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26.04.2009

Die besten Headlines der Welt: BBC News

Präzise Kommunikation mit einer Handvoll Wörtern? Die Redakteure von BBC News schaffen das jeden Tag und sorgen dabei für eine bemerkenswerte Schlagzeilen-Usability.

 

by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 27.04.2009

 

Es ist schwer genug, für das Web zu schreiben und die Richtlinien für knappen, überfliegbaren und objektiven Text zu erfüllen. Noch schwerer ist es, Internet-Schlagzeilen oder -Headlines zu schreiben, denn die müssen

  • kurz sein (weil die Leute online nicht viel lesen);
  • eine starke Informationsfährte aufweisen, die klar und deutlich den Ziel-Artikel zusammenfasst;
  • vorne mit den wichtigsten Schlüsselworten beladen sein (weil die Nutzer in Listen oft nur den Anfang der Themen überfliegen);
  • ausserhalb des Kontextes verständlich sein (weil Headlines oft ohne den zugehörigen Artikel auftauchen, etwa in Suchmaschinen-Ergebnisseiten); und
  • Vorhersagequalitäten besitzen, damit die Nutzer schon vor dem Anklicken wissen, ob der komplette Artikel das Richtige für sie ist (weil die Leute nicht zu Websites zurückkehren, die ihnen mehr versprechen, als sie halten können).

Seit Jahren schon beeindrucken mich die Schlagzeilen von BBC News stark, sowohl auf der Startseite von BBC als auch auf der ausgewiesenen Nachrichten-Seite. Die meisten Websites verletzen routinemässig Headline-Richtlinien, aber die BBC-Redakteure tun unermüdlich ihre grossartige Arbeit.

Knapp und informativ

Bei einem kürzlichen Besuch las sich die BBC-Liste der "other top stories" ("anderen Themen des Tages") wie folgt:

  • Italy buries first quake victims (Italien bestattet die ersten Erdbebenopfer)
  • Romania blamed over Moldova riots (Rumänien wegen Unruhen in Moldawien beschuldigt)
  • Ten arrested in UK anti-terrorism raids (Zehn Festnahmen bei britischer Anti-Terror-Aktion)
  • Villagers hurt in West Bank clash (Siedler bei Zusammenstoss im Westjordanland verletzt)
  • Mass Thai protest over leadership (Massenproteste in Thailand gegen Regierung)
  • Iran accuses journalists of spying (Iran beschuldigt Journalisten der Spionage)

Einmal um die Erde in 38 Wörtern.

Die Durchschnitts-Schlagzeile brauchte kaum 5 Wörter und 34 Buchstaben. Die Menge an Bedeutung, die sie in diese Kürze hineingepresst haben, ist unglaublich: Jedes einzelne Wort arbeitet hart, um überleben zu können. Ich selbst fasse mich nur selten so kurz.

Jede Schlagzeile übermittelt für sich alleine den Kern der Geschichte, ohne dass man etwas anklicken müsste. Besser noch, jede davon gibt Ihnen eine gute Vorstellung davon, was Sie bekommen werden, wenn Sie sie doch anklicken, und ermöglicht Ihnen, mit einem hohen Grad an Zuverlässigkeit zu beurteilen, ob Sie am kompletten Artikel interessiert sind. Das bedeutet, Sie verschwenden keine Klicks. Sie klicken sich genau zu den Nachrichtenthemen durch, die Sie lesen wollen.

Die obersten Schlagzeilen der Website haben ein paar Anschläge mehr.

Eine der Hauptschlagzeilen zum Beispiel lautete: "Suspected US missile strike kills four militants in tribal region in north-west Pakistan, officials say." (etwa: "Einschlag mutmasslicher US-Rakete tötet vier Militante in Stammesgebiet in Nordwest-Pakistan, wie amtlich verlautet.")

Die Leser würden schon nach den ersten vier Wörtern sicher wissen, was passiert ist, und könnten sich sogar ein allgemeines Bild davon machen.

Um Platz zu sparen, hätten die Schlagzeilen-Autoren die Berufung auf anonyme amtliche Quellen in den Artikel selbst verbannen können. Diese Information muss man als Leser im Status des Schlagzeilen-Überfliegens noch nicht wissen; das wäre etwas anderes, wenn eine bekannte Persönlichkeit oder eine gegnerische Quelle die Verantwortung für den Raketeneinschlag beansprucht hätte; in so einem Fall kann der Quellenzusatz ein Grund sein, die Schlagzeile anzuklicken.

Auch könnte eine "4" besser sein als "vier", in Anbetracht der Richtlinie, beim Online-Texten Ziffern zu bevorzugen. Doch in dieser speziellen Schlagzeile funktioniert das Wort genau so gut wie die Ziffer, weil es unwahrschinlich ist, dass die Nutzer die erste Seite nach Daten zur Anzahl der getöteten Militanten absuchen. Um solche Fakten zu recherchieren, würden die Leute normalerweise damit anfangen, dass sie Artikel über den Raketeneinschlag suchen, um einen oder zwei davon auf der Suche nach Zahlen zu überfliegen.

Was sind die Wurzeln dieses Erfolgs?

Warum also ist die BBC so gut, während die meisten anderen so schlecht sind? Vielleicht liegt es der BBC im Blut: Diese Nachrichten-Organisation hat als Rundfunkstation begonnen; beim Radio ist die Textmenge ebenfalls das A und O und man muss sich klar ausdrücken, um die Hörer sofort zu packen. In einem gesprochenen Medium ist jedes Wort, sobald es ausgesprochen wurde, sofort verklungen, deshalb verwirren verwickelte Ausführungen dort noch mehr als in gedruckten Medien.

Auch Ceefax (einer der wenigen überlebenden Videotext-Dienste) hilft dabei, den BBC-Journalisten Kürze einzuflössen. Text auf Fernsehbildschirmen hat eine schreckliche Auflösung und erlaubt nur eine Textmenge von einer Minute (ähnlich wie bei mobilen Anwendungen).
Warum auch immer, die Schlagzeilen von BBC News sind fast immer nach den höchsten Internet-Usability-Standards geschrieben. Besuchen Sie die Website eine Woche lang täglich und versuchen Sie, etwas von der Disziplin der BBC-Redakteure an Ihre eigenen Headlines anzulegen.

 

© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.

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