Zusammenfassung:
Kleiner Text tyrannisiert die Anwender, weil er die Benutzungseffizienz erheblich
vermindert. IE4 hatte ein grossartiges Design, das es den Benutzern
ermöglichte, die Schriftgrösse problemlos zu ändern. Lassen Sie uns
dieses Design in der nächsten Browsergeneration wieder zurückerhalten |
Manchmal erweist sich der technologische Fortschritt als Rückschritt, und
die angeblich "bessere" Technologie bringt Verschlechterungen für die
Benutzer. Das Web ist hier keine Ausnahme. Es gab viele Innovationen, die man
besser hätte unterlassen sollen, wie zum Beispiel Frames, farbige
Browser-Scrollbars und scrollbarer Text.
Ein weiteres Beispiel für schlechte Webtechnologie ist die zunehmende Verwendung
von Stylesheets,
mit denen Webdesigner pixelgenau die Grösse der Texte festlegen können.
Bedauerlicherweise wird diese Möglichkeit von vielen Designern auch
genutzt. Die Folge ist eine verminderte Lesbarkeit von immer mehr Webseiten.
Der Stand der Schriftkontrolle
Hiermit initiiere ich eine Kampagne, die
Microsoft dazu bringen soll, dafür zu sorgen, dass alle fixen
Schriftgrössen in Webdesigns von den Benutzereinstellungen ausser Kraft gesetzt werden.
Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass der
Browser die Seite anfangs in der vom Designer festgelegten Schriftgrösse
anzeigt. Benutzer sollten jedoch in der Lage sein, Text problemlos zu
vergrössern, egal was im Stylesheet steht. Schliesslich ist es mein
Bildschirm, mein Computer und meine Software, und die sollen gefälligst
tun, was ich will.
Es stimmt, dass manche Webbrowser tolle
Features haben, die dem Anwender das Definieren eigener Stylesheets
ermöglichen. Das ist okay für Experten, aber 99% der Benutzer möchten
den Text einfach vergrössern können, wenn er zum Lesen zu klein ist. Der nur
für Mac erhältliche iCab
Browser ermöglicht den Benutzern
diese einfache Kontrolle – sorgen wir dafür, dass der Internet Explorer
ebenso benutzerfreundlich wird.
Wie kommt es überhaupt, dass die Texte so vieler
Webseiten so schwer zu lesen sind? Dazu zwei Theorien:
- Die meisten Webdesigner sind jung und sehen
sehr gut. Im Gegensatz zu Menschen jenseits der 40, stören sie winzig
geschriebene Texte deshalb nicht so sehr. Ausserdem haben Designer meist teure,
hochwertige Bildschirme, die die Augen weniger anstrengen.
- Wenn ein Designer eine Webseite erstellt, liest
er die Informationen auf den Seiten gar nicht. Er wirft nur einen
Blick auf den Text, um sicherzustellen, dass er gut aussieht.
Tatsächlich findet man in vielen Designs anstelle des eigentlichen
Texts den Platzhaltertext "lorem ipsum etc.". Wenn man den
Text nicht zu lesen braucht, spielt es keine Rolle, wie klein die
Buchstaben sind.
Da auf so vielen Webseiten ungünstige Schriftgrössen verwendet werden,
muss der Benutzer sie für gewöhnlich ändern. Frühe IE-Versionen wurden diesem
Bedürfnis durch zwei Standard-Schaltflächen auf der Symbolleiste gerecht: eine,
die den Text vergrösserte, und eine, die ihn verkleinerte. So sollte es sein.
Lieber Mr. Gates, bitte geben Sie uns das gute Design zurück, das Sie im IE4 für den Mac auslieferten.
Vereinfachung der Schriftkontrolle mit dem Browser
Bedauerlicherweise wurde das gute Design vom IE4 in den neueren IE-Versionen abgeschafft und durch etwas ersetzt,
das zwei
schwerwiegende Usability-Probleme mit sich bringt:
- Die Schaltfläche für die Textgrösse ist
standardmässig nicht mehr sichtbar
.
Nur die verschwindend kleine Benutzergruppe, die ihre Symbolleisten
individuell anpasst, bekommt diese überaus nützliche Schaltfläche zu
sehen. Bei den meisten Benutzern erscheint stattdessen die
standardmässige Symbolleiste, die mit viel weniger nützlichen
Schaltflächen vollgepflastert ist. Da das Feature versteckt ist, wissen
nur wenige Benutzer, dass ihr Browser die Textgrösse verändern kann.
- Für das Vergrössern und Verkleinern des
Texts gibt es keine separaten Schaltflächen mehr. Wenn der
Benutzer diese Option überhaupt findet, steht ihm nur noch eine
Schaltfläche zur Verfügung, mit der er den Text sowohl kleiner als
auch grösser machen kann.
Aber auch für die wenigen erfahrenen Benutzer,
die fündig werden und es schaffen, die fehlende Schaltfläche in ihre
personalisierte Symbolleiste einzufügen, erfordert die Änderung der
Textgrösse im IE6 mehrere Schritte:
- Die Schaltfläche aktivieren, indem man mit
dem Mauszeiger darüber fährt. Da Schaltflächen im IE einigermassen
gross sind, ist dieser Schritt gemäss dem Fitts´schen
Gesetz schnell durchzuführen.
- Die Maustaste drücken.
- Nun erscheint ein Pulldown-Menü mit fünf
möglichen Schriftgrössen. Dieses Menü durchscannen und sich die
derzeit gewählte Schriftgrösse merken.
- Sich überlegen, welche neue Schriftgrösse
man will. Das ist normalerweise um eine Grösse grösser (oder
kleiner) als die aktuelle Schrift.
- Bei gedrückter Maustaste den Zeiger so weit
im Menü hinunter bewegen, bis er auf die gewünschte neue
Schriftgrösse zeigt.
- Die Maustaste loslassen.
Nun vergleiche man dieses umständliche, aus
sechs Schritten bestehende Verfahren mit der Interaktionstechnik eines
Designs, das separate Schaltflächen für "Text vergrössern"
und "Text verkleinern" vorsieht.
- Auf die gewünschte Schaltfläche klicken.
Natürlich schwindle ich ein wenig: auch hier
müsste im ersten Schritt entschieden werden, ob der Text vergrössert
oder verkleinert, also welche Schaltfläche angeklickt werden soll.
Trotzdem: Da die Änderung der Schriftgrösse durch den Ärger ausgelöst
wird, Text in einer unangenehmen Grösse lesen zu müssen, weiss
man zu dem Zeitpunkt, an dem man sich für eine Änderung der Grösse
entscheidet, bereits, ob man den Text grösser oder kleiner haben will.
(Der Durchschnittsbenutzer stellt sich nicht einen einzelnen "Grösse
ändern"-Befehl vor, der die gewünschte Veränderung ausführt. Sein Modell kennt zwei Optionen: "grösser" oder
"kleiner". Das, was der Benutzer zu sehen bekommt, sollte seinem
mentalen Modell entsprechen - wie der Code implementiert wird, ist für den
Anwender irrelevant.)
Der Zwei-Schaltflächen-Ansatz erlöst den
Benutzer vom kognitiven Zusatzaufwand der Berechnung der Schriftgrösse. Einfach grösser machen. Der Benutzer
will nicht angeben, wie gross genau. Er kann einfach solange
auf die Schaltfläche "Grösser" klicken, bis der Text gross
genug ist.
Die Usability wird durch den Einsatz von "single-action" Schaltflächen
erhöht, solange das Ergebnis nach jedem Klick
unmittelbar erkennbar wird. Deswegen ist die Zurück-Schaltfläche den
Benutzern auch so lieb und teuer und wird viel häufiger verwendet als die
Navigation mittels Verlaufsliste.
Zukünftige Browser verbessern
Die Rückkehr zum IE4-Design für den Mac wäre bezüglich Usability der
Schriftgrösse ein grosser Schritt vorwärts. Trotzdem – wir können es
nach besser machen.
Anstatt dass der Benutzer die Schriftgrösse
jedes Mal selbst ändern muss, wenn er auf ein benutzerfeindliches Design
stösst, sollte man das Internet nutzen und die Einstellungen der
Schriftgrösse mitverfolgen: Jedes Mal, wenn der Browser eine Seite von einer neuen Webseite
lädt, würde er zuerst in einer Datenbank nach Informationen
über vorhandene Schriftgrösseneinstellungen suchen:
- Wenn es sich um eine Webseite handelt, die man
bereits besucht hat, würde eine Datenbank auf der lokalen Maschine
Angaben darüber führen, ob man den Text bei den vorhergehenden
Besuchen vergrössert oder verkleinert hat. Wenn ja, würde der Text
automatisch entsprechend angepasst.
- Wenn es der erste Besuch auf der Webseite wäre,
würde der Browser eine zentrale Datenbank nach den Massnahmen von
Benutzern, die einem ähnlich sind und die die Webseite bereits besucht
haben, abfragen. Dann würden die durchschnittlichen Einstellungen
dieser Benutzer auf die erste Seite der Webseite, die man sich
anschaut, angewendet. Wenn man zusätzliche Änderungen vornimmt,
würde die lokale Datenbank eine revidierte Einstellung notieren und
die Modifikation in der zentralen Datenbank abspeichern.
Um die Reaktionszeit zu beschleunigen, könnte
sich der Browser die Einstellungen für alle Webseiten, die mit
der aktuellen Seite verlinkt sind, holen, noch bevor man einen Link
angeklickt hat.
Die zentrale Datenbank selbst wäre ein klarer
Fall kollektiven Filterns, da es einfach wäre, andere Benutzer mit
denselben Textgrösseneinstellungen zu finden. Eine bestimmte Webseite würde von den meisten Benutzern entweder unverändert belassen, oder der
Text würde um eine oder zwei Grössen vergrössert oder verkleinert. Da
die Wünsche der überwältigenden Mehrheit der Benutzer von insgesamt
fünf Optionen abgedeckt würden, wären die Schriftgrösseneinstellung
weit leichter zu treffen als etwa der Geschmack der Leute bei Büchern
oder Filmen.
Die automatische Anpassung der Schriftgrösse
gemäss den Ergebnissen kollektiven Filterns ist ein einfaches Beispiel
für die Vorteile, die netzwerkbewusstere Browser mit sich bringen
würden. Es wäre auch möglich, viele kaputte Links automatisch zu
reparieren, störende Anzeigen oder Pop-ups zu entfernen und auf der
Grundlage des Feedbacks früherer Webseiten-Besucher für jeden Einzelnen
diverse andere Verbesserungen vorzunehmen.
Wir müssen aufhören, Browser als triviale
Gratissoftware zu betrachten, die nichts andres kann als Webseiten auf dem
Bildschirm darzustellen. Wir brauchen benutzerfreundliche Umgebungen, die
die Navigation erleichtern und die Benutzer vor den Auswüchsen schlechter
Webseiten schützen.
Lesbarkeitsrichtlinien für Webseiten
Wir können nicht darauf warten, bis uns Microsoft einen guten Browser beschert,
obwohl das die letztendliche Lösung des Schriftgrössenproblems sein muss.
Im Moment kann die Lesbarkeit von Webseiten verbessert werden, indem die folgenden Richtlinien
eingehalten werden:
- Keine absoluten Schriftgrössen in den Stylesheets verwenden.
Man sollte die
Schriftgrössen relativ festlegen – normalerweise 120% für grosse und
90% für kleine Textstellen.
- Die Standardschrift sollte relativ gross sein (mindestens
10 Punkt), damit die Grösse nur von sehr wenigen Benutzern
geändert werden muss.
- Sind
Senioren
die Zielgruppe der Webseite, sollte man
eine grössere Standardschriftgrösse verwenden (mindestens 12
Punkt).
- Wenn möglich, in Grafiken eingebetteten Text
vermeiden
, da Stylesheets und
Schaltflächen für Schriftgrössen keine Auswirkungen auf die Grafiken
haben. Wenn man Textbilder verwenden muss, sollte man darauf achten,
dass die Schriftgrösse besonders gross ist (mindestens 12 Punkt) und
dass kontrastreiche Farben verwendet werden.
- Eventuell eine zusätzliche Schaltfläche
einsetzen, die ein alternatives Stylesheet
mit
sehr grosser Schrift lädt, wenn die Webseiten-Besucher Senioren oder
Personen
mit vermindertem Sehvermögen sind.
Nur wenige Benutzer wissen, wo in den gängigen Browsern das eingebaute
Schriftgrössenfeature zu finden ist und wie man es verwendet. Der
Einbau einer solchen Schaltfläche in die Seiten ermöglicht es den
Benutzern, den Text einfach zu vergrössern. Da sich aber jedes
zusätzliche Feature negativ auf den Rest der Seite auswirkt, rate ich
für normale Webseiten von einer solchen Schaltfläche ab.
- Den Farbkontrast
zwischen Text und Hintergrund maximieren (und keine unruhigen
Hintergrundmuster oder Wasserzeichen verwenden). Obwohl Texte mit
schwachem Kontrast die Lesbarkeit weiter verschlechtern, wird das Web
heute von grauen Texten übersät.
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