipien der Nutzeroberfläche, die ich bereits sah, als ich PCs, Macs oder Zentralrechneranwendungen vor vielen Jahren getestet habe.)

Allgemein ist es gut für Usability Experten, Erfahrung mit vielen Generationen von Schnittstellentechnik zu haben - dies erlaubt:

  • die grundlegenden Belange im Interaktionsdesign zu generalisieren: wenn man etwas seit 25 Jahren jedes Jahr sieht, dann weiss man, dass da auch etwas dran ist.
  • zu vermeiden, von der Oberflächenerscheinung des letzten Dings beeinflusst zu werden.

Persönlicher Rückblick

Ich bin immer glücklich gewesen mit meiner Berufswahl. Ich hatte eine grossartige Zeit in jedem einzelnen dieser 25 Jahre, mit so vielen interessanten Studien und aufregenden Ergebnissen. Usability ermöglicht es uns, das Alltagsleben zufriedener zu gestalten, indem wir Menschen dazu befähigen, ihr Schicksal und ihre Technik zu kontrollieren anstatt von Computern bezwungen zu werden, wie viele Beobachter befürchteten, als ich mich in der Endphase meines Studiums befand.

Wie Usability der Menschheit hilft, so stärkt es gleichzeitig auch das Wirtschaftsleben, indem es Firmen dank gesteigertem Umsatz und höherer Produktivität profitabler macht. Sehr wenige Berufe erlauben es einem, gleichzeitig etwas Gutes für die Menschenrechte und für Wirtschaftlichkeit zu tun.

Usability als Karriere

Wenn mich heute ein junger Mensch fragen würde, ob Usability immer noch eine gute Berufswahl sei, würde ich nicht zögern Ja zu sagen. Usability ist heute sogar eine bessere Berufswahl als damals als ich angefangen habe.

1983 war Usability ein unterdrücktes Fachgebiet. Wir wenigen Pioniere mussten gegen die vorherrschende Gesinnung ankämpfen, dass sich beim Computerwesen alles nur um Kraft und Funktionen dreht - nicht um Nutzerfreundlichkeit und angenehme Nutzererfahrungen.

Heute wird Usability weitgehend anerkannt als ein Schlüssel zu Webseiten-Rentabilität. Es vergeht kein einziger Tag, an dem nicht ein hohes Tier von Firmenchef seine Unterstützung für bessere Nutzererfahrung deklariert. Nichtsdestotrotz bleibt noch viel zu tun und die meisten Firmen stehen immer noch ziemlich am Anfang, was das Aufgreifen des nutzerfokussierten Design-Kreislaufs betrifft.

Aber gerade weil die meisten Firmen erst damit anfangen, dazu voranzuschreiten, Usability im grossen Stil zu betreiben, habe ich vollstes Vertrauen darin, es als grossartige Berufswahl zu deklarieren: Wir wissen, dass Usability funktioniert - es fügt Designprojekten wesentlich mehr Wert hinzu, als dass es sie kostet, und Firmen tendieren dazu, immer mehr und mehr Usability hinzuzufügen während sie in ihren eigenen Projekten (anstatt lediglich in meinen Artikeln davon zu lesen) erleben können, wie sehr sich dies bezahlt macht.

Dennoch, es ist unwahrscheinlich, dass wir das 5'000% Wachstum der vergangenen 25 Jahre wieder erleben. In dem nächsten Vierteljahrhundert wird dieser Bereich wohl eher um die 1.000% wachsen. Aber das ist immer noch ziemlich gut. Wir haben einen sicheren Arbeitsplatz so lange es dummes Design auf dieser Welt gibt und das wird's wohl immer geben: jede neue Technologie, die sich ergibt, wird missbraucht werden.

Also, schliess dich uns an! Du wirst dich blendend amüsieren. Ich tu's auf jeden Fall, und werde es geniessen weiterhin mit diesem stetig wachsenden Bereich Schritt zu halten.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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