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Das ganze Konzept vom "Webdesign" trägt eigentlich den falschen
Namen. Die einzelnen Projektteams entwerfen genauso wenig das Web, wie einzelne
Ameisen einen Ameisenhügel entwerfen. Die Site-Designer erstellen vielmehr
einzelne Komponenten eines grossen Ganzen - vor allem heutzutage, wo
Internetnutzer den Komplex
Internet zunehmend als einheitlich integrierte Ressource betrachten.
Leider ähneln grosse Teile des Web oft einem Ameisenhügel, dessen Ameisen
während des Baus auf LSD waren: Viele Sites fügen sich nicht in das grosse
Bild und sind schwierig in der Benutzung, weil sie von den erwarteten Normen
abweichen.
Diverse Designelemente sind so verbreitet, dass die Benutzer von ihnen
erwarten, dass sie in einer ganz bestimmten Weise funktionieren. Meine
Definition von drei verschiedenen Standardisierungsniveaus ist die folgende:
- Der Standard: mindestens 80% der Websites verwenden den gleichen
Designansatz. Wenn die Internetnutzer eine neue Site aufsuchen, verlassen
sie sich darauf, dass Standardelemente in bestimmter Weise funktionieren,
weil sie immer so funktionieren.
- Die Konvention: 50-79% der Websites verwenden den gleichen
Designansatz. Bei einer Konvention erwarten die Nutzer beim Besuch einer
neuen Site, dass die Elemente in bestimmter Weise funktionieren, weil sie
gewöhnlich so funktionieren.
- Die Konfusion: Es gibt Elemente, bei denen kein bestimmter
Designansatz dominiert, und selbst der populärste Ansatz wird von höchstens
49% der Websites verwendet. Bei solchen Designelementen wissen die
Benutzer nicht, was sie beim Aufsuchen einer neuen Site erwartet.
(Diese Schwellenwerte sind etwas niedriger als die von 1999, als ich annahm,
eine Konvention erfordere, dass auf 60% der Sites etwas in gleicher Weise
funktioniert. Jetzt nehme ich an, dass ein Design zur erwarteten Funktion wird,
sobald die Benutzer es in mehr als der Hälfte der Fälle sehen.)
Statt die Websites einfach durchzuzählen, wäre es besser, für jeden
Designansatz den Prozentsatz am gesamten Benutzererlebnis zu bestimmen. In
anderen Worten, jene Sites, die die Leute häufig aufsuchen, würden ein
höheres Gewicht bekommen als die selten oder nie besuchten. Gewichtete Werte
würden meine Schlussfolgerungen leicht verändern; ich würde mehr
Designelemente als standardisiert betrachten, weil die grösseren Sites dazu
tendieren, bei ihren Benutzeroberflächen an gewissen Grundlagen festzuhalten.
Wie viele Designelemente sind standardisiert?
Um das Ausmass abzuschätzen, in dem das Webdesign Bedienungsstandards
einhält, habe ich zwei Studien miteinander verglichen: meine eigene
Untersuchung von 24 Funktionen auf 50 Firmen-Startseiten und eine Magisterarbeit
der University of Washington (Download
als PDF, 4.27MB), in der 33 Funktionen auf 75 E-Commerce-Sites untersucht
wurden.
Interessanterweise kamen beide Studien zu fast identischen Zahlen, obwohl sie
zwei unterschiedliche Bereiche von Webdesign untersuchten. Insofern brauche ich
hier nur den Durchschnitt aus den beiden Zahlensätzen zu bilden.
Im folgenden Ausmass sind die Websites bei den 75 untersuchten
Design-Ansätzen standardisiert:
Standard: 37% der Designelemente werden in mindestens drei Vierteln
der Sites in gleicher Weise gehandhabt. Zu Standarddesignelementen gehören:
- ein Logo in der linken oberen Ecke der Seite
- eine Suchbox auf der Startseite
- der Verzicht auf Vorschaltseiten (Splash Pages)
- Navigationspfade (sog. Breadcrumbs, Brotkrümel) in horizontaler Anordnung
(falls verwendet)
Konvention: 40% der Designelemente werden in mindestens der Hälfte
der Sites (aber in weniger als drei Vierteln) in gleicher Weise gehandhabt. Zu
den konventionellen Design-Elementen gehören:
- die Beschriftung "Sitemap" für die Sitemap (wie empfohlen nach
der Benutzerforschung bezüglich der Sitemap-Usability)
- eine andere Farbe
für besuchte Links (empfohlen, um beim Navigieren zu helfen)
- Platzierung des Einkaufswagen-Links in der rechten oberen Ecke der Seite
- Platzierung von Geschwister-Links (benachbarte Themen auf der gleichen
Ebene der Informations-Architektur wie die aktive Seite) in der linken
Spalte
Konfusion: 23% der Designelemente wurden auf so viele verschiedene
Weisen gehandhabt, dass kein bestimmter Ansatz vorherrscht. Konfusion herrscht
in etlichen Bereichen, darunter:
- die Hauptschemata für die Navigation gibt es als Menü auf der linken
Seite, als Tabelle oben quer, als Navigationsleiste oben quer, als
Yahoo-artiges Verzeichnis in der Mitte usw.
- die Platzierung der Suchfunktion, die oben rechts, oben links, in der
Mitte oder irgendwo sonst auf der Seite sein konnte
- der Login-Prozess
- die Platzierung der Hilfe.
Auf den ersten Blick scheint es wunderbar zu sein, dass nur ¼ der
Designelemente Konfusion erzeugt. Für die breite Mehrheit der Entscheidungen
betreffend Webdesign existiert eine Konvention oder ein Standard, was bedeutet,
dass die Nutzer offenbar wissen, wie eine Site zu bedienen ist, soweit diese
Konventionen oder Standards befolgt werden.
Ein genauerer Blick auf die beispielhaften Designelemente auf jedem
Standardisierungsniveau zeigt aber: Leider sind die am stärksten
standardisierten Eigenschaften die einfachsten und die am meisten
ortsgebundenen wie z.B., wo das Logo hingehört oder wie man Navigationspfade
anordnet.
Irritierend sind vor allem die wichtigen Designelemente, die stärker
darüber bestimmen, ob der Nutzer die ganze Site meistert, im Gegensatz zu
denen, die sich auf einzelne Seiten beziehen: So ist die Navigation verwirrend,
die Suche ist verwirrend, das Login ist verwirrend, und sogar die Hilfe ist
verwirrend - womit die Usability des letzten Zufluchtsorts eines Benutzers
beeinträchtigt ist, wenn bei ihm alles andere nicht geklappt hat.
Warum Designstandards den Benutzern helfen
Wir müssen verwirrende Designelemente ausschalten und so weit wie möglich
ins Reich der Designkonventionen überführen. Besser noch wäre es, für jede
wichtige Aufgabe innerhalb einer Website Designstandards zu etablieren.
Standards stellen sicher, dass die Benutzer
- wissen, welche Funktionen sie erwarten können,
- wissen, wie diese Funktionen in der Benutzeroberfläche aussehen,
- wissen, wo in der Site und wo auf der einzelnen Seite man diese Funktionen
findet,
- wissen, wie man mit jeder Funktion umgeht, um sein Ziel zu erreichen,
- nicht über die Bedeutung unbekannter Designelemente rätseln müssen,
- keine wichtigen Funktionen übersehen, weil sie sich hinter
nicht-standardisierten Designelementen verstecken, und
- keine unangenehmen Überraschungen erleben, wenn etwas nicht wie erwartet
funktioniert.
Diese Vorteile steigern das für den Nutzer wichtige
Gefühl der Kontrolle über die Website, steigern seine Fähigkeit, das
Gewünschte zu erledigen, und erhöhen insgesamt seine Zufriedenheit beim
Benutzererlebnis.
Warum Websites sich an Designstandards richten sollten
Aus dem einfachen Grund:
- Jakobs Gesetz des Internetnutzererlebnisses: Die Benutzer verbringen den
grössten
Teil ihrer Zeit auf anderen Websites.
Während sie alle diese anderen Sites besuchen, gewöhnen sich die Leute an
die herrschenden Designstandards und -konventionen. Deshalb nehmen die Benutzer
bei der Ankunft auf Ihrer Site an, dass sie genau wie die anderen Sites
funktioniert.
In unserem Projekt Web 2004 haben die Benutzer die Websites im
Schnitt nach 1 Minute und 49 Sekunden verlassen und sind in dieser Zeit zum
Schluss gekommen, dass die Website ihren Bedürfnissen nicht entspricht. (In
meinem Hauptvortrag auf der Konferenz User Experience 2004 werde ich
einen vertieften Einblick in die Ergebnisse von Web 2004 geben.)
Wenn Sie so wenig Zeit haben, um Interessenten vom Wert Ihrer Site zu
überzeugen, sollten Sie sie nicht eine Sekunde damit verschwenden lassen, sich
mit einer abwegigen Benutzeroberfläche herumzuschlagen.
In einem weiteren Schritt müssen wir weitgehend anerkannte Konventionen und
Designmuster für die grösseren Bestandteile des Webdesigns entwickeln und
befolgen. Dazu gehören:
- die Struktur von Produktseiten,
- der Arbeitsablauf (Workflow über simple Einkaufswagen hinaus),
- die Haupttypen von Informationen, die eine Firmensite liefern sollte, und
- die Informationsarchitektur für diese Informationen (wo man was findet).
Man kann nicht alles standardisieren. Aber quer durch die Sites gibt es mehr
Gemeinsamkeiten im Benutzerverhalten, als Sie sich vielleicht vorstellen. Tests
mit Privatinvestoren und Finanz-Analysten haben zum Beispiel drei
Informations-Architekturen (IA) ergeben, die für die "Investor-Relations"-Informationen
eines Unternehmens zu empfehlen sind. Drei verschiedene IA, das klingt
vielleicht nicht sehr nach Standard. Allerdings sind die drei IA recht ähnlich
und folgen alle einem zu Grunde liegenden Modell, weil die Investoren so
ziemlich das gleiche tun, wenn sie sich die IR-Bereiche verschiedener
Unternehmen ansehen. Es sollte es möglich sein, auch für andere Bereiche
Designmuster auf hohem Niveau abzuleiten. Solche Muster müssen einerseits
flexibel genug sein, andererseits den Benutzern das Gefühl von Konsistenz und
Kontrolle der Dinge geben, auf die es ankommt.
Intranetstandards
Design-Standards sind ein Feld, auf dem Intranets besser dastehen als
öffentliche Websites. Da es bei Ihnen an so vielen anderen Stellen klemmt, tun
sie gut daran, diesen einmaligen Vorteil auszunutzen.
Der Hauptunterschied zwischen einem Intranet und dem Internet ist der, dass
über dem Intranet nur eine Autorität steht. Das Intranet-Team kann einen
Designstandard definieren und im ganzen Unternehmen vertreten. Das Team kann
auch ein bestimmtes Redaktionssystem installieren, das beim Platzieren
sämtlicher Inhalte in einem einzelnen Satz gut gestalteter Templates für
Konsistenz sorgt.
Ja, ich vereinfache die Dinge, wenn ich sage, das Intranetteam
"kann" das alles. In den meisten Unternehmen muss erst eine politische
Schlacht geschlagen werden, ehe das Intranetteam sich das Mandat gesichert hat,
wirklich über das Intranet zu regieren und es zu einem Werkzeug der
Mitarbeiterproduktivität zu machen. Aber die meisten der wirklich guten
Intranets, die wir studiert haben, haben gewisse Designstandards im Einsatz.
Egal ob Sie ein Intranet oder eine Website betreiben, eines ist klar: Je mehr
Sie sich nach Designkonventionen richten und den Benutzern geben, was sie
wollen, desto mehr Erfolg werden Sie haben. Natürlich ist es wichtig, bei Ihren
Inhalten, Ihren Diensten und Produkten zu differenzieren, aber bei der
Schnittstelle zu diesem Material ist es die beste Strategie, dem Rest der Welt
zu folgen.
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